Cabo Verde - das grüne Kap
Kleine Insulaner
Als wir in der Dämmerung bei Henny eintrafen, stand er höchst selbst am Herd und buk seine Pfannkuchen. Und zwar jede Menge, denn er hatte noch mehr Gäste eingeladen: Marian und …., ein spanisches Seglerpaar, Dorthe und Jens, unsere grönländischen Nachbarn und Alex, Dauergast auf Sao Nicolau. Auf den Stufen zum Wohnzimmer hockten zwei Dorfkinder, der 11jährige André und seine gleichaltrige Freundin. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken portugiesisch unterhielt sich Claudia mit ihnen. Beide in der fünften Klasse, gehen gern zur Schule, sagten sie. Während André Mathe liebt, mag seine Freundin Kunst. Sie will später gern in einem Krankenhaus arbeiten und André möchte Polizist werden. Beide stammen sie aus Fischerfamilien. Ihre Väter aber leben nicht in Tarrafal, sie arbeiten in Portugal und Spanien. Das ist typisch für Kapverden. Viele Familien können nur durch die Überweisungen von emigrierten Angehörigen überleben. Während hier auf den Inseln 450.000 Menschen wohnen, von denen 40% jünger als 14 Jahre sind, leben 700 000 Kapverdianer im Ausland! Henny versuchte den beiden Treppenhockern klar zu machen, wie wichtig es ist, dass sie in die Schule gehen und weist uns darauf hin, dass wir sie nicht am Tage zum Aufpassen auf unsere Dingis engagieren sollten, denn für die wenigen Münzen, die sie dafür bekommen, lassen sie die Schule sausen. Dann holte er die Kinder in die Küche, wo er sie mit Pfannkuchen verwöhnte und bat uns an die weiß eingedeckte Tafel auf der Terrasse. Die Pfannkuchen waren vorzüglich!
Santa Luzia
Santa Luzia, 11.12.2009
Der Abschied von Sao Nicolau und Henny, von unseren Grönländern Dorthe und Jens war nicht leicht. Wir versprachen Henny, dass wir seine große Liebe, Sao Nicolau nie vergessen werden, verabredeten uns mit Dorthe und Jens zu einem Wiedersehen in Eden und zogen unter lautem Tröten, das von der SILA herüberschallte, den Anker hoch. Wir segelten mit gutem Wind an den zwei unbewohnten und unter strengem Naturschutz stehenden Inseln Razo und Branco vorbei und suchten uns am weißen Strand der dritten unbewohnten Insel Santa Luzia einen einsamen Ankerplatz. Am nächsten morgen sattelten wir das Schlauchboot und ruderten vom tiefblauen Meer durch türkises Wasser und steile Brandung an den weißen Strand. Dahinter türmten sich schroffe Felsen auf, durchzogen von einem tiefen Tal. Reste eines Gehöfts regten unsere Phantasie an, wie hier wohl Menschen überlebt haben könnten. Wasser gibt es nicht. Und doch haben hier einst Menschen gelebt, haben Ziegen, Schafe und Maultiere gehalten. Doch irgendwann im letzen Jahrhundert gaben sie auf. Während Martin am Strand blieb, stiegen Friedrich und Claudia über trockene Vegetation immer weiter nach oben und entdeckten, dass die Insel doch nicht so unbewohnt ist: Grashüpfer und Eidechsen huschen durch das braune Gras, Insekten summten, spatzenähnliche Vögel beäugten uns neugierig und hoch oben über den Felsen schwebten majestätisch zwei Adler. Welch eine Insel!
Und wir stellten wieder einmal fest, dass wir viel zu schnell unterwegs waren, nur zwei Tage konnten wir dieses Paradies genießen.
Sao Vicente
Mindelo, 13.12.2009
Der einst größte Hafen zwischen Lissabon und Kap der Guten Hoffnung
„Ende des 19. Jahrhunderts galt sie als eine der verruchtesten Städte der Welt“ – so steht es in unserem Reiseführer. Mindelo, einst von jährlich mehr als 2000 Atlantikschiffen als Bunkerstation auf ihrem Weg nach Südamerika angelaufen, entwickelte sich zu einer Oase für einsame Seemännerherzen. Auch wenn wir zunächst nicht die Absicht hatten, Mindelo anzulaufen, sind sich Käpt´n und Bootsjunge einig, dass sie da unbedingt mal gucken müssten. Zumal sich laut Reiseführer im “Clube Náutico“ die Hochseesegler aus aller Welt rund um die Uhr zu einem gepflegten Drink treffen sollten. Wir machten an einem der modernen Schwimmstege fest und wurden von einer Rezeptionistin (übrigens der ersten unfröhlich guckenden Insulanerin, der wir begegneten) mit einem Tagessatz von 32 Euro konfrontierte. Die unter deutscher Leitung stehende Marina greift ordentlich in die Taschen der Hochseesegler. Kein Wunder, dass viele der Plätze nicht belegt waren, dafür aber viele der kleineren Fahrtensegler vor Anker in der Bucht lagen. Wir beschlossen, nur eine Nacht zu bleiben und stürzten uns sofort ins Stadtleben. Vorbei an Fischern, die neben ihren kleinen bunten Holzbooten auf den Netzen lagernd Karten spielten. Vorbei am Torre de Belém, einem Nachbau des Originals von Lissabon. Hinein in die große Fischhalle, in der der angelandete Fang an hunderten Ständen verkauft wird. Entlang einer Kopfsteinstraße, in der bunt gekleidete Frauen jeweils ein paar Bananenstauden feilboten. Durch Gassen mit kleinen Tante-Emma-Läden zu einer Hauptstraße mit eleganten Geschäften, die einem Pendant auf dem Ku´Damm in nichts nachstanden. In einer großen Gemüsehalle waren, jetzt am späten Samstagnachmittag, nur noch einige Stände geöffnet und eine Bauernfrau schlug ihre Tücher nochmals zurück, um ihre Waren zu präsentieren. Wir kauften Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Gurken, Melone und machten uns auf den Rückweg zum Hafen, um ein frisches Bier im Clube Náutico zu trinken. Doch statt des angekündigten Weltumseglertrubels hockte in dem schattigen Innenhof nur ein älteres Paar.
Wir im Nachtleben von Mindelo
Allerdings sah es ein paar Stunden später schon etwas anders aus. Zwei Gitarristen spielten Inselmusik und mehrere Tische waren mit Europäern besetzt. An der Bar lehnten wunderschöne Inselmädchen. Eines, mit hautengem Kleid und Highheels gekleidet, bewegte sich elegant auf Martin zu, als er die Tür für Herren ansteuerte. Völlig aus dem Häuschen kehrte er zurück an unseren Tisch. Der portugiesischen Sprache nicht mächtig, hatte er auf ihre Frage mit „Ja“ geantwortet, worauf sie ihn aber verständnislos und kopfschüttelnd stehen ließ. Jedenfalls waren sich Bootsjunge und Käpt´n einig, dass der Ruf Mindelos noch nicht dahin sei, als sich das Mädchen kurz danach einem einsamen älteren Segler widmete und ein zweites, etwas Dralleres den Blickkontakt zu Martin und Friedrich suchte. Aber brav verließen die beiden mit der Kapitana im Schlepptau das Lokal, um weiter das nächtliche Treiben auf den Straßen von Mindelo zu beobachten. Schließlich landeten wir in einer der Musikkneipen und lauschten den melodiösen Klängen einer afrikanischen Band. Gegen Morgen begehrten wir Einlass in den supermodernen gläsernen Partypalast neben der Marina, wo wir von kräftigen, düster blickenden Bodyguards mit dem Wort „Privatparty“ hinausgewiesen wurden. Auf dem Steg tanzten wir zur EDEN und fielen unter dröhnenden Klängen der Liveband in die Kojen.
Winter-Weihnachtszeit
Bevor wir zur äußersten westlichsten Insel aufbrachen, machten wir uns zu einem wunderschönen Platz auf. Neben einem Jugendstilpavillon steht dort die Büste des bekanntesten portugiesischen Dichters Luis de Camoes, der in zehn Gesängen die Fahrt Vasco da Gamas nach Indien beschrieben hat. Der Platz ist von großen Hotels umgeben – das „Oásis Atlantiko“ mit moderner Eleganz, das „EDENPARK“ in morbider Auflösung. Über der schattigen Parkanlage lag sonntägliche Ruhe, nur ein paar kleine Mädchen liefen temperamentvoll und gekonnt auf ihren rosa Inlinern. Fröhlich blinzelten sie uns zu, als wir uns auf einer der leeren Bänke niederließen und unsere Laptops rausholten. Wir wurden nicht enttäuscht, als wir ein offenes Netz fanden und gaaanz viele Mails in unsere Posteingänge flatterten. Bei angenehmen Temperaturen im Schatten sitzend lasen wir vom traditionellen Vorweihnachtsentenessen bei Susanne und Klaus, das wir vor Jahren ins Leben gerufen hatten (In der Anlage war ein Foto mit abgenagten Knochen, das Martin die Spucke im Mund zusammen laufen ließ), aber auch vom eiskalten Wetter, das in mehreren Mails zur Klage Anlass gab. Wir saßen gelassen auf unserer Bank und lasen von Weihnachtsstress. Wir erhielten das erste Mal eine Nachricht von Dagmar und Klaus, die wir so unverhofft in Norwegen getroffen hatten und die wieder gut mit ihrer DAKLA in Berlin angekommen waren. Wir sahen auf einem Foto, dass Johanna und Hendrik, Friedrichs Enkelkinder, eifrig Schuhe für den Nikolaus putzen. Wir erfuhren die neusten Neuigkeiten von Philli, Martins Pflegekind. Wir lasen die lieben Worte von Mama Elli und Oranienburger Freunden und Bekannten, die ganz treu alle unsere Reiseberichte verfolgen. Wir saßen aber auch alle drei wieder ganz betroffen bei den Nachrichten über den Tod eines Edener Freundes, von dem wir kurz vor unserem Ablegen in Teneriffa erfahren mussten. Wir saßen auf dem schattigen Praca Nova und waren in Gedanken in Eden.
Santo Antao
Tarrafal, 15. 12.2009
Regen, endlich Regen
Wir rissen unsere frisch gewaschene Wäsche von der Reling. Graue Wolken hingen in den Bergen um Mindelo und ließen dicke Tropfen auf uns fallen. Claudia hielt Ihr Gesicht in den Regen, Friedrich und Martinn versuchten, das Regenwasser mit einer Plane aufzufangen. Heldenhaft zog sich Martin die Öljacke über und schrubbte das Deck – welch eine seltene Gelegenheit, es vom Salz zu befreien! Wir steuerten in Richtung Santo Antao. Die Insel selbst war nicht auszumachen, so tief hingen die Regenwolken.
Dorf am Ende der Welt
Doch als wir uns im letzten Büchsenlicht dem Ankerplatz im Westen näherten, beleuchtete die Sonne mit intensiv gelbem Licht die Vulkanlandschaft. Wir konnten beim Ankern nur noch die Umrisse der Häuser des Dorfes Tarrafal erkennen, bevor die spärlichen Lichter angingen, die sich bis hoch auf einen Kamm zogen. Laute, fröhliche Musik klang an unser Ohr, was in Claudia sofort den Wunsch nach einem Landgang weckte. Aber da war auch das kräftige Rauschen der Brandung, die diesen Wunsch gleich wieder erstickte. Am nächsten Morgen staunten wir über die Oase zwischen den Felsen, die nur über eine Schotter-Schlagloch-Piste nach drei Stunden Fahrt erreichbar ist. Am Strand landeten Fischerboote vorsichtig durch die Brandung und luden ihren Fang aus. Wäsche flatterte vor den bunt gestrichenen Häusern, Kinder wuselten umher. Wir wollten aber nicht nur per Fernglas das Dorf erkunden. Nachdem wir die Brandung und die landenden Fischer beobachtet hatten, trauten wir uns. Mit der Erfahrung unseres Schlauchboot-Stunts in der Hippiebucht von Teneriffa warteten wir einige größere Wellen ab und paddelten dann wie doll mit einem Wellenberg auf den Strand, um beim Brechen schon aus dem Boot zu springen und es in Windeseile auf den Sand zu ziehen. Tatsächlich landeten wir trocken und stiegen unter Martins Protest (Bergsteigen ist nun wirklich nicht sein Ding) hoch ins Dorf, um einen wunderbaren Blick auf die Oase und unseren Ankerplatz zu haben. Die Dorfbewohner grüßten zurückhaltend, nur zwei kleine Mädchen strahlten uns fröhlich kichernd an. Mit ihren kunstvoll geflochtenen Zöpfchen, die jeweils mit einer bunten Perle endeten, sahen sie zum Verlieben süß aus. Eines der Kleinen schaut mit unvermutet strahlend hellgrünen Augen – Erbe aus Zeiten europäischer Kolonialherrschaft. Auch himmelblaue Augen zu dunklem Teint sind hier nicht ungewöhnlich. Später winkt uns noch eine Dreijährige mit ganz blondem krausem Haar zu.
Verhinderter Landgang
Wieder zurück am Schlauchboot beschlossen wir, unserem Martin eine Pause zu gönnen und einen ausgeweiteten Strandspaziergang auf den Nachmittag zu verschieben. Doch mit unserem Ablegemanöver hatten wir nicht so viel Glück, ein Brecher erwischte uns. Das Boot, Sandalen, die erstanden Brötchen und wir selbst strotzten vor Salzwasser! Nass, aber wohlbehalten kamen wir auf der EDEN an. Doch leider nahm die Brandung mehr und mehr zu, so dass an eine erneute Landung nicht mehr zu denken war. Mit dem Blick auf den berühmten Strand, an dem Meeresschildkröten ihre Eier ablegen, mussten wir beschließen, die Insel unerkundet zu verlassen. Und dabei soll Santo Antao die grünste Insel mit tropischer und subtropischer Vegetation sein – und ein Wanderparadies dazu. Nur Martin ist nicht ganz so traurig…