Von Irland nach Spanien
La Conuna, 04.08.2009
Arriba Espania!
Nach genau fünf Tagen und einer halben Stunde Segelzeit warfen wir unseren Anker im Hafen von La Coruna. Völlig verdreckt, aber glücklich fielen wir in die klamme Koje. Wir hatten eine überaus sportliche Überfahrt hinter uns. Aber nun erst mal von Anfang an.
Kurs: Kap Finsterre
Wie geplant verließen wir am Donnerstag um 5.00 Uhr mit der Strömung den Fischereihafen in Arklow. Mit halben Wind parallel zur gerade noch sichtbaren Küste segelten wir den St. Georg Chanal, die Meerenge zwischen Irland und England entlang in Richtung Keltische See. Es ging richtig gut voran, immer mit 7 bis 8 Knoten durch´s Wasser plus 2 Knoten Schiebestrom, also bis zu 10 Seemeilen pro Stunde über Grund – für Landratten sind das ca. 18 km/h. Doch gegen Abend drehte der Wind, der Strom schob uns Richtung England in die Bristol Bay, das Barometer fing an zu fallen… Entgegen der vorhergesagten maximalen Windgeschwindigkeit von 25 Knoten blies es mit bis zu 40 Knoten – also statt Windstärke 6, eine 8 und das aus der Richtung in die wir wollten. Toll!
Über die auftürmenden Wellen wurde unser Schiffchen wie ein Tischtennisball getragen, dennoch musste der Käpt´n feststellen, dass sich einige Ausrüstungen auf diesem Kreuzkurs leicht „ladylike“ verhielten und den Dienst versagten: die Navtex-Antenne, der Windgenerator, Frl. Adamski (Windsteueranlage) und Claudias Magen. Letztere kriegten sich am nächsten Morgen bei gleichmäßigem, raumen (von der Seite kommenden) Wind, Sonnenschein und schöner Atlantikdünung wieder ein. Wir konnten einen wunderbaren Südwestkurs segeln, es gab Kartoffelbrei mit Rührei – die Welt war in Ordnung!
Unser Ziel: Südwestlicher Kurs bis zur Überquerung des 10. Längengrades - eine Faustregel für Biskaya-Fahrer, damit mögliche aufkommende Südweststürme das Boot nicht zu weit in die Bucht schieben. Ja, und dann Kurs auf Kap Finisterre und weiter bis zur spanischen Hafenstadt Bayona.
Alles - außer warm und trocken
Um es kurz zu machen, der Wind ignorierte sämtliche irische und deutsche Vorhersagen, auch die Statistik (Juli/August meist Schwachwind) und blies sich kräftig aus südlichen Richtungen ein. Die Wellen kamen ständig über das Deck gespritzt und unser, nach langen Jahren Kampf trocken geglaubtes Schiffchen leckte an allen möglichen Stellen: Wasser waberte in der Bilge, Topfschapp, Schlafkoje… Dazu regnete oder nieselte es, mit jedem Wachwechsel trugen wir Wasser mit dem Ölzeug herein. Bettzeug, Polster wurden klamm… aber die Ansage der noch vor uns liegenden Meilen stimmte uns jedes Mal besser. Trotz des Gegenankurses machten wir gute Fahrt. Doch dann drehte der Wind noch weiter auf Süd, dass wir nicht mehr den Kurs nach Finsterre halten konnten, sondern genau auf La Coruna zusteuerten. Wenn es so sein sollte…
Obwohl wir immer weiter nach Süden kamen, ging es ohne lange Unterwäsche, Skianzug und darüber Ölzeug gar nicht (jeder Gang auf´s Töpfchen war eine Tortour!). Aber Jammern gilt nicht, schließlich ist es ja immer unser Traum gewesen….ha, mit spanischen Liedchen auf der Lippe immer der Sonne entgegen….
Das Leben auf See
Die starken Wellenbewegungen machten uns das Bordleben extrem schwer. Kochen ging kaum. Blöderweise hatten wir unsere Starkwind-Büchsennahrung zu unterst gestaut– keiner hat bei den Wettervorhersagen ernstlich vorher daran gedacht, dass wir da so schwer rankommen. Claudia plumste mehrfach auf ihren noch nicht ganz heilen Fuß und das Drama fing von vorn an. Wie eine Hupfdohle versuchte sie die Schiffsbewegungen auf einem Bein auszugleichen und Friedrich musste noch mehr Arbeit übernehmen, während Claudia tapfer in Kälte und Regen im Ausguck saß. Durch die überschäumenden Wellen wurde alles salzig. Wo man auch hinfasste – Salz. Verklebte Haare, brennende Haut. Hygienische Maßnahmen auf ein Minimum reduziert.
Zähneputzen: Füße verkeilt, eine Hand zum Festhalten, andere mit Bürste ... wie jetzt Zahnpastatube öffnen und Pasta auf die Bürste kriegen..?? Dazu knallende Badschranktüren, herausstürzender Inhalt, zu öffnende Seeventile, Wasserhahn, Achterbahnbewegung. Schließlich Auflehnen auf das Waschbecken (dadurch ist zweite Hand zum Festhalten der umher fliegenden Dinge frei) und durch Bewegung des Kopfes Zähne über Bürste schrubben… und irgendwie ist dazwischen noch Platz für einen kräftigen Fluch und ein Lachen bei der Vorstellung, dass die Situation absolut filmreif ist!!
Sterntaler
Dieser Törn verlief wirklich ganz anders als vorgestellt. Eigentlich gewöhnt man sich nach zwei Tagen an den Wachrhythmus, hat Zeit zum Kochen, Lesen, in die Wellen schauen. Man kann den Weg zwischen zwei Stationen genießen, dabei an Erlebtes zurück zu denken und sich auf Neues freuen. Eben einfach reisen! Diesmal hatten wir wirklich eine Herausforderung angenommen…
Dennoch blieb auch immer Zeit, die Natur zu beobachten. Wenn es diesmal nicht die Sterne waren oder die Sonnenreflexionen, dann eben die Wolkenformationen, durchziehende Schauer, prächtige Wellen. Den Flug der Wasservögel. Claudia war von den Künsten der Fulmare (engl.) begeistert. Elegant schweben die weißen großen Vögel mit den schwarzen Flügelspitzen und dem gelblichen Hals über die Wellen, um sich hoch in die Lüfte zu erheben und wie ein Pfeil ins Wasser zu stürzen und dabei bis zu 2 m hohe Fontänen in den Wellen zu verursachen. Friedrich freut sich über die Begegnung mit Delfinen, die in einer großen Schule um das Boot herumtoben.
Und dann das Meeresleuchten in einer der ganz dunklen Nächte! In der aufschäumenden Gischt glitzerte und leuchtete es. Wir zogen hinter uns einen weißen Schleier her, der mit tausenden von Sterntalern bestreut zu sein schien. Und plötzlich waren da noch mehr Schleier – neben uns, vor uns, unter unserem Rumpf – mal schneller, mal langsamer, manchmal als Schlängellinie. Fantastisch! Auch die Delfine zogen Gischt mit sich, in denen das Plankton leuchtet.
„Securité, Securité…this is EDEN …“
Endlich kamen wir wieder dem Land näher, erkennbar an der Schiffsbewegung um uns herum. Zu sehen war wegen des Nieselregens nichts - nur das Radar zeigte die Echos. Und eines kam unentwegt auf uns zu. Dann tauchte es schemenhaft im Niesel auf, wurde binnen Minuten größer und größer und kam immer noch auf uns zu…. Nach Seerecht haben wir unter Segeln Vorfahrt und das andere Schiff muss rechtzeitig deutlich erkennbar den Kurs ändern… doch nichts geschah… „Der fährt uns glatt über – ob die Schiffeversenken spielen…“ kam uns über die Lippen und mit dem „Manöver des letzten Augenblicks“ machten wir eine Wende und wichen dem Londoner Containerschiff aus.
Wütend griff Friedrich zur Funke und sprach die „Helgaland“ an. Unverständliches Geblubber kam von dort zurück. Die müssen da tatsächlich ihren High Tea zelebriert haben, ohne nach vorn zu gucken… Allerdings kam sofort Bewegung ins Radarbild. Alle Echos machten um uns einen riesigen Bogen!
Als dann der nächst Dampfer ungebremst auf uns zusteuerte, setzte Friedrich eine Sicherheitsmeldung ab.
Securité, Securité, Securité – all ships, all ships, all ships
This is the sailingyacht EDEN - delta foxtrot oscar exray two (DFOX2) – bound for La Coruna
Position 44° 20,1 ´N 006° 06,4´ W – course 155°, speed 5,5 knots
Please keep sharp look out. Thank you. Have a good watch.
Mit dieser Sicherheitsmeldung gab Friedrich den anderen Schiffen unsere Position, Kurs und Geschwindigkeit an und bat sie um Aufmerksamkeit und wünschte noch eine gute Wache.
Prompt kam eine Nachfrage zur Wiederholung der Position. Man hat also verstanden, dass wir uns da im Nebel rumtreiben. Und plötzlich wurde der Abstand aller Dampfer noch größer. Dann kamen wir drauf, dass es vielleicht an unserem Rufzeichen liegt. Mit der Eintragung ins Schiffsregister in Hamburg haben wir ein für große Schiffe übliches Kennzeichen erhalten – ob die jetzt denken, wir sind so was wie das Becks-Schiff oder die Seacloud? Uns kann´s egal sein, wir haben erstmal Abstand!
Immer der Sonne entgegen
Doch wo blieb sie? Erst bei der Ansteuerung von La Coruna schoben sich erstmals die Wolken ein bisschen zur Seite und der Vollmond lugte heraus. Vor uns blinkte der Torre de Hercules – der schon von Römern erbaute Leuchtturm - ein Willkommen entgegen. Der Wind ging weg, wir motorten die letzten Meilen in den Hafen, warfen den Anker und fielen verdreckt, aber glücklich in unsere klamme Koje.