Von Eden nach Villa Gesell

Der südlichste Punkt unserer Reise
 
 
Juni 2010. Wir saßen in einem Taxi in Buenos Aires, der Fahrer jonglierte halsbrecherisch durch den dicken Verkehr, um uns zu Emigration und Zoll zu bringen. Seine Augen blickten in den Rückspiegel als er fragte, was wir in Argentinien vorhaben. Unsere Antwort: Als erstes nach Villa Gesell.
Adónde? Wohin, fragt der Taxifahrer. Ah, Biiischa Cheeeesej – das hätte doch der „loco aleman“, der verrückte Deutsche gegründet…
Ja, genau dort wollten wir hin.
 
Unsere Idee
Oft hatte unsere Nachbarin Rita von Villa Gesell erzählt, dort wo ihre Eltern einst ein paar Jahre verbrachten - irgendwo in Argentinien.
Als wir dann begannen, vom Segeln in die weite Welt zu träumen und an langen Winterabenden über Atlanten hockten, entdeckten wir das magische Wort: „Villa Gesell“ – knapp 400 km südlich von Buenos Aires direkt an der Atlantik-Küste. Naja, wenn wir sowieso nach Brasilien segeln würden, könnten wir doch auch das Stückchen weiter… und langsam nahm die Idee Form an. Wir wollten versuchen, von Eden bis nach Villa Gesell zu kommen.
Wir begannen Rita und auch Ilse, Friedrichs Edener Cousine über Villa Gesell auszufragen. Wir stießen auf Geschichten und Verbindungen der beiden Orte, die uns ungemein interessant erschienen. Schließlich, kurz vor unserer Abreise holte Rita die gut gehütete Fotokiste ihrer Eltern raus. Wir sahen die ersten Fotos von Villa Gesell und dachten an das Gründerfoto von Eden.

Eden
Stolz stehen ein paar Leute auf dem sepiafarbenen Foto verstreut auf einem Acker. Man schrieb das Jahr 1893. Berliner Vegetarier hatten eine Genossenschaft gegründet, im Norden Berlins bei Oranienburg ödes Ackerland erworben, um nach Reformideen eine Siedlung aufzubauen. Die Frau eines der Gründer machte den Vorschlag für den Namen: Eden! Dass aus dem Acker ein blühender Garten entstehen würde, brauchte wohl viel Fantasie – und vor allem Kraft, Mut und Ausdauer.
Während Grund und Boden in Eigentum der Genossenschaft verblieb, konnte jeder Siedler auf seinem zugewiesenen Stück Land ein Haus bauen und Obst und Gemüse anbauen. Gemeinschaftliche Einrichtungen wurden errichtet: Genossenschaftshaus, Schule, Kindergarten, Festplatz mit Bühne, ja sogar ein Betrieb zur Verarbeitung von Obst und Herstellung von vegetarischen Produkten. Die Siedlung wuchs und gedieh, es gab eine eigene Bank, ein eigenes Theater, eine Zeitung. Legendär die Edener Feste: mit Reigentanz beim Frühlingsfest, Graskränze-Flechten zur Sonnenwende, Entefeste. Künstler, Intellektuelle und einfache Menschen, die nach einer anderen Lebensform suchten, kamen nach Eden, blieben oder unterstützen die Idee aus der Ferne. Krönung war sicher der Weltvegetarierkongress, der in Eden Anfang der 30iger Jahre stattfand.
 
So verschlug es Friedrichs Großvater Georg Seifert, Holzschnitzer und Vegetarier aus dem Vogtland um die Jahrhundertwende nach Eden. Auch Ritas Großeltern kamen in die Siedlung. Doch auch Persönlichkeiten wie Silvio Gesell zog es nach Eden. Während erstere auf der Scholle ackerten, reiste Gesell geschäftlich viel in der Welt herum, unter anderem auch nach Argentinien, wo er Baby-Produkte und Kinderwagen vertrieb. Auf diese Weise kamen er und seine Frau mit ihren Kindern nach Buenos Aires und später folgten Familienangehörige, so seine weiteren Kinder, vor dem drohenden Weltkrieg. Silvio Gesell fand den Weg zurück nach Deutschland, lebte und starb in Eden. Seine zehn Kinder lebten und leben in Deutschland und Argentinien.

Villa Gesell
Einer der Söhne Silvio Gesells, Carlos Gesell kaufte 1931 ein Stück Dünen in der Nähe des damals bekannten Ferienortes Mar del Plata, um dort eine Feriensiedlung zu errichten. Diesem unwirtlichen Ort gab er den Namen Villa Gesell. Doch zunächst mussten die Wanderdünen befestigt werden. Auf der Suche nach einem Fachmann stieß er über sein aus Eden stammendes Kindermädchen Inge auf Karl Bodesheim und ließ ihn nach Argentinien kommen. Inge und Karl zogen gemeinsam in die Dünen und versuchten es mit den ersten Pflanzungen, die jedoch durch die Südwinde immer wieder mit Sand verschüttet wurden. Das erste Wohnhaus hatte gar vier Türen, damit zu mindestens ein Ausgang nach Sandstürmen funktionierte. Nach der Geburt der ersten Tochter in der Einsamkeit zog es die Bodesheims zurück nach Eden – dort kam die zweite Tochter  Rita, unsere Nachbarin, zur Welt. An ihre Mutter Inge erinnert sich Friedrich noch ganz deutlich. Sie beeindruckte ihn als Jungen durch ihre lebhafte Art, interessant zu erzählen.
Inzwischen ließ sich Carlos Gesell nicht entmutigen, pflanzte weiter, stoppte die Dünen und lockte die ersten Ferien-Interessenten nach Villa Gesell. Bald folgten die ersten dauerhaften Einwohner, darunter auch Halbgeschwister von ihm. So unterstützte ihn seine Halbschwester Sonja hilfreich und aufopferungsvoll in Villa Gesell. Sein Halbbruder Witomir, genannt Tito verliebte sich durch ein Foto in das Edener Mädchen Dietlinde, heuerte auf einem Schiff nach Europa an, heiratete Dietel in Berlin und zog mit ihr 1959 nach Villa Gesell.
 
Auszug aus einer Mail von Dietel:
Aus meinen ersten Jahren in Villa Gesell.
Als ich im Jahre 1959 mit meinem Mann Witomir Silvio Tomys (Tito) nach Villa Gesell kam, besaßen wir ein 1900 qm großes Grundstück neben denen von Titos beiden Schwestern. Der Boden war reiner Dünensand, auf dem aber schon Akazien (Acacia trinervis), Kiefern und Pappeln wuchsen. Wir durften im Haus meiner Schwägerin Sonja wohnen, während Tito sich um die Fertigstellung des Hauses meiner Schwägerin Dolores (Dodo) mühte. Da in Villa Gesell viel gebaut wurde, hatte Tito mit Installationen von Wasser und Strom (später auch Gas) gute Arbeit. Im ersten Sommer konnte ich durch Arbeit in einem Hotel ein wenig zum Kauf von Ziegelsteinen für unser zukünftiges Haus beitragen. Während es langsam wuchs, wohnten wir zunächst abwechselnd (das Haus von Sonja mußte im Sommer an Feriengäste vermietet werden) in den Häusern meiner Schwägerinnen. Es kamen die Kinder. Im Garten zog ich Gemüse heran, wobei etwas gekaufte Erde aus dem Hinterland half. Der einzige Obst- und Gemüseladen brachte nur einmal in der Woche frische Ware vom Großmarkt im 100 km entfernten Mar del Plata. Es gab anfangs nur wenige Geschäfte, zu denen ich mit dem Kinderwagen, durch den meist losen Sand schiebend, einkaufen ging. Frische Milch brachte mir ein Bauer per Pferdekarren in Weinflaschen (der Korken roch noch danach) und ein Bäckerjunge kam mit frischem Brot auch mit seinem Karren vorbei. Die wenigen Autos, die zu der Zeit in Villa Gesell unterwegs waren, konnte man zählen. Die Autoindustrie fing in Argentinien erst an.
Nach und nach konnten wir von unserm Haus, unter Eigenregie gebaut, Besitz ergreifen. Nicht nur das Haus, sondern auch unsere Familie war inzwischen gewachsen. Zur Geburt der ersten beiden Kinder mußte ich ins Deutsche Hospital nach Buenos Aires gehen, denn hier in V.Gesell gab es nur einen Arzt. Später war ein junges Arztehepaar nach V.Gesell gezogen und die andern beiden Kinder konnten im, wenn auch noch im Rohbau befindlichen, eigenen Haus das Licht der Welt erblicken.
Besonders in der Anfangszeit hatte ich mit der Sprache einerseits Schwierigkeiten, andererseits gab es hier im Umkreis viele Deutsche. Daß in der Familie deutsch gesprochen wurde, kam unsern Kindern zugute, die somit zweisprachig aufwuchsen. Sie konnten die damals hier einzige Grundschule besuchen.











    Dietel und Friedrich beim Stöbern
    in alten Fotoalben




Von Villa Gesell nach Eden
Dietel und Tito kämpften mit den Dünen, bauten nach und nach ein eigenes Haus in den Sand und begrünten ihr Grundstück. Ihre vier Kinder schickten sie alle für eine gewisse Zeit nach Deutschland, auch nach Eden. Dort wurden sie auch immer von Rita und Ilse, der Schulfreundin von Dietel (und Friedrichs Cousine) empfangen.
 
Auszug aus Dietels Mail:
Unsere Mütter haben uns gleichzeitig erwartet und Ilse wurde 12 Tage vor mir geboren. Wir besuchten zusammen die Edener Grundschule bei Herrn Scholz. Gemeinsame Klassenfahrten sind unvergessen. Danach gingen wir in verschiedene Schulen nach Oranienburg und verloren uns in den Kriegs-und Nachkriegsjahren mehr oder weniger aus den Augen, bis wir, wenn auch in jeweils einer anderen Gärtnerei, unsere Gärtnerlehre absolvierten. Danach verließ ich Eden. Gerne erinnere ich mich an das erste Wiedersehen mit Ilse, als sie zusammen mit meiner Mutter zu einem Klaviervortrag meines Schwagers Otto Rausch nach Berlin kam. Ein regelmäßiger Briefverkehr entstand erst, als ich nach Argentinien gegangen war. Der bildete für mich eine Brücke nach Eden, wofür ich Ilse sehr dankbar bin!
 
Auch Dietel reiste ab und an nach Eden, so war sie auch 1993 zur 100-Jahr-Feier zur Gründung Edens gekommen. Später war auch ihr Sohn Norbert in Eden, wo er neben der Büste seines Großvaters Silvio Erstaunen hervorrief – die Ähnlichkeit verblüffte alle. Im Frühjahr 2010 war die jüngste Generation zu Besuch in Eden: Dietels Enkeltochter Annahi, die ein Jahr zum Schüleraustausch in Deutschland weilte.

Von Eden nach Villa Gesell
Wir sind nicht die ersten Besucher, die sich von Eden auf den Weg nach Villa Gesell machten, aber wir haben dafür wahrscheinlich die längste Zeit gebraucht. Und in dieser Zeit kündigten Ilse und Rita uns schon bei Dietel an. Als wir ihr eine Mail schickten, uns vorstellten und unseren Wunsch schrieben, dass wir sie gern kennen lernen möchten, kam von ihr sofort eine Einladung in ihr Haus zurück. In einem klimatisierten Komfortbus reisten wir von Buenos Aires nach Villa Gesell. Auf der schnurgerade angelegten Asphaltpiste quer durch die Pampa stellten wir uns vor, wie beschwerlich die Reise für Inge und Karl Bodesheim, ja auch noch für Dietel gewesen sein musste. Als wir aus dem Bus stiegen, schloss sie, genau wie ihre Tochter Karin uns einfach in die Arme. Genauso herzlich wurden wir von Dietels Söhnen Reinhard und Norbert und Karins Familie begrüßt. Auch durften wir Sonja, die Schwester von Carlos Gesell kennen lernen.

Villa Gesell heute
Als wir durch den Ort bummelten, von Karin und Dietel zu den Sehenswürdigkeiten begleitet wurden, konnten wir kaum glauben, was hier in knapp 80 Jahren entstanden ist. Die ersten gepflanzten Bäume ragen hoch über das erste Gebäude von Villa Gesell – 1932 stand es noch einsam im Sand. Die „Urzelle“, wie es auf dem Foto geschrieben steht, befindet sich jetzt auf dem Zeltplatz, der von Dietls Familie betrieben wurde und seit zwei Jahren von Reinhard betreut wird. Dem Vater zur Ehre hat er ihn „Camping Don Tito“ genannt.
Das Vier-Türen-Haus, das jetzt ein Museum beherbergt, ist zwischen den dicken Stämmen der Pinien und Eukalyptusbäume kaum auszumachen, das daneben stehende Windrad von den Baumwipfeln übertrumpft. Ein hoher Wald zieht sich an den Dünen dahin, die mit Akazienbüschen überzogen sind.  
Die Hauptstraße ist gesäumt mit Restaurants, Kaffees, Geschäften. Am Strand stehen kleine Restaurants auf Stelzen, die durch einen kilometerlangen Holzsteg verbunden sind und auf dem die Gäste wunderbar flanieren können. Das Freilichttheater zieht jedes Jahr hervorragende Chöre an und auch Rockstars geben gern mal ein Konzert in Villa Gesell. Jetzt im Winter ist es ruhig, aber wir erahnen, welche Betriebsamkeit hier im Sommer herrscht. Und überall begegnen wir dem Gründer Carlos Gesell. Fotos hängen in Restaurants, Büsten zieren Plätze, irgendwo entdecken wir ihn als lebensechte Figur, woanders als Graffiti. Carlos wird verehrt, hat er als Gründer nicht nur die ersten Schritte getan, sondern er hat die gesamte Infrastruktur gefördert – so Feuerwehr, Lebensrettungsgesellschaft, Schulen. 40.000 Menschen leben jetzt in Villa Gesell, erzählte uns Karin. Wie viele Besucher in den Sommermonaten kommen, kann wohl keiner mehr zählen.
 
Dietel in ihrer Mail:
In all den Jahren seit damals hat sich sehr, sehr viel geändert und wir leben in einer Stadt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Trotz mancher Einschränkungen, gefiel mir das frühere Villa Gesell, was in manchem an Eden erinnerte, besser.
 
Was die Alteingesessenen am meisten stört, sind die Hochhäuser in Villa Gesell und die unbefestigten Straßen.
 
Eden heute
Zwar gibt es keine Hochhäuser in Eden, kaum Geschäfte und nur ein Restaurant – aber die ca. 1500 Einwohner stören die unbefestigten Wege genauso (Unterschied: in Eden sind sie schlacke-schwarz, in Gesell sand-weiß. Edener Kinder müssen nach dem Spielen geschrubbt werden, Geseller Kinder werden einfach ausgeschüttelt, sagte Dietels Tochter Karin lachend). Die Träume der Edener Gründer von einem blühenden Garten Eden haben sich erfüllt: Es grünt und blüht, Obstbäume wachsen und gedeihen, die Siedlungsstruktur mit den großen Gärten blieb erhalten. Edener Traditionen leben nach wie vor, ebenso ein Gemeinschaftsgeist. Dennoch kämpft die Eden-Genossenschaft mit wirtschaftlichen Problemen und der Identitätsfindung in einer sich ändernden Welt, in der bewusstes Leben nicht nur für wenige Menschen, wie Ende des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte, sondern mehr und mehr Gemeingut wird. Den ersten Gründern von Eden folgt nunmehr die 5. und 6. Generation: So siedeln nach Friedrichs Großvater Georg, Vater Arnold nunmehr seine Tochter Uta und seine zwei Enkel Johanna und Hendrik in Eden. Und so wie ihr Urgroßvater trägt auch Uta die gleiche Sorge um ihren Garten Eden.
 
Auszug aus einer Mail von Uta, September 2010:
Bei uns ist der Sommer abrupt in den Herbst übergewechselt. Zu Hendriks Einschulung Ende August hatten wir noch sommerliche Temperaturen und jetzt ist es schon kühl, neblig und regnerisch. Vielleicht bekommen wir ja noch einen schönen "Altweibersommer". Im Garten haben wir in diesem Herbst fast gar keine Äpfel und Nüsse, im kalten Mai hatte der Frost die Blüten zerstört. Dafür hatten wir durch den
heißen Sommer besonders schöne, saftige und große Pfirsiche. Auch die Kürbisse, Gurken und Tomaten sind dieses Jahr sehr schön und wir essen fleißig. Am Wochenende habe ich Zwiebeln geerntet und die ersten Kartoffeln. Die Kartoffeln sind dieses Jahr klein, wahrscheinlich weil der Juni und der Juli so trocken war.
 
Zur gleichen Zeit schrieb Dietel:
 Bei uns wirds langsam Frühling, die Osterglocken blühen und auf meiner großen Freesienwiese sind auch schon die ersten Knospen aufgegangen. Wenns auch mitunter nochmal ganz schön kühl ist, so kann man trotzdem schon bei herrlichem Sonnenschein den Garten genießen - natürlich arbeitend!
 
 Eden und Villa Gesell
Wenn an einem Ort Frühling ist, ist am anderen Herbst, in einem steht die Sonne mittags im Süden, in dem anderen im Norden. In dem einen gibt es im Winter Schnee, im anderen Pinguine, hier gedeihen Äpfel, dort Orangen…
Zwei Orte, weit entfernt auf verschiedenen Hälften der Welt – und dennoch nah beieinander!

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