Marokko
Tanger, 25.09.2009
Auf zum wirklichen Afrika
Wir verließen den Hafen von Ceuta, wechselten die spanische gegen die marokkanische Gastflagge und zogen die gelbe Flagge des Buchstabens „Q“ aus dem maritimen Flaggenalphabet hoch. Wir hatten nun nicht nur geographisch, sondern auch territorial Europa verlassen und damit alle Vorteile des ungehinderten Reisens. Mit „Q“ zeigten wir an, dass an Bord alle gesund waren und wir um freie Verkehrserlaubnis baten. So fuhren wir einfach in die marokkanischen Hoheitsgewässer, während wir an Land die gigantischen Zäune sichteten, die auffällig an die ehemaligen innerdeutschen Grenzanlagen erinnerten. Dann sahen wir kleine weiße Ortschaften, die sich in die Bergtäler duckten, riesige arabische Schriftzeichen aus Steinen an einem Berghang geformt, daneben einen supermodernen Containerhafen, der in unseren Seekarten noch gar nicht verzeichnet war. Weiter an der Küste entlang sahen wir den Neubau eines Staudammes, den Bau einer Autobahn. Wir nahmen Kurs auf Tanger, dem afrikanischen Tor zu Europa.
Willkommen in Marokko
Zwischen den Anlegern für Fähren und Kreuzfahrtschiffen suchten wir uns die Einfahrt in den Fischereihafen und wurden sofort von mehren Männern empfangen, die uns einen Platz an einem Steg zeigten, uns die Leinen entgegennahmen und uns freundlich aufforderten an Bord zu bleiben, bis die Polizei käme. Schon vor dem Hafen in lange Hosen und ordentliche Hemden gekleidet, machten wir unser Heim empfangsbereit für Behördenbesuch. Doch nur ein Beamter der Immigration erschien, zog unsere Papiere ein, füllte mit uns sämtliche Formulare aus und hieß uns freundlich in Marokko willkommen. Nachdem wir Hilfspässe erhielten, konnten wir „Q“ wieder runterziehen, unser Boot verlassen und uns in der Stadt umsehen.
Verloren im Labyrinth
Hafenpromenade, dann zweimal links und wir standen mitten in einem Souk – den Handelseinrichtungen Marokkos. Obst, Gemüse türmten sich an jedem schmalen Stand. Eine Zeile weiter Fische und Meeresfrüchte, noch zweimal rechts dann mussten wir seitwärts durch die zunehmend schmalere Gasse schlüpfen und waren inmitten von museumsreifen Ersatzteillagern gelandet. Noch einmal um den nächsten Stand und uns flogen kleine Teilchen um die Beine – ein Huhn wurde mittels einer Schleifmaschine gerupft. Während Claudia dies alles bereits von einer früheren Marokkoreise kannte, war Friedrich absolut fasziniert und konnte gar nicht genug vom Bummeln bekommen – zuhause hält er nicht mal eine Viertelstunde Kuhdamm durch! Viel zu interessant das Angebot, die Verkäufer und die Kunden… und schon waren wir im Labyrinth verloren. Warum hatten wir keine Faden hinter uns her gezogen? Weiter in die Gasse der Topf-Flicker, der Schuster, Textilverkäufer, Gewürzhändler, dann waren wir wieder glücklich in der Obstgasse angekommen und betraten die Straße, um auf der anderen Seite die Fleischer, Blumenhändler, Silber- und Lederstände zu sichten. Immer wurden wir von den Händlern freundlich gegrüßt, aber keiner versuchte uns an seinen Stand zu bitten, nur wenn wir stehen blieben, kam der Verkäufer zu uns. Keiner nahm uns übel, dass wir ohne Einkauf weiter zogen. Mit einem Kilo Couscous kamen wir ziemlich erschöpft, an den Sicherheitskontrollen vorbei, wieder auf unserem Bötchen an.
Eine marokkanische Busfahrt
Assilah - eigentlich sollte es unser nächstes Ziel per Boot sein, doch der freundliche Begrüßungsbeamte warnte uns vor der Barre des Hafens und ein Blick in unsere Unterlagen bestätigte dies. So nahmen wir auf Empfehlung des Hafenmeisters, der überaus gut deutsch sprach, ein „Petit Taxi“ zum Busbahnhof und dann einen Bus nach Assilah. Vorbei an modernen Hochhäusern und im Bau befindlichen Siedlungen fuhren wir im heißen, nur von Gardinen beschatteten Bus an der Küste entlang. Nach ungefähr einer Stunde stiegen wir an der Durchgangsstraße aus und liefen in den Ort. Schulmädchen in Jeans, T-Shirts und rosa Mappen auf dem Rücken kamen fröhlich plappernd aus der Schule, begleitet von ihren Müttern in Djellaba und Kopftuch. Durch ein riesiges Tor betraten wir die durch breite erdfarbene Mauern eingeschlossene Medina und befanden uns inmitten von weiß-blauen Gassen, unterbrochen von bunt gestalteten Grafity-Fassaden. Gegen Mittag lag die singende Stimme vom Minarett der Moschee über den Dächern der Stadt. Später begegneten wir den aus der Moschee strömenden Männern in Djellaba und Lederschlappen, die sich zufrieden plaudernd im Gassengewirr verteilten. Vor der Stadtmauer entdeckten wir schattige Restaurants und so ließen wir uns zwischen marokkanischen Familienausflüglern zum Mittagessen nieder. Es gab leckeren Fisch und Tagine. Frisch gestärkt machten wir uns auf den Rückweg.
Tanger adieu
Zurück in der Marina, schenkt uns einer der Marineros eine dicke Honigmelone und wir gaben zu verstehen, dass wir am nächsten Tag Tanger verlassen wollten. Der nächste Morgen begrüßte uns mit dicken Wolken, bald blitze und donnerte es und dicke Tropfen fielen vom Himmel. Ermahnung genug, das etwas undichte Ölzeug von Claudia endlich neu zu imprägnieren. Zeit hatten wir genug, wir warteten auf die Rückgabe unserer Papiere und die Erlaubnis, abzulegen. Als immer noch nichts geschah, kochte Claudia Schmorgurken nach Großmutters Rezept, dazu Couscous, sortierte Fotos am PC – bis plötzlich der Strom weg war. Die Marineros reichten das Stromkabel, die Pässe und die Leinen rüber – die Immigrationsbehörde hatte unsere Abreise genehmigt, und offensichtlich sofort!
Rabat, 28.09.2009
TO-Treffen
Mit gutem Segelwind steuerten wir auf das Kap Spartel zu, den nordwestlichsten Zipfel Afrikas, wo wir dann nach Süd abbogen. Wir wollten nach Rabat, wissend, dass bereits Susi und Tom mit ihrer AORAI und unserer Berliner Segelfreunde Kathrin, Torsten und Julius mit der TARAS dort angelegt hatten. Gemeinsam waren sie zwar gerade auf einem mehrtägigen Landausflug, sollten aber am gleichen Abend wie wir eintreffen. Also gaben wir Gas – im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Wind hatte uns am Abend verlassen und wir mussten motoren. Als wir uns Rabat am nächsten Nachmittag näherten, kam wieder etwas Wind auf. Stolz segelten wir an den erdfarbenen Mauern der Kashba vorbei, sollte nach unseren Erkenntnissen die neue Marina, die noch in keiner Seekarte eingetragen war, acht Meilen südlich der Stadt liegen. Mit dem Fernglas suchten wir entlang der Küste nach einer Hafenmauer und Segelmasten. Wir fühlten uns wie Kolumbus oder Magellan… Nach 15 Meilen griff der Käpt´n zum Handy. Am anderen Ende erklärte Kathrin, wo und wie wir zur Marina finden könnten – nämlich 15 Meilen zurück, direkt an der Kashba! Die Sonne stand mittlerweile schon ziemlich tief, also volle Kraft voraus! In den Seekarten war zwar eine Mole an der Flussmündung eingezeichnet, aber unbefeuert und dahinter war eine Wassertiefe von knapp einem Meter eingetragen. Natürlich kamen wir erst im stockdunklen dort an. Aber gemäß Kathrins Tipp funkten wir die Marina zwecks Lotsen an, wir hörten nur französische Antworten. Also beschlossen wir, zunächst vor der Hafeneinfahrt zu kreisen und wenn keiner kommen würde, die Nacht segelnd vor Rabat zu verbringen – keine so tolle Aussicht. Doch siehe da, ein kleines Lichtlein näherte sich. Ihm folgend fuhren wir an der alten mittelalterlichen Kashba vorbei, aus deren kleinen Häusern kleine Lichter glimmten – und dann haute es uns um! Wir erblickten eine supermoderne Marina, taghell erleuchtet.
Und dann ging der Behördenrummel los: Quarantäneärztin, Zoll, Immigrationspolizei und alles in französischer Sprache, die bei uns beiden über „merci“ nicht hinausgeht. Aber mit Händen und Füßen, unter fröhlichem Gelächter arbeiteten wir den Stapel von Formularen ab und wurden dann vom Lotsen zum Steg geleitet. Dort nahmen uns unsere fünf Freunde die Leinen ab und wir flogen in ihre Arme!
Auf dem Katamaran von Susi und Tom eröffneten wir glatt die Berliner Außenstelle des TO! (Trans Ocean, Verein zur Förderung des Hochseesegelns)
Zwischen Mittelalter und Hightech
Die moderne, großzügige Marina am Fluss Bouregreg ließ der marokkanische König, selbst begeisterter Wassersportler, genau dort errichten, wo schon im Mittelalter die Segelschiffe ankamen und vor dem Tor der Rabat gegenüberliegenden Stadt Salé ankerten. Auch wir liegen vor diesem monumentalen Tor Bab el-Mrisa. In einem Chile-Reisebericht, den Claudia gerade las, stand der Satz, dass dieses Land aus Zutaten besteht, die Gott umzurühren vergessen hat. Eine bessere Beschreibung für Rabat gibt es auch nicht. Rabat´s Zutaten: Die mittelalterliche Kashba (noch heute Wohnviertel), unter der gerade ein vierspuriger Tunnel gebaut wird, der Hassanturm (Wahrzeichen der Stadt) aus dem 11. Jahrhundert, daneben das Königsmausoleum von 1970. Die Medina mit den Gassen der einzelnen Gewerbe mutet mittelalterlich an und auf einmal befindet sich in einem kleinen Verkaufsraum ein Internet-Laden.
Stunden verbrachten wir damit, uns durch die Gassen zu schieben, die am Abend dann zu einem Leben wie aus Tausendundeiner Nacht erwachen. Auf der supermodernen Uferpromenade laufen die Kids Rollerblades…