Segeln an der Ostküste Brasiliens

 

 

Salvador, 24.02.2010

 

In der Hauptstadt von Bahia

Zwei Tage, zwei Nächte Segelei und wir bogen bei aufgehender Sonne in die Bucht von Salvador. Riesige Wolkenkratzer ließen die ersten Strahlen reflektieren, zu ihren Füßen am Meer die weniger strahlenden Hütten der Armen. Dann tauchte die Altstadt mit ihnen Kirchtürmen, mit dem sie einst schützendem Fort Sao Marcelo auf. Dahinter der Ankerplatz, der aber so krachvoll war, dass wir in die nicht sehr preiswerte Marina ausweichen mussten. Allerdings sind es von dort nur wenige Schritte zum Elevator, der die Menschenmassen in den reizvollen Altstadtbezirk Pelourinho hebt. Bei senkrechter Sonne und knuffiger Hitze wandelten wir wie tausende von Touries durch die Gassen mit ihren alten Kolonialhäusern, über Plätze mit prachtvollen Kirchenfassaden. Wir schauten den Malern zu, die kleine und große Gemälde schufen und waren beeindruckt von den aufwendigen Trachten der Bahianerinnen. Und eines fiel uns dabei auf: Salvador ist anders als die Städte im Norden. Waren diese eher europäisch aufgrund ihrer Besetzung durch Portugiesen, Niederländer geprägt, geht es hier in Salvador eher afrikanisch zu. Viele der nach Brasilien verschifften Sklaven wurden hier zur Arbeit auf den Kakao- und Rohrzuckerplantagen an Land gebracht und prägen bis heute das Gesicht der Stadt, die Kultur, die Märkte, die Musik. Die Architektur schufen die Kolonialherren, die der Kakao und die Edelsteine reich gemacht hatten. Den unermesslichen Reichtum konnten wir in der Kirche Igreja de Sao Franzisco betrachten. Auch die Goldene Kirche genannt, erstrahlt das Innere komplett aus diesem Edelmetall.

 

Bis früh um fünf…

In Salvador umgab uns nicht nur der alte europäische Einfluss– nein, auch der neue! Zu mindestens in der Marina, die von Segelbooten aus unserem Heimatkontinent stark frequentiert war. Und so trafen wir auch auf einige deutsche Segler und wie es nicht anders sein kann, auch auf Bekannte. Mit Hilde und Uli von der TOFUA haben wir in Bayona/Spanien im letzten August einen lustigen Abend verbracht. Und so wunderte es nicht, dass die Skipper in technischen Erfahrungsaustausch traten, während die Bordfrauen zu einem ausgiebigen Stadtbummel aufbrachen. Eigentlich viel zu kurz. Denn wie immer, wenn wir an einem Steg mit Wasser und Strom liegen, nutzten wir die Gelegenheit zur Erledigung von Arbeiten, die diese Medien voraussetzen. Also wurde gewaschen und geputzt, Kühlschrank abgetaut, Staub gesaugt… Das schönste war aber, dass wir endlich ein stabiles Internet an Bord hatten, Mama und Familie über Skype zu winken, alle Mails beantworten konnten. Da wurde es dann bei Claudia schon mal vier Uhr früh und später! Um secht bagann das Leben im Hafen mit seinen kleinen Inselfähren, großen Touristenbooten… Nicht nur die vielen Eindrücke der letzten Wochen, die durchwachten und durchsegelten Nächte, auch die zunehmende Hitze hatten uns ganz schön geschafft und so beschlossen wir eine Woche „Urlaub“ vom Reisen zu machen. Ruhiger Ankerplatz mit kristallklarem Wasser, lesen, schlafen, schnorcheln, kochen, einen Caipirinha als Sun-Downer genießen, abends verliebt an der Uferpromenade bummeln …

 

 

Itaparica, 03.03.2010

 

Erstens kommt es anders…

Ein Ankerplatz in der Bucht von Salvador, gleich an der gegenüberliegenden Insel Itaparica war schnell ausgemacht. In der ruhigen Bucht ankerten wir wie viele andere Fahrtensegler. Die Sonne ging unter und die Party los… Es war Vollmond und der wird immer von den Salvadorianern bei einer Party auf Itaparica gefeiert, erfuhren wir später. Die Bässe drangen bis zum Sonnenaufgang in unser Ohr – mit einem Köpper ins Wasser wollten wir uns dann für den neuen Tag erfrischen. Mitten im Sprung hielten wir inne – statt Kristallwasser algig-grüne Dreckbrühe. Also vertagten wir das Bad auf später, wenn mit der Tide auch wieder sauberes Wasser in die Bucht fließt. Dann hieß es aber Urlaub machen: Lesen, schlafen, kochen. Ein Tag ohne Besichtigungen, ohne putzen und reparieren, ein Faulenzertag, wenn auch ohne schnorcheln.

 

… zweitens als man denkt

Am nächsten Morgen entdecken wir im Ankerfeld unsere französischen Seglerfreunde der ECHO, mit denen wir in Gambia unser traditionelles Weihnachtsessen geteilt haben. Und nun nahm das Schicksal seinen Lauf: Friedrich erfuhr von ihnen, das hier die Möglichkeit besteht, das Boot an einer Mauer bei Ebbe trockenfallen zu lassen. Außerdem wollten sie uns gleich den größten Supermarkt der Insel zeigen. Nach schweißtreibender Fahrt im Sammeltaxi und noch schweißtreibender Auswahl unser begehrten Lebensmittel stellte Friedrich fest, dass wir nicht genügend Geld dabei hätten – also schweißtreibend wieder fast alles zurück in die Regale… So reichte es wenigstens bei unserer Rückkehr für ein kaltes Getränk in der Marina-Bar! Der Tidenkalender gab uns dann Auskunft, dass Hochwasser um fünf Uhr früh sei. Also zeitig ins Bett (nix mit verliebten Bummel bei Nacht…), im Morgengrauen raus. Kaum hatten wir an dem Mäuerchen angelegt und zwecks fehlenden Klampen das Schiffchen an Palmen festgebunden, floss das Wasser ab und Friedrich konnte sein Werk beginnen: Muschelkratzen. Überall hatten es sich die kleinen Biester gemütlich gemacht und damit unsere Segelgeschwindigkeit schon erheblich reduziert. Mit dieser Tätigkeit war er bis zum Eintreffen der Flut beschäftigt. Während dessen widmete Claudia ihre Arbeitskraft den silbernen Teilen des Decks, damit sie vom Salze und Rost befreit, wieder schön glänzten. Fenstergummies, Dichtungen und Decksaufbauten riefen schon lange nach Pflege und so ging die Sonne unter und wir waren immer noch am Rödeln. Am nächsten Morgen schickte der Skipper seine Bordfrau zum Großeinkauf in den schweißtreibenden Supermarkt, in dem sie sage und schreibe 55 Minuten an der Kasse Schlange stehen musste, er hingegen widmete sich dem Motor: Wechsel von Öl und Filtern… Schön, dass wir da nicht mehr kochen brauchten, denn unsere französischen Freunde luden uns zum Essen ein. Auf einen verliebten Bummel verzichteten wir beide auch an diesem Abend gern.

 

 

Salvador, 05.03.2010

 

Warten auf Christian

Den letzten Nachmittag auf Itoparica konnten wir dann aber noch genießen. Wir schlenderten durch die unter der Woche stillen Gassen mit den pastellfarbenen und reichlich verzierten Fassaden, schauten den alten Leuten beim Kartenspiel zu, schauten in kleine, voll gestopfte Souvenirläden. Die Fahrt am nächsten Morgen zurück nach Salvador ging ganz fix.
Und dann hieß es warten. Warten auf Christian. Ihm erging es ähnlich wie seinen Eltern Susanne und Klaus, als sie uns in Schottland im letzten Jahr besucht hatten. Der Anschlussflug wurde einfach gestrichen und sie kamen 24 Stunden später in Inverness an. Bei Christian waren es nur fünf Stunden!

Salvador, 08.03.2010

 

Hitze und Gewitter

Hatte Christian ein bisschen Deutschlandwetter im Gepäck? Bei seiner Ankunft regnete es heftig und den abendlichen Bummel durch Salvador-Pelougrinho verschoben wir erst mal auf den nächsten Tag. Derweil packte er erstmal die ganzen Mitbringsel aus, weitestgehend bestehend aus technischem Kram, den uns Martin nach seiner Rückkehr besorgt und nun mitgeschickt hatte. Aber es kam noch ein kleines, in Alufolie gewickeltes Päckchen zum Vorschein: Ein Sträußchen mit Schneeglöckchen und Winterlingen – von der Mama einen Gruß! Am nächsten Morgen weckte uns wieder unerbittliche Hitze, so dass unser Tagesziel im Kauf eines Sonnenhutes für Christian bestand. Nebenher erstanden wir zwei wunderschöne brasilianische Hängematten und besichtigten die Catedral Basilica, die Goldene Kirche, die Plätze und Gassen der Altstadt. Wir kramten in den Werkstätten der Maler nach einem Bordgemälde, lauschten den Rhythmen einer Olodum-Truppe, die wohl schon für den nächsten Karneval übte und amüsierten uns über Christian, der tatsächlich die Aufforderung zum Capoeira nicht ablehnen konnte und  sich zum Fotoshooting inmitten der tanzenden Kämpfer (oder kämpfenden Tänzer?) wieder fand. Wir schleppten uns mit letzter Kraft in ein schattiges Restaurant und versuchten mehr oder weniger der drückenden Hitze mit eiskaltem „Skol“ zu entgegnen. Prompt zum Abend fegte ein Gewitter die Straßen leer, ließ unseren „Heiß-Durst“ auf Caipirinha abkühlen. Stattdessen genossen wir den kalten Guss von oben und fingen binnen kurzer Zeit vierzehn Liter köstliches Trinkwasser auf.

 

 

Morro Sao Paulo, 10.03.2010

 

Fünftausend Meilen von Zuhaus

Christians erster Törn bestand aus dreizehn nett gesegelten Meilen zur Costa do Dendé, deren wohl bekannte Insel Ilha de Tinharé ist. Wir verkrümelten uns auf einem idyllischen Ankerplatz in einer Flussmündung und ließen den Tag bei einer kleinen Musikvorführung des Käpt´ns ausklingen, der als Ohrenschmaus die goldigen Zeiten des Freddy Qinn auferstehen ließ und passender Weise den Titel „Fünftausend Meilen von Zuhaus“ auswählte (stimmt fast auf den Kilometer!), gefolgt von „Ob am Kai von Casablanca, ob am Strand von Salvador…“. Bei „Junge komm bald wieder“ streikte dann die Crew! Am nächsten – noch kühlen Morgen starteten wir zu einem Landausflug. Noch hielt die Flut an und so wurde aus der geplanten Strandtour eine Wasserwanderung… Wir wateten durch Mangrovengebüsch, stiegen über geflutete Wurzeln und kämpften uns durch hüfthohes Wasser der Priele. Gelblich-durchsichtige Krabben, die mit ihren schwarzen Antennenaugen echt utopisch aussahen, flüchteten in ihre Sandlöcher und die am Strand liegenden Palmenfrüchte verlockten den Käpt´n zu sportlichen Aktivitäten wie Kokosnussweitwurf. Nachdem wir nämlich das Mangrovengebüsch hinter uns hatten, eröffnete sich ein weiter Palmenstrand. Menschenleer – allerdings breit gesäumt mit zivilen Resten in Form von Plastikmüll. Für uns unglaublich, was die Leute ins Wasser entsorgen. Schließlich entdeckten wir einen Weg über die Halbinsel zurück zu unserem Ankerplatz und liefen durch dichten Urwald, in dem kleine, wie Katzenbabies aussehende Äffchen in den Zweigen turnten, bunte Vögel zwitscherten. Wirklich fünftausend Meilen Unterschied zu den brandenburgischen Wäldern !

 

Das Mallorca Brasiliens…

So hatte unsere Freundin Susann den Ort Morro Sao Paulo beschrieben. Dennoch lockte uns ein Besuch. Als wir am zeitigen Morgen unser Schlauchboot neben dem altertümlichen Hafentor hochzogen, waren noch nicht einmal die Kassen eröffnet, die jedem anreisenden Besucher erstmal umgerechnet knapp fünf Euro aus den Taschen ziehen. Ohne Eintritt betraten wir einen kleinen idyllischen Touristenort mit weißem Sand in den Geschäftsgassen. Maulesel und Männer mit Schubkarren schleppten sich durch diesen Sand, um Baumaterialien, Touristengepäck und Nachschub für die Strandrestaurants hin und her zu transportieren. Bunte Boutiquen wechselten sich mit Pensionen, mit Bars und prächtig beblühten Fassaden ab. Mit höher werdender Sonne stiegen wir den schattigen Weg durch Regenurwald hinauf zum Leuchtturm und wurden durch witzige Katzenäffchen begrüßt. Wie ein Lauffeuer ging mit einem Mal ohrenbetäubendes Zirpen durch den Wald, mal dichter, mal weiter, auf- und abschwellend. Der Anblick unsers ankernden Bootes tief unten ließ uns den Rückweg antreten, um die Mittagshitze ankernd vor der traumhaften Kulisse einer Steilwand mit Palmen gesäumtem Sandstrand zu verbringen.

 

 

Santa Barbara, 14.03.2010

 

Feuerland

Die brasilianische Küste, die wir bisher abgesegelt hatten, müsste eigentlich Feuerland heißen. Grund waren die im Nordosten brennenden Feuer, die tags gigantischen Rauchschwaden in den Himmel schickten und nachts riesigen glutroten Schein am Firmament erzeugten. Was wir zunächst als katastrophale Waldbrände bedauerten, waren allerdings angezündete Rohrzuckerfelder. Zwecks einfacherer Ente der Stängel werden die Blätter abgebrannt. Hier nun an der Palmenküste tauchten nächtliche Gewitter die Landschaft in gleißende Helle. In den Wolken schienen Lichtorgeln installiert zu sein. War das Wetterleuchten bisher nur über dem aufgeheizten Land zu bestaunen, erlebten wir unser erstes Gewitter auf See bei unserer Überfahrt zu den 70 km vor gelagerten Inseln des Archipelago de Abrolhos. Wir hatten kaum Wind, dafür leuchtete und grummelte es um uns herum. Sicherheitshalber verstauten wir alle unsere beweglichen elektronischen Geräte im Backofen, der als Faraday´scher Käfig Schutz gewähren sollte. Faszinierend beobachteten wir die zuckenden Blitze unterschiedlichster Formen und waren dann aber doch froh, als das Gewitter sich davon schlich.

 

Abre os olhos – Öffne deine Augen

Diese Worte schrieb Amerigo Vespucci 1503 in sein Logbuch, als er sich einem Archipel bestehend aus  fünf kleinen Inseln näherte, die seither als Abrolhos bekannt sind. Grund dafür waren sicher die vielen Riffe, die die Inselgruppe umgeben. Auch wir standen sicherheitshalber im Ausguck, um per „Augapfel-Navigation“ Riffe auszumachen. Die Augen öffneten wir aber auch, um die Inselwelt über und unter Wasser zu erkunden. An unserem Ankerplatz vor der Insel Santa Barbara begrüßte uns Phillip, der Ranger des Meeresnationalparks. Wir verabredeten uns mit ihm, die Insel Siriba zu besuchen. Sie ist die einzige Insel, die unter Aufsicht betreten werden darf. Schnorcheln dürften wir aber überall, informiere er uns. Und so holten wir Taucherbrillen raus und waren mit dem ersten Blick nach unten in einem riesigen Aquarium. Fische aller Größen, Farben und Formen umgaben uns, Meeresschildkröten schielten neugierig zu uns hinauf. Keiner der Riffbewohner zeigte Fluchtverhalten, alle schwammen gelassen neben, unter, um und mit uns – darunter Baracudas, Rochen, gar ein kleiner Hai. Begeistert saßen wir später an Bord und jeder beschrieb die schönsten Fische. Christian konnte sogar ihre Gesichtsausdrücke nachmachen! Krönung war jedoch der Besuch Siriba´s. Was zunächst wie weiße Steine aussah, stellte sich als brütende Seevögel heraus. Auch sie haben keinerlei Angst vor Menschen und schauten höchstens mal neugierig zu uns, wenn wir in einem halben Meter Abstand an ihnen vorbeiliefen. Im Wesentlichen gibt es auf den Inseln vier Seevogelarten: White und Brown Bobby, Fregattvogel und eine Art Paradiesvogel. Gerade hatte die Brutsaison begonnen, erst seit einigen Tagen saßen die ersten Vögel auf ihren Eiern, erzählte uns Phillip. Andere Paare sind noch beim Flirten: Vogelmann knuddelte an seiner Auserwählten rum und schenkte ihr Zweiglein… dazwischen huschten Eidechsen über die angelandeten Korallen. Wir drei waren absolut bezaubert von dieser Inselwelt und blieben einfach noch einen Tag länger als geplant.

Vitoria, 19.03.2010

 

Grimmiger Neptun

Für unseren superschönen Verlängerungstag mussten wir dann aber einen grässlichen Törn ans Festland in Kauf nehmen. Neptun war uns nicht hold. Zunächst ließ er den Wind einschlafen und wir tuckerten auf der spiegelglatten Atlantikoberfläche Stunde um Stunde. Dann fuhr Neptun dicke Wolken auf, mit permanent steigendem Wind, zu allem Überfluss aus der hier untypischsten Richtung – von Südwest. Also genau aus der Richtung, in die wir wollten. Irgendwann half auch Reffen nicht mehr und so rollten wir die Genua weg und schlugen die Arbeitsfock an. Die Wellen stoben nur so über den Bug, als wir durch das Wasser pflügten. Aber wir hatten ja nun alle undichten Stellen abgedichtet und kosteten dieses erhabene Gefühl aus, endlich ein trocknes Schiffchen… Kreisch. Iiiiiiihhh – hysterischer Anfall der Bordfrau – aus ihrer vollgesogenen Matratze tropfte das Wasser schon ins Eingemachte (verstaut unter ihrem Bettchen). Der Käpt´n legte seine Stirn in Falten, Tücher und  Lappen in die nassen Ecken… Nun war wringen und wischen angesagt, bis wir einen Industriehafen anlaufen konnten, hinter dessen Kaimauer schon viele kleine Fischerbötchen Schutz gesucht hatten.

So wie sie, verließen wir am nächsten Morgen den Hafen. Hold war uns Neptun immer noch nicht, der Wind kam weiter aus Süd bis er schließlich so schwach wurde, dass wir mit Kreuzen unserm Ziel nicht näher kamen. Mit ein paar Motorstunden schafften wir es noch vor Sonnenuntergang. Wir schlüpften zwischen knuffigen Felsen der Vitoria-Bucht zum Yachtclub der Stadt. Zwar war dieser brechend voll, aber ein komfortabler Ankerplatz war schnell gefunden.

 

Und alles muss trocknen

Matratzen, Kissen, Polster, Klamotten – das ganze Deck dekorierten wir damit. Während alles trocknen sollte, entsalzten wir die Bugkoje, die Segelkammer, den Salon und die Pantry. Friedrich riss die Verkleidungen von den Bordwänden – irgendwo müssten doch Spuren des Wasserverlaufes ausfindig zu machen sein. Fehlanzeige. Dennoch starten er und Christian zu einer erneuten Abdichtungsrunde. Aber vielleicht sollten wir einfach nie wieder gegenan segeln, schlug die putzende Kapitana vor… Das bedeutete aber erstmal vier Tage Aufenthalt in Vitoria, so lange sollte der Südwind laut Vorhersage  anhalten.

 

 

Vitoria, 21.03.2010

 

Bermuda-Dreieck

Als Belohnung für anstrengende Tagesarbeit durfte die Crew auf nächtlichen Landgang gehen und landete im „Triangelo das Bermudas“, dem angesagtesten Viertel der Stadt. Zahlreiche langbeinige Geschöpfe im Mini verdrehten der männlichen Crew die Köpfe. Noch nie habe er so viele Mädchen in Highheels auf einmal gesehen, sprach der Käpt´n mit leuchtenden Augen, und auch noch nie so viele Feraries. Wir waren bei den Schönen und Reichen gelandet. Sehen und gesehen werden – und so flanierten wir wie alle innerhalb des Straßendreiecks, in dem man offensichtlich viel Geld versenken kann und landeten dann nach Anstehen in einem der begehrtesten Läden. Ein Eimer gefüllt mit auf Eis liegenden Flaschen war billiger als drei einzelnen Bier. Und so tranken wir Bier aus Eimern, lauschten der Livemusik und beobachteten die Flirtversuche der in starker Überzahl vorhandenen Schönen. Auf dem Nachhauseweg verloren wir Christian… versunken in Bermuda? Nein, nicht einer der Mini´s hatte ihn wortlos davon stürzen lassen, sondern nächtlicher Heißhunger. Wie zurückgelassenen Enteneltern paddelten wir  zum Ankerplatz. Irgendwann wurden wir durch ein klagendes Rufen unseres Hühnerkücken geweckt. Der Käpt´n drehte sich mit den Worten: „Soll er doch schwimmen“ auf die andere Seite, erhob sich dann aber doch zu einer morgendlichen Paddeltour…

 

 

Frühlingsanfang

So stand es in unserem deutschen Küchenkalender geschrieben – doch für uns hieß es, dass der Herbst begann. Kaum zu glauben, als wir unter glühender Sonne einen Spaziergang durch die Gassen der Altstadt machten. Angelegt auf den Hügeln einer Flussmündung liegt Vitoria landschaftlich sehr reizvoll. Der Hafen hat in Zeiten des sich schnell entwickelnden Kaffeeexportes des 18. Jh. den Reichtum der Stadt begründet. Der spiegelt sich in einigen wenigen prachtvollen Gebäuden noch wider. Aber die meisten Altstadtvillen sind der Bauwut der letzten Jahre anheimgefallen und durch hässliche Hochhäuser ersetzt worden. Heute liegen die reichen Viertel dem Meer zugewandt, so wie das schon erwähnte „Triangelo das Bermudas“. Auf der anderen Seite der Flussmündung liegt die Stadt Vila Velha gekrönt mit einem ehrwürdigen Pilgerort auf einem 154 Meter hohen Berg. Dieses Eremitenkloster „Convento da Penha“ hatten wir uns als weiteres Erkundungsziel ausgeguckt. Vor Sonne schützte uns zwar ein dichter Urwald, aber die hohe Luftfeuchtigkeit ließ uns auf dem steilen Pilgerpfad ganz schön ins Schnaufen geraten. Ein phantastischer Blick auf die Schwesterstädte, die Flussmündung und die bergige Landschaft entschädigte uns ungemein, der kühle Luftzug auf dem Berg erfrischte unsere heißen Köpfe. Und so sahen wir uns dann auch in der Lage, die Heiligtümer von 1558 zu betreten, in dessen Gewölben die älteste Malerei Lateinamerikas aufbewahrt wird. Die heilige Senhora da Penha wacht nicht nur über sie, sondern auch über die Wünsche der Pilger, die in Form von Zetteln und Fotos, gravierten Steinplatten, Modelle aller Gliedmaßen und Organe, die es zu heilen gibt, überall angebracht und aufgestellt sind. Auch wir gönnten uns einige Minuten des Gedenkens und traten wieder hinaus unter den weltlichen Himmel, der sich bedrohlich grau über uns zusammen zog. Ja, es war ja eben Herbstbeginn!

 

Cabo Frio, 23.03.2010

 

Das kalte Kap

Endlich hatte der Wind, wie von den Wetterfröschen versprochen, auf nordöstliche Richtung gedreht und wir verließen Vitorias felsige Bucht. Frischer Wind wehte achterlich und schob uns schnell gen unser neues Ziel, das da Rio de Janeiro hieß. Einen Tag und eine Nacht und noch einen halben Tag war uns und den Wetterfröschen der Wind treu, dann machte er mal wieder was er wollte – er ging einfach schlafen. In der untergehenden Sonne lag der Gipfel von Cabo Frio vor uns. Dort machte Friedrich einen geschützten Ankerplatz in einer kleinen Bucht aus. Per Motor erreichten wir den kleinen Fischereihafen, in dem wir uns ein paar Stunden Schlaf gönnten und auf das Aufwachen des Windes warteten.

 

 

Rio de Janeiro, 24.03.2010

 

Ansteuerung der schönsten Stadt auf Erden

Als wir den Zuckerhut das erste Mal als Silhouette vor der untergehenden Sonne erblickten, rauschten wir unter Spi Rio de Janeiro entgegen. Doch aus dem Traum, an dem Wächter der Stadt vorbeizusegeln, wurde nichts – der Wind schlief ein. So tuckerten wir den tausenden Lichtern entgegen. Wir machten die Strahler der Copacobana aus, die den Strand taghell erleuchten und wir beobachteten, wie mit abnehmenden Tageslicht die erleuchtete Christus-Figur über der Stadt zu schweben schien. Wir fuhren um den Zuckerhut herum und suchten uns unterhalb einen Ankerplatz. Wir hatten die Stadt der Superlative erreicht! Die schönste Stadt der Welt mit dem blauesten Himmel überhaupt und den feierwütigsten Einwohnern des Erdballs – so unser Reiseführer. Diese Superlative konnten wir leider nicht sofort überprüfen, dazu war es einfach zu dunkel und zu spät. Nur eines: Rio ist offensichtlich die kanalloseste Stadt des Universums… Ob sich auch die Christus-Figur die Nase zu hielt, konnten wir leider nicht erkennen – er drehte uns den Rücken zu!