Schottland



Kirkwall/Orkney, 27.06.2009

 

Go West

Ziemlich abrupt haben wir unseren Norwegen-Besuch beendet. Aber so ist es bei Seglern. Ändern sich die Bedingungen, gibt es eben kein Halten. Auch wenn es noch so schön ist. Aber vielleicht macht das gerade, dass wir Situationen und Begegnungen besonders empfinden und im Gedächtnis behalten, ob es der Regenbogen über Neuhof ist oder der Schwatz auf Utsira.

Schön am Segeln ist auch, dass während des schweifenden Blickes über den Horizont die Gedanken zurückwandern und die Erlebnisse noch einmal passieren. Und dazu hatten wir erst einmal ausgiebig Zeit: drei Nächte und zwei Tage.

Mit Kurs 270° (Orkney liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Stavanger) verließen wir abends das Inselgewirr vor Stavanger. Der Wind schlief fast ein. Dazu kam er noch von hinten, die Dünung von der Seite. Mit den Worten „Eine Nacht zum Segeln-Abgewöhnen“ weckte der Käpt´n zur Hundewache. Schließlich war unsere Fahrt unter 2 Knoten, die Segel wurden eingeholt, der Motor gestartet. Aber irgendwann kam der Wind wieder – Segel raus, endlich Stille. Ein lautes Blasen riss Kapitanas Aufmerksamkeit nach backbord. Gleich neben uns ein schwarz glänzender Rücken, fast so lang wie unser Boot! So einen großen Wal hatten wir noch nie gesehen! Er zeigte sich noch mal direkt vor unserem Bug und dann noch mal zum Fotoshooting.

In der zweiten Nacht passierten wir ein ganzes Batallon Ölplattformen, in der dritten sichteten wir tatsächlich ein anderes Segelboot. Am Tage war endlich mal Sommer, nachts blieb es hell. Der Wind pegelte sich ein, unser Wach-Schlaf-Rhythmus auch. Nach zwei Dritteln der Strecke überquerten wir den Null-Meridian. Damit haben wir navigatorisch die Westgrenze überschritten, unsere Positionsangaben enden nun nicht mehr mit E, sondern mit W. Mit der aufgehenden Sonne passierten wir die erste Landzunge einer der Orkney-Inseln – und plötzlich fing es aus der Wolke über uns an zu regnen. Schottland da sind wir!

 

Whisky statt Wasser

Um 5.30 Uhr machten wir unsere Leinen im Hafen von Kirkwall auf Mainland fest und fielen in die Kojen. Mittags packten wir Handtücher und Shampoo (und wie immer die Fotokamera) in den Rucksack und liefen zum ehrwürdigen Haus des Yachtclubs, um eine Dusche zu nehmen. Doch uns fehlten die Pfundmünzen für den Automaten. Auf der Suche nach einer Bank landeten wir in der Touristeninformation, wo gerade ein paar deutsche Segler eine Führung in der Destillery klar machten. Wasser aus der Dusche gegen Whisky aus der nördlichsten schottischen Brennerei – was für eine Frage!

In der Highland Park Destillery schlug Claudia´s Herz höher, schließlich ist sie ja zwischen Gärbottich und Destillierkolonne aufgewachsen. Daher hat sie auch die größte Achtung vor der Kunst, aus Gerste, Wasser und Hefe den Weingeist zu zaubern. Und dieser hat es in sich – der Highland-Park-Whisky hat die Auszeichnung „Best spirit in the world“ errungen. Für uns gab´s zur Verkostung einen 12- und einen 18-jährigen Whisky - ungeduscht!

 

Kirkwall/Orkney, 30.06.2009

 

Scotland´s future und Orkney´s Gegenwart

Nach unserer Whisky-Verkostung begegnete uns als Nächstes eine Hochzeitsgesellschaft vor der St. Magnus Kathedrale. Irgendwie glaubt man ja Reiseführern nicht, die da schreiben, dass der Kilt lebt. Aber alle Herren waren tatsächlich in Karo gewandet. Was ist drunter? „Scotland´s future“ (Schottlands Zukunft), sagen die Schotten.

Die scheint hier auf Orkney gesichert zu sein. Auffallend die vielen jungen Leute. Jeder zweite Laden im 7400-Seelen-Städtchen Kirkwall hat im Schaufenster Hochzeits- und Babyausstattung. Die Schaufenstergestaltung allerdings erinnert uns an Kindertage, irgendwie scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auch die Straßen und Häuser wirken sehr traditionell – kaum ein Unterschied zu den verblichenen Fotos der vorletzten Jahrhundertwende, die wir  im Orkney-Museum betrachteten. Nur statt Pferdewagen fahren Autos durch die engen Gassen. Hinter den Fassaden geht es natürlich genauso zu wie bei uns  – und so sitzen wir bald im angesagtesten Pub der Stadt, trinken Orkney Beer und surfen im Internet.

Übrigens hat Orkney seit wenigen Jahren eine eigene Flagge – ähnlich der norwegischen und mehr als 90 % der Einwohner fühlen sich mehr Norwegen verbunden als Schottland. Wo mag Orkney´s Zukunft liegen?

 

Orkney´s Vergangenheit

Der Informationsfluss im Hafen funktioniert, wir haben einen Tipp von anderen Seglern bekommen, wie wir für Mini-Geld eine Maxi-Tour machen können. Acht Stunden waren wir unterwegs und sind auf vier der 70 Orkney Inseln gewesen. Der Busfahrer brachte uns dabei durch 5000 Jahr Menschheitsgeschichte. Nicht nur das, er erzählte von Wetter, Natur, Lebensweise und dem Verkehr: „We havn´t a rush-houre, only a rush-minute – oh, look a car….“ (Wir haben hier keinen Berufsverkehr-Stunde, sondern nur eine Berufsverkehrs-Minute – oh, sieh mal: ein Auto...)

 

Skara Brae, Ring of Brodgar, Standig Stones of Stanness

Namen, die geheimnisvoll klingen und auch sind.  Kaum zu glauben, 1850 wurde durch einen Sturm das besterhaltene Steinzeitdorf Nordeuropas freigelegt, Skara Brae. Vor 5000 Jahre lebten hier Menschen und die Einrichtung ihrer Häuser ist erhalten geblieben – schließlich hatten sie ja Steinmöbel!  Und dann stellten Bewohner in Brodgar noch 60 riesige Steine (der schwerste wiegt immerhin 7 t!!!) in einem Kreis mit einem Durchmesser von 110 m auf; 36 stehen noch. Der Zweck ist unklar, aber exakt zu den Sonnenwenden trifft der Sonnenstrahl bestimmte Steine. Man nimmt daher an, dass es so was wie ein Kalender, aber auch Kultstätte war (und ist). Stehenden Steine finden sich über alle Okney-Inseln verteilt. Diese Steinzeit-Zeugen sind älter als Stonehenge, ägyptische Pyramiden und Chinesische Mauer und gehören zum Weltkulturerbe.

 

Mord und Todschlag

Liest man die Geschichte von Schottland und Orkney, liest man von Gewalt und Intrigen, von Familienclans und Liebe. Vieles wird immer ein Geheimnis bleiben, aber Pikten (Name kommt von ihren Körper-Tatoos) und Wikinger  haben Stein-Spuren aus den ersten Jahrhunderten nach Christi hinterlassen. Wir fanden sie im Kirkwaller Museum und machten Abdrücke davon auf Papier. Nachdem Claudia erklärte, dass wir das Stück Papier für unsere Enkelkinder zuhause haben wollen, half uns eine kleine Orkadierin. Für´s Foto munterte ihre Mama sie mit „Cheeeese“ auf!

Bis 1200 wurde Orkney von Norwegen beherrscht, ab Mitte des 13. Jahrhunderts gewannen schottische Könige Einfluss, schließlich wurden die Inseln 1469 verpfändet und könnten eigentlich immer noch von den Norwegern eingelöst werden… 1975 wurde mit eigenem Regionalparlament ein erster Schritt in Richtung Eigenständigkeit getan. Wieder unsere Frage: Wo mag die Zukunft Orkney´s liegen?  Und: Was sind hundert oder tausend Jahre im Weltenlauf?

 

Scapa Flow

Die jüngere Geschichte von Orkney ist mit Deutschland verbunden. Genau vor 90 Jahren versenkte sich hier die Kaiserliche Flotte. Wo einst Wikingerschiffe unter König Haarkon und heute NATO-Kreuzer  in dem Naturhafen Scapa Flow sicher ankerten bzw. ankern, wurden im ersten Weltkrieg die deutschen Verliererschiffe durch die Engländer geparkt und mit ihnen die deutschen Kriegsgefangenen. Am 21. Juni 1919 gab Admiral von Reuter den geheimen Befehl zur Selbstversenkung von 74 Schiffen, um sie nicht den Siegern zu überlassen. Heute liegen noch sieben Schiffe auf Grund und werden als Tauchspots von den Insulanern vermarktet – der Rest wurde für die Schrottverwertung gehoben.

1939 ereignete sich in Scapa Flow ein weiteres dramatisches Ereignis. Ein deutsches U-Boot durchstieß alle Hindernisse und versenkte die britische „Royal Oak“ mit 833 Seeleuten. Darauf hin gab Churchill den Befehl zum Bau von Beton-Barrieren, die mehrere Inseln verbinden und so die Bucht von Scapa Flow nur noch nach Süden offen lässt. Die Schiffsglocke der „Royal Oak“ wurde gehoben und mahnt in der Kirkwall-Kathedrale.

 

Wieder ein Abschied

Mit dem Gefühl, nur ein klitzekleines Stückchen von Orkney, seiner grandiosen Natur und seinen freundlichen Einwohnern kennen gelernt zu haben, müssen wir uns verabschieden. In der Marina finden wir aber  zu guter Letzt noch etwas:

Die Steganlagen sind Made in East-Germany, aus Torgelow.  Aus diesem Ort kommen Darios Wikinger-Kollegen, die wir in Avaldsness trafen. Sollte sich hier ein Kreis schließen?

Und dann kam Claudia noch mit der Besatzung eines englischen Schiffes ins Gespräch. „Klaus Störtebecker“ sein Name. Nur dass der Held den Becher hinunterstürzte  und somit Störtebeker (ohne „ck“) genannt wurde, so wie eben auch das Stralsunder Gebräu, Störtebeker - das Bier der Gerechten! Aber Sehnsucht nach der Heimat haben wir doch noch nicht, also zieht es uns weiter. Nächstes Ziel ist Inverness.

 

 

Inverness, 02.07.2009

„Steh auf, Klaus und Susanne kommen gleich!“

Mit diesem Schlachtruf schmiss der Skipper seine Ein-Frau-Crew schon vor 4 Uhr aus der warmen Koje. Echt übertrieben, weil der Flieger erst eineinhalb Tage später landet. Aber wir haben noch 120 Seemeilen vor uns und die Gezeiten (Tide) zu beachten. Und die sind für´s Auslaufen aus Kirkwall eben heute gegen 4.30 Uhr bestens.

Während wir in Norwegen die Tiden fast vernachlässigen konnten (zwischen Ebbe und Flut gab es nur einen Höhenunterschied von maximal einem Meter), müssen wir in schottischen Gewässern richtig rechnen. Tabellen ist zu entnehmen, wann und wie hoch das Wasser fallen bzw. steigen wird. Das kann immerhin bis zu 4 Metern ausmachen. Außerdem kann man exakt die Tidenströmungen ermitteln und für sich nutzen. An den Orkney´s, wo sich Nordsee und Atlantik treffen, können Strömungen bis zu 12 Knoten (22km/h) auftreten. Da kommen wir mit unserem Schiffchen überhaupt nicht gegenan, aber mit der Strömung könnten wir segeln, wie der Fliegende Holländer!

Naja, die Überfahrt insgesamt war dann doch nicht fliegend. Der Wind schlief ein, so dass wir weite Strecken motoren mussten. Aber immerhin sahen wir viele Seevögel, darunter Puffins (Papageientaucher) mit ihren orangenen Schäbeln, Guillemots (eine Art Ente, die bis zu 140m taucht), eine Seerobbe und mehrere Wale.

Nach 24 Stunden Seefahrt machten wir in der ganz neuen Inverness Marina fest und bereiteten unser Heim auf Gäste vor: Ankunftszeit von Susanne und Klaus ist für 22 Uhr angekündigt.

 

Dochgarroch, 04.07.2009

Echt Edener Kirschen

Susanne und Klaus ließen auf sich warten. Wegen überbuchtem Flug mussten die beiden in London übernachten und kündigten ihre Ankunft für den Vormittag, dann sogar für den Nachmittag an. Darauf hin beschlossen wir, schon in die nächste Marina in Inverness umzusiedeln – die liegt am Eingang des Kaledonien-Kanals. Zunächst war die Einfahrt nicht möglich, da das Gewitter am Abend zuvor die Computertechnik einer Jahrhunderte alten Eisenbahnbrücke zerstört hatte. Aber dann ging´s los. Bei herrlichem Sommerwetter verließen wir die Marina und damit das Nordseewasser und quetschten uns mit fünf weiteren Yachten in Schleuse Nr. 1. Mit Seelenruhe halfen die Schleusenarbeiter beim Anlegen und Ablegen und wie alle Schotten immer mit einem freundlichen Wort. Wenige Meter weiter liefen alle sechs Yachten in Schleuse Nr. 2, wo jede sofort einen Stegplatz  für die Marina zugewiesen bekam.

Nun liegen nur noch 27 Schleusen und 9 Schwingbrücken vor uns, bis wir den Atlantik erreichen. Durch die Verbindung von vier Seen des Great Glen (das „Große Tal“, eine vor 400 Mio Jahren entstandene geologische Verwerfungslinie) wurden 1803 bis 1822 unter dem Ingenieur Thomas  Telford erbaut. Der Seeweg ist 96,5 km lang, von denen 35 km künstlich angelegt wurden und hat eben 29 Schleusen und 10 Brücken.

Doch wo blieben Susanne und Klaus? Nach fast 24 Stunden Reisezeit von Eden nach Inverness stiegen sie am Nachmittag an Bord – mit Edener Kirschen, ungarischer Salami, einem Brief von Mama Elli. Welche Freude!

 

Eden in Inverness

Bevor wir Schleuse Nr. 3 bis 6 enterten, machten wir uns zu einem Stadtbummel durch Inverness auf. Am Fluss Ness gelegen ist sie die Hauptstadt der Highlands. In ihren Straßen und Gassen geht es quirlig zu: Pubs, Internetcafés, Souvenirläden und Kiltmacher. Wir aber stiegen zum Castle hinauf und gingen einem Wegweiser nach Eden auf den Grund – wir fanden das „Eden Court Theatre“, das bedeutendste Kulturzentrum Schottlands (große Plakate warben für Harry Potter?) und hat laut Reiseführer eine atemberaubende Architektur. Naja.

 

Wie die Wolga-Treidler

Über Funk meldete uns der Skipper beim Schleusenwärter an, aber der hatte erst mal Mittagspause. Aber irgendwann schwang eine Straßenbrücke zur Seite und gab für uns die Weg in eine 4-stufige Schleusentreppe frei. Von Schleuse zu Schleuse mussten die Boote an Leinen gezogen werden. Wie die Treidler zogen Susanne und Klaus vom Ufer die EDEN, während wir unten das Boot von den Schleusenwänden abdrückten. Keine ungefährliche Sache – vor uns klatschte ein deutscher „Treidler“ metertief in die Schleuse, bloß gut, ohne große Verletzung. Jedes Mal, wenn ein Tor hinter uns zu ging und vor uns wieder auf, waren wir ca. 3m höher. Nach dieser Anstrengung langten wir auf Höhe des Kanals an und konnten unter Motor weiterfahren. Wir sahen uns an – und fast wir aus einem Mund sagten alle, dass es aussähe wie auf dem Havelkanal! Dann aber sichteten wir ein kleines Cottage und das sah dann doch sehr schottisch aus!

Nach Schwingbrücke Nr. 3 und Schleuse Nr. 7 fanden wir in dem Flusshafen nur noch einen Platz an einem verrosteten Lastkahn, beladen mit altem Holz – sein Deck für uns ein idealer Platz zum Grillen mit anschließendem Lagerfeuer.

 

Loch Ness, 05.07.2009

Nessi gesichtet!

Am nächsten Morgen wartete das große Abendteuer auf uns: Loch Ness. Der Kanal weitete sich und vor uns lag ein schmaler langer See, eingefasst durch hohe Berge, die am Horizont schroffer wirkten. Strahlend blauer Himmel mit ein paar weißen Wölkchen durchsetzt – das Wasser sah völlig schwarz aus. Ob jetzt Nessi auftaucht? Legenden ranken sich um dieses Wesen, dass in diesem See leben soll. Wissenschaftler haben immer wieder versucht, Spuren zu finden. Sie hofften ein Urtier zu finden, so wie es schon auf den Komoren 1952 vorgekommen war, als man einen Quastenflosser entdeckte, der  schon seit 70 Mio. Jahren ausgestorben sein sollte.

Und dann sehen wir Nessi: Ca. 19 Meter lang, wie eine Schlange geformt, mit einem kleinen Kopf, knall lila! Ohne Quatsch! Wir haben das Monster gesehen! Natürlich hatte es sich vor einem dicht umlagerten Hotel gemütlich an den Strand gelegt!  Na, wenn dann keine Gefahr mehr drohte, können wir doch auch baden gehen? Unser Badewannen-Fisch zeigte eine Temperatur von 14,5 °C, das Luft-Thermometer fast 30 °… auf unserem Ankerplatz herrschte ein Betrieb wie in der Karibik, ringsherum planschen die Segler, am Ufer die Einheimischen!

 

Urquhart Castle

Sicher die bekannteste Ruine Schottlands, unterhalb der wir ankern. 1000 Jahre Geschichte, von Kelten , Wikingern, Clanführern, Schottischen Königen geschrieben. Letztlich wurde die Burg 1692 in die Luft gesprengt, um sie nicht den Engländern zu überlassen. Während wir durch die Burgruine schlendern, haben sich Susanne und Klaus zu ihrer ersten Wanderung aufgemacht. Sie entdecken Bäche und Wälder, Hügel und Wiesen. Schließlich „trampt“ Susanne mit dem Dinghi von dänischen Bootsnachbarn zurück zum Boot – Klaus kommt vom Ufer hinterher geschwommen! Heldenhaft –wenn man an Wassertemperatur und Nessi denkt…

 

Edener Sauerkrautsuppe gegen Schweizer Schokolade

Susanne hatte am Abend ihre berühmte Sauerkrautsuppe gekocht, als schweizer Nachbarn mit dem Schlauchboot vorbei kamen. Wir boten eine Kostprobe an. Kurze Zeit später bekamen wir unsere Schüssel zurück, darin ein „Swizer Leckerli“ – guter Tausch!

 

Banavie, 07.07.2009

Schottisches Wetter

Am Ende des Loch Ness ging es weiter hoch in die Highlands - über eine fünf-stufige Schleusentreppe. Diese, im kleinen Ort Fort Augustus gelegen, ist ein Touristenmagnet. Die „Treidler“ mussten sich durch die Zuschauer schieben. Aber Susanne und Klaus waren ja inzwischen geübte Schleuser! An der letzten Schleusenstufe sahen wir keinen Mensch mehr – ein wolkenbruchartiger Schauer hatte alle vertrieben und uns bis auf die Haut durchnässt. Nun hatten wir endlich das typische schottische Wetter. Bei einem Half Pint (kleines Bier) im warmen Pub konnten wir schon wieder darüber lachen. Nur schade, dass sich das lang anhaltende Hoch nun verabschiedet hatte.

 

Ganz oben

Über Schleuse Nr. 13 und 14 erreichten wir Loch Oich, den höchst gelegensten See – und nach unserer Meinung den schönsten. An einem kleinen Anleger unterhalb einer Burgruine machten wir fest und gingen an Land. Die üppige Ufernatur ließ uns staunen. Was in unserem Garten so zaghaft wächst, wird hier riesig: Rhododendren-Bäume, meterhoher Fingerhut, monströse Wasserlilien, dazwischen Blau- und Himbeeren, Walderdbeeren, Wiesen voller Margeritten. Der Waldweg am Ufer führte uns zu einem kleinen Schloss, jetzt als Hotel genutzt. Darum ein wildromantischer Park, mit Blick auf die grünen Highland-Hügel mit blökenden Schafen. Hier könnte man Urlaub vom Reisen machen… aber der Kapt´n rief zur Weiterfahrt. Noch lagen 16 Schleusen und der See Loch Lochy vor uns – nun immer abwärts Richtung Atlantik.

 

Neptune´s Staircase

Dan größten Schritt nach unten machen wir über Neptun´s Treppe: Acht Schleusenkammern sind aneinandergereiht, um 20 Meter Höhenunterschied zu bewältigen. Doch als wir vor der Schleusentreppe ankammen, machten die Schleusenwärter Feierabend. Wir taten es ihnen und legten die EDEN vor die großartige Kulisse des Ben Nevis, der mit 1322 m der höchste Berg Groß Britanniens ist. Auf seinem Gipfel sichteten wir sogar noch Schnee, meistens blieb er aber in Wolken eingehüllt.


Corpach, 09.07.2009

Schottland und das Internet

Inzwischen zu Schleusenprofis geworden, meisterten wir die acht Schleusen ohne Schwierigkeiten und suchten uns gleich dahinter einen Anlegesteg. Mit dem Bus fuhren wir nach Fort William. Mit dem Laptop im Rucksack fanden wir eher zufällig ein Internetcafé. Endlich konnten wir unsere Mails abrufen und unsere Internetseite aktualisieren, denn bisher hatten wir in der weiten Natur kein Internet finden können und die wenigen Pubs, die wir entdeckten, boten es nicht an. Nach dem Besuch in dem lauten, hektischen Café sagte Susanne, dass sie auch nie wieder mahnen will, wenn nicht sofort eine Antwort kommt oder ein neuer Tagebucheintrag fehlt. Das einzige, was wir dann in der kleinen Stadt noch besuchen konnten, war die Touristeninformation und dort erhielten wir einen Tipp – doch das hieß früh aufstehen.

 

Puff, puff, puff, die Eisenbahn, wer will mit durch die Highlands fahr´n…

Eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt versprach uns der Reiseführer und dafür lohnte sich das frühe Wecken schon, denn nur mit Anstehen waren noch einige Restplätze in einem der knuffigen alten Wagons zu ergattern. Wie vor Urzeiten brannte das Feuer unter dem Kessel der Lokomotive. Mit lautem Pfeifton, eingehüllt in weiße Dampfwolken setzte sich der Zug in Bewegung. Die Schaffnerin lochte die Fahrkarten, Servicepersonal im Kilt huschte durch die Wagen. Draußen zog eine wahnsinnige Landschaft vorbei: Grüne Hügel, schroffe Felsen, Hochmoore, Meerbuchten mit türkisfarbenem Wasser, Bauernkaten, Schlösser. Dabei schnaufte die Lok bergauf, bergab. Auf dem Bahnsteig eines Bilderbuch-Bahnhofes wurden wir Fahrgäste von einem Dudelsackspieler überrascht. An der Endstation Mallaig hatten wir einen kurzen Aufenthalt, bevor es wieder zurückging. Der Käpt´n nutzte ihn zu einem Aufstieg über das Städtchen mit Blick auf die vor gelagerten Hebriden, Klaus zum Probieren von Haggis. Dieses Nationalgericht ist ein mit gehackten Innereien gefüllter Schafsmagen… Höhepunkt unseres Bahnabenteuers war zweifelsohne die Überfahrt über den Glanfinnan Viadukt mit seinen 21 Bögen. Jeder Harry-Potter-Filmfan kennt das Bauwerk aus der „Kammer des Schreckens“.

 

Oban, 12.07.2009

Atlantik – da sind wir!

Der Caledonian Canal liegt hinter uns. Die letzte Schleuse, immerhin Nr. 29 (!), meisterten wir ganz entspannt - übrigens gleich nach der norwegischen königlichen Segelyacht, die natürlich Vorrang beim Schleusen hatte. Aber letztlich schwimmen alle auf dem gleichen Wasser – jetzt auf dem Atlantik! Zwar liegt der Ausgang des Kanals an einem langen Fjord, aber wir segelten nicht lange und schon begrüßten uns die ersten Wale.

In einer Bucht zwischen malerischen Bergen warfen wir den Anker. Wir entdeckten ein kleines Gut, mit alter Baumallee und verwildertem Friedhof, ein kleines Bootshaus mit Restaurant. Hier endet die kleine schmale Straße an einer Furt, die nur bei Ebbe nutzbar ist. Plötzlich standen im Unterholz kapitale Hirsche!

 

Abschied von Susanne und Klaus

Nach einem ausgiebigen Frühstück starteten wir die letzte gemeinsame Etappe. Susanne und Klaus wollten in Oban absteigen, um von dort zum Flughafen Glasgow zu kommen. Im Hafen und in der ganzen Bucht wimmelte es von Segelyachten. Wie wir schon unterwegs hörten, sollte hier am 12. Juli die diesjährige „Classic Malts Selection Cruise“ starten. Über einhundert Boote fahren von Destillery zu Destillery – kein Wettrennen, sondern eher eine gemütliche Whisky-Reise. Für einige der Teilnehmer hatte man die Kaimauer im Hafen geräumt und wir legten in dritter Reihe an, um Susanne und Klaus samt Gepäck über die anderen Schiffe und eine hohe Eisenleiter (es herrschte gerade Ebbe) an Land zu bekommen. Mit weißen Taschentüchern winkten wir dem Zug hinterher, der die Beiden Richtung Heimat bringen sollte.

 

Ein Musikinstrument als Waffe?

Ja, der Dudelsack galt als Kriegswaffe - um den Gegner zu zermürben! (Friedrich kann das nachvollziehen, nach fünf Minuten reicht es ihm völlig). 1747 verboten sogar die Briten unter Todesstrafe den Schotten, Dudelsack zu spielen. Heute gehört er offensichtlich zu jedem Event. Jedenfalls spielte eine ganze Dudelsack-Kapelle am Vorabend der  Whisky-Segel-Tour am Kai von Oban. Neben den Musikanten fielen drei weitere „Schotten“ auf: die deutschen Teilnehmer aus Düsseldorf hatten sich in Kilt gehüllt, komplettiert mit Segelstiefeln - nicht ganz perfekt, aber was sie unter dem Röckchen trugen, wollten sie Claudia  auch nicht verraten…

Mit einem Dudelsackspieler auf dem Vorschiff startete am nächsten Morgen das erste Boot der Malt-Cruise. Ein Boot nach dem anderen schloss sich an und dann kreisten die hundert teilnehmenden Segelboote unter Pfeifenklängen im Naturhafen von Oban. Was eigentlich als Riesen-Ereignis geplant war, fiel im wahrsten Sinne ins Wasser – es goss in Strömen. Kaum war der Kreis der Boote im Niesel auszumachen und dann gab selbst der Dudelsackspieler auf! Die Segelboote entschwanden  in den Regenwolken Richtung Norden zur Talisker-Destillery.

 

Tobermory, 13.07.2009

Oban adé

Wir ließen den Whisky-Seglern einen Vorsprung und legten erst am nächsten Morgen in Oban ab. Als wir um 5 Uhr die Hafenbucht durchquerten, sprangen Delphine direkt vor unserem Bug!

Kaum hatten wir die vor gelagerte Insel Kerrera umsteuert, entdecken wir eine Seehundkolonie. Bis zum Ufer war es sehr tief und so konnten wir  ganz dicht heran fahren und Mama- und Kind-Robby beobachten.

 

Wie im Film

Unser nächstes Ziel: Umrundung der Insel Mull. Die bunten Häuser des kleinen Fischerhafens Tobermory dienen als Kulisse für eine britische Kinderfilmserie – sicher nicht die örtliche Destillery.  Wir aber gingen sie besuchen, nachdem wir unseren Kulturschock überwunden hatten: In der Kathedrale des Örtchens fanden wir einen „Konsumtempel“ – statt Glauben war da SPA R. Aber Quark konnten wir auch dort leider nicht kaufen. Den kennen die Schotten offensichtlich nicht und so mussten wir das „Käptn´s Dinner“ aus Cottage Cheese und Joghurt zusammenrühren, was aber zu Pellkartoffeln sehr lecker schmeckte.

 

Iona, 14.07.2009

Melodische Atlantikwellen

Um die Nordspitze von Mull segelten wir wieder Richtung Süden, immer mit Blick auf die Insellandschaft der Hebriden. Vorbei an den Treshnish Isles war unser Kurs auf die kleine Insel Staffa abgesteckt. Die „Stabinsel“ besteht aus riesigen senkrechten Basaltsäulen. Das Echo der in die Höhle Fingal´s Cave einlaufenden Atlantikwellen inspirierte einst Felix Mendelson Bartholdy zu seiner Hebriden-Overtüre. Wir staunen, in welch entlegenen Welten sich Berühmtheiten aufgehalten haben (Zum Beispiel ist Theodor Fontane nicht nur durch die brandenburgische Mark, sondern auch durch Schottland gewandert!) Leider konnten wir nicht den Wellenmelodien oberhalb der Höhle lauschen – zu starkder Schwell, um die EDEN auf dem Ankerplatz allein zu lassen und mit dem Schlauchboot am schroffen Ufer zu landen.

 

Tanz in der Abtei

Schon von Staffa aus konnten wir Iona sehen. Auf den ersten Blick eine recht unscheinbare, nur leicht hüglige Insel. Doch die Geschichte dieses Eilandes hat es in sich. Von hier aus startete 563 der aus Irland stammende Mönch Columban die Christianisierung Schottlands. Die als heilig geltende Insel wurde zur Grabstätte von 48 schottischen, vier irische und acht norwegischen Königen. In der Abendsonne liefen wir zwischen den Grabsteinen des Friedhofes „Reilig Oran“ und versuchten  Inschriften zu entziffern, doch das Grab von Macbeth, 1057 hier beerdigt, konnten wir aber nicht ausmachen. Von der nahen Benedikterabtei drang Musik an unser Ohr. Als wir den mit einem Säulengang umgebenen Innenhof betraten, tanzten einige Menschen um eine Skulptur. Bald schon wurden die anderen eingeladen, und mit viel Freude und Lachen in die Schrittfolgen eingewiesen. Auch Claudia fasste ihre Nachbarn bei den Händen und tanzte den Kreis mit. Auf dem turm der Kathedrale gurrten weiße Tauben. Ein wahrlich friedlicher Ort. Nachdem Claudia den Klosterkräutergarten entdeckt hatte, war ihr Glück perfekt. Rucola, Schnittlauch, Petersilie, Melisse und verschiedenen Minzen band sie zu einem wohlriechendem Strauß – gesunde Ergänzung für unsere Bordküche.

 

Geburtstagsfeier am heiligen Strand

Mit dem frischen Fenchel als Krönung landeten zwei Makrelen, die Friedrich geangelt hatte, auf dem Grill. Der weiße Strand der heiligen Insel lud förmlich ein, den lauen Sommerabend zu genießen. Das taten nicht nur wir, sondern auch zwei Männer, Saisonarbeiter aus Litauen und Rumänien, die hier den einsamen Geburtstag des einen zelebrierten. Unser Lied „ Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen“ treib dem Geburtstagskind Tränen in die Augen – so weit weg von seiner Heimat Riga.

 

Isle of Islay, 16.07.2009

Carsaig Bay

Von Iona aus führte unsere Route am südlichen Ufer der Insel Mull weiter. Gigantische Felsformationen, grün überzogen, ab und an von Wasserfällen durchbrochen. In einer Bucht an einem Felstal ließen wir den Anker für die Nacht fallen. Herrenhaus und Gutshäuser lagen auf üppigen Wiesen verstreut, davor grasten Galloway-Rinder. In Eintracht mit ihnen ästen Hirsche mit gewaltigen Geweihen.

 

Im Malstrom

Wer jetzt denkt, wir sind bei Käpt´n Blaubär gelandet, irrt – es gibt sie wirklich, die Malströme! Der drittgrößte der Welt (nach den der norwegischen Lofoten und den beim kanadischen New Brunswick) lag vor uns: Der Corryvrecken, eine Meerenge zwischen den Inseln Jura und Scarba. Das unter Wasser liegende spitze Gebirge verwirbelt die durch Gezeiten verursachten Strömungen so stark, dass sich gigantische Wasserstrudel, und dazu bei Wind, riesige Wellen bilden. Friedrich hatte unsere Durchfahrt so getimt, dass wir bei „Slag“ (Pause zwischen Flut und Ebbe) den Corryvreckan passierten. Bei Sonnenschein, ohne Wind fuhren wir per Motordurch den Great Race, den vorgelagerten Meeresstrom. Mit Kameras bewaffnet ging es bei leichtem Gegenstrom in die Meeresenge. Dann kippte der Strom und schob uns…. doch nirgens ein Strudel! Völlig unspektakulär durchmotorten wir eines der gefährlichsten Wasser der Welt! (Es sollen ja auch schon Segler Kap Horn bei Flaute erlebt haben…)

Wer von einer spektakuläreren Durchfahrt des Corryvreckan samt unserer gesamten Route seit Dänemark lesen möchte (gepaart mit keltischer Geschichte und kriminalistischer Spannung), dem sei der Roman „ Der Keltische Ring“ von Björn Larrson empfohlen (auch für Nichtsegler geeignet!).

 

Bei den Seehunden

Weiter ohne Wind motorten wir an der Küste von Jura entlang – Ziel noch unklar. Vielleicht die Whisky-Insel Islay oder die Garteninsel Gigha? Beim Blättern im Reiseführer fiel uns die Felsenformation Ardmore Islands an der Küste von Islay auf. Diese bilden ein fast rechteckiges Bassin – Heimat der zweitgrößten Seehundekolonie Europas. Zwischen den Unterwasserfelsen tasteten wir uns langsam zu einem Ankerplatz. Weiße Haufenwolken spiegelten sich auf der stillen Wasseroberfläche, die nur von auftauchenden Seehunden durchbrochen wurde. Mach mal klatschten sie mit ihren Körpern aufs Wasser und tobten herum. Aber alle äugten neugierig zu uns – so wie wir zu ihnen. Unseren Anker ließen wir in der Nähe von Felsinselchen fallen – offensichtlich der Kinderstube. Hier lagen die Mütter in der Abendsonne und säugten ihr Junges, im Hintergrund ästen am Land Hirsche. Es war so andächtig, dass wir uns flüsternd unterhielten. Die Stille wurde nur durch die bellenden und knurrenden Geräusche der Seehunde durchbrochen.

 

Paul McCartney und Mull of Kentyre

Wenn´s am Schönsten ist, sollte man gehen... bei den Seehunden nahmen wir Abschied von Schottland. Oder doch nicht so ganz? Auf unserem Kurs nach Irland lag immerhin noch Mull of Kentyre – berühmt durch den Song des Ex-Beatles (er soll dort noch ein Anwesen besitzen). Den Ohrwurm vor uns her summend, zogen wir den Anker aus dem schottischen Grund von Ardmor Islands.