Im Nordosten von Brasilien

 
 
Natal, 31.01.2010
 
Grandioser Empfang
Sonntagnachmittag ist eine wunderbare Zeit, um in Brasilien anzukommen. Eigentlich ist es ja nach einer Atlantiküberquerung völlig schnuppe, wann man das erste Mal den Fuß auf einen fremden Kontinent setzt. Aber nicht in unserem Fall! Am Sonntag haben auch Brasilianer frei – und offensichtlich sofortbereit, alle ihre Pläne umzuschmeißen. Nämlich nach einem kurzen Anruf bei Hercules, einem Freund von Magnus (unserem brasilianischen Freund aus Berlin) wartete kurz darauf ein ganzes Begrüßungskomitee auf! Hercules hatte auch Magnus Familie benachrichtigt und so saßen dann Mama und Papa, Magnus Schwester Lara mit Mann und Kind bei uns an Bord. Fröhlich war natürlich unsere Unterhaltung, die wir mit Claudias dreieinhalb Brocken portugiesisch, ein bisschen englisch, aber im Großen und Ganzen mit Händen und Füßen bestritten. Der Begrüßungsabend verlief aber so herzlich und unkompliziert, dass wir uns sofort wohl in der Familie fühlten.
Uns wurde alle Liebe zuteil, die eigentlich Susann und Magnus und den Eltern von Susann zusteht. Zur Erklärung: Ute und Ingolf sind Edener Nachbarn und deren Tochter Susann hatte bei einem Brasilienaufenthalt hier in Natal Magnus kennen- und lieben gelernt. Die beiden wohnten zunächst auch in Eden und wir verbrachten zusammen viele schöne Stunden am Lagerfeuer, beim brasilianischen Kochen oder auch auf unserer EDEN. Leider konnten wir die Einladung zu ihrer Hochzeit nicht annehmen – aber wir stießen auf die beiden beim Grillen in der Lagune von Olhao, Portugal im letzten September an. Wer aber in Berlin mitfeierte, waren die Eltern von Magnus, Gilda und Vicente. Ja, und die beiden saßen jetzt in unserem Cockpit! Später saßen wir, als sich alle verabschiedet hatten, im nächtlichen Pool des Yachtclubs und genossen den unglaublichen Luxus eines Süßwasser-Bades!
 
Natal, 02.02.2010
 
Hoch lebe die Bürokratie
Der Montag stand im Zeichen der Einklarierung. Schon früh suchte Friedrich das Büro des Yachtclubs auf. Dort wurde dann die Einwanderungspolizei gerufen. Zwar hatten wir gegen Mittag die Stempel in den Pässen, aber mehr eben noch nicht. Bei senkrecht brennenden Sonne machte er sich dann auf den Weg zum Zoll, zum Gesundheitsamt und zur Hafenbehörde. Zwar liegt alles in der Nähe des Hafens, doch mussten sich Friedrich und Martin an die Brasilianischen Dimensionen gewöhnen. Nicht nur das Land ist riesig, sondern auch alles andere und eben auch die Entfernungen! Und so liefen sie zwischen den Behörden hin und her, kamen völlig geschafft am späten Nachmittag zurück an Bord. Claudia hatte inzwischen einigermaßen Klarschiff gemacht, nach 2 Wochen Segeln echt kein Zuckerschlecken. Nur kurz weilte die Erholung, dann holte uns Lara, Magnus Schwester ab und wir fuhren nach Punta Negra, einem Touristenort im Süden von Natal. Dort trafen wir uns zum Essen mit Hercules. Für uns neu: ein Kilo-Restaurant. Am Buffet luden wir uns die Teller voll, die dann an der Kasse auf eine Waage gestellt wurden, um den Preis zu ermitteln. Beim Essen und fröhlichen Palavern war die Bürokratie vergessen – nur ein bisschen blieb im Bewusstsein, dass bei jedem Ortswechsel innerhalb von Brasilien An- und Abmeldezeremonien bei den Behörden vor uns liegen….
 
Ganz in Familie
Am nächsten Morgen waren wir mit Gilda und Vicent verabredet. Doch als wir gerade ins Schlauchboot steigen wollten ging ein wahnsinniger tropischer Regenschauer hernieder, der die Umgebung im Nichts verschwinden ließ. Als es nur noch tripfelte fuhren wir von unserem Ankerplatz zum Yachtclub. Mit einer dicken Umarmung begrüßte uns Gilda und schon saßen wir im Auto und brausten durch Natal. Die Sonne schien schon wieder als wir am Strand von Ponta Negra spazieren gingen, die Farben des Meeres und die riesigen weißen Dünen bestaunten. Zur Mittagszeit trafen wir im Haus der beiden ein und Gilda stellte sich an den Herd und zauberte Fleisch mit Reis, Mangosaft, Kokosküchlein, Maiskuchen und Tapioca, eine Art Fladen mit Kokosmilch getränkt. Dank unseres Kauderwelsch-Wörterbuches klappte die Verständigung - Gildas Temperament und Körpersprache tat ihr übriges! Fröhlich hantierte Claudia mit in der Küche, lernte dabei von Gildas 7-jährigen Enkel die Wörter für Gabel, Messer…. Während dessen durften Friedrich und Martin in den Hängematten auf der Terrasse relaxen. Auf unserm Boot kamen wir abends absolut dick und rund gefuttert wieder an.

Natal, 04.02.2010
Martin nimmt Abschied
Am letzten Tag musste Martin noch mal alles geben: Eine Wanderung! Wir liefen gleich nach dem Frühstück in glühender Hitze zur großen Brücke über den Rio Potengi. Unter dieser waren wir ja schon durchgefahren, nun aber wollten wir auch noch hoch hinauf. Und unsere Mühe hatte sich echt gelohnt! Zu beiden Seiten hatten wir eine wundervolle Aussicht auf den Fluss, auf die Millionen-Stadt mit ihren Dünen und weißen Stränden. Doch damit nicht genug, wir schleppten Martin auch noch zum historischen Highlight Natals. Das Fort, das die Entdecker errichteten und das unter portugiesichem, spanischem und niederländischem Kommando stand. Doch zurück im Yachtclub strahlen Martins Augen beim Biertrinken. Übrigens wird das Bier hier eis-eis-eis-kalt getrunken und damit es nicht aufwärmt, in einer dicken Isolierflasche serviert. Während Martin Sachen packte, kochte Claudia aus dem restlichen afrikanischen Obst Marmelade zum Mitnehmen. Mit einem riesen tollen Fischessen verabschiedete sich Martin und dann stand Hercules bereit, ihn zum Flughafen zu fahren. Zu guter Letzt entzündeten wir wie auf dem Traumschiff die Wunderkerzen.

 

Natal, 06.02.2010

 

Natal zu Fuß

Fast drei Monate waren wir ein Dreier-Kleeblatt, nun waren wir wieder zu zweit. Aber wir hatten ja eine Familie dazu gewonnen und die hatten wir für einen samstäglichen Bootsausflug eingeladen. Wir schnappten uns die Rucksäcke, um frischen Proviant zu besorgen, sprich Bier! Also marschierten wir durch das Fischer-Viertel, das gleich an den Yachtclub angrenzte. In kleinen Läden zerlegten die Männer riesige Fische, sägten mit Kreissägen Thunfischscheiben von fast einem halben Meter Durchmesser. Ein Fischer lieferte Nachschub: Er hatte auf den Gepäckträger seines alten Fahrrades einem dicken Fisch geschnallt. Wir liefen weiter durch geschäftige Straßen und landeten schließlich vor einem Angelausrüster. Nicht ganz zufällig, Friedrich hatte ihn schon bei seinem Behördengang entdeckt und nun überzeugte er die Bordfrau zum Kauf einer neuen Rolle, diversen Haken und buntem Plastikanhängseln. Letzteres zweifelte Claudia an, hatten doch die Mülltütenköder bisher alle Fische gefangen. Aber Angler lieben eben bunten Plastikkram… Dann liefen wir weiter durch ruhige Straßen mit Häusern aus längst vergangenen Zeiten. Die Fassaden im Hafenviertel in morbiden Kolonialstil, fast Ruinen. Hinter einer breitspurigen Straße begann das neue Natal. Gigantische Hochhäuser, breite Straßen, geschäftiger Verkehr. Und da sind sie wieder, die brasilianischen Dimensionen – zu Fuß nicht bestreitbar. Also drehten wir um und suchten uns einen schattigen Platz. Ein Stand mit grünen Kokosnüssen weckte unsere Aufmerksamkeit. Die Verkäuferin kramte uns eine aus ihrer mit Eis gefüllten Styropur-Kiste, hackte mit einem Dorn ein Loch in die Schale, steckte einen Strohhalm hinein – Zisch… machte es in unser trockenen Kehle. Köstlich schmeckte der eiskalte Inhalt, löschte den Durst und gab Kraft für den Rückweg.

 

Natal per Boot

Samstag früh. Wir holten unsere Tages-Crew nach und nach mit dem Schlauchboot vom Yachtclub-Gelände über: Magnus Eltern Gilda und Vicent, Tante Geilda und Onkel Carlos, Schwester Larissa mit Mann Igor und Tochter Maria Eduarda, Magnus Freund Hercules mit Frau Adriana und Sohn Cécar und sein Freund Leandro mit Freundin. Anker auf und schon ging unsere fröhliche bunt gewürfelte Crew auf Reisen, den Rio Potengi hinauf. Vorbei an dem Fischer-Viertel, an den Kaianlagen, am Marine-Hafen. Vorbei an alten Kirchen, an einer der berüchtigten Favelas. Dahinter die gigantische Skyline der Millionen-Stadt. Kontrast auf dem gegenüberliegenden Flussufer: Mangroven über Mangroven mit kleinen Flussarmen. Eine tiefe Flussbrücke bremste unsere Fahrt. Auf unserer Rücktour musste die männliche Crew ran und Segel setzen. Wir fuhren bis zur Flussmündung und dann hinaus auf´s Meer. Die ersten Wellen riefen Begeisterung bei Klein Cécar, ängstlichen Juchen bei Gilda hervor. Fröhliche Erleichterung bei allen, als wir wieder den geschützten Fluss erreichten. Dann gab´s echten Edener Kartoffelsalat mit deutschen Würstchen! Und einen brasilianischen Abschied - herzzerreißend mit Umarmungen und Küsschen! Und eine Einladung für den Abend.

 

Natal bei Nacht

Am späten Abend holte uns Hercules ab und nahm uns mit nach Hause. Scheinbar ewig fuhren wir durch die nächtlichen Straßen von Natal, vorbei an dem kunstvoll angestrahltem Turm des berühmten Architekten Oscar Niemeyer. Vor einem Tor stoppte Hercules den Wagen und ein Sicherheitsbeamter ließ uns ein. Wir waren erstaunlicherweise in einem ganz normalen Wohngebiet. Die Menschen saßen in der nächtlichen Kühle auf Bänken, Kinder spielten unter Flutlicht – aber eben in einem abgezäunten und bewachten Areal. Auch wenn wir bisher nicht einmal das Gefühl von Unsicherheit hatten – es muss sie geben, die brasilianische Kriminalität. Selbst die Fenster von Hercules Apartment im Erdgeschoss waren mit starken Gittern geschützt. Ganz offen stand die Tür, als uns Adriana begrüßt und uns stolz ihre moderne Wohnung zeigte. Cécar überraschte uns mit einem kleinen Geschenk, einem Holzboot und Adriana mit Tapioca com carne do sol – Maniokfladen mit Füllung aus sonnengetrocknetem Fleisch. Friedrich entdeckte ein Schachspiel und schon standen Adriana und er zu einer Partie am Küchentresen. Was seit Jahren nicht passierte: Friedrich zog den Kürzeren - Adriana war die strahlende Gewinnerin! Fröhlich und gestärkt fuhren wir durch das mitternächtliche Natal nach Punta Negra, bummelten durch das Bar- und Kneipenviertel.

 

 

Natal, 08.02.2010

 

Praia de Pipa – Brasilianischer Paradiesstrand

Kurz war die Nacht. Schon um acht Uhr standen Larissa, Igor und Maria Eduarda vor dem Yachtclub, um mit uns zum Frühstück zu Mama Gilda zu fahren. Sie musste schon den ganzen Morgen in der Küche gestanden haben, so reichlich hatte sie gekocht! Gestärkt brachen wir mit Larissa und Igor zum Ausflug nach Pipa auf. Von diesem Strand schwärmen alle, auch Magnus und Susann hatten uns unbedingt eine Fahrt dorthin ans Herz gelegt. Die „kurze“ Fahrt von 70 Kilometern allein war schon interessant. Durch lieblich grüne Landschaft, die uns glatt an die entlang der Autobahn nach Stralsund denken ließ, wären da nicht zwischendurch Palmen gewesen. Die grünen Felder entpuppten sich als Rohrzuckerplantagen. Dann wurden die Straßen schmaler und schließlich säumten die kleinen bunten Häuser von Pipa den Straßenrand. Kleine Souvenirgeschäfte, Bars und Restaurants lösten sich mit winzigen Pensionen ab, überwuchert von üppig blühenden Büschen. Dazwischen Leute in Urlaubsstimmung. Igor lenkte seinen VW durch das ehemalige Hippiedorf zum Strand der Liebe – Praia de amor. Allein schon der Blick von der Steilküste hinunter auf das Meer war beeindruckend. Schwarzes Lavagestein zwischen weißem Sand, türkies-grün-blaues Meer, Wellensurfer und bunte Sonneschirme… Nach einem Strandspaziergang fuhren wir zum berühmten Strand von Pipa. Menschenmassen tummelten sich am Strand, im Wasser und auf den Terrassen der Strandrestaurants. Wir ergatterten einen Tisch, ließen uns einen schönen kalten Caipirinha schmecken und genossen den Blick auf den Strand von Pipa.

 

Abschied von Natal

Segeln bedeutet auch immer Abschied-Nehmen. Meist muss man sich wirklich losreißen. Und so herzten wir Gilda und Vicent, Larissa, Igor und Maria Eduarda, gaben für Lara noch ein „beijo“ (Küsschen) mit. Aber wir verabschiedeten uns auch bei sämtlichen Behörden von Natal!

Samt unseren Ankernachbarn aus der Schweiz und Südafrika, die einklarieren mussten, bestiegen wir ein Taxi. Quer durch Natal ging es zur Immigrationsbehörde. Vor einem riesigen Bürokomplex stiegen wir aus. Während ein schwer bewaffneter Sicherheitsbeamter uns beiden langbeinig Gekleideten ins Gebäude winkte, wehrte er die anderen mit einem Fingerzeig auf die kurzen Hosen ab. Andi aus der Schweiz holte eine weiße Seglerhose aus dem Rucksack, zog sie über und kasperte mit dem Südafrikaner den späteren Tausch ab. Doch dann erhielten wir an der Rezeption Termine, die Stunden später lagen. Also ging Claudia hinaus und vertickte die Wartezeit durch den hohen Sicherheitszaun unserem Mitsegler. Der hatte die Idee, an einem gegenüberliegenden Stand eine billige lange Hose zu erstehen. Als er  endlich in unserem Warteraum mit einer exakt passenden Jeans eintraf, erzählte er strahlend, dass er die Hose gemietet hätte… Trotz der andächtigen Behördenstille brachen wir über die brasilianische Geschäftsidee in lautes Gelächter aus! Ganz so pingelig waren die anderen Behörden nicht, aber es brauchte doch einen ganzen Tag, die restlichen offiziellen Papiere zu kriegen. Völlig erschöpft von unserer Rennerei unter glühender Sonne fielen wir auf die Stühle des Kioskes im Fischer-Viertel. Der alte Mann hinter dem Tresen stand gerade an der Pfanne und bedeutete Friedrich, in den Kiosk zu kommen und sich das Bier selbst aus dem Tiefkühler zu holen. Schließlich waren wir ja schon am Tag vorher dort und damit Stammgäste! Und als Stammgäste durften wir gleich mit in die Pfanne gucken und die frisch frittierten kleinen Fischspießchen kosten.  Zurück im Yachthafen drückte uns die Putzfrau unsere frisch gewaschene Wäsche in die Hand und wünschte „Bom viaje“, auch die einheimischen Segler verabschiedeten uns ganz nett. Blieb nur noch Abschied von unseren französischen Nachbarn zu nehmen, die uns in ein paar Tagen folgen wollten – immer in Richtung Süden!


 

Recife, 12.02.2010

 

Und immer gegenan

Mit Sonnenaufgang um 5.30 Uhr holten wir den Anker auf und fuhren hinaus auf´s Meer. Doch wir hatten Pech: Südwind. Also Kreuzen. Erklärung für Landratten: Erstmal weit von der Küste weg segeln, dann Wende, segeln bis dicht zur Küste zurück und rechtwinklig wieder weg. Bei diesem „Holeschlag“ kommen wir natürlich unserem Ziel nicht näher und so segeln wir ein Drittel mehr Strecke. In der Abenddämmerung waren wir mal wieder ganz dicht an der Küste, vor einem menschenleeren Strand, nur zwei kleine Buggies rasen in der kilometerlangen Einsamkeit am Meer entlang, ein Vergnügen, dass man in Europa nicht kennt! Die Nacht hielt  für uns kräftige Schauerböen parat und am Morgen erschienen am Horizont die riesigen Hochhäuser von Jaoa Pessoa. Durch die ewige Kreuzerei sahen wir sie noch bei Sonnenuntergang zwölf Stunden später. In der folgenden Nacht erreichten wir endlich die Einfahrt zum Riff von Recife und ließen den Anker im geschützten Wasser fallen.

 

Pitsche patsche…

Nass ist Claudia´s Matratze, alle Dinge, die in den Fächern darunter lagen. Wasser, genauer gesagt Salzwasser tropfte aus der Decke oberhalb des Küchenschapps… Wasser an den unmöglichsten Stellen. Klasse! Unser nun wirklich trocken geglaubtes Schiffchen hatte wieder mal richtig zugelangt. Jetzt konnte es wirklich nur noch das Oberlicht im Salon sein, das Friedrich als letztes noch nicht neu eingedichtet hatte. Die See ist  hart, sie bestraft Nachlässigkeit… Nachdem wir von unserem Ankerplatz in die Cabanga Marina, den chicen Yachtclub von Recife gewechselt hatten, war Trockenlegen angesagt. Alles musste raus in die Sonne. Matratzen, Polster, Teppiche. Putzaktion mit Süßwasser… ja, wahrhaftig, vor dem Vergnügen kommt die Arbeit.

 

Hinein ins Vergnügen

Ein sehr freundlicher Senhor, gerade von seiner Urlaubsreise aus Deutschland zurück, war so begeistert, uns als einzige Gäste in seinem Segelclub zu treffen, dass er uns sofort anbot, uns mit seinem superneuen Mercedes-Jeep in die Altstadt zu fahren. Nach seiner Meinung durften wir den offiziellen Beginn des Karnevals nicht verpassen!

 

 

Recife, 17.02.2010

 

Sechs tolle Tage

Es gibt drei Hochburgen des brasilianischen Karnevals: Rio de Janeiro, Salvador und Recife. In Rio sind es die prächtigen Samba-Schulen, in Salvador der Einfluss des afrikanischen Temperamentes die bestechen, aber in Recife und seinem Vorort Olinda ist es die Möglichkeit, dass jeder mitmachen kann - nach Meinung unserer Nataler Freunde daher der allerschönste Karneval von Brasilien! Und wenn es der schönste Karneval von Brasilien ist, dann ist es ja auch der schönste der ganzen Welt.

Und wir waren pünktlich dort!

 

Freitag

Am späten Abend ging ein Feuerwerk über der Stadt hoch, knallten die Böller. „Abertura“, offizieller Beginn des Karnevals. Massen in bunten Kostümen, mit Federn und Glitzer im Haar strömten über die Brücken in das Altstadtviertel Recife Antigo. Die Straße gesäumt von hunderten improvisierten Ständen mit Getränken aller Art, gesäumt von Grillständen und Verkaufstischen mit Karnevalzubehör. Wir wurden mitgerissen im Strom der Kostümierten und dann steckten wir fest im Meer der feierwütigen Brasilianer. Einem der Blocos folgend, die kreuz und quer mit Trommeln, Schellen, Blasinstrumenten durch die Altstadt zogen, tanzten wir auf den Straßen. Still stehen gelang keinem Menschen bei den Klängen des Frevos und Maracatu. Zuweilen liefen die Blocos gegeneinander und spielten sie gegeneinander an, sehr zur Freude der Tanzenden, die sich dann für eine Richtung entscheiden mussten. Das Ganze mutete wie eine riesige Polonaise an - mit sage und schreibe einer Million Besuchern!

 

Samstag

Kurz war die erste Nacht des Karnevals. Um neuen Uhr krähte der Morgen-Hahn, portugiesisch: O Galo de Madrugada. Genauso heißt der Umzug sich der dann bis in die Abendstunden durch die Straßen wälzte. Riesige Partytrucks, besetzt mit Live-Bands und Tänzern, gespickt mit gigantischen Boxen umgeben mit Sicherheitsleuten, die einfach nur verhinderten, dass in dem Gedränge keiner unter einen Wagen geriet. Hinter, vor, neben den Wagen tanzten die bunte Menschenmassen, quetschten sich an den Zuschauern am Straßenrand vorbei. Alle Dächer, Fenster, Balkone, ja sogar Ruinen waren mit feiernden Menschen brechend voll. Papierschlangen, Flitterregen, Kanonenböller regnete es auf die Massen, dann aber auch Wasser. Die Mittagssonne brannte unsagbar auf die sich drängenden schwitzenden Leiber, so dass manch Hausbesitzer einen feinen Sprühregen über die hitzigen Köpfe schickte. Nass, das jeder genoß. Abkühlung gaben nur die eiskalten Getränke, die von fliegenden Händlern in mitten des Zuges feilgeboten wurden. Nach Stunden erreichten wir das Zentrum des Stadtviertels Santo Antonio, wo Meter hohe Pappmaché-Figuren an Tribünen vorbei defilieren. Als die Sonne sich tief neigte, versuchten wir aus dem Gedränge einen Weg zu finden und landeten in den kleinen menschenleeren Gassen, die sonst mit geschäftigen Leben erfüllt sein müssten – all die kleinen Geschäfte waren verrammelt. Vor nächstem Donnerstag würden sie nicht wieder öffnen. Eine Stadt im Ausnahmezustand!

 

Sonntag

Mit noch schweren Gliedern vom stundenlangen Tanz durch die Stadt am Tag davor erhoben wir uns am Morgen und machten uns an die weiteren Putz- und Reparaturarbeiten an unserem Boot. Als die Mittagsonne unbarmherzig auf uns brannte, ließen wir uns im Schatten großer Bäume am Pool des Segelclubs nieder. Aber weder Pool noch Dusche konnten Abkühlung bringen. Überall nur warmes Wasser, selbst aus der Leitung! Nach dem Tageswerk rüschten wir uns auf und ab ging´s nach Antigo zum Karneval. Tanzend reihten wir uns hinter Blocos mit den schönsten Rhythmen, bewunderten die farbenprächtigen Kostüme der Tanzgruppen. Begeisterung bei Friedrich über die knappe Bekleidung der Karnevalsprinzessinnen, bei Claudia über die prächtigen straßenbreiten Kleider der Karnevalsköniginnen. Vom Kleinstkind bis zur Uroma, alle waren dabei!  Und wieder eine unendliche Polonaise durch die Straßen, die nur an den acht Bühnen stoppte, auf denen Livemusik aller Art aufgeführt wurde. Als wir in den Morgenstunden die Party verließen, strömten immer noch Menschen in die Altstadt.

 

Rosenmontag

Wenn in Recife am frühen Morgen die Putztruppen ihre letzten Besenstriche tun, dann beginnt in Olinda die Party. Die alten Gassen mit ihren kleinen Häuschen gaben eine prächtige Kulisse für den Karnevalzug, der den ganzen Tag durch den sonst wohl eher verträumten Ort zog. Es war unglaublich, mit welcher Energie sich die Musik- und Tanzgruppen sowie ihre begeisterten Anhänger den ganzen Tag durch die Sträßlein pressten. Ein riesiger Maskenball, der rund um die Uhr von Samstag bis Dienstag läuft und auch am Aschermittwoch noch weitergeht…

 

Dienstag

Nach einem arbeitsreichen Tag ruhten wir zunächst aus. Wir wollten nun nämlich wissen, wie der Karneval in den frühen Morgenstunden abläuft und fuhren daher erst nach Mitternacht in die Altstadt. Doch nun sahen wir die Spuren der Anstrengung in den Gesichtern der Feiernden. Auch wenn immer noch viele den Blocos  tanzend folgten, jetzt standen doch viele mit ihrem Bier oder Caipi am Straßenrand, gähnend saßen die Karnevalisten auf Mäuerchen und in Straßencafés. Nur ein uralter Mann schien quietsch vergnügt. Er hatte sich auf einem Stuhl am Straßenrand niedergelassen und ein Gerät aus uraltem Leder in Gestalt eines Krokodilmauls auf dem Schoß. Kamen die nun schon müden Mädchen vorbeigetrottet, ließ er das Krokodil mittels Scherengitter-Antriebs nach vorn schnellen – das erschrockene Kreischen erheiterte die Umstehenden, der alte Mann schaute äußerlich völlig teilnahmslos und hatte schon das nächste Opfer im Visier..

 

Aschermittwoch

Da ist zwar in Deutschland alles vorbei, nicht aber hier in Brasilien. Schon morgens fuhren wir nach Olinda zum „Bacalhau do Batata“. Stockfisch mit Kartoffeln – hoch über den Köpfen wurden die offensichtlichen Indizien der Fastenzeit getragen. Doch bevor die dann wirklich begann, wurden die Gassen von Olinda noch mal durchgepflügt….und wir mittenmang! Noch im Taxi, das uns zurückbrachte, sangen wir die typische Karnevals-Melodie und der Fahrer schenkte Claudia vor lauter Freude über so begeisterte Gringos, die extra aus dem fernen Alemanien nach Olinda navigiert waren, glatt seine Karnevals-CD und die Party ging an Bord weiter….

 

 

Recife, 18.02.2010

 

Neues Crew-Mitglied

Noch in Partystimmung schreckte uns ein Geräusch auf: Poch, poch. Hercules stand auf der Hafenmauer. Nach unserer Abreise in Natal erhielten wir von ihm eine Mail mit dem Wunsch, uns für einige Zeit zu begleiten „and to do the haevy jobs on bord“, heißt: hart an Bord zu arbeiten. Klar sagten wir sofort zu - sein Angebot für die Übernahme schwere Arbeiten war einfach zu verlockend! Nein, im Ernst, Hercules ist ein sehr angenehmer Begleiter und besser kann man ja ein Land nicht kennen lernen: Sprache, Land und Leute, Musik, kulinarische Köstlichkeiten… Und da stand er nun, reichte seinen Seesack rüber und kriegte erst mal einen „Ankommer“. Am nächsten Morgen nahm der Käpt´n Hercules beim Wort, einige schwere Arbeiten waren noch zu erledigen, bis die Flut soviel Wasser in den Hafen getrieben hatte, dass wir unter unserem Kiel ausreichend Platz hatten. Allerdings zogen dicke Wolken auf und Sturmböen trieben Regen heran. Daher war unsere Fahrt nur kurz: bis zum Ankerplatz vor Recife-Antigo, von dem wir dann unabhängig von der Tide starten konnten. Noch mal harte Arbeit für Hercules, als Friedrich  beschloss, zur Sicherheit einen zweiten Anker auszubringen. So konnten wir die windige Nacht ganz gelassen verschlafen.

 

Maceió, 20.02.2010

 

Hard work – hard sailing

Im Morgengrauen schmiss der Käpt´n seine Crew aus den Kojen – Anker auf! Entlang der jetzt ganz ruhig liegenden Karneval-Meile steuerten wir auf den Molenkopf zu. Die ersten Dünungswellen erreichten unser Schiffchen und plötzlich änderte sich Hercules Gesichtsfarbe hin zu einem winterlichen Europäer-Weiß… Die am Abend einsetzenden und die Nacht über anhaltenden Gewitterböen trugen dann wohl den Rest bei, dass Hercules Begeisterung für Technik, Navigation und Bordleben in Sehnsucht nach festem Boden unter den Füßen, nach seiner Adriana, wie auch nach seinem Sohn Cécar umschlug. Nachdem der Anker fest auf dem Grund im Hafen der Großstadt Maceió lag, stand Hercules Entschluß fest: Sofortige Abreise. Zureden und gute Worte, dass es wirklich ein anspruchsvoller Törn war, meist der Wind vor der brasilianischen Küste nicht so stark ausfiele und er es doch noch einmal probieren solle – nichts konnte ihn halten. Was uns traurig machte, erzeugte sicher bei Adriane und César Freude. Doch so schnell konnten die beiden ihren Hercules und Papa nicht in die Arme schließen, denn der einmal am Tag nach Natal fahrende Bus war schon ausverkauft. Aber im ruhigen Ankerwasser kamen Bierdurst und Unternehmungsgeist zurück. Warum nicht wieder segeln?

 

Jangada-Segeln

Diesmal allerdings fuhren wir mit einem der kleinen Fischerflöße hinaus aufs Meer, zu einem vor gelagerten Riff – die Touristenattraktion von Maceió! Schließlich landeten wir auf dem Riff und planschten wie hundert andere im bauchnabeltiefen Wasser, ein jeder mit einer Bierdose bestückt. Doch auch den kleinen Hunger konnte man stillen, es gab Grill-Jangadas, von denen dann ein schwimmender Styropur-Tisch mit Krabben oder Fleischspießchen herunter gereicht wurde. Ja, diese Art der Geselligkeit lieben die Brasilianer! Wir ergötzen uns an dem betriebsamen Badevergnügen und luden, wieder an Land, unseren französischen „Mitsegler“ Clement an Bord ein. Bei Bier und Tapioca griff er zur Gitarre und schon saßen wir bei einer spontanen Bordparty. Ganz einfach fiel Hercules dann der Abschied doch nicht, aber nun hatte er sein Rückfahrtticket in der Tasche…

Vor uns beiden lag der Törn nach Salvador de Bahia.