Surinam


 
Domburg, 11.11.2010
 
Ich seh´ den Sternenhimmel…
Die Gefängnisinseln von Französisch Guyana versanken in der Dämmerung und ein Stern nach dem anderen flackerte am Himmel auf. Mit dem Sternbuch bewaffnet, trat der Käpt´n seine Wache an. Inzwischen war kaum noch ein freies Himmelstückchen zu finden, überall glitzerte und leuchtete es. Nicht einfach, sich hier zurecht zu finden. Wenn auch nicht der hellste, so ist der Beteigeuze der größte Stern. Wäre er an Stelle der Sonne, würde er bis zum Jupiter reichen und damit Venus, Mars, Mercur – und eben auch die Erde einschließen. Schnell konnte Friedrich das Wintersechseck aus besonders hellen Sternen ausmachen: Sirius aus dem Sternbild Großer Hund, den Procyon aus dem Kleiner Hund, Capella vom Fuhrmann, den Castor-Zwilling, aus dem Stier den Aldeberan und den Rigel vom Orion. Der Orion, der am Himmel einen Schmetterling bildet und damit Claudias Lieblingssternbild ist, schwebte während der Nacht nach seinem Aufgang am Horizont über unser leise dahin rauschendes Schiffchen, um am Morgen vor uns zu verblassen. Kurz vor der Morgendämmerung entdeckte Claudia seit vielen, vielen Monaten das erste Mal das heimatliche Sternbild des Großen Wagens, auch wenn seine Deichsel noch unter dem Horizont steckte. Sie nahm Maß am hinteren Kasten des Wagens, verlängerte ihn fünf Mal – und entdeckte den Polarstern, den Navigator für die Nordhalbkugel.
 
Morgengäste
Mit der aufgehenden Sonne zog wieder das Meer die Aufmerksamkeit der Wachgängerin auf sich. Klares wunderbar blau schimmerndes Wasser wurde plötzlich von Flossen durchschnitten, vor dem Bug erhoben sich grau-weiß glänzende Körper. Delphine! Bäuchlings auf dem Bug liegend, bestaunte Claudia die Familie, die immer in ihrer Mitte haltend, ein Delphinbaby in ihre Schwimmkünste einweihte. Neugierig lugten sie nach oben, als Claudia sie mit Pfiffen und fröhlichen Worten anfeuerte, machten Sprünge und prusteten, dass der Wassernebel auf´s Deck sprühte. Wie kann ein Morgen schöner beginnen?
Von Amsterdam nach Domburg
Heil durch die Untiefen der Mündung des Surinam Rivers geschippert, entdeckten wir die erste Siedlung – New Amsterdam. Die Namensgebung ist kein Zufall. Von einem einst stattlichen Kolonialgebiet in Südamerika blieben den Holländern bis in die 1970iger Jahre nur noch Niederländisch-Guyana. 1975 erklärte das Land seine Unabhängigkeit als Surinam. Amtssprache ist nach wie vor niederländisch und die Bauweise der Häuser am Ufer ließ uns deutlich die Herkunft der einstigen Kolonialherren erkennen. Als wir den Anker vor dem Alten Fort der Hauptstadt Paramaribo fallen ließen, meinten wir gar die holländische Ordnung und Sauberkeit zu erkennen: Exakt geschnittener Rasen am Bollwerk, pingelig gepflegte Holzhäuser, weiß gestrichene Seebrücken. Als wir dann noch von der Wasserpolizei gebeten wurden, unseren Ankerplatz um genau einhundert Meter zu verlegen, waren wir schon mal echt beeindruckt. Im Morgengrauen nutzen wir die einlaufende Strömung und ließen uns flussaufwärts vorbei an Paramaribo treiben. Weiße Holzhäuser, bunte Kirchtürme, grünes Bollwerk – wären dazwischen nicht Palmen gewesen, hätten wir meinen können, mitten auf einem holländischen Kanal zu schippern! Doch dann kamen wir am geschäftigen Zentralmarkt vorbei – da waren wir wieder in Südamerika. Hinter der Stadt begann wiederum eine Bebauung, die uns in Staunen versetzte: Gigantische superneue Millionenvillen auf riesigen Ufergrundstücken. Endlich konnten wir Segelmaste sichten und als wir uns dem Ankerfeld näherten, erkannten wir, in einer deutschen Segler-„Kolonie“ gelandet zu sein. Da nahmen sich die paar Holländer gering und die französische ECHO einzigartig aus. Als wir jedoch nach freudiger Begrüßung  mit unseren Franzosen Josiane und Vince mit dem Dingi an der Dorfpier von Domburg anlegten, sahen wir uns in einer ganz anderen Welt. Wir waren in Asien. Indonesier, wie auch Inder waren im 19. Jahrhundert eingewandert.  „Bami oder Nasi“ fragte Rita, die Wirtin eines kleinen Imbisskioskes und schon saßen wir vor Nudeln und Reis bei einem Oranjeboom-Bier. Ritas „Eethuis“ ist die Seglerinstitution Domburgs und als wir ihre Frage nach unserer Aufenthaltsdauer mit „Zwei Wochen“ beantworteten, lachte sie nur – die meisten blieben länger, sehr viel länger als geplant.
 
Seglerrunde
11.11. – doch nicht der Beginn närrischer Zeiten war Anlass für den abendlichen großen Seglertreff, sondern der Geburtstag von Lisa, einer bayrischen Seglerin. Die „stille Post“ der Segler hatte bis zu uns Neuankömmlingen gut funktioniert, ein kleines Geschenk war schnell gebastelt und so wurden wir sofort herzlich in der „Kolonie“ aufgenommen, als wir bei Rita auftauchten. Auch mal wieder schön, mit so vielen Landsleuten auf einem Haufen Geschichten und Erlebtes auszutauschen, zu klönen und zu lachen. Schnell waren Kontakte geknüpft und Verabredungen zum Tausch von Hör- und Papierbüchern, Filmen, Seekarten getroffen. Und wir bekamen alle Informationen für das aufwendige Einklarierungsritual.
 
 
Domburg, 17.11.2010
 
Die ersten Schritte in Surinam
Behördentag 1: „Ihr müsst vor sieben los und den Bus in die Gegenrichtung nehmen – sonst habt ihr keine Chance von einem der überfüllten Busse mitgenommen zu werden“, hatten uns unsere Ankernachbarn eingeschärft. Nach mehr als einer dreiviertel Stunde Fahrzeit zur Endhaltestelle und zurück fuhr der volle Bus wieder am Domburger Dorfplatz vorbei und nach schweißtreibender schier endloser Fahrt kamen wir im geschäftigen Paramaribo an. Mit einem anderen Bus mussten wir bis ans andere Ende der Stadt zur Fremdenpolizei um einen (!) Stempel auf unsere Crewliste zu bekommen. Dann zum Fotografen. Zwischendurch zu einer Bank mitten in der City um Euros ausgezahlt zu bekommen, damit zur Wechselstube für Surinam-Dolar am Zentralmarkt, Fotos holen und quer durch die Innenstadt zum Einwanderungsministerium. Uff, wir sanken völlig durchgeschwitzt und geschafft auf die Besucherstühle. Aus der Sprechluke der gläsernen Wand, die das Büro schütze, wehte ein Hauch kühler Luft und die dort frisch gehaltenen Beamtin erklärte uns lächelnd, dass es Freitag und schon elf Uhr sei, wir sollten doch am Montag in der Früh kommen.
Behördentag 2: Nach morgendlicher Busreise standen wir wieder vor der gekühlten Dame, die uns ein Zettelchen ausfüllte, mit dem wir zu einer Bank am Fluss laufen mussten, um unsere Visa-Gebühren zu bezahlen, doch der Herr am Schalter wies darauf hin, dass sich in Friedrichs Namen ein Buchstabe zuviel eingeschlichen hätte und schickte uns zurück, um mit einem korrekten Zettelchen wiederzukommen. Mal ehrlich, wem gingen da schon fast Mordgedanken durch den Kopf, auch die vielen „Ach, habt ihr es gut“–Mails. Nichts war gut. Schon war klar, dass wir es an diesem Tage nicht mehr bis zur Fremdenpolizei weit draußen schaffen würden. Und am nächsten Tag war Feiertag!
Behördentag 3: Fast drohte Claudia in Tränen auszubrechen, als der Beamte der Fremdepolizei noch weitere zwei Kopien der gestempelten dreifachen Crewliste forderte. Wunderbarerweise erlaubte er uns, sie beim Ausklarieren vorzulegen und drückte uns den ersehnten Stempel in den Pass. Glücklicher als wir konnte in diesem Moment kaum einer auf der Welt sein! Schöner Nebeneffekt der Rumrennerei: Wir hatten Paramaribo und die meisten seiner Sehenswürdigkeiten mal eben so ganz nebenher kennen gelernt.
 
Domburg, 22.11.1020
 
Schneemann im Dschungel
Schon komisch, als Karl auf der uns gewohnten Beifahrerseite einstieg und hinterm Lenkrad saß – ein kurzer Kolonialmachtwechsel hinterließ dieses englische Verkehrserbe in Surinam. Komplett seitenverkehrt fuhren wir auf Domburgs einziger schmaler Asphaltstraße in Richtung Landesinneren. Sympathisch waren uns Karl und Lisa von der BOMIKA sofort und als sie uns zu diesem Landausflug mit ihrem Mitwagen einluden, sagten wir freudig zu. So schauten wir nun hinaus auf die vorbei fliegenden Stelzenhäuser, umgeben von blühenden Büschen und dutzenden verschiedenen Palmenarten. Irgendwann waren wir nur noch von üppigem Urwald umgeben, der in unzähligen Grüntönen leuchtete. Dann öffnete sich die Landschaft, vor uns lag der riesige Brokopondo-Stausee mit seiner Insel Tonka Island in der Mitte. Dann lenkte Karl den Wagen auf eine der roten Pisten, die von der Hauptstraße nach Brownsberg abzweigen und wir erreichten nach einer Schüttelfahrt ein Dorf. Das Aussehen der Bewohner ließ uns schließen, dass es sich um eine Siedlung der Maroons, Nachkommen der afrikanischen Sklaven handeln musste. Die einfachen Holzhütten standen unter Palmen aufgereiht, die Wege frisch geharkt - welch ein Unterschied zu den Anwesen der Maroons in Französisch-Guyana. Unter dem Dach des Dorfladens saßen ein paar Männer beim Mittagsbier, der Älteste hatte das Baby der Inhaberin auf dem Schoß. Sogleich wurden uns Tisch und Stühle hingeschoben und just in diesem Moment fing es heftigst an zu regnen. Schnell retteten wir das hölzerne Babybettchen vor dem undichten Wellblechdach und schon schossen die Wassermassen auf der sandigen Dorfstraße in Bächen bergab. Schnell kamen wir mit der Wirtin ins Gespräch, als Claudia den heruntergefallenen Plüsch-Schneemann ihres kleinen Sohnes aufhob. Sorgenvoll schaute sie auf ihr leckendes Dach und dachte an die nun beginnende Regenzeit. Sie meinte aber, dass es hier doch besser sei als in unserer Heimat, wo man doch wohl vor lauter Kälte gar nicht das Haus verlassen könnte. Als Claudia ihr von dicken Klamotten und Stiefeln erzählte, schlang sie erleichtert ihren bunten Pareo um die üppigen Hüften und lachte ihrem Sohn zu, der gerade in die Möhrennase seines Schneemanns biss.
 
Verirrt
Sonntagmorgen und wir saßen wieder im BOMIKA-Auto. Karl hatte für heute eine Rundfahrt in den Nordosten geplant. Zügig fuhr er auf der roten Erdpiste durch Wälder, als vor uns der Surinam-River sichtbar wurde. Doch die Straße endete vor der breiten Brückenzufahrt, sie war einfach mit Betonblöcken versperrt. Ratlos schauten wir aus den Fenstern, da entdeckten wir weit unter uns am Fluss ein paar Menschen – und ein kleines klappriges Fährboot, auf das sich gerade ein Minibus quälte. Aber es war tatsächlich noch Platz für unser Auto und schon begann die Reise über den Fluss. Da endlich sahen wir den Grund, warum eine Fähre nötig war: Ein Brückenteil war einfach in den Fluss gestürzt. Nach einem ruppigen Anlegemanöver setzten wir unsere Fahrt fort und folgten einem kleinen Hinweisschild „Jodensavanne“. Wo einst jüdische Siedler lebten, sind nur noch die getrennten Grabstätten der jüdischen Herren  und ihrer schwarzen Untertanen sowie die Ruine einer Synagoge geblieben, deren Spalten von Eidechsen bevölkert sind. Ein ehemals dazugehöriges Amerindianer-Dorf lag bei unserem Besuch ausgestorben in sonntäglicher Ruhe. Nur die bunte Wäsche auf den Leinen und der gepflegte Fußballplatz zeigten, dass hier noch Menschen leben. Hinter dem Dorf tauchten wir ein in den Urwald am Black Creek. Unheimlich das schwarze Wasser, gruselig der Blick durch die hoch aufragenden Wurzeln der Bäume. Was mag dort alles lauern? Schwarze Kaimane, Anacondas, Giftpfeilfrösche? Friedrich wagte sich über verfallene Holzbohlen über den Creek und begegnete - kleinen harmlosen Äffchen. Weiter und weiter befuhren wir die rote Piste in den Urwald. Kein Fahrzeug, kein Mensch, kein Wegweiser… Wo waren wir? Wo die nächste Tankstelle? Lisa schaute besorgt auf die Benzinanzeige, die deutlich nach unten wies, während unsere Käpt´ns ratlos ein endlich aufgetauchtes, komplett verrostetes Schild auf Schriftspuren untersuchten. Aus einem halbverwitterten „J“ und „nne 33“ folgerten unsere Pfadfinder, dass es sich um den Weg zur Jodensavanne handeln könnte. Hurra, das kannten wir! Mit dem letzten Tropfen Benzin erreichten wir Domburg und fielen dankbar bei Rita zu Bami,Nasi und Oranjeboom ein!

Paramaribo, 24.11.2010

Die Hauptstadt ist im Vorbereitungsfieber, überall wird geputz und gefegt, bunte Fahnen gehißt, Bühnen und Zelte aufgebaut - morgen ist der 35. Jahrestag der Unabhängigkeit von Holland. Wir ankern mit unserem Schiffchen vor der Stadt , um die Feierlichkeiten mit zu erleben.!

Paramaribo, 04.12.2010

Inzwischen sind wir von einem Dschungeltörn wieder in Paramaribo zurück. Nachdem wir die Unabhängigkeitsfeier miterlebten, fuhren wir flussaufwärts. Zunächst besuchten wir ehemalige Plantagen, dann landeten wir im Nirgendwo! Papageien krakelten, Affen hangelten zum Frühstück  durch das Grün, wir fuhren mit dem Dingi hinein in die Grüne Hölle.
Nun hat uns die "Zivilisation" wieder und wir rüsten zur Weiterfahrt. Nächstes Ziel: Trinidad und ein Treffen mit unseren Freunden Susanne und Klaus aus Eden.