Iberische Halbinsel
Spanien
La Coruna, 06.08.2009
Alles muss trocknen
Nach unserer morgendlichen Ankunft in La Coruna verschliefen wir zunächst den Vormittag. Dann lud der Käpt´n zum Frühstück auf die „Deck-Terasse“ in T-Shirt und kurzen Hosen, bei leicht bewölktem Himmel und Blick auf die Stadt genossen wir die ruhige, aufrechte Stellung des Bootes. Wir lagen vor den Marinas der Stadt vor Anker, was unsere Bordkasse erheblich schonte. Denn für unsere geplanten Aufräum- und Trockenlegungsarbeiten brauchten wir keinen Steg. Um dennoch an Land zu kommen, bauten wir unser Schlauchboot auf.
Und dann ging´s los: Matratzen, Betten, Ölzeug, Klamotten raus zum Trocknen. Jeden Schrank, jedes Schap, jedes Bilgenfach inspizierten wir zunächst auf Wasser. Oft mit der Erfolgsmeldung: „Trocken“, aber oft eben auch „Schiete, klatsch nass“! Also alles raus…
Dabei murmelte der Käpt´n ständig vor sich her: „Wenn es hier nass ist, dort aber trocken…. Komisch, an der Stelle hatten wir doch schon alles abgedichtet… dann muss das Wasser vielleicht doch…, aber wir lagen doch ständig auf backbord…Nein, das kann nicht sein…“ Ja, Wasser sucht sich merkwürdige Wege durch ein Schiffchen! Schon in den letzten Jahren waren wir ständig auf Suche und hatten viele Lecks gefunden… (bauen die Bayern die „Bavaria“ für den Starnberger See???)
Nach dem Ausschlussverfahren kamen wir drauf, dass es nur noch die Oberluken sein könnten. Doch just in dem Moment fing es an zu regnen und unsere Abdichtungsarbeit mussten wir verschieben.
Wo findet der Sommer statt?
Hier jedenfalls nicht, unser zweiter Tag begann mit Niesel – der Blick aufs Thermometer verriet eine Lufttemperatur von sage und schreibe 15° C!!! Die Feuchtigkeit kroch langsam aber sicher wieder zurück ins Boot. Grauenhaft! Haben wir die Sonne in Schottland zurück gelassen?
Wir entschlossen uns, weiter auf dem Ankerplatz zu bleiben, denn nicht mal „una cervesa“, zu deutsch ein Bier, konnte Friedrich an Land locken – also weiter mit den Aufräumen!
Am dritten Tag keine Änderung draußen – innen schon, langsam richtete sich das Chaos. Fast alles war wieder an Ort und Stelle, Berge von Wäsche lagen sortiert bereit, die Berichte und Fotos für´s Internet waren fertig, wir gewaschen und gekämmt – nicht´s stand der Eroberung Spaniens entgegen!
Muros, 11.08.2009
Dinner for two
Die Schlacht um die einzige Waschmaschine der Marina geschlagen, Boot, Ölzeug, Polster entsalzt und getrocknet, rüschten wir uns auf und betraten das ehrwürdige Gebäude des Yachtclubs von La Coruna. Und wir fanden alles so vor, wie wir es schon vor acht Jahren erlebt hatten, als wir hier schon mal mit der EDEN waren: Der Portier in Livree, die leise knarrende Treppe, die dunkel getäfelte Lounge mit Kamin und alten Seefahrer-Schinken, die im Wintergarten Bridge spielenden honorigen Senioras…, das Bier zu einem Euro, den Kaffe zu siebzig Cent… Da blieben wir natürlich zum Dinner.
Ein Violinenquartett spielte zum Aperitif, dann wurde unter riesigem Kronleuchter aufgetafelt: Köstliche Salate und Vorspeisen, Gebratenes und Gesottenes, Früchte, Eis, Espresso, dazu einen trocknen Spanischen – für uns spartanische Segler ein kulinarisches Paradies! Nur warum war unser Magen so klein? Ganz köstlich war einer der Ober – er hätte echt der Enkel von James aus „Dinner for One“ sein können – der gleiche Gang, die gleiche Mimik und statt des Tigerkopfes musste er zwei Treppenstufen des Saales meistern…. Claudia starrte ihn fasziniert an, auch beim zehnten, zwanzigsten und fünfzigsten Mal, das er bei uns entlanglief… und jedes Mal an der Stufe die gleiche Grimasse … zu köstlich!
Am Ende der Welt
Dieser wunderbare Samstagabend im Cub war die Krönung einer richtigen Arbeitswoche. Nach fünf Tagen Rackern an Bord, ohne dass wir nur einmal La Coruna gesichtet hatten, außer einem kurzem Weg zum Supermarkt, warfen wir am Sonntag die Leinen los und setzen zur Umrundung des Kaps Finisterre an. Wir wurden mit wunderbarem Sonnenschein, mit Wind in der richtigen Stärke und aus der richtigen Richtung belohnt. Als dann noch Delfine auftauchten und uns fast eine Stunde tobend und spielend begleiteten, war der Tag perfekt. Dann tauchte der unscheinbare Felsen mit Leuchtturm und einigen Gebäuden vor uns auf: Cabo Finisterre. Finis-terre… Ende der Erde, so sahen es die Menschen, als die Welt noch eine Scheibe war. Auch jetzt begeistert dieses Finisterre noch die Menschen – wir entdecken durch das Fernglas auf dem Felsen lauter kleine Touristen! Boah, was waren wir für die doch ein tolles Fotomotiv!
Santiago de Compostela
Spätestens nach Erscheinen der „Säulen der Erde“, allerspätestens nach „Ich bin dann mal eben weg“, muss man keinem mehr erklären, was und wo Santiago ist. Wir machten uns von Muros aus mit dem Bus auf den 70 km langen Weg und kamen als zwei von tausenden von Touristen an, neben den hunderten von Pilgern, die an ihren Wanderstäben und Muscheln erkennbar waren. Ob zu Fuß, per Mountainbike, ob alt oder jung - alle mussten warten, bis die gigantische Kathedrale um 13 Uhr nach der Andacht geöffnet wurde. Dort drängten laut die Menschen hinein, als ob sie ihren Zug verpassen würden. Die quäkenden Ansagen, die um Ruhe baten, taten ihr Übriges zur Bahnhofs-Atmosphäre. Zwischen den um den besten Fotostandort drängelnden Touristen schleppten sich die Pilger Richtung Altar, den sie wohl kaum ob der Massen sichten konnten… was mussten sie sich schrecklich fühlen, nach einem meditativen Fußweg von mehreren hundert Kilometern in solch einem touristischen Geschäft anzukommen? Wir schauen in die Gesichter der Pilger… sehen Anstrengung, Erleichterung, Tränen. Da sind dann aber auch die „Reisegruppen“, die ihre Fahne schwenken und sich eher wie ein Fanclub von Real Madrid geben. Letztlich stehen alle in einer langen Schlange am Palazio de Penegrino an, um ihren letzten Pilgerstempel abzuholen, ohne einen dargereichten Schluck Wasser, ohne ein Stück Brot… dafür gibt es hunderte von Bars und Restaurants in den kleinen Gassen der historischen Altstadt, von der wir kaum etwas sehen können, da wir in mitten anderer Touristen wie eingeklemmt sind. Irgendwie ist es wie eine Flucht, als wir uns auf dem Weg zum Busbahnhof machen.
Susi und Tom an Bord
Zurück im kleinen gemütlichen Hafenstädtchen Muros kauften wir Kartoffeln und Wein, fuhren mit unserem Schlauchboot zur ankernden EDEN zurück und begannen mit den Vorbereitungen – schließlich hatten wir Gäste eingeladen! Spanische Pellkartoffeln, schottischer Cottage Cheese als Quarkersatz, irische Zwiebeln, deutsches Leinöl… fertig war das Käpt´n Dinner! Fröhlich genossen wir mit Susi und Tom den Abend.
Eigentlich hatten die beiden uns als erste am Abend zuvor entdeckt und uns auf ein Glas Wein auf ihren Katamaran AORAI eingeladen. Auch die Seglerwelt ist irgendwie ein Dorf… wir hatten von den Beiden schon vor unserer Abreise in Berlin gehört! Nun endlich lernten wir sie kennen! Und vielleicht werden wir uns auf unserem Weg nach Süd ab und an mal wieder treffen… uns jedenfalls würde das sehr freuen!
Bayona, 14.08.2009
Heute vor drei Monaten legten wir am Bootshaus Dietrich in Oranienburg ab! Wir haben inzwischen 6 Länder besucht, 29 Häfen angelaufen, an 9 Anlegestegen festgemacht und an 22 Plätzen den Anker geworfen. Und wir haben 2774 Seemeilen im Kielwasser! Und noch ein Jubiläum: Claudia hat heute Geburtstag!
Ein wunderbarer Tag
Schon um Mitternacht startete ein riesiges Feuerwerk über Bayona. Der Käpt´n stritt glatt ab, dass er es eigens für seine jubilierende Bordfrau bestellt hatte… aber nicht, dass der Strauß Hibiskus geklaut war! Am Nachmittag flogen vier Geburtstagsgäste aus Oranienburg ein – mit ihnen eine große Tasche voller Geschenke: Vollkornbrot, selbst zusammengestellte maritime Musik, ein Stick mit Videogruß, ein Kilo Gummibärchen, ein Buch über die Oranienburger Landesgartenschau, Naturführer, Roman, frische Gartenkräuter, ein gepresstes Rosensträußchen von Mama Elli! Welch eine Freude beim Geburtstagskind!
Und dann tauchte am Horizont ein Katamaran auf: die AORAI! Susi und Tom hatten, um pünktlich zur Party zu erscheinen, mangels Wind sogar ihren Motor gestartet. Vor Anker liegend genossen wir gemeinsam die glitzernde Lichterkulisse der Bucht von Bayona und einen wunderbaren Geburtstag!
Bayona 19.08.2009
Weiße Strände zwischen Felsen, blauer Atlantik, angenehme Temperaturen – mit uns tummeln sich weitere 49.998 Touristen in Bayona. Für uns ist Bayona aber insbesondere mit einer Erinnerung verbunden: Im Oktober 2000 sind wir nach unserer ersten Biskayaüberquerung nach 5,5 Tagen hier angekommen. Und überhaupt scheint Bayona ein „Arribada“-Hafen zu sein. Die PINTA kam hier am 11. März 1493 mit der Nachricht der Entdeckung von Amerika an.
Am 3. August 1492 startete Kolumbus mit der SANTA MARIA, der NINA und der PINTA in Palos de la Frontera mit Ziel Indien… Die PINTA war das schnellste der drei Schiffe: 21 m lang, 60 t schwer, 26 Mann Besatzung, Kapitän war Martin Alfonso Pinzon. Nach einem Mastbruch zu einer Pause gezwungen, starteten die Schiffe Anfang September 1492 von den Kanaren und sichteten Mitte Oktober das erste Mal Land – eine Insel der Bahamas. Im Dezember strandete die SANTA MARIA vor Hispanola und Mitte Januar 1493 machten sich Kolumbus und Pinzon mit den beiden anderen Schiffen auf den Rückweg. Bei den Azoren verloren sie sich aus den Augen. Die PINTA kam in Bayona an und segelte erst dann weiter nach Palos, wo zufällig am gleichen Tage auch die NINA einlief.
So die Fakten – was das für die Seeleute hieß, können wir bei der Besichtigung des Nachbaus der PINTA nur erahnen…
Die deutsche Kolonie von Bayona
Wir ankerten nun schon seit fast einer Woche vor Bayona. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen: Segler aus Frankreich, England, Holland, Skandinavien, Amerika. Als wir ankamen, lag da auch ein deutsches Boot… dann kamen Susi und Tom… dann noch vier… „Willkommen in der deutschen Kolonie“ schallte es schon von einem der Boote. Auf der AORAI (Katamarane haben nun mal das größte Deck) gab es ein fröhliches Kolonietreffen. Da hatte jeder eine Storry zu erzählen und wir lachten gemeinsam über schief gegangene Manöver, über vergessenen Luken (schwupps ist wieder Wasser auf der Matratze!) über Pech und Pleiten, die jeder von uns sehr gut kannte, weil selbst durchgemacht… und garantiert wieder durchmachen wird. Der Mensch ist eben nur begrenzt lernfähig!
Inzwischen hat sich die Armada Richtung Süd aufgemacht. Wir warten noch auf den versprochenen Nordwester, der uns nach Portugal pusten soll.
Portugal
Leixoes, 21.08.2009
Burmester – since 1750
Am Nachmittag zogen wir in Bayona den Anker hoch und machten uns auf den Weg. Als wir die Bucht verließen, sahen wir zwei kleine rote Segel wie Federmausflügelchen, die schon auf Südkurs waren… auf Kreuzkurs trafen wir punktgenau die AORAI. Fröhlich winkten wir Susi und Tom zu und jeder holte die Kamera raus. (Später würden wir sicher die Fotos tauschen können!) Beide Schiffchen fuhren in Sichtweite in die Nacht hinein mit Ziel Leixoes, dem Vorhafen von Porto. Am frühen Morgen ließen wir den Anker im Industriehafen fallen.
Hier in Leixos nahmen wir das erste Mal unterwegs Kontakt zu einem Trans-Ocean-Stützpunkt auf. Trans-Ocean ist ein deutscher Verein zur Förderung des Hochseesegelns und hat weltweit ehrenamtlich arbeitende Stützpunkte, die Anlaufpunkte für segelnde Mitglieder sind, Hilfe und Unterstützung gewähren. Rudolfo Burmester begrüßt uns in seinem Büro herzlich und wir fühlen uns sofort gut behütet. Die auf Gemälden und Fotos abgebildeten Segelschiffe lassen eine lange Seefahrertradition erahnen und so erfuhren wir auch ein wenig aus der Burmester´schen Familiengeschichte, in der auch der Portwein eine große Rolle spielte. Und siehe da, als wir in die Altstadt von Porto fuhren, sprang uns von einer Fassade sofort das Markenzeichen „Burmester since 1750“ ins Auge.
Kreuz und quer durch Porto
Mit den „Hop on hop off”-Bussen, die drei verschiedenen Routen durch Porto fahren und in die man jederzeit ein- und aussteigen kann, erkunden wir zusammen mit Susi und Tom die berühmte Weinstadt. Moderne Häuser am Meer, mondäne Villen im Jugendstil, Kirchen und Kathedralen mit blau bemalten Fliesen (azulejos) verziert, kleine Gassen mit Treppchen und bunter Wäsche darüber. Allgegenwärtig ist der Fluss Douro, der mit beeindruckenden Brücken überspannt ist. Eine davon wurde 1877 von Gustave Eifel erbaut, der dann später den gleichnamigen Turm in Paris errichtete. Noch imposanter ist die doppelstöckige Brücke, die schon 1886 über den Douro gebaut wurde und Viertel am Ufer sowie auf den Felsen verbindet.
Natürlich beendeten wir unsere Stadterkundung in Gaia, dem Lagerhausviertel. Hier reift der, im Dourotal gewachsenen und dort schon gekelterte Wein bei gleichmäßigen Temperaturen Jahre und Jahrzehnte lang. Früher wurde der frische Wein per Boot den Douro hinab nach Porto gebracht; die Schiffe liegen noch als Touristenattraktion im Fluss verankert. Von der trubligen Uferpromenade liefen wir weiter bergan in das Lagerviertel, um „Burmester“ einen Besuch abzustatten, doch wir standen vor verschlossenem Tor. So gingen wir in die kühlen Räumlichkeiten von „Wiese & Krohn“, wurden auf einen Portwein und zur Besichtigung eingeladen. Und wir erfuhren, was das Besondere an Portwein ist. Und eigentlich tranken wir ihn nicht, sondern naschten daran… oh, wie lecker!
Porto, 23.08.2009
Am Ursprung von Portugal
Die Atmosphäre von Porto gefiel uns so gut, dass wir beschlossen, sie mit der EDEN zu genießen. Also lichteten wir den Anker und fuhren mit auflaufendem Wasser in den Douro ein. Was schon vom Ufer aus beeindruckend wirkte, war es vom Wasser aus noch mehr. Wir schlängelten uns die Biegungen hinauf und machten in mitten der Altstadt vor der Doppelstock-Brücke am Kai fest, wo es genau für zwei Seelboote Platz gibt. Kurz darauf blieb ein Einheimischer samt Sohn und Hund stehen und sprach uns an. Über dem Woher-Wohin kamen wir auf Porto und deren Geschichte zu sprechen und dann erzählten sie uns, dass der Name Portugal genau hier an unserem Liegeplatz entstand: „Porto“, für die Hafenmauern auf unserer Uferseite – „Calem“ für die Bucht auf der anderen Seite und irgendwie wurde Portu-gal daraus.
Wir machten uns auf, von unserem Porto nach Calem, um den größten der Portweinproduzenten einen Besuch abzustatten: Sandemann. Schon überall in der Stadt begegnete uns sein Markenzeichen: der „Don“ mit schwarzem Hut und Umhang. Dieser höchst selbst führte uns zwischen alten Fässern durch die temperierten uralten Hallen mit den hinter Gittern verschlossenen spinnenbewebten Flaschen des „Vinitage“. An Bord zurück gab es einen wesentlich jüngeren (und preisgünstigeren) „Tawny“.
Am Abend schlenderten wir am Ufer entlang, genossen das Lichtermeer, verliefen uns in den alten Gassen und lauschten dem wehmütigen Gesang einer Fado-Sängerin. Eigentlich könnten wir noch länger hier bleiben… doch der Käpt´n gab Auslaufbefehl für das nächste ablaufende Wasser am Morgen!
Nazaré, 26.08.2009
Delfinarium
Das Wetter und seine Verkünder – nicht nur in Irland, nein auch in Portugal stehen sie offensichtlich auf Kriegsfuss. Statt Supersegelwind aus Nordwest kam fast gar keiner aus Südost! Motorfahrt…
Am nächsten Tag hatten wir mehr Glück: Spinnackerwetter! Und so holten wir unser riesengroßes hauchdünnes Segel raus. Es bauscht sich vor dem Bug und mit Rauschefahrt steuerten wir auf das kleine Fischerstädtchen Nazaré zu. Mit der untergehenden Sonne ging auch der Wind weg, aber es tauchte eine Schule Delfine auf, die sich sichtlich wohl in unserer Nähe fühlten. Claudia spornte sie mit begeisterten Rufen an und so sprangen sie, schossen vor den Bug. Einer machte viermal hintereinander „Rückenklatscher“!
Vor uns gingen die Lichter von Nazaré an – bis hoch auf die Klippen zogen sich die kleinen Lichtpunkte. Wie mag das Städtchen, die Landschaft morgen im Hellen aussehen?
Nazaré, 27.08.2009
Die strengen Augen des Captain Hadley
Doch zunächst fuhren wir im Dunklen durch die verschachtelten Hafenbecken zu den Stegen der Marina. Von dort rief ein Mann Unverständliches und fuchtelnd deutet er auf einen in der schwarzen Nacht versunkenen Teil des Hafens. Da wollten wir nicht rein und ignorierten den aufgeregten Herrn. Doch sofort war dieser wieder ran und endlich begriffen wir, dass es sich um den Hafenmeister handelte. Captain Hadley, ursprünglich beheimatet auf der Isle of Man, führt ein strenges Regime: Vom Aushang der portugiesischen Strafen für maritimes Fehlverhalten bis zur „Black List“, der schwarzen Liste, auf der Zechpreller der Marina öffentlich am Pranger stehen. Schiffsunterlagen, Versicherungsnachweise, Reisepässe - gleich nachts wollte sie Captain Hadlay haben. Übrigens das erste Mal auf dieser Reise, dass wir alle Papiere vorlegen mussten, dafür erhielten wir eine Rundumbetreuung, die zwar äußerst nett und informativ, aber bei halbstündlichen Klopfen an der Bordwand am folgenden Tage von uns etwas nervig empfunden wurde. Wir trauten uns nach seinen Ermahnungen zum Wasserverbrauch nicht, unser verdrecktes und versalzenes Deck zu schrubben, aber unsere Wäsche spülten wir unter Deck ordentlich!
Dank an die Jungfrau
Der erste Rundumblick nach dem Erwachen zeigte uns ein Hafenbecken mit Fischhallen und karger, grasverbrannter Umgebung: wir waren nun im wirklich im Süden angekommen. Auch die kleinen weißen Häuser, die in der Bucht bis hoch auf die Klippen klebten – typisch südländisch. Mit dem Bus waren wir in zehn Minuten mitten im Urlaubstrubel: Breiter Sandstrand mit pastelfarbenen Sonnenzelten, kleine weiße Gassen mit schwarz gekleideten Fischerfrauen, die traditionelle Stehröcke trugen, flipflopbeschuhte Touristen, Campinggrills voller Sardinen vor den Restaurants, flatternde bunte Kleider und handgestrickte Ponchos vor den Läden. Uns zog es zu einer Bergbahn, die hinauf zum Klippenviertel fährt. Dort hatten wir nicht nur einen herrlichen Blick, sondern fanden eine winzige Kapelle, in der einst Vasco da Gama nach seiner Indienfahrt der heiligen Jungfrau von Nazaré für die glückliche Heimkehr dankte. Im Juli 1497 war dieser aufgebrochen, um den Seeweg nach Indien zu erkunden, da durch den langen Landweg über verschiedenen Zwischenhändler Gewürze ungeheuer teuer waren. Im Mai 1498 landete er nahe Calicut an der indischen Küste, die er voll beladen mit kostbaren Gewürzen im Oktober wieder Richtung Heimat verließ.
Wir stiegen die winzige Treppe in der mit „azulejos“ gekachelten Kapelle hinab und standen vor der kleinen Skulptur der Jungfrau, verborgen hinter Gitter und Glas. An den Händen haltend sagten wir ein Dank für alle, die uns gesehen und ungesehen beschützt und geholfen haben, blinzeln uns an – ein bisschen stolz, jeder auf den anderen! Immerhin waren wir bis hierher gekommen und nicht in Rügen hängen geblieben…
Ehrlich gesagt, hatten wir von den Fisch- und Industriehäfen, von dem täglich mehrere Stunden herrschenden Nebel ohne Wind langsam genug. Da kam uns der sorgsame Wetterbericht Captain Hadleys gerade recht: Zwei Tage stetiger, kräftiger Wind aus Nord. Das würde gerade bis um´s Cabo Vicente reichen!
Lagos, 29.08.2009
Längs Portugal und ein Mal abbiegen
Vom teuren Captain Hadley verholten wir uns zunächst ins billigere Peniche. Dafür empfing uns eine Sirene aus den Fischlagern, die an Fliegeralarm denken ließ und nicht endendes Fischkuttergeknatter in Hubschrauberlautstärke, die damit verbundenen Wellen brachten in unserem Schiffchen alles zum Hinundherknallen. Eine Festung, kleine Gassen und die Aussicht auf eine „Wireless-Zone“ (war dann doch ein Flop) versöhnte uns. Und dann kam endlich der ersehnte Wind.
Als Schmetterling segelten wir rauschend in die Nacht, passierten mit Cabo da Roca den westlichsten Punkt des europäischen Festlandes und gegen Mitternacht die Mündung des Tejo. Hell erleuchteten die Lichter Lissabons den Himmel. Da endete abrupt die Wolkendecke und ein Sternenmeer breitete sich über uns.
Mit zuverlässig wehenden Wind erreichten wir am späten Nachmittag Cabo de Sao Visente und bogen links ab zur Algarve. Im letzten Büchsenlicht fiel unser Anker vor Lagos und wir nach einem Ankommer in unsere Koje.
Unsere Freude, nun im Hizibizi-Bikini-Sommer angekommen zu sein, währte nicht allzu lange. Hier wird touristisch nicht gekleckert! Wie ein Hornissenschwarm umkreisen uns Motorboote mit Scharen an Sonnenhungrigen, Wasserski- und Jetfahrer, Fallschirm- und Reifenhinterhergezogene. Dagegen war Peniches Fischereihafen wie Abrahams Schoß! Nix wie weg hier!
„Ich will nur noch zurück nach Rügen..“
Um es vorweg zu nehmen, der Spruch stammt nicht vom Käpt´n der EDEN, wobei er ihn beim Anblick der mit Hotels zugekrachten Küste das ein oder andere Mal zitiert… Diesen Satz sagte ein deutscher Segler, der uns im Caledonien Canal entgegen kam, weil in Schottland und Irland für ihn alle Berge grün und gleich aussähen, immer nur geankert werden könne und überhaupt Marinas keinen Service böten… Komisch, wir müssen woanders gewesen sein!
Ok, hier an der Algarve sahen alle Hotelklopper gleich aus, aber bevor wir eben mal nach Rügen zurücksegeln, wollten wir uns Rat bei Ortskundigen holen. Dafür segelten wir 35 Meilen weiter…
Um die Landschaft der Algarve doch noch zu würdigen: Sie ist wirklich schön! Klippen mit Sandstränden, weite Buchten, türkis-blaues Meer. Weiter westlich laufen die Felsen aus und kilometerlanger Sandstrand leuchten gelb vor den Bergen im Landesinneren.
Aloha, Olhao!
An einer riesigen Sanddüne entlang fahrend, fanden wir die Einfahrt in die Lagune zwischen Faro und Olhao. Den Anker senkten wir inmitten von 50 internationalen Segelbooten vor der Insel Illha de Culatra. Am nächsten Morgen machten wir uns mit dem Schlauchboot quer über die Lagune auf zum Städtchen Olhao. Dort fanden wir in der Werft, wonach wir suchen: Ortskundige! Wir stiegen eine Leiter hinauf und standen an Bord von „Bogomil“ und fallen Ellen und Frank in die Arme. Das letzte Mal war es übrigens im Rixdorfer Brauhaus in Berlin beim Trans-Ocean-Treffen im April. Die beiden haben ihr Segelboot schon lange hier und machten uns Lust auf Segeln an der Alarve!
Froh gelaunt brausten wir mit dem Schlauchboot zurück und fanden eher zufällig eine ganz berühmte Kommune – die der Katamaransegler… oder besser: Nichtsegler. Viele haben sich hier seit Jahren trockenfallen lassen, Buden und Kakteengärten aus Strandgut angelegt, inmitten einer karg bewachsenen Düne, die nach wildem Currykraut, Thymian und Fenchel riecht.
Sie bleiben hier, so lange es geht, solange die Nationalparkbehörde sie duldet, erzählt eine ältere Holländerin vom letzten Kataman. Sei seien so oft nach Karibien und zurück gesegelt, jetzt würden sie hier die Ruhe und ganz besonders die im Winter genießen. Später erzählt uns Ellen, dass in dieser Katamaran- Reihen“haus“siedlung nicht nur eitel Sonnenschein herrscht, sondern auch Kommunardenstress.
Bevor der an unserem 50-Boote-Ankerplatz ausbrechen konnte, verholten wir uns vor den Stadtkai von Ohlao mit Blick auf zwei große Markthallen und mit nur fünf Nachbarn! Und zu unserer großen Freude haben wir sogar ein kostenloses, schnelles und stabiles Internet an Bord.Hier bleiben wir erst einmal. Bootspflege ist angesagt. Und Genießen der Algarve!
Olhao, 02.09.2009
Die besten Brötchen der Welt
Putzen, basteln, reparieren – wir kamen in den letzten Tagen kaum dazu, mal an Land zu gehen. Nur nach Einbruch der Dunkelheit huschten wir per Schlauchboot an Land, ein Mal um den auf der Uferpromenade gastierenden Familienzirkus zu erleben, ein anderes Mal, um mit Ellen und Frank Fisch zu essen. Und immer hatten wir die beiden riesigen Markthallen vor der Nase… dann endlich statteten wir ihnen einen Besuch ab. In der linken wurde Fisch angeboten, in der rechten Obst und Gemüse. Ein Stand schöner als der andere! Wir liefen rundherum und konnten uns nicht satt sehen: Fische, die wir noch nie gesehen, Obst, das wir noch nie gegessen hatten. Beladen mit zwei frischen Doraden und einem Rucksack voller Früchte verließen wir die Hallen. Knuspriges Brot und Brötchen erstanden wir später in einem kleinen Bäckerladen in einer der kleinen Gassen von Olhao. Übrigens sind die Portugiesen Spitze beim Brötchenbacken! Nirgends fanden wir bisher solche Brötchen – sie sind einfach wie ganz, ganz früher!
Ilha de Culatra, 06.09.2009
Gut verproviantiert, fuhren wir in den Fischereihafen von Olhao und tankten Diesel und Wasser, dann verholten wir uns in das dritte Ankerfeld, das die Lagune bietet: vor die Düne von Culatra, das ultimative „Vom-Segeln-Urlaub-Machen-Resort“. Dünenwanderung, Atlantikbaden, Lagunenwasserwaten, Muschelnsuchen, Drachensteigen, Melonenkernweitspucken, Angeln (erfolglos), Störchezählen (ob die wohl aus Kremmen kommen?), Lesen, Pläne schmieden… Und dann klingelte das Telefon: Susi und Tom waren in der Lagune auf der Suche nach uns. Sie hatten einen Aufenthalt in Lissabon eingeschoben – jetzt begrüßten wir uns unter großem Hallo! Es war schön, sie wieder neben uns ankernd zu haben! Zusammen zogen wir zum Samstagsmarkt nach Olhao, grillten bei Vollmond am Strand und futterten Toms selbstgebackenen Kuchen. Doch uns beide befiel so langsam der Lagunenkoller und die Freude auf eine Flussfahrt!