Cabo Verde - das grüne Kap

 
 
Überfahrt Kanarische Inseln – Kapverden
 
Atlantik, 24.- 29.11.09
 
Allein unterm Sternenhimmel
Nachdem am Samstag unser „Bootsjunge“ Martin aus Eden in Teneriffa eingeflogen, erfolgreich die EDEN geentert und sofort mit drei Tagen Technik-Arbeiten beschäftigt wurde, legten wir am Dienstag mit Sonnenaufgang in Teneriffa ab. Zügig segelten wir mit Rückenwind immer in Richtung Südwest.
Nach zwei Tagen tickten unsere inneren Uhren im Bordrhythmus: Wache, schlafen, kochen, lesen, angeln (erfolglos), Wolken und Wellen beobachten… und viele, viele Segelmanöver. Der Wind variierte in Richtung und Stärke und so absolvierten wir fast das ganze Segelprogramm vom klitzeklein gerefften Tuch bis zum kugeldicken Spi. All die Tage waren wir ganz allein unterwegs, nur zweimal sahen wir ganz weit weg Lichter von Frachtern. Wir segelten unter einem wunderbaren Sternenhimmel mit vielen Sternschnuppen. Eines Morgens tummelten sich mehr als 20 Delfine vor unserem Bug und lugten mit einer neugierigen Drehung nach oben zu uns. Und dann die fliegenden Fische, in Heeresscharen schwebten sie über die Wellen. Doch nachts verfehlte manch einer sein Ziel und landete geradewegs auf unserem Deck und gar im Cockpit zu Füßen des Käpt´ns. Am Tage landete etwas Fliegendes an Bord – eine riesige sandfarbene Heuschrecke war offensichtlich mit dem mauretanischen Wind die 150 Meilen zu uns geweht. Was allerdings nicht ankam, war die afrikanische Wärme. Nachts brauchten wir Fleece und Ölzeug und selbst am Tage lange Hosen. Da kam die Bräunungscreme aus dem Adventspäckchen für Martin ganz richtig!
 
Erster Advent
„Advent, Advent ein Lichtlein brennt…“ trällerte der Käpt´n und sein Bootsjunge stimmte ein. Claudia schmückte derweil den Salon mit Strohsternen, Engelchen und Hampel-Weihnachtsmann. Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Fladenbrot, am Nachmittag Glühwein mit Pulsnitzer Lebkuchen. Wir packten das Adventspaket aus, das Susanne, Christiane und Julia so liebevoll geschnürt hatten. Neben schon erwähnter Bräunungscreme kamen 24 lustige Rentiersäckchen zum Vorschein, die sogleich ihren Platz im Salon neben den Gastlandflaggen fanden. Die von Cabo Verde nahm der Käppt´n aber bald von der Wand.
 
„Laaaaand in Sicht…“
brüllte Martin nach dem Glühwein. Nein, kein alkoholisierter Hitzeschlag (dazu reichte weder Hitze noch Glühwein), sondern sein scharfes Auge ließ ihn als erster den Berg der Insel Sal im Dunst erahnen. Braun und karg kam er immer näher… dabei heißt doch Cabo Verde das grüne Kap…? Kurz vor Sonnenuntergang ließen wir den Anker neben einigen anderen französischen, belgischen und französischen Yachten vor dem Hafenstädtchen Palmeria fallen und hissten die Flagge „Q“.
 
 
Sal
 
Palmeria, 01.12.2009
 
Cabo Verde – No Stress
Eine Hand reichte vom hohen Kai herunter und zog Claudia hinauf, wo sie in fröhlich lachende Augen schaute. Einer der Fischer hatte seine Arbeit unterbrochen, um zu helfen. Viele Arme zeigten uns sofort den Weg zur Policia maritima. Ein Stempel in jeden Pass gegen einen Euro – und wir waren auf den Kapverden offiziell angekommen. Unsere ersten Schritte machten wir durch das Fischerdorf Palmeria auf gepflasterten Straßen, auf denen Hühner mit ihren Kücken und Hunde mit Welpen liefen, Kinder mit halbgefüllten Wasserflaschen Fußball spielten. Die Frauen saßen vor ihren kleinen Kaufmannsläden beim Schwatz, die Männer unter einem großen Baum beim Kartenspiel. Fröhlich wurden wir mit einem Winken und einem „Bom dia“ gegrüßt. Vor einem Laden hingen T-Shirts mit der Aufschrift „Cabo Verde – No Stress“. Besser kann das kapverdische Lebensgefühl nicht beschrieben werden.
 
 
Sal – Insel des Salzes
Wir hatten uns mit Tony verabredet. Er fährt einen „Aluguer“, eines der Sammeltaxis, die auf der Insel bestimmte Strecken abfahren und alles mitnehmen, was zu transportieren ist: Menschen, Fische, Post, Lebensmittellieferungen – soviel wie reinpasst! Heute aber saßen nur wir drei in seinem Transporter, um die Insel zu erkunden. Zunächst fuhr er über eine Schotterpiste in den unbewohnten Norden zu einer Vulkanlagune, in dessen Höhle Friedrich ein erfrischendes Bad nahm. Dann führte uns unser Weg an einer Oase vorbei über karges flaches Land auf die andere Seite der Insel nach Petra Lume. Dieses Dorf mutete an wie aus dem „Alexis Sorbas“-Film entsprungen. Arbeiterkaten am Hafen, Holzgerüste für eine Seilbahn hinauf in die Berge. Nur die Schule leuchtete modern in frischen Farben und die hopsenden Kinder auf dem Nachhauseweg zeugten von Leben. Entlang der antiken Holzgestelle fuhren wir in einen Vulkankrater. Staunend standen wir an seinem Rand: eine riesige Saline lag vor uns. Auf natürlichem Wege mit Meerwasser gespeist, verdunstet das Wasser im Krater und zurück bleibt das Salz. Tony führte uns hinunter und ging mit uns auf die Salzflächen, klopfte uns Brocken davon ab. Dann deutete er auf den Vorfluter und meinte, dass ein Bad gut für die Haut sei. Wir ließen uns nicht lange bitten und nahmen ein Bad. Zu unserer Freude brauchten wir nicht schwimmen – ohne jegliche Bewegung trieben wir an der Oberfläche, konnten Füße und Hände herausheben, Martin saß gar schwebend im Schneidersitz! Nach einer Süßwasserdusche und einem Bier chauffierte uns Tony, der sichtlich Spaß hatte an der Multikulti-Unterhaltung mit Englisch-portugiesisch-spanisch-deutsch-hand-fuss-sätzen, in den Süden der Insel nach Santa Maria. Die kilometerlangen weißen Sandstrände mit türkis-blauem Wasser locken Surfer und Touristen an. Riesige Hotelanlagen sind im Bau, aber noch nutzen die Fischer die moderne Seebrücke, um ihren Fang anzulanden und riesige Tunas, Doraden und Haie zu zerlegen. Martin konnte sich kaum los reißen und beim Blick auf den Strand und die Hotels beschloss er, irgendwann hier Urlaub zu machen. Nun hieß es aber erst einmal zurück auf unser spartanisches Boot, schließlich blieben ja noch andere Inseln zu entdecken!
 
 
Sao Nicolau
 
Tarrafal, 06.12.2009
 
Empfang auf der Nikolaus-Insel
Pünktlich zum Nikolaus erreichten wir gleichnamige Insel. Wir ließen den Anker vor der kleinen Stadt Tarrafal neben einem weiß-roten Kutter fallen und machten uns als erstes auf den Weg zu Henny. Henny ist der hiesige Stützpunktleiter des „Trans Ocean“, mit dem wir schon via Mail Kontakt hatten. Henny begrüßte uns herzlich, goss uns ein Glas kühlen Wein ein und begeisterte uns für seine Insel, organisierte sofort Sammeltaxis zu den schönsten Flecken der Insel und traf Vorbereitungen für gemeinsame Abendessen. Mit einem vollen Terminkalender ruderten wir zurück zu unserer EDEN, machten aber zuerst noch einen Stopp bei unseren Ankernachbarn mit dem rot-weißen Kutter. Dessen rot-weiße Flagge mit einem gespiegelten roten bzw. weißen Halbkreis war uns völlig unbekannt und so war unsere erste Frage nach dem „Woher“. Grönland war die Antwort! Es bedurfte keiner Überredung, dass Jens und Dortcy den Abend bei uns an Bord verbrachten, der ein sehr interessanter und fröhlicher wurde!
 
Auf Eselpfaden
Friedrich und Claudia schnürten die Wanderschuhe und ließen Martin, der eher auf Pferdestärken setzt, zurück an Bord. Ein Aluguer wartete schon bei Henny, um beide in ein Bergdorf auf der anderen Seite der Insel mitzunehmen. Hier endete der Fahrweg und einer alten barfüßigen Frau mit einem großen Bündel auf dem Kopf folgend, schnauften wir einen schmalen Pflasterweg bergan zum nächsten Dorf. Üppiges Grün von Bananen, Papaya überdacht, zog sich an beiden Seiten des Felsentals hinauf. In einem Wasserreservoir badete flirtend die Dorfjugend. Doch bald waren wir auf einsamen Geröll eines ausgetrockneten Bachbettes unterwegs. Der ursprünglich gepflasterte Weg war weggespült. Vor einigen Wochen hatte hier auf der Insel ein Unwetter gewütet und binnen weniger Stunden mit seinen flutartigen Regenmassen den größten Teil des Wegenetzes auf der gesamten Insel zerstört. Die Wassermassen rissen Geröll und Bäume, gar Felsen hinunter ins Meer. Die Sintflut lief ab, ohne dass sie die Menschen auffangen konnten. Bei zwei Regentagen pro Jahr eine doppelte Tragödie. Dennoch sind die Täler im Norden der Insel üppig und vor allem Bohnen und Mais gedeihen gut. Die Feuchtigkeit wird durch die Passatwolken auf die Insel getragen und kondensiert an Bergen oder auch an aufgestellten Netzen. Wir stiegen weiter und weiter nach oben, durch freundliche Rufe aus den Tiefen der schmalen Terrassenfelder wieder und wieder auf den richtigen Weg gebracht. Plötzlich rannte ein Esel in vollem Galopp an uns vorbei. Ihm folgte eine ältere Frau, die ihn mit lauten Rufen zum Stehen brachte. Die Last war verrutscht und so halfen wir, ihren Einkäufe samt einem großen Sack Reis festzuzurren. Bis zu ihrem Haus hoch oben auf dem Grad gingen wir zusammen. Hierher ins Bergdorf Fregat führt keine Straße. Nur auf dem Kopf oder per Esel können Dinge her transportiert werden. Viele der zerstörten Wegteile waren daher auch schon repariert worden. Nach einer fünfstündigen Tour erreichten wir wieder eine befestigte Straße.
 
Inselrundfahrt am Nikolaustag
Stiefel hatte keiner von uns geputzt, zu lange ging die Bordparty am Vorabend. Dennoch wartete der Nikolaustag mit einer Überraschung auf: Mehr nach Martins Geschmack eine Inseltour per Aluguer. Wir starten in internationaler Besetzung: Henny, holländischer „Kapverdianer“, unsere Grönländischen Nachbarn und Alex aus Bayern, der gerade bei Henny zu Gast war. Wir fuhren zunächst in das üppige Tal Faja, in dem es die größte Ansammlung von urzeitlich anmutenden Drachenbäumen weltweit gibt, dann hinauf zum Fuße des Monte Gordo, mit 1312m der höchste Berg von Sao Nicolau. Unsere Tour führte uns weiter in den Norden mit bizarren Felsen und weißer Brandung. In einem Dorf sahen wir den Frauen beim Maisstampfen zu und kosteten Grogue (Schnaps aus Zuckerrohr), lachten mit den Dorfbewohnern. Schließlich fuhren wir in das letzte per Auto erreichbare nordöstliche Dorf Juncalinho und bestiegen einen Vulkankrater, der noch vom großen Unwetter mit Wasser gefüllt war. Zurück auf die Südseite durchquerten wir den Garten Eden der Insel. Welch ein Kontrast! Hungrig fielen wir alle bei Henny ein und wurden mit Thunfisch in Safransoße, Hühnchen mit Currry und Früchten mit Groguesahne verwöhnt. Noch immer nicht müde verholten wir in eine Bar und lauschten der gefühlvollen Musik einer Inselband. Der Nikolaustag wieder ein Tag wie drei!
 
 
Tarrafal, 08.12.2009
 
Waschweiber
Nach so viel Vergnügen musste auch mal wieder Arbeit folgen. Claudia wurde zur örtlichen Waschstelle übergesetzt und Friedrich und Martin mutierten zu Wasserruderern zwischen Fischhalle und Boot. Sie füllten Kanister um Kanister an einem gut behüteten Wasserhahn (Wasser ist hier so kostbar, dass es nirgends einfach aus der Wand läuft), schleppten sie per Schlauchboot zur EDEN und füllten sie mittels Trichter in unsere Tanks. Claudia war derweil mit ihrer Wäsche die Attraktion. Gleich kam sie mit Mariana und Antonia, wie sie beim Wäschewaschen ins Gespräch. Sie zeigten ihr auch, woher sie das Wasser holen musste: mit einem Eimer aus einem acht Meter tiefen Brunnen!
Marianna sang, Männer und Kinder kamen neugierig auf ein Wort vorbei. Drei schwarze männliche Touristen aus Südafrika konnten offensichtlich ihren Augen nicht trauen, dass eine weiße blonde Frau mit den Einheimischen Wäsche wusch und luden Claudia tatsächlich zum Waschen in ihr Ferienhaus ein. Dankend lehnte sie ab – so viel Freude hatte sie noch nie bei der sonst ungeliebten Arbeit!
 
Edener Kartoffelpuffer
Fröhlich flatterte gegen Mittag die Wäsche an Bord, als unsere Grönländer mal eben zu Besuch kamen. Martin war kurz bei Henny und brachte ihn als Überraschungsgast mit. Schon war die Party im Gange. Friedrich verschwand in der Küche, rieb Kartoffeln und brutzelte seine berühmten Kartoffelpuffer. In Grönland, Holland und Sao Nicolau unbekannt, riefen sie wahre Begeisterungsstürme hervor! Henny war so begeistert, dass er uns spontan für den nächsten Tag zu holländischen Pfannkuchen einlud. Grund genug unsere geplante Weiterreise um einen Tag zu verschieben!

Kleine Insulaner

Als wir in der Dämmerung bei Henny eintrafen, stand er höchst selbst am Herd und buk seine Pfannkuchen. Und zwar jede Menge, denn er hatte noch mehr Gäste eingeladen: Marian und …., ein spanisches Seglerpaar, Dorthe und Jens, unsere grönländischen Nachbarn und Alex, Dauergast auf Sao Nicolau. Auf den Stufen zum Wohnzimmer hockten zwei Dorfkinder, der 11jährige André und seine gleichaltrige Freundin. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken portugiesisch unterhielt sich Claudia mit ihnen. Beide in der fünften Klasse, gehen gern zur Schule, sagten sie. Während André Mathe liebt, mag seine Freundin Kunst. Sie will später gern in einem Krankenhaus arbeiten und André möchte Polizist werden. Beide stammen sie aus Fischerfamilien. Ihre Väter aber leben nicht in Tarrafal, sie arbeiten in Portugal und Spanien. Das ist typisch für Kapverden. Viele Familien können nur durch die Überweisungen von emigrierten Angehörigen überleben. Während hier auf den Inseln 450.000 Menschen wohnen, von denen 40% jünger als 14 Jahre sind, leben 700 000 Kapverdianer im Ausland! Henny versuchte den beiden Treppenhockern klar zu machen, wie wichtig es ist, dass sie in die Schule gehen und weist uns darauf hin, dass wir sie nicht am Tage zum Aufpassen auf  unsere Dingis engagieren sollten, denn für die wenigen Münzen, die sie dafür bekommen, lassen sie die Schule sausen. Dann holte er die Kinder in die Küche, wo er sie mit Pfannkuchen verwöhnte und bat uns an die weiß eingedeckte Tafel auf der Terrasse. Die Pfannkuchen waren vorzüglich!

 

 

Santa Luzia

 

Santa Luzia, 11.12.2009

 

Der Abschied von Sao Nicolau und Henny, von unseren Grönländern Dorthe und Jens war nicht leicht. Wir versprachen Henny, dass wir seine große Liebe, Sao Nicolau nie vergessen werden, verabredeten uns mit Dorthe und Jens zu einem Wiedersehen in Eden und zogen unter lautem Tröten, das von der SILA herüberschallte, den Anker hoch. Wir segelten mit gutem Wind an den zwei unbewohnten und unter strengem Naturschutz stehenden Inseln Razo und Branco vorbei und suchten uns am weißen Strand der dritten unbewohnten Insel Santa Luzia einen einsamen Ankerplatz. Am nächsten morgen sattelten wir das Schlauchboot und ruderten vom tiefblauen Meer durch türkises Wasser und steile Brandung an den weißen Strand. Dahinter türmten sich schroffe Felsen auf, durchzogen von einem tiefen Tal. Reste eines Gehöfts regten unsere Phantasie an, wie hier wohl Menschen überlebt haben könnten. Wasser gibt es nicht. Und doch haben hier einst Menschen gelebt, haben Ziegen, Schafe und Maultiere gehalten. Doch irgendwann im letzen Jahrhundert gaben sie auf. Während Martin am Strand blieb, stiegen Friedrich und Claudia über trockene Vegetation immer weiter nach oben und entdeckten, dass die Insel doch nicht so unbewohnt ist: Grashüpfer und Eidechsen huschen durch das braune Gras, Insekten summten, spatzenähnliche Vögel beäugten uns neugierig und hoch oben über den Felsen schwebten majestätisch zwei Adler. Welch eine Insel!

Und wir stellten wieder einmal fest, dass wir viel zu schnell unterwegs waren, nur zwei Tage konnten wir dieses Paradies genießen.

 

 

Sao Vicente

 

Mindelo, 13.12.2009

 

Der einst größte Hafen zwischen Lissabon und Kap der Guten Hoffnung

„Ende des 19. Jahrhunderts galt sie als eine der verruchtesten Städte der Welt“ – so steht es in unserem Reiseführer. Mindelo, einst von jährlich mehr als 2000 Atlantikschiffen als Bunkerstation auf ihrem Weg nach Südamerika angelaufen, entwickelte sich zu einer Oase für einsame Seemännerherzen. Auch wenn wir zunächst nicht die Absicht hatten, Mindelo anzulaufen, sind sich Käpt´n und Bootsjunge einig, dass sie da unbedingt mal gucken müssten. Zumal sich laut Reiseführer im “Clube Náutico“ die Hochseesegler aus aller Welt rund um die Uhr zu einem gepflegten Drink treffen sollten. Wir machten an einem der modernen Schwimmstege fest und wurden von einer Rezeptionistin (übrigens der ersten unfröhlich guckenden Insulanerin, der wir begegneten) mit einem Tagessatz von 32 Euro konfrontierte. Die unter deutscher Leitung stehende Marina greift ordentlich in die Taschen der Hochseesegler. Kein Wunder, dass viele der Plätze nicht belegt waren, dafür aber viele der kleineren Fahrtensegler vor Anker in der Bucht lagen. Wir beschlossen, nur eine Nacht  zu bleiben und stürzten uns sofort ins Stadtleben. Vorbei an Fischern, die neben ihren kleinen bunten Holzbooten auf den Netzen lagernd Karten spielten. Vorbei am Torre de Belém, einem Nachbau des Originals von Lissabon. Hinein in die große Fischhalle, in der der angelandete Fang an hunderten Ständen verkauft wird. Entlang einer Kopfsteinstraße, in der bunt gekleidete Frauen jeweils ein paar Bananenstauden feilboten. Durch Gassen mit kleinen Tante-Emma-Läden zu einer Hauptstraße mit eleganten Geschäften, die einem Pendant auf dem Ku´Damm in nichts nachstanden. In einer großen Gemüsehalle waren, jetzt am späten Samstagnachmittag, nur noch einige Stände geöffnet und eine Bauernfrau schlug ihre Tücher nochmals zurück, um ihre Waren zu präsentieren. Wir kauften Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Gurken, Melone und machten uns auf den Rückweg zum Hafen, um ein frisches Bier im Clube Náutico zu trinken. Doch statt des angekündigten Weltumseglertrubels hockte in dem schattigen Innenhof nur ein älteres Paar.

 

Wir im Nachtleben von Mindelo

Allerdings sah es ein paar Stunden später schon etwas anders aus. Zwei Gitarristen spielten Inselmusik und mehrere Tische waren mit Europäern besetzt. An der Bar lehnten wunderschöne Inselmädchen. Eines, mit hautengem Kleid und Highheels gekleidet, bewegte sich elegant auf Martin zu, als er die Tür für  Herren ansteuerte. Völlig aus dem Häuschen kehrte er zurück an unseren Tisch. Der portugiesischen Sprache nicht mächtig, hatte er auf ihre Frage mit „Ja“ geantwortet, worauf sie ihn aber verständnislos und kopfschüttelnd stehen ließ. Jedenfalls waren sich Bootsjunge und Käpt´n einig, dass der Ruf Mindelos noch nicht dahin sei, als sich das Mädchen kurz danach einem einsamen älteren Segler widmete und ein zweites, etwas Dralleres den Blickkontakt zu Martin und Friedrich suchte. Aber brav verließen die beiden mit der Kapitana im Schlepptau das Lokal, um weiter das nächtliche Treiben auf den Straßen von Mindelo zu beobachten. Schließlich landeten wir in einer der Musikkneipen und lauschten den melodiösen Klängen einer afrikanischen Band. Gegen Morgen begehrten wir Einlass in den supermodernen gläsernen Partypalast neben der Marina, wo wir von kräftigen, düster blickenden Bodyguards mit dem Wort „Privatparty“ hinausgewiesen wurden. Auf dem Steg tanzten wir zur EDEN und fielen unter dröhnenden Klängen der Liveband in die Kojen.

 

Winter-Weihnachtszeit

Bevor wir zur äußersten westlichsten Insel aufbrachen, machten wir uns zu einem wunderschönen Platz auf. Neben einem Jugendstilpavillon steht dort die Büste des bekanntesten portugiesischen Dichters Luis de Camoes, der in zehn Gesängen die Fahrt Vasco da Gamas nach Indien beschrieben hat. Der Platz ist von großen Hotels umgeben – das „Oásis Atlantiko“ mit moderner Eleganz, das „EDENPARK“ in morbider Auflösung. Über der schattigen Parkanlage lag sonntägliche Ruhe, nur ein paar kleine Mädchen liefen temperamentvoll und gekonnt auf ihren rosa Inlinern.  Fröhlich blinzelten sie uns zu, als wir uns auf einer der leeren Bänke niederließen und unsere Laptops rausholten. Wir wurden nicht enttäuscht, als wir ein offenes Netz fanden und gaaanz viele Mails in unsere Posteingänge flatterten. Bei angenehmen Temperaturen im Schatten sitzend lasen wir vom traditionellen Vorweihnachtsentenessen bei Susanne und Klaus, das wir vor Jahren ins Leben gerufen hatten (In der Anlage war ein Foto mit abgenagten Knochen, das Martin die Spucke im Mund zusammen laufen ließ), aber auch vom eiskalten Wetter, das in mehreren Mails zur Klage Anlass gab. Wir saßen gelassen auf unserer Bank und lasen von Weihnachtsstress. Wir erhielten das erste Mal eine Nachricht von Dagmar und Klaus, die wir so unverhofft in Norwegen getroffen hatten und die wieder gut mit ihrer DAKLA in Berlin angekommen waren. Wir sahen auf einem Foto, dass Johanna und Hendrik, Friedrichs Enkelkinder, eifrig Schuhe für den Nikolaus putzen. Wir erfuhren die neusten Neuigkeiten von Philli, Martins Pflegekind. Wir lasen die lieben Worte von Mama Elli und Oranienburger Freunden und Bekannten, die ganz treu alle unsere Reiseberichte verfolgen. Wir saßen aber auch alle drei wieder ganz betroffen bei den Nachrichten über den Tod eines Edener Freundes, von dem wir kurz vor unserem Ablegen in Teneriffa erfahren mussten. Wir saßen auf dem schattigen Praca Nova und waren in Gedanken in Eden.

 

 

Santo Antao

 

Tarrafal, 15. 12.2009

 

Regen, endlich Regen

Wir rissen unsere frisch gewaschene Wäsche von der Reling. Graue Wolken hingen in den Bergen um Mindelo und ließen dicke Tropfen auf uns fallen. Claudia hielt Ihr Gesicht in den Regen, Friedrich und Martinn versuchten, das Regenwasser mit einer Plane aufzufangen. Heldenhaft zog sich Martin die Öljacke über und schrubbte das Deck – welch eine seltene Gelegenheit, es vom Salz zu befreien! Wir steuerten in Richtung Santo Antao. Die Insel selbst war nicht auszumachen, so tief hingen die Regenwolken.

 

Dorf am Ende der Welt

Doch als wir uns im letzten Büchsenlicht dem Ankerplatz im Westen näherten, beleuchtete die Sonne mit intensiv gelbem Licht die Vulkanlandschaft. Wir konnten beim Ankern nur noch die Umrisse der Häuser des Dorfes Tarrafal erkennen, bevor die spärlichen Lichter angingen, die sich bis hoch auf einen Kamm zogen. Laute, fröhliche Musik klang an unser Ohr, was in Claudia sofort den Wunsch nach einem Landgang weckte. Aber da war auch das kräftige Rauschen der Brandung, die diesen Wunsch gleich wieder erstickte. Am nächsten Morgen staunten wir über die Oase zwischen den Felsen, die nur über eine Schotter-Schlagloch-Piste nach drei Stunden Fahrt erreichbar ist. Am Strand landeten Fischerboote vorsichtig durch die Brandung und luden ihren Fang aus. Wäsche flatterte vor den bunt gestrichenen Häusern, Kinder wuselten umher. Wir wollten aber nicht nur per Fernglas das Dorf erkunden. Nachdem wir die Brandung und die landenden Fischer beobachtet hatten, trauten wir uns. Mit der Erfahrung unseres Schlauchboot-Stunts in der Hippiebucht von Teneriffa warteten wir einige größere Wellen ab und paddelten dann wie doll mit einem Wellenberg auf den Strand, um beim Brechen schon aus dem Boot zu springen und es in Windeseile auf den Sand zu ziehen. Tatsächlich landeten wir trocken und stiegen unter Martins Protest (Bergsteigen ist nun wirklich nicht sein Ding) hoch ins Dorf, um einen wunderbaren Blick auf die Oase und unseren Ankerplatz zu haben. Die Dorfbewohner grüßten zurückhaltend, nur zwei kleine Mädchen strahlten uns fröhlich kichernd an. Mit ihren kunstvoll geflochtenen Zöpfchen, die jeweils mit einer bunten Perle endeten, sahen sie zum Verlieben süß aus. Eines der Kleinen schaut mit unvermutet strahlend hellgrünen Augen – Erbe aus Zeiten europäischer Kolonialherrschaft. Auch himmelblaue Augen zu dunklem Teint sind hier nicht ungewöhnlich. Später winkt uns noch eine Dreijährige mit ganz blondem krausem Haar zu.

 

Verhinderter Landgang

Wieder zurück am Schlauchboot beschlossen wir, unserem Martin eine Pause zu gönnen und einen ausgeweiteten Strandspaziergang auf den Nachmittag zu verschieben. Doch mit unserem Ablegemanöver hatten wir nicht so viel Glück, ein Brecher erwischte uns. Das Boot, Sandalen, die erstanden Brötchen und wir selbst strotzten vor Salzwasser! Nass, aber wohlbehalten kamen wir auf der EDEN an. Doch leider nahm die Brandung mehr und mehr zu, so dass an eine erneute Landung nicht mehr zu denken war. Mit dem Blick auf den berühmten Strand, an dem Meeresschildkröten ihre Eier ablegen, mussten wir beschließen, die Insel unerkundet zu verlassen. Und dabei soll Santo Antao die grünste Insel mit tropischer und subtropischer Vegetation sein – und ein Wanderparadies dazu. Nur Martin ist nicht ganz so traurig…

Santiago

 

Praia, 18.12. 2009

 

Das nächste Mal

Um von der nordwestlichsten Insel in die Hauptstadt zu kommen, mussten wir 140 Meilen segeln – Also auch über Nacht. Im Morgengrauen kam die Insel Fogo in Sicht. Ihr Vulkan ist mit 2829 m nach Teneriffa der zweithöchste Berg im Nordatlantik. Die Vulkantätigkeit ist auf der Insel noch aktiv. Der letzte große Ausbruch war im April 1995. Gern hätten wir die Insel besucht, gern über die heiße Erde gelaufen und den Pico bestiegen. Doch leider drängt nun die Zeit und wir müssen an der Insel vorbei segeln. Das nächste Mal, next time – bei allen Seglern ein geläufiger Spruch. Weil, alles sehen kann man wirklich nicht.

 

Das einzige Segelboot

Als wir in der Bucht von Praia ankamen, war dort nicht ein Segelboot zu sehen. Warum hier keine Segler stoppten, war uns nicht klar. Sicher erzählten sich alle Segler, dass Praia bekannt sei für seine Kriminalität, aber das hatte man auch über Mindelo  berichtet. Für uns bestand jedoch nur die Möglichkeit, in Praia auszuklarieren. So wollten wir, abhängig von unserem Gefühl, entweder gleich die Behördengänge erledigen oder aber ein paar Tage bleiben. Und wir blieben ein paar Tage!

 

Kolonialstil und afrikanisches Lebensgefühl

Praia zeigt sich als erstes als quirlige Stadt. Zweispurige Autostraße entlang der Bucht, eifrige Geschäftsleute im Anzug auf dem Weg zur Bank. Wir stiegen hinauf zur Altstadt und fanden eine Parkanlage, auf der gelassen Verschönerungsarbeiten durchgeführt wurden und daneben auf allen Bänken Leute mit Laptops saßen. Wir setzten uns natürlich gleich dazu. Rings um den Platz waren die Gebäude aus Kolonialzeiten gut gepflegt, Kirche und Rathaus, Justizpalast und Warenhaus. Dahinter fing das afrikanische Leben an. Frauen saßen mit allerlei Waren und Selbstgebackenem auf dem Bürgersteig oder transportierten Obst, Gemüse und Fische in großen Plastikschüsseln auf dem Kopf. Dann standen wir am Eingang zum Gemüsemarkt und waren vom Angebot erschlagen. Nichts, was es nicht gab. Alles war hoch aufgetürmt und die Gänge zwischen den Ständen schmal. Dazwischen drängten sich Käufer und fliegende Händlerinnen – ein fröhliches Gewimmel.

 

Ausflug in die Entdeckerzeit

Erst 1456 wurden die bis dahin unbewohnten Kapverdischen Inseln entdeckt, 1462 ließen sich die ersten portugiesischen Siedler auf Santiago nieder. Sie gründeten den Ort Ribera Grande und holten Sklaven aus Afrika als Arbeitskräfte. Sie arbeiteten auf den Mais-, Zuckerrohr- und Baumwollfeldern, destillierten Grogue und webten nach afrikanischer Art Stoffe. Die waren wiederum so begehrt, dass sie als Zahlungsmittel im Sklavenhandel fungierten. Bald wurde Santiago die Drehscheibe für den Sklavenhandel; nach Portugal und Spanien, später nach Amerika. Bauten aus diesen Zeiten sind in Ribera Grande noch erhalten oder dank der Förderung als Weltkulturerbe wieder aufgebaut.

Wir hatten uns in Praia ein Taxi genommen und sein Fahrer Antonio versprach für einen geringen Aufschlag eine Rundfahrt durch Ribera. Zunächst besichtigten wir das neu restaurierte Fort, von dem wir einen wunderbaren Blick auf die Stadt, den Naturhafen und das fruchtbare Tal hatten. Unten in der Stadt standen wir am Pelegrinho, einer Säule aus dem 15. Jahrhundert, an dem aufsässige Sklaven ausgepeitscht wurden oder feil geboten wurden. Ein Afrikaner kam auf Claudia zu und schüttelte ihr freundlich die Hand. Beide blickten auf die Säule und der Afrikaner sagte, dass sie nun ein Zeichen des Friedens sei. Beide freuten sich gemeinsam, dass sich die Welt geändert hat und sie beide freundlich schwatzend an dieser Stelle stehen konnten. Das Flussbett hinauf stiegen wir durch üppige Palmengärten hinauf zur Kirche, die in Handarbeit wieder aufgebaut wurde. Hier sahen wir uralte Azulejos und eine wunderbare Fotoausstellung. Vor der Kirche wartet eine ganze Schulklasse, beim Rausgehen drängeln wir uns durch die vergnügte Kinderschar. Und dann entdeckt Claudia eine Grogue-Destille. Qualm stieg auf, das Feuer unter der Blase lodert. Doch leider fanden wir den Destillateur nicht, ein großes Schloss hing vor dem Tor. Zu gern hätte sie ihren Berufskollegen getroffen und ein „wenziges“ Schlückchen verkostet. So blieb uns nur der Rückweg durch die Stadt, in der uns alle freundlich grüßen. Fröhlich brauste Antonio mit uns zurück nach Praia.

Einen schöneren Abschluss unseres Besuches der Kapverden hätten wir uns nicht wünschen können.