Französisch-Guyana
Fleuve Mahury, 24.10.2010
Der Weg auf die Nordhalbkugel
Vier Tage dauerte unser Törn vom Amazonasdelta nach Französich-Guyana. Wunderbares Segeln zunächst auf dem Pará hinaus aufs Meer. Noch am gleichen Tag überquerten wir den Äquator von Süd nach Nord. Dann segelten wir an der gewaltigen Amazonasmündung vorbei. Das milchkaffefarbende Wasser strömte mit uns weit hinaus, doch dann wechselten wir abrupt in klares Wasser. Solchen Farbton hatten wir noch nie gesehen, es schimmerte wie tief dunkelgrüner Samt. Es verlockte einfach zu einem Badestop. Abkühlung brachte dieses Bad im Amazonaswasser allerdings nicht. Dafür hatten wir später Anglerglück: eine Dorade und ein Bonito! Wir genossen das Nachtsegeln unter leuchtendem Mond und erfrischten uns am Tage mit leckeren Amazonas-Früchten, bei Sonnenuntergang mit einem kühlen Sun-Downer. Dann tauchte Land auf – grün bewaldete Hügel.
Ein Stück Frankreich
Zwischen kleinen Inseln steuerten wir in den Fluss Mahury, östlich von Cayenne. Französisch Guyana, das Übersee-Department Frankreichs, gehört zur EU und hat damit als Währung den Euro. Vor einem einsam gelegenen Dschungelrestaurant ankerten wir als einziges Boot. Ringsumher nur Urwald – und ein „Heineken“-Banner. Eifrig suchten wir in unseren Schränken – irgendwo hatten wir doch noch Euro, oder? Endlich fanden wir ein paar Münzen – komisch, wir mussten beim Zählen genau hinschauen (waren sie uns tatsächlich schon so fremd geworden?). Hungrig und durstig paddelten wir zur leeren Restaurantterrasse, um festzustellen, dass unser Bares gerade für zwei Dosen Bier reichten, ein Imbiss war nicht mehr drin. Wann hatten wir das letzte Mal soviel für einen Gerstensaft bezahlen müssen? Aber wenn schon, denn schon… Der Wirt erzählte uns von leckerem Abendmenü, das er gerade anlässlich einer Hochzeit zubereitete, bot uns an, in Dollar bezahlen zu können und so sagten wir zu!
Champagner, Küsse, Komplimente
Mit einer schwimmenden Laube, ausgestattet mit wuchtigen Polstersesseln und gefüllter Bar holte der Wirt die Hochzeitsgesellschaft ab. Mitten auf dem Fluss stiegen Braut und Bräutigam unter fröhlichem Kreischen ihrer Gäste auf ein Banana-Boot und landete nach ein paar Runden klatschend im trüben Wasser. Die Gäste taten es ihnen gleich und die Kinder waren bis zum Sonnenuntergang nicht mehr vom Banana-Fahren abzuhalten. Mit lautem Tuten begrüßten wir die Gesellschaft, als sie an uns vorbei zum Restaurant trieb. Als wir ihnen folgten, wurden wir sogleich vom Bräutigamsvater mit französischer Herzlichkeit, Küssen und Champagner begrüßt. Bloß gut, dass einige Gäste des Englischen mächtig waren, sonst hätte Claudia die Komplimente des temperamentvollen Franzosen überhaupt nicht verstehen können. Claudia hatte Spaß beim Tanzen, das immer wieder auf Geheiß der Brautväter durch ein Champus-Schlückchen unterbrochen werden musste, garniert mit Küsschen! Friedrich konnte sich nicht mal durch ernsthafte Männer-Gespräche vor der Polonaise drücken und während wir nach dem mitternächtlichen Drei-Gänge-Menü leise zu unserer EDEN paddelten, krabbelten die Gästekinder in die gleich neben der Tafel befestigten Hängematten, tanzten die Hochzeitsgäste bis in den Morgen.
Marina Cayenne, 25.10.2010
Trampen mit Monsieur Ackermann
Nein, öffentliche Verkehrsmittel gäbe es nicht, um von der Fluß-Marina in die 10 km entfernt liegende Hauptstadt zu kommen, klärte uns einer der französischen Dauerlieger auf. Offensichtlich hatte hier jeder Segler ein Auto. Wir aber mussten wohl oder übel zu Fuß in sengender morgendlicher Hitze auf der unbeschatteten Asphaltstraße durch das Gebiet des Cayenner Industriehafens laufen, wobei uns ein Rätsel war, wie wir bis in die Stadt kommen sollten. Doch da quietschten Bremsen neben uns und wir wurden ins klimatisierte Innere eines Jeeps gewinkt. Unserem einzigen französischen Wort „merci“ fügten wir noch „Cayenne“ zu. Der Fahrer deutete auf eine Straße, sagte etwas, was sich wie „direkt“ anhörte, bog aber in eine andere Straße und murmelte was von „tourist“ und schon fuhren wir eine wunderschöne Küstenstraße entlang, umrundeten die schönsten zwei Plätze von Cayenne während uns die Sehenswürdigkeiten erklärt wurden. Schließlich verstanden wir tatsächlich auch, dass unser freundlicher Fahrer vor Generationen von deutscher Abstammung sei – sein Name: Ackermann!
Champus zum Geburtstag
Geburtstagskinder dürfen ja an ihrem Tag bestimmen und so wundert´s nicht, dass wir – Friedrich vorneweg – als erstes zum Fort hinaufstiegen. An diesen Ort kamen die Franzosen 1643 das erste Mal, kauften den Indianern ein Stück Land ab und bauten darauf eine Festung. Den Plantagenbau allerdings verhinderten Indianer und nebenher noch Tropenkrankheiten. Niederländer, Briten, Portugiesen und Brasilianer vertrieben zunächst die Franzosen wieder, doch als sie das Land zurückeroberten, schafften sie 1848 die Sklaverei ab, was die Plantagenbesitzer fast zur Aufgabe zwang. Aus der Kolonialzeit gibt es noch schöne, gerade neu renovierte Verwaltungspaläste und auch die Fachwerkhäuser an den Straßen zeigen eher ein europäisches Gesicht. Die wenigen neuen Häuser fügen sich in die zweistöckige Stadtlandschaft – Hochhäuser gibt es hier nicht. In den schmalen Straßen wimmelt es vor Autos, angesichts der nicht vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel kein Wunder. Wir liefen durch die rechtwinklig verlaufenden Straßen und kriegten uns über die Preise in den Schaufenstern gar nicht mehr ein. Haargenau die gleichen Dinge kosteten doppelt soviel wie in Brasilien. Andererseits entdeckten wir schöne europäische Sachen: Mit zwei Champagner-Flaschen und drei Tüten von Claudia so geliebten Gummibärchen machten wir uns auf den Rückweg! So konnte Friedrichs Geburtstag bei gut gekühltem Prickelwasser und einem Konzert des nächtlichen Dschungels ausklingen.
Kourou, 29.10.2010
Ilet la Mére
Grüne Hölle – besser ließ sich unser jetziger Aufenthaltsort gar nicht beschreiben. Üppige Natur und sengende Hitze. Dauersauna: Tagestemperatur unter Deck 34° C, Nachttemperatur 28° C. In der Sonne an die 50°! Jede Bewegung zog einen Schweißausbruch nach sich - unsere Aktivitäten waren auf ein Minimum geschrumpft. Und doch glimmte unsere Unternehmungslust auf, als wir vom nahen Start einer Ariane hörten. Da mussten wir hin! Also Anker auf und ab nach Kourou! Doch an einer kleinen Insel vor Cayenne konnten wir einfach nicht vorbei segeln: Ilet la Mére. Von Menschen unbewohnt, begrüßten uns nach unserer Landung eine Horde kleiner, flinker Äffchen, die an den heruntergefallenen Früchten der riesigen Mangobäume naschten. Auf dem angelegten Pfad drangen wir in das grüne Unterholz, über uns erhob sich der Etagen-Wald in mehreren Stockwerken. Wir standen wie Zwerge zwischen den Baumstämmen und mussten den Kopf in den Nacken legen, um bis in ihre Baumkronen hinauf zu schauen. Droben krächzte und kreischte es, aus der mittleren Etage drang ohrenbetäubendes Zirpen. Zu unseren Füßen bauten Waldameisen breite Straßen, auf denen sie Blattschnipsel schleppten, die mehrfach größer waren als sie selbst. Verbindung zwischen den Etagen: Meterhohen Lianen und Luftwurzeln, an denen Blattpflanzen hinauf wuchsen. Nur zaghaft fand ein Sonnenstrahl durch dieses Dickicht, sein flirrendes Licht zeigte die aufsteigende Feuchtigkeit. In dem satten Grün sahen wir lindgrüne junge Blätter, aus Früchten wuchsen Keime, die Erde aber war dick zugedeckt mit buntem Laub. Gleichzeitig Frühling, Sommer, Herbst – Blühen und Vergehen.
Kourou, 02.10.2010
Ariane
Trotz unseres Schwelgens in der Natur verließen wir die Insel nach wenigen Stunden und segelten nach Kourou, wo Uli mit seiner TOFUA schon vor Anker lag. Ansonsten waren auch hier keine anderen Fahrtensegler. Zu dritt zogen wir am nächsten Morgen los, um die Stadt zu erkunden. Aber außer der Straße,die vom Fluss wegführte, gesäumt mit kleinen Lädchen und Bars besteht Kourou sonst nur noch aus einer weitläufigen Ansammlung von dreigeschossigen Wohnhäusern aus den 1970iger Jahren. Irgendwie trist, baum- und schattenlos, unbelebt. Nach langer Suche fanden wir das Touristenoffice – keine große Hilfe, da die Mitarbeiterin, wie auch schon in Cayenne, keine Fremdsprache beherrschte. Aber immerhin bekamen wir dort einen Flyer in die Hände, der in einer Skizze den Weg zum Raketenstart-Aussichtspunkt zeigte. Wir verlegten mit unserem Boot weiter flussaufwärts, um von dort einen kürzeren Weg zu haben. Zunächst liefen wir in der Abenddämmerung ganz allein, dann strömten in unserer Richtung ein paar mehr Leute, schließlich entwickelte sich fast eine Völkerwanderung mit Kind und Kegel. Und auf einmal wurden wir freudig von einer Menschenmenge begrüßt. Wer war das denn? Uns kannte hier doch keiner … und schon sah sich Claudia vom Bräutigamvater eng umschlungen und mit Küsschen überhäuft (noch immer hatte sie das französische Küssritual nicht durchschaut, zweimal oder dreimal – und dann bekam sie auch noch einen auf den Mund…?) Voller Freude küssten uns das frische Ehepaar und der Rest der Hochzeitsgesellschaft vom Dschungelrestaurant! Oben auf dem Berg angekommen, erblickten wir eine Rakete im Tal, griffen zur Kamera und wurden amüsiert von einem Franzosen darauf hingewiesen, dass die Rakete zum Museum gehöre, die Startrampe sei wesentlich weiter entfernt. Gelassen warteten die Zuschauer, doch als angesagt wurde, dass nur noch zwei Minuten zum Start waren, rappelten sich alle auf und drängten nach der besten Aussicht. 18.51 Uhr, die Lampen ringsum verloschen und alle zählten den Count-down mit: cinq – quatre – trois – deux – une – zero……. Nix! Kein Laut! Sekunden der Stille! Und dann sahen wir einen mächtigen Feuerball, aus deren Mitte sich die Rakete langsam nach oben schob. Die Wolken reflektierten den Schein und die Umgebung erhellte sich. Höher und höher stieg der Feuerschein, berührte die Wolken, ließ sie aufleuchten und verschwand darin. Zu hören war nur noch ein Rappeln und Klappern – und plötzlich jubelten die Menschen um uns herum, klatschten begeistert in die Hände: Der 197. Start einer Ariane war soeben erfolgreich gelungen. Im Gepäck übrigens zwei Sateliten.
Iles du Salut
Nur zwei Seemeilen vom Festland entfernt und doch früher für viele Menschen weiter als der Mond, näher zur Hölle – die Gefängnisinseln von Guyana. Nachdem 1848 die Sklaverei abgeschafft wurde, kam die französische Regierung auf die Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Besiedlung der Kolonie und die zunehmenden Gefängniskosten im Mutterland. Also verschiffte man Sträflinge, darunter nicht wenige politische, ließ sie auf den Inseln ihre Strafe unter harten klimatischen und brutalen menschlichen Verhältnissen absitzen. Wer das überlebte, musste dann eine Zeitlang im Lande verweilen und somit zur Bevölkerungsentwicklung beitragen. Doch 90 % der Sträfling starben an Malaria oder Gelbfieber. Erst 1954 wurde das letzte Straflager geschlossen. Als wir uns den Inseln näherten, begriffen wir, was diese so fluchtsicher gemacht hatte. Wir kämpften gegen eine unheimlich starke Strömung an, das Wasser war beunruhigend trüb – die hier so häufigen Haie waren garantiert nicht erkennbar. Auf der Hauptinsel, Ile Royal stiegen wir hinauf zum Gefängnisplatz (in den restaurierten Gebäuden kann man heute Urlaub machen) und besichtigten im Kommandantenhaus eine historische Ausstellung. Wir liefen auf einem wundervoll angelegten schattigen Küstenpfad um die Insel und machten uns bewusst, dass die üppige Vegetation erst durch die Sträflinge geschaffen wurde – vorher war sie nur ein kahler Felsen. Durch reißende Strömung fuhren wir per Schlauchboot zur kleineren Ile Saint Joseph. Auch her die üppige Vegetation, ein Rundpfad, dann ein gesperrter Weg. Wir krochen durch die Absperrung und fanden uns zwischen den Ruinen der einstigen Isolationszellen wieder, die jetzt die Natur erobert. Die gut gepflegten Gebäude am Ufer dienen militärischen Zwecken – zur Erholung von Fremdenlegionären. Die dritte Insel, Ile du Diable – Teufelsinsel darf nicht betreten werden. Berühmt-berüchtigt sind die Inseln zweifellos durch „Papillon“ geworden. Der Franzose mit dem Schmetterlings-Spitznamen Henry Charrières, verurteilt wegen Totschlags, schrieb das Buch über seinen Aufenthalt auf den Iles du Salut und seine Fluchtversuche.
Kourou, 03.11.2010
Europäischer Weltraumbahnhof
„Sieht ja auch nicht anders aus als unser Russenflugplatz“, nörgelte der Käpt´n, als wir im firmeneigenen Bus auf dem Gelände des Space Centre unterwegs waren und die alte Abflugrampe der Ariane-4-Raketen ansteuerten. Nach zähen Verhandlungen und ausgiebigen Sicherheitschecks hatten wir zwei Plätze für diese Besichtigungstour erkämpft. Nun fuhren wir also durch weite Savanne, in der Gebäudekomplexe, jeweils umgeben mit Stacheldraht- und Elektrozäunen verstreut lagen – Gebäude zur Vorbereitung der Trägerraketen und Satelliten. Die Einzelteile werden per Schiff (gleich neben unserem Ankerplatz) angeliefert und hier montiert. Die fertige Rakete wird auf einem Schienenfahrzeug zur Startrampe gebracht, dort mit Treibstoff aufgefüllt und so, wie wir es selbst erleben konnten, gestartet. Der Bus fuhr direkt neben die Anlagen, von denen vor sechs Tagen die Rakete gestartet war. In den Gruben, in denen der Rückstoß nach der Zündung aufgefangen wird, sahen wir das versengte Metall, tief darunter die Wasserzisternen für die Abkühlung. Spannender jedoch war die Besichtigung der Schaltzentralen des Startzentrums und des Kontrollzentrums. Dabei war „Be-sicht-igung“ wörtlich zu nehmen – verstanden haben wir nichts. Die Führungen werden ausschließlich in französisch durchgeführt, sagte uns die perfekt sprechende Begleiterin. Ebenso wie alle Hinweisschilder, Prospekte nur in französischer Sprache sind. Wahrhaftig peinlich für ein europäisches Projekt, an dem 17 Nationen beteiligt sind und Auftraggeber für Satelliten aus aller Welt kommen. Nicht, dass wir alle Weltsprachen oder gar deutsch erwartet hätten – aber nach dreieinhalb Stunden ununterbrochener französischen Berieselung haut es wohl auch den neugierigsten und geduldigsten französischunkundigen Traveller um! Und um zum Russenflugplatz zurück zu kommen: Demnächst werden auf dem Areal auch Sojus-Raketen starten… und bei deren Besichtigung hätten wir nach unserer Russisch-Auffrischung von Belém sicher eine bessere Chance!
Steinmalerei der Amérindianer
Alle Wege von Kourou führen zum Space Centre – nach einiger Sucherei fanden wir aber einen müllbesähten Pfad am Ende eines Gewerbegebietes, der auf Indianerspur geleiten sollte. Ein bisschen unschlüssig, ob wir hier richtig waren, zwängten wir uns durch einen Zaun und standen neben einem niedrigen Felsen, den ein Dach schützte. Beim Umrunden erkannten wir gut erhaltene Ritzungen im Stein. Wie auch schon bei den Indianern in der Andenregion entdeckten wir als Hauptmotiv den Frosch und die Schlange. Merkwürdigerweise vermittelte uns der schlichte Anblick ein erhabeneres Gefühl als die zuvor gesehenen französischen Raketenbetonsilos.
Kourou, 05.11.2010
Wie die Affen
Frisch gekühlt entstiegen wir am nächsten Morgen unserem Mietwagen. Wir waren im Zoo de Guyane und sahen uns sofort in einem Freigehege, in dem verschiedenen Papageienarten um uns herum flatterten und radauten. In einem Wasserbecken lagen zwei riesige Anacondas. Aus einem trüben Teich guckten zwei Augen – ein schwarzer Kaiman. Der Weg führte durch Savannenlandschaft mit großen Freigehegen für Raubkatzen. Jaguar, Ozelot, Puma und süße kleine Wildkatzen stromerten durch den Busch oder dämmerten in der Hitze vor sich hin. Wir beobachteten verschiedenste Affenarten, wie die großen Spider-Monkeys oder die huschligen Mausaffen, die wie eine Kreuzung aus Fledermaus und Affe aussahen. Erhaben saßen Bussarde und Adler auf Ästen, der größte ein Lucky Eagle mit zweieinhalb Meter Schwingenweite. Nur das Faultier war so gut getarnt, dass wir es nicht ausmachen konnten. Aus einem offenen Gehege mit einer Art Pelztier klaute sich ein nicht zum Zoo gehörender Affe aus der Futterschale Obststückchen und huschte, nachdem er uns bemerkte, schuldbewusst in die Bäume. Unser Blick folgte ihm – und was wir dort sahen, verschlug uns den Atem: Hoch oben im obersten Stockwerk des Waldes sahen wir eine Hängebrücke. Ein paar Schritte weiter fanden wir den Einstieg zum „parcours acrobatique en hauteur“, dem Hochseilgarten. Wir ließen uns mit Bergsteigerausrüstung ausstatten und stiegen hinauf ins Reich der Affen! Wir krochen durch Netze in luftiger Höh´, kletterten an Baumstämmen höher und höher, balancierten auf Drahtseilen zwischen Palmenköpfen, liefen auf schwingenden Hängebrücken und schwebten frei, nur mit unserer Gurthose an ein Seil gehängt durch den Dschungel - die längste Strecke war hundert Meter in mehr als 15 Meter Höhe! Mit leuchtenden Augen kamen wir wieder auf der Erde an und waren begeistert von der Dschungelwelt aus Affen-Perspektive.
Straße durch den Dschungel
Die N1 führt von Kourou bis zur westlichen Landesgrenze nach Saint Laurent du Maroni, 200 km durch den Dschungel, über zahlreiche Creeks und Flüsse, durch einen Nationalpark und an nur zwei größeren Dörfern und ein paar von Indianern bewohnten Palmenhütten vorbei. Auf der wenig befahrenen und nach EU-Normen ausgebaute Landstraße, die sich wie eine riesige Anaconda bergauf, bergab schlängelt, brausten wir durch die grüne Landschaft, bis wir am Ufer des Maroni nach Surinam schauen konnten. Eine in Bronze gegossene in sich versunkene, verzweifelte Figur erinnert an die Qualen der Sträflinge, die hier aus Frankreich angelandet wurden und im Camp de la Transportation auf ihre Verlegung warten mussten. Unter unmenschlichen Bedingungen verwahrt, gehörten harte Zwangsarbeit in Dschungel und Malaria-Sümpfen kombiniert mit Hunger zum Strafmaß der Häftlinge. Neben den Gebäuden des Straflagers stehen wunderschöne Kolonialhäuser, viele in hübschen Farben restauriert. Auf unserem Weg zurück machten wir an den schönsten Stellen halt, liefen an Creeks in den Urwald, beobachteten Schmetterlinge in einer Sumpflandschaft und betrachteten die Holzarbeiten der Dschungelbewohner an einem Straßenstand. Schönstes Souvenir dieses Ausflugs: das gefundene Hüllblatt einer Maripa-Palmen-Knospe. Das verholzte „Blättchen“ passte gerade so in den Kofferraum und nahm später an Bord unseren gesamten Obsteinkauf einschließlich Annanas und Melone auf!
Kourou, 07.11.2010
Segelklar
„We wait for you!“ Eine Mail aus Paramaribo mahnte uns zur Weiterfahrt. Josiane und Vince, ein französische Seglerpaar, mit denen wir unser Weihnachtsessen im Oystercreek von Banjul geteilt und die wir dann im Februar im brasilianischen Itaparica das letzte Mal gesehen hatten, machten uns Lust zu einem Wiedersehen. Also kauften wir Obst und Gemüse auf dem Samstagsmarkt, leisteten uns ein paar Flaschen Cidre, eingeschweißtes Vollkornbrot und Knäcke, bunkerten Diesel, gaben unser Auto zurück und nutzen den mittäglich verwaisten Steg der Iles-du-Salut-Ausflugskatamarane. Teppiche schrubben, Bettwäsche und Polster waschen, Deck vom Dreck befreien… fix und fertig von der Hitze sanken wir auf die Cockpitbänke und unsere To-Do-Liste war immer noch nicht abgearbeitet: Motorcheck, Impeller- und Keilriemenwechsel, Innenreinigung, Haarstudio, Reiseberichte schreiben, Post beantworten, Segelklar-Machen …Ein kleines Lächeln schlich sich auf Claudias Gesicht, als der Käpt´n einen Tag Französisch-Guyana-Zugabe gewährte! Aber dann, ab nach Surinam!
Kourou, 08.11.2010
Filmnacht
Unseren „Zugabe-Arbeits-Tag“ wollten wir mit einem Internet-Besuch beschließen, doch ein Sturm über dem französischen Martinique (!) ließ die Verbindung nicht zu. Also war noch Zeit, bei Mary und Ady, zwei schweizer Seglern, die mit ihrem Katamaran neben uns ankerten einen kurzen Halt zu machen. Als wir die beiden nach einem fröhlichen Abend verließen, hatten wir nicht nur liebe Menschen getroffen und neuen Lesestoff im Rucksack, sondern auch noch „Papillon“. Und eigentlich wollten wir ja nur mal in diesen Klassiker hineinschauen - der Wecker war bereits zu fünf Uhr gestellt - doch dann nahm uns der Film gefangen. Bis frühmorgens um zwei!
Vermatschter Abschied
Unruhig rutschte der Käpt´n auf dem Ledersofa in der gut klimatisierten Hotellobby hin und her. Zulange dauerte ihm die Datenübertragung zur Aktualisierung unserer Internetseite und dazu gab wahrscheinlich noch sein siebter Sinn Alarm. Denn als wir am Anleger ankamen, lag unser Schlauchboot auf Land, steckte der Propeller des Außenborders hoffnungslos im Schlamm. Die Ebbe war schneller, als vermutet. Mutig stapfte Käpt´n in die Pampe, um sofort bis zum Oberschenkel zu versinken ohne irgendwelchen Grund zu spüren. Mit einem bitterbösen Blick bedachte er die sich vor Lachen biegende Kapitana. Auch ihm wurde nun klar, dass wir innerhalb der nächsten sechs Stunden unser Dingi niemals frei bekommen würden. Mit matschigen Beinen, wie halterlos bestrumpft, hüpfte er auf dem Steg umher, was unsere Schweizer aufmerksam machte. Sie retteten uns vor Hitze und Durst, in dem sie uns einfach auf ihren Kat holten. Mit Mary und Ady verging die Zeit im Fluge und am späten Nachmittag schwamm unser Schlauchboot wieder auf, die beiden halfen uns noch beim Segelklarmachen und schließlich verabschiedeten sie uns mit einem fröhlich-zackigen „Matrosen-Gruß“. Nun konnte uns nichts mehr aufhalten, wir waren auf dem Weg nach Surinam!