Von Rio de Janeiro nach Rio Grande
Rio de Janeiro, 26.03.2010
Nachtansteuerungen haben ihren ganz besonderen Reiz. Nicht, dass wir eine solche für Rio de Janeiro geplant hatten, aber der Wind war uns ausgegangen und so sahen wir in der untergehenden Sonne den Zuckerhut vor uns, konnten aber erst bei Mondenschein den Anker zu seinen Füßen fallen lassen. Tausende Lichter leuchteten und ließen unsere Phantasie spielen. Und das ist dann der Reiz: Der ersten Blick am Morgen auf die Umgebung. Links der Zuckerhut, rechts die Christus-Figur – die beiden Wächter der Stadt. Die Bucht gesäumt von hunderten grauer Hochhäuser, dahinter grüne Berglandschaft. Zwischen den Bergen näherte sich ein kleiner Punkt, der größer und größer als landendes Flugzeug gleich über unserem Mast dahin glitt – danach zogen wir die Köpfe im Minutentakt ein. Zwischen unserem Ufer und zwei Gipfeln schwebten die Gondeln der Seilbahn auf den Zuckerhut. Über uns der blaue Himmel (angeblich der blauste der ganzen Welt), unter uns dunkelbraunes Wasser mit Müll- und Ölschicht. Vor uns der strahlende Yachtclub von Rio de Janeiro. Wir waren in der schönsten Stadt der Welt – das sagten Zweig und Zikmund zu mindestens im letzten Jahrhundert über Rio de Janeiro.
Copacabana und Zuckerhut
Zwei Ziele standen auf unserem ersten Tagesprogramm. Schnell war der Weg durch den vornehmen Yachtclub zur Bushaltestelle gefunden. Schon klammerten wir uns an die Haltestangen und mit rasender Geschwindigkeit schleuderte der Bus zwischen Fahrzeugen auf den drei Spuren, um auf ein Handzeichen eines potentiellen Fahrgastes auf den Bordstein zu zurasen und mittels kräftiger Bremsung genau vor ihm zum Stehen zu kommen. Mehr als nervenaufreibend für uns als maximale Fahrradgeschwindigkeit gewöhnte Segler (6 Knoten auf See sind ca. 10 km/h an Land)! Gleich hinter dem Yachtclub liegt das quirlige Stadtviertel Copacabana mit dem weltberühmten Strand. Wir stiegen an seinem letzten Zipfel aus und begannen unsere Wanderung durch den weißen Sand. Das Meereswasser, in dem tatsächlich auch einige Menschen badeten, sah grässlich aus: Grün-braun-schaumige Wellen liefen auf den Strand, gekrönt mit aller Art von Müll. Da war es doch wesentlich interessanter, den Blick gen Sonnenschirmchen zu wenden – dachten jedenfalls Friedrich und Christian. Im knapp sitzenden „Zahnseiden-Bikini“ bevölkerte den donnerstäglichen Mittagsstrand jedoch eher die Großmüttergeneration… Pech, am richtigen Ort zur falschen Zeit zu sein! Also dann Zuckerhut. Mit der aus Köln stammenden Seilbahn legten wir die 1263 Meter lange Schwebestrecke - im Gegensatz zu 007 in einem der Bond-Filme - problemlos zurück und hatten einen herrlichen Blick auf die Bucht, die Berge und die dazwischen verstreuten Stadtteile. Unter uns ankerte „Klein“-EDEN. Winzig sah unser Schiffchen vom 396 Meter hohen Zuckerhut aus, genauso wie die Flugzeuge, die unter uns zum Landeanflug ansetzten. Wir ließen die Sonne hinter dem in Rüstung stehenden Christus verschwinden und schwebten mit den aufgehenden Lichtern der Stadt wieder nach unten. Nur wenige Schritte und wir standen vor unserem elitäreren „Iate Clube do Rio de Janeiro“.
Gäste unerwünscht
Das Sicherheitspersonal des Yachtclubs stoppte uns noch vor der Schranke. Wir standen im „einfachen“ Stadtlook (von jedem hier aus Sicherheitsgründen empfohlen: Kurze Hosen, T-Shirt, Flipp-flopps, ohne Rucksack, nur 20 Reais locker in der Tasche für die Übergabe bei einem möglichen Überfall und Claudia ohne jeglichen Schmuck) in Mitten von abendlich aufgerüschten Damen. Eindeutig: da gehörten wir nicht dazu! Nach zähen Erklärungsverhandlungen ließ man uns dann doch zu unserem Schlauchboot, weil wir versprachen, wirklich sofort den Ankerplatz des Privatclubs zu verlassen. Uns wurde nämlich schon am Vormittag im Clubbüro mitgeteilt, dass segelnde Gäste nicht erwünscht seien. Auch die Versuche des örtlichen Standortleiters des TO (Trans-Ocean, deutscher Verein zur Förderung des Hochseesegelns) ein gutes Wort für uns einzulegen, scheiterten. Zwar war er gerade zu Besuch in dem Club mit einem Schreiben aus Cuxhafen, in dem der TO eine Zusammenarbeit anbot, aber eine Entscheidung auf brasilianischer Seite wurde erst frühestens in drei Monaten angekündigt. Auf unserer EDEN zurück, warteten wir zunächst ab, krochen dann in unsere Kojen und verschliefen verbotener Weise eine zweite Nacht vor dem Club. Im Morgengrauen verholten wir in die empfohlene Marinha do Gloria, mitten im Zentrum. Super, freuten wir uns, da könnten wir die alten Viertel der Stadt glatt zu Fuß erreichen und als Nachtschwärmer gleich in die Samba-Kneipen fallen. Doch auch diese Marina wehrt Gäste ab. Nach langwierigen Verhandlungen bis zum oberen Management erhielt Friedrich die Erlaubnis für einen Aufenthalt. Als er den Tagespreis erfuhr, brach er alle Gespräche dankend ab: Fast 80 Euro sprengten dann doch unser Budget.
Charitas, 27.03.2010
Ein Herz für Segler
Unsere Odyssee durch die Bucht von Rio de Janeiro endete vor dem Clube Naval in dem kleinen Ort Charitas vis á vis von Rio. Malerisch schmiegen sich die Häuser hoch in die grünen Berge. Palmen säumen den Strand, davor Fischerboote – und viele Segelyachten. Hier wurden wir herzlich empfangen, von Sauna bis Pool stand alles zu unserer Verfügung. Mehrere Restaurants und Bars lockten zur Einkehr, das ganze Personal strahlte Freundlichkeit und Gelassenheit aus. Und das Schöne: Hier galten Club-Preise, nicht nur für unsere Ankergebühren, sondern auch für die riesigen Menüs im Restaurant. Und hier trafen wir das erste Mal in Rio´s Bucht auf andere Fahrtensegler – zwei Boote aus Südafrika. Während es den Anschein hatte, dass alle anderen von uns besuchten Yachtclubs mehr oder weniger als elitäre Treffpunkte der jeweiligen Städter dienten, waren hier offensichtlich wirklich Segler Club-Mitglieder. Die Boote sahen durchweg segelklar aus und am Nachmittag fand das Opti-Training für die Jüngsten statt. Erstmalig sprachen die meisten Einheimischen englisch und so konnten wir nach Reparaturhilfe für unseren defekten Außenborder und nach einer Füllstation für unsere leeren Gasflaschen fragen – und Hilfe brachten uns die segelnden Cariocaner prompt entgegen.
Die männliche Crew konnte der Club-Speisekarte nicht widerstehen und so verschoben sie unseren geplanten Tagesausflug nach Rio auf den späten Nachmittag. Eine Katamaranfähre brachte uns auf schnellstem Wege mitten ins Zentrum von Rio, wo wir uns durch den Feierabend-Trubel schoben. Eilig hasteten die Angestellten aus ihren Büros zu Bus, Metro oder Fähre oder bummelten gelassen zwischen zahlreichen Verkaufsständen auf Straßen und Plätzen. Die modernen Bürotürme stehen dicht gedrängt zwischen alten ehrwürdigen Palästen und Kirchen. Parkanlagen mit uralten Bäumen bilden schattige Oasen und Plätze öffnen das Straßengewirr Richtung Meeresbucht, an deren Ufer sich eine breite Grünzone entlang zieht, einst angelegt durch den bekannten Oscar Niemeyer-Kollegen Burle Marx. Wir liefen durch die quirlige Innenstadt und gelangten so in das Business-Viertel, wo wir die Kathedrale von Rio fanden - ein riesiger Betonkegel, im Volksmund „Bienenarsch“ genannt. Das schlichte Innere wird durch farbige Glas-Steinbänder in andächtiges Licht getaucht. Mit uns waren noch einige wenige Besucher in dem Gotteshaus; eine schwerbewaffnete Polizistin bewachte die Betenden! Unser nächstes Ziel war ein Stadion im Stadtteil Sao Christavao, in dem jede Nacht ein Markt mit 700 Verkaufsständen abgehalten wird. Die Fahrt mit der Metro dorthin war schon ein Abenteuer für sich. Zunächst funktionierten unsere Tickets nicht und erst durch die Hilfe mehrerer Sicherheitsbeamter ließen sich die Drehkreuze öffnen. Das Einsteigen beobachteten wir bei einer Bahn, in die wir so wie viele andere gar nicht reinkamen. Es bedurfte schon eines energischen Schiebens, um erfolgreich ein Abteil zu entern, an den anderen Stationen nicht mit dem Strom herausgespült zu werden und an der gewünschten wirklich herauszukommen. Mit deutscher Pünktlichkeit waren wir zur Öffnungszeit um 18 Uhr am Markt – fanden aber nur wenig Betriebsamkeit vor. Klar, wenn man bis um vier Uhr früh shoppen kann, geht ja so früh noch keiner hin. Doch unsere letzte Fähre nach Hause ging schon um 21 Uhr…
Zwar waren wir nicht am Verhungern, genug Nudeln, Reis & Co. lagerten in unseren Schaps, aber uns fehlte Brot. Schön öfter war es uns in letzter Zeit ausgegangen, dann aber hatte Claudia Brötchen gebacken. Doch unser Gasvorrat näherte sich dem Ende und so zogen Claudia und Christian los auf Suche nach einem Supermarkt, nach einem Geldautomaten und nach einem Internetzugang. Bei 38°C im Schatten ohne einen Luftzug liefen sie nach gut gemeinten Wegbeschreibungen hin und her. Kein Bankautomat, kein Internetzugang, aber wenigstens in einem gut akklimatisierten Markt konnten die beiden Brötchen bekommen. Zurück in der Marina tauschte Claudia die ermüdete Begleitung aus und zog mit Friedrich nochmals los. Unser letztes Bargeld setzen wir ein, um einen Taxifahrer zu bitten, uns zu einer Bank zu bringen, die auch europäische Karten akzeptiert. Dort angekommen, waren die Automaten defekt. Ratlos und ohne Geld sahen wir wohl so jämmerlich drein, dass wir sofort von Passanten angesprochen und zur nächsten Filiale geleitet wurden. Inzwischen ging die Sonne unter – nach sieben Stunden hatten wir nun Brot und Geld, aber unsere neuesten Reiseberichte, Fotos und vorgeschriebenen Mails schleppte Claudia immer noch in ihrem Rucksack. Morgen ein neuer Versuch – die geduldige Suche gehört nun mal zum täglichen Brot von uns Seglern.
Drei Wochen können rasend schnell vergehen - das stellten wir alle drei fest. Schon war Christians letzter Tag angebrochen. Ausgiebiges Frühstück, Baden im Pool, Wanderung zum nahen Fort Santa Cruz, auf dem Rückweg ein Bier namens „Antarktika“ bei 40 Grad im Schatten am Adam-Strand (am daneben liegenden, wesentlich romantischeren Eva-Strand war bierfreie Zone), zurück an Bord Tauchaktion nach einem vom Käpt´n versenkten Teil und nach missglücktem Versuch, ein preiswertes Iss-so-viel-wie-du-kannst-Restaurant zu finden Burger-Abendbrot an der Poolbar, heruntergespült mit einem kräftigen Caipirinha. Dann ließen wir die Wochen noch einmal Revue passieren: Flaute, Starkwind, Gewitter, Regen und fünf Pfund Sonne, trubliges Stadtleben und absolute Natur – wir hatten die brasilianischen Extreme ausgekostet. Blieb uns nur noch, Christian „traumschiffsmäßig“ zu verabschieden: Dessert mit Wunderkerzen samt huldreicher Rede des Käpt´ns. Als Krönchen holte Friedrich seine Gitarre heraus und sang, kräftig unterstützt von Christian, den durch ihn so berühmten Song:
In Rio de Janeiro, in einer winzig kleinen Hafenbar
Saß ein braungebrannter Gaucho mit kohlschwarzem Haar.
Um Dolores zu vergessen, die sein liebstes war gewesen
Sprach er zu Don Phillipo, dem alten Spelunkenwirt:
Carramba, carracho ein Whisky, carramba carracho ein Gin
Verflucht sakramento Dolores und alles ist wieder hin…
Dolores, wir trinken kein Bier und keinen Wein,
Dolores, wir trinken den Whisky nur allein….
Parati, 11.04.2010
Romantik pur
„Um presente para ti“ – Ein Geschenk für dich…und schon saß Claudia auf dem Hafenmäuerchen neben einem Hippie-Typ, der ihr mit leuchtenden Augen aus Kupferdraht einen kunstvollen Ring bastelte und ihr an den Finger steckte, dann zufrieden mit sich und der Welt eine Flöte aus seiner Umhängetasche holte und „Das Mädchen von Ipanema“, den wohl bekanntesten Bossa Nova spielte. Die Melodie summend schlenderten wir vom kleinen Hafen an einer kleinen Kirche vorbei in die kleinen Straßen des Städtchens. Kleine Häuser beherbergten kleine Läden, kleine Cafés, kleine Pousadas. Aus allen drang wunderbar ruhige Musik: Jazz, Klassik, Bossa Nova. Überall äugten wir mal rein, denn schnell kann man sich ohnehin nicht fortbewegen in Parati. Die Straßen des im 17. Jahrhundert gegründeten Ortes sind mit großen Steinen gepflastert, auf denen wir entlang balancierten. Spannenderweise sind die Straßen auch noch auf Meereshöhe angelegt, so dass sie beim Gezeiten-Hochwasser zwecks Reinigung geflutet werden. Auf den sauberen Sträßlein kehrten wir wieder zurück zum Hafen, wo wir eine kleine Piratenbar fanden, in der es großes Bier gab!
Am nächsten Morgen saßen wir in einer Pousada an einem rustikalen Tisch mit einer großen Kanne Kaffee. Wir hatten nach einem Internetzugang gesucht und waren sofort hereingebeten worden. Wieder einmal waren wir von der großherzigen Freundlichkeit der Brasilianer beeindruckt. Und so saßen wir in dem 300 Jahre alten Gemäuer und starrten auf unseren Bildschirm, der uns 28 empfangene Mails anzeigte. Offensichtlich mussten die TV-Bilder aus dem überschwemmten Rio so katastrophal gewesen sein, dass sich viele unserer Freunde nach unserem Befinden erkundigten.
Den Nachmittag verquatschten wir gemütlich in einem Hafencafé mit zwei deutschen Studentinnen, die Kurzurlaub von ihrem Praktikum in einem Kinderheim in Rio de Janeiro machten. Gemeinsam genossen wir den Sonnenschein, betrachteten die neben uns aufgebaute Freiluftgalerie und die an der Hafenmauer schaukelnden bunten Boote, ein Pferd mit Fohlen, das auf der Grünfläche um ein Denkmal graste. Bummelten später durch die mit Abendsonne beschienenen Gassen, fanden einen Gemischtwarenladen, in dem wir einen Eimer und eine große Waschschüssel erstanden. Und just in dem Moment, als wir wieder die Straße betraten, fing es an zu gießen. Wir stülpten uns Eimer und Waschschüssel über die Köpfe und balancierten auf den nassen Pflastersteinen quer durch die Altstadt zum Hafen. Kein trockener Faden war mehr an uns, aber immerhin hatten wir trockene Haare!
Claudia hatte sich richtig in Parati verliebt, die Atmosphäre der Gassen, die grünen Berge rings herum und die Bucht mit den kleinen Inselchen. Offensichtlich hat diese Gegend schon auf viele die gleiche Wirkung gehabt – Mick Jagger ist bekennender Parati-Fan und schon die Großeltern von Thomas und Heinrich Mann hatten hier eine Fazienda mit Cachaca-Brennerei. Mit dem Versprechen des Käpt´ns, hier noch einmal zurück zu kehren, ließ sich Claudia zum Aufbruch bewegen. Und so schipperten wir an der Mann´schen Villa Buena Vista vorbei in Richtung des einzigen brasilianischen Fjordes.
Fjordlandschaft
Als uns Rocha im Segelclub von Charitas von einem brasilianischen Fjord erzählte, dachten wir natürlich sofort zurück an Norwegen. Sollte es so etwas hier auch geben? Etwas skeptisch steuerten wir auf die Einfahrt zwischen ein paar kleinen Inseln. Und da war die Fjordlandschaft von Mamangua: Bakkersteine über denen sich grüne Berge hoch hinauf zogen, gekrönt von kahlen Felsformationen in tausend Meter Höhe. Auch wenn sie nicht ganz so spektakulär wie ihre norwegischen Kollegen ins Meer abfallen, beeindruckend sind sie alle mal. Die Dimension erkannten wir dann schließlich, als wir auf dem höchsten Massiv kleine bunte Pünktchen als Bergsteiger identifizierten – und irgendwie an die „Kanzel“ im Lysefjord denken mussten. Ein gewaltiger Unterschied ist allerdings die Wassertiefe. Während sie in Norwegen direkt neben dem Ufer gleich auf mehrere hundert Meter abfällt, kämpften wir uns hier bei drei Metern und weniger zu einem Ankerplatz vor einem kleinen, nur auf dem Wasserwege erreichbaren Fjorddorf. In der Dunkelheit sprangen Generatoren an und Lichter glimmten auf. So auch in der kleinen Kirche am Ufer, zu der dann die Leute von den verstreuten Gehöften per Booten aus tiefster Dunkelheit auftauchten. Wunderschöne Frauenstimmen, begleitet von E-Gitarre und Schlagzeug drangen an unser Ohr, doch später ergoss sich auf die armen Sünder eine stundenlange ekstatische Predigt, die offensichtlich das Höllenfeuer heraufbeschwor. Gegen Mitternacht ertönten wieder die Engelsstimmen und wenig später die knatternden Motoren der Geläuterten. Der Kirchen-Generator verstummte, das Licht ging aus und Stille legte sich über den Fjord. Im Morgennebel lichteten wir unseren Anker und verließen diesen idyllischen Ort. Drei Segeltage nach Florianopolis lagen vor uns.
Auszug aus dem Logbuch
12.4./0600 Uhr: Anker auf, Motorfahrt
12.4./0815 Uhr: immer noch kein Wind, hohe Dünung, setzten Groß zur Stabilisierung
12.4./1200 Uhr: Setzen Spi
12.4./1420 Uhr: Schauerböen, bergen Spi, setzen ¾ Genua
13.4./0000 Uhr: Schauerböen, Wind von 13 bis 35 Knoten
13.4./0745 Uhr: fahren Butterfly, Genua ausgebaumt
13.4./1030 Uhr: bergen Genua, setzen Spi
13.4./1800 Uhr: Bergen Spi, Motor an
13.4./1900 Uhr: setzen Genua
14.4./0130 Uhr: Wind schwächelt, bergen Genua, Motor an
14.4./0845 Uhr: setzen Spi
Was sich so schnöde liest, es ist jedes Mal ein ganzes Stück Arbeit, gerade wenn es darum geht, den Spi mit seinen 130 m² Stoff auszupacken, zu bändigen und wieder kunstgerecht für seinen nächsten Gebrauch einzupacken. Hat uns nicht irgendwann mal jemand gefragt, ob es nicht langweilig sei, so tagelang auf dem Meer zu sein…
So wirklich gute Unterlagen hatten wir zu Florianopolis nicht und so beschlossen wir, hinter einer Insel im Norden der Stadt die Dunkelheit abzuwarten und erst in den Morgenstunden einzulaufen. Wir waren überzeugt: In einer Millionenstadt am Meer gibt auch einen Hafen. Pustekuchen! Die einzige Ankerbucht war so offen, dass die zwei einzigen Touristen-Schoner wie Papierschiffchen auf den Wellen tanzten. Unter der Brücke, die die zwei Stadtteile verbindet, kamen wir mit unserem 19-Meter-Mast nicht durch. Enttäuscht schauten wir uns beide an, hatten wir uns doch schon auf einen Stadtbummel, ein schönes Essen, eine Rundfahrt auf Santa Catarina, auch die magische Insel genannt, gefreut. Also 180°-Wende – doch wohin? Der Wind nahm zu und angestrengt suchten wir in unseren Karten nach einer geeigneten Ankerbucht. Die mit dem Namen Magellan kam nicht in Frage, weil der Wind drauf stand, gegenüber an der Insel war es zu flach. Dann also die Walfänger-Bucht! Im letzten Büchsenlicht erreichten wir die Bucht von Armacao, wo gerade die Fischerboote ausliefen – nicht zum Walfang wie zu früheren Zeiten, sondern auf der Spur nach Krabben.
Mit dem Fernglas suchten wir von unserem Ankerplatz die Front des kleinen Fischerdörfchens ab – und siehe da, ein Dorfladen! Schnell das Schlauchboot ins Wasser und schon brausten wir rüber, um etwas für unsere leer gefutterte Obst- und Gemüsekiste zu finden. Die Dorfidylle verleitete uns aber zu einem Spaziergang und da war sie auf einem mal: das schöne Schneewittchen in mitten ihrer Zwerge. Einfach im Vorgarten neben einem Rosenbeet! Ehrlich, wir hielten uns an den Stäben fest und lugten durch den Zaun… Deutsche Gartenidylle pur!... Sogar ein kläffender Vierbeiner erschien. Also gingen weiter an den kleinen Häuschen vorbei über einen Berg und waren plötzlich in einer anderen Welt, in der Welt der Reichen. Unglaublich, welche Villen, nein Paläste hier errichtet waren. Jetzt außerhalb der Saison unbewohnt. Der Wachmann am Tor der Siedlung erlaubte uns einen Spaziergang zum einsamen Traumstrand, den Angestellte für wen auch immer harkten. Auf dem Rückweg erlaubten wir uns, in eine der Straßen abzubiegen und die Millionenvillen zu fotografieren – da brauste sofort ein Bediensteter an und verwies uns der Siedlung. Wir kehrten zurück in das klitzekleine, gemütliche Fischerdörfchen und kauften der schönen Ladenbesitzerin die letzen Äpfel und Tomaten ab.
Wieder lagen 350 Seemeilen vor uns und wieder bescherte uns der Wind einen Törn ohne Langeweile. Motor an, Motor aus, Spi hoch, Spi runter, Genua ausbaumen, Baum rein, reffen… wir hatten echt zu tun. Gerade als wir mal so richtig unter Spi in Fahrt waren, knarrte die Angel! Bei der Geschwindigkeit bekam Friedrich den Fisch gar nicht ans Boot, also Motor an und Rückwärtsgang rein, um einfach langsamer zu fahren. Schließlich tauchte er am Heck auf: ein Thun von 60 cm Länge, der zerlegt in Koteletts und Filets drei Mahlzeiten und ein Glas sauer eingelegten Fisch ergab.
Der Sternenhimmel auf dem Meer ist immer faszinierend. Der Orion ist hier auf der Südhalbkugel auch zu sehen, aber immer leuchtet auch das Kreuz des Südens aus der Milchstraße. So in der vorletzten Nacht auf unserem Weg nach Rio Grande, der südlichsten Küstenstadt Brasiliens. Der Käpt´n trat seine wohlverdiente Freiwache an und Claudia freute sich auf die Morgendämmerung. Und die begann ganz romantisch: Zarte rosa Färbung, die langsam übergriff auf die kleinen Wölkchen. Mehr und mehr erhellte sich der Himmel und erleuchtete auf einmal ein gigantisches Wolkenband vor uns, bestehend aus einer Wolkenwalze und darüber geschichteten Wolken, rosa bis rot angestrahlt – unwirklich wie ein Caspar-David-Gemälde. Ein Gemälde kann man ewig betrachten – hier war Handeln angesagt. Fix machte die Kapitana ein paar Fotos, reffte die Segel auf Taschentuchgröße und weckte den Skipper, damit er das Naturschauspiel sehen konnte. Dann schob sich die Wolkenzigarre über uns hinweg, der Wind nahm zu, kam aus allen Richtungen, ließ das Wasser brodeln, auf einmal wurde es ganz warm, wie aus einem Fön strahlte uns der Wind an – und dann war alles vorbei. Die Wolkenwalze löste sich in der aufgehenden Sonne auf und ein wundervoller Tag begann.
Doch in der folgenden Nacht entstanden Wolken vor uns, in denen gigantische Lichtorgeln installiert zu sein schienen. Wie Lichtbänder flimmerte es am Himmel. Langsam kamen wir näher und näher – und dann Blitze, die mal senkrecht ins Meer stoben, mal waagerecht den ganzen Horizont entlangliefen. Wieder verstauten wir unsere elektronischen Geräte in Backofen und Schnellkochtopf, machten alle Luken dicht und harrten der Dinge. In unserer Nähe sahen wir die Lichter eines Fischerbootes – irgendwie beruhigend. Die schnelle Abfolge der Blitze ließ die Nacht zum Tage werden. Dann leuchtete es mehr und mehr hinter uns – wir waren unter dem Gewitter durch gehuscht und die Sterne funkelten, als wäre nichts gewesen. Vor uns lag die Mole von Rio Grande, hinter der wir den Anker fallen ließen und in tiefen Schlaf versanken.
Ungewöhnliche Nachbarn
In keinem unserer Reiseführer war Rio Grande überhaupt erwähnt, in der Segelliteratur nur mangelhaft. Doch Fischer sind ja die besten Kenner der Örtlichkeiten, also hievten wir den Anker und shipperten zum nahen Anleger. Sofort ließen die Fischer ihre Reparaturarbeiten ruhen, nahmen uns lächelnd die Leinen ab und tüterten uns an ihrem Holzboot fest. Nach der Begrüßung und einigem portugisisch-spanisch-irgendwas Kauderwelsch stiegen wir auf den Steg und klopften an einer dort festgemachten deutschen Segelyacht. Keiner da – sie seien in der Stadt, sagten uns die Fischer und der Kapitän des Fischerbootes erklärte uns geduldig, wie wir mit dem Boot dorthin kommen und dass es dort auch einen Yachtclub gäbe. Und wieder waren wir über die Herzlichkeit der Brasilianer erfreut – am liebsten würden wir gleich bei den Fischern bleiben, dachten wir, bis uns eine dicke ungemütliche Welle, erzeugt durch ein Containerschiff, daran erinnerte, dass wir in der Einfahrt des größten Hafens Brasiliens lagen. Für einen angenehmeren Liegeplatz mussten wir schon bis in die Lagune fahren. Der Weg dahin war ungemein interessant. Vorbei an den Kai-Anlagen zum Löschen verschiedenster Güter entdeckten wir am Containerterminal ein Schiff, dass wie unsere EDEN am Heck den Heimathafen Hamburg anzeigte. Vorbei an Kirchtürmen und uralten Markthallen erreichten wir einen Steg, an dem Segelboote aus Frankreich und der Schweiz lagen. In dritter Reihe legten wir uns ins Päckchen und gingen an Land. Dort klärte uns ein unheimlich netter Brasilianer (welcher ist das eigentlich nicht?) auf, dass wir nicht im Yachthafen gelandet seien, sondern am Steg der Uni. Aber wenn wir den Boss Lauro fragten, wäre es kein Problem hier zu bleiben, weil Lauro Schiffe liebe. Und wirklich: strahlend gab er uns die Erlaubnis so lange zu bleiben, wie wir wollen. Nein, es kostet auch überhaupt nichts, ruft er uns noch hinterher. Und so landeten wir in der oceanografischen Abteilung der Universidade Federal Rio Grande do Sul mit Meeresmuseum, Ausstellung zur Antarktis, Naturreservat auf der gegenüberliegenden Insel Pólvora und einer Station zur Pflege von verletzten Meerestieren. Unsere neuen Nachbarn wohnten nur ein paar Schritte entfernt: ein Magellan-Pinguin, ein Seelöwe und eine riesige Möwe mit amputiertem Flügel.
Rio Grande, 29.04.2010
Lauro´s Paradies
Neun Tage blieben wir in diesem kleinen Paradies. Seit 35 Jahren baut Lauro es auf und als wir ihn in seinem Küchenhaus besuchten, strich er gerade höchst selbst die Holzwände neu in sonnengelb. Ein absoluter Macher! Fröhlich deutete er auf einen gemalten Spruch über einem Fenster, der sinngemäß übersetzt hieß: Vergiß nicht, dass du stirbst. Lauro hat sich durch seine Arbeit schon ein Denkmal gesetzt. Nicht nur, dass er alle die riesigen Bäume vor Jahren selbst gepflanzt, die Museen und Ausstellungen begründet hat und alles tut, um den Menschen die Natur nahe zu bringen – er kennt sogar das Berliner Naturkundemuseum, das Stralsunder Oceaneum und den Warder von Heiligenhafen! Gern schrieben wir uns in sein Gästebuch ein und dachten noch mal an die wunderbaren Tage, die wir hier verbrachten:
Internationales Sonntagsessen
Ja, es war wirklich schön, als Annemarie und Werner von der „Out of Rosenheim“ bei uns an Bord den Sonntag verbrachten. Die beiden, deren Boot wir am Fischersteg vor der Stadt gesichtet hatten, besuchten uns, brachten selbstgebackenen Streuselkuchen und Kräuter-Brot mit. Spontan luden wir unsere argentinischen Steg-Nachbarn Aurora, Ximena und Omar ein, die einen Tag vorher angekommen waren und mit denen wir schon einen lustigen Abend verbracht hatten. Sie steuerten einen Wein aus ihrer Heimat bei und schon saßen wir in unserem Salon um den großen randvoll mit Gemüse und Hühnerbeinen gefüllten Wok und ließen es uns gut gehen.
Altweibersommer
Auch das Wetter zeigte sich zunehmend schöner. War nach unserer Ankunft Regen und kalter Wind auf der Tagesordnung, kam dann mehr und mehr die Sonne hervor, an den letzten Tagen wölbte sich strahlend blauer Himmel über uns. Doch die Temperaturen schockten. Noch in Parati wussten wir gar nicht wohin vor Hitze bei 38° C unter Deck und nun waren wir mitten im Herbst gelandet. Tags 20° in der Sonne, nachts 10°! Die Sonne läuft eine merklich flachere Bahn, das Licht erinnerte an Septembertage in Eden und Spinnfäden zogen durch die Luft. Neben Zinnien blühte gerade der Rosmarin ab. Doch die daneben wachsenden Ananasbüsche erinnern uns ganz schnell wieder daran, dass wir in Südamerika waren, außerdem: Die Sonne steht mittags im Norden und läuft entgegen dem Uhrzeigersinn! Und der Altweibersommer findet im April statt.
„Die Sehnsucht, die nach Salz schmeckt“
Diese Worte stehen auf der Startseite unserer Internetseite. Doch mittlerweile war das Salz zu Claudias Alptraum geworden. „Salz, alles ist voller Salz!“ parodierte schon Christian in Rio de Janeiro die Kapitana. Nun endlich gewährte unser Stegplatz mit Schlauchanschluss die Möglichkeit, die komplette Entsalzung vor zu nehmen. Polster, Sitzkissen, Teppiche, Decken, Klamotten, Deck, Cockpit, überhaupt alles, an dem irgendein Körnchen Salz war, durchlief die Prozedur. Unheimlich viel Arbeit, aber als die Polster des Salon wieder in ungesalzenem himmelblau leuchteten, strahlte Bordfrau glücklich und zu frieden und die Sehnsucht machte sich wieder in ihrem Herzen breit… Dabei hilft nur eins: Weitersegeln! Die nächsten Ziele liegen vor uns:
Uruguay und Argentinien