Rolling home



Kiel-Holtenau, 18. 8.2011
Der Heimweg
Als Elbsegler spülte uns das Flusswasser langsam wieder Richtung Mündung. Die Silhouette der im Bau befindlichen Elbphilharmonie blieb zurück, auch die Kupferdächer der Landungsbrücken, der Michel und das Türmchen der Fischhalle. Um uns schwirrten die Schnellfähren, die die Hamburger zu ihren Arbeitsplätzen im Hafen brachten, wo sich die Kräne drehten und Containerschiffe beluden, Ozeanriesen glitten an unserer Backbordseite vorbei elbabwärts. Kleiner und kleiner wurden die Docks von Blohm und Voss, die Airbus-Werft, die Villen von Övelgönne und Blankeneese. Hamburg lag endgültig in unserem Kielwasser. Die Elbe weitete sich und näherte sich in großen Kurven ihrer Mündung. Doch wir stoppten unsere Fahrt an der Schleuse von Brunsbüttel, die gerade zwanzig Segelboote ausspuckte. In die leere Schleusenkammer eingefahren, schlossen sich hinter uns die Tore. Wir starrten noch auf den letzten Schlitz und uns wurde bewusst, dass nun unsere Meeresfahrt beendet war.  Doch zu wehmütigen Gedanken kamen wir gar nicht, dazu blieb einfach keine Zeit, denn nun sollte unsere aufregende Heimkehr beginnen: In jedem Ostseehafen warteten schon Freunde und Familie auf uns – und wir freuten uns auf sie.
Zwei Tage Kiel Canal
Doch bevor wir ans Tor zur Ostsee kamen, mussten wir zunächst den Nord-Ostsee-Kanal entlang motoren. Die knapp einhundert Kilometer lange Wasserstraße teilten wir uns in zwei Halbtagsfahrten auf und übernachteten an einer Seitenschleuse zur Eider. Die Eider nutzen schon die Wikinger, um von der Ostsee in Richtung Nordsee zu kommen. Allerdings mussten sie ihre Boote noch ein Stück über Land ziehen. Doch schon im 14. Jahrhundert gab es Pläne für einen Kanal zwischen Ostsee und Nordsee, um das Skagerak zu umgehen. Aber erst unter Kaiser Wilhelm I. wurde 1887 das Projekt in Angriff genommen und 1895 durch Wilhelm II. als Kaiser-Wilhelm-Kanal eröffnet; 1958 wurde er in Nord-Ostsee-Kanal, international in Kiel Canal  umbenannt. 8900 Arbeiter bewegten 80 Millionen Kubikmeter Erdreich, um diese künstliche Wasserstraße mit zwei Schleusenanlagen  in Brunsbüttel und Holtenau zum Ausgleich des Niveaus von Ostsee und Nordsee zu bauen, auf der nicht nur hunderte von Sportbooten unterwegs sind, sondern auch dicke Ozeanriesen und Traumschiffe.
 
Holtenau, 20.08.2011
 
Was das Seglerherz begehrt
„Packt euer Duschzeug ein“, so luden uns Margarete und Albert zu sich nach Hause ein. Die beiden hatten wir mit ihrer WAHKEENA auf Bermuda und der Azoreninsel Flores getroffen und nun waren sie, nachdem sie ihr Boot heil und ganz zu den Kanaren gesegelt hatten, wieder (per Flieger) in ihrem Heimatort Holtenau angekommen. Nun standen sie schon an der Schleuse und warteten auf uns, um uns nach der Dusche mit einem perfekten Menü zu verwöhnen und dabei über die Atlantiküberquerungserlebnisse zu berichten. Am nächsten Tag ließen sie uns einfach noch nicht weiter ziehen, sondern überraschten uns mit einem Ausflug nach Haithabu. Bevor wir zu dem Ort mit dem exotischen Namen fuhren, packte Margarete ganz einfach ihre Waschmaschine mit unserer Schmutzwäsche und während die dort trudelte, wandelten wir gemeinsam auf Wikingerspuren nahe Schleswig. Haithabu, im 11. Jahrhundert von Harald Blauzahn vernichtet, war Jahrhunderte lang ein bedeutendes Handelszentrum für Güter aus aller Welt. Im kalten Regen neben den Wikingerschiffen stehend, versuchten wir vier Altlantiküberquerer die Strapazen der damaligen Seefahrer nachzuvollziehen: Ohne GPS, Wetterfax, satelitengestütze Notbarke, Hightech-Klamotten, eingeschweißtem Vollkornbrot, Gemüsekonserven…. Und schön, dass Margarete einen Wäschetrockner besitzt, der uns trotz Regens nach einem wundervollen Abendessen, gekrönt von Vanilleeis mit heißen Himbeeren unsere Wäsche schrankfertig auf die EDEN tragen ließ.
 
Heiligenhafen, 22.08.2011
Ostsee-Sommer
Wir konnten es nicht fassen: Wir segelten in unserem Heimatrevier und es war Sommer! Endlich schien die Sonne, Bikini-Temperaturen, Spi-Wind! Ja, genauso hatten wir uns unser Ostseesegeln vorgestellt! Das Traumwetter nutzen nicht nur wir, sondern hundert andere Segler, um in der Kieler Förde zu segeln. Blaue, grüne, rote Spinnaker leuchteten am Horizont und auch wir zogen unser großes Tuch mit dem Apfel-Logo hoch und waren schnell unterwegs nach Heiligenhafen. Zwölf Jahre war dieser Hafen Heimat der EDEN und für uns war es ein „Nachhausekommen“, als wir am gewohnten Steg festmachten. Doch Sentimentalität hatte gar keine Chance, denn wenige Minuten später standen Sabine, Friedrichs Cousin-Tochter,  mit Hanjo und Paula und Ida und einem großen Kuchen im Hafen! Da mussten wir einfach nochmal die Leinen losmachen und zu einem Mini-Segeltörn starten, um den vier Begrüßern unsere Freude am Segeln zu vermitteln. Das war uns wohl gelungen, denn Ida und Paula wären wohl  gern gleich an Bord geblieben und hätten am liebsten ihre Eltern allein nach Hause fahren lassen. Doch obwohl nun endlich der Ostseesommer ausgebrochen war, waren die Sommerferien für die beiden vorbei. Rührend verabschiedeten wir uns von den vier, um später einen wundervoll milden Sommerabend mit unseren Stegnachbarn Dorit und Olaf zu verbringen.

Heiligenhafen, 22.08.2011
 
Delta Papa 07
Nirgends ist es lustiger, wenn sich schlechtes Wetter ankündigt, als bei der Ansage über den Seefunk. Wir fangen schon an zu lachen, wenn wir die seniorige norddeutsche Stimme hören: „Ein Stuu…rrrrmtüüüü….f…“, wobei der Ton bei „Tief“ ganz nach unten abfällt, ein “ Hooooch“ dagegen mit hoher Stimme verkündet wird. Der Seewetterbericht über die Küstenfunkstelle DP07 (gesprochen: delta papa 07) ist für uns schon eine Kultsendung, die seit unseren ersten Segeltörns vor 15 Jahren mit der gleichen Stimme alle wetterlichen und nautischen Informationen mehrmals am Tage durchgibt. Danach haben  Segler die Möglichkeit, in der „groouuuuußen Kooonfeeeeerenz“ ihren Senf dazuzugeben, der dann unheimlich geduldig von Delta-Papa entgegengenommen und schlagfertig kommentiert wird – selten gibt es so einen Wetterbericht mit Unterhaltungswert. Doch als an diesem Sonntagmorgen die halbe Stunde Funkzeit vorüber war, schauten wir uns bedenklich an. Neben dem Sturmtief kündigten sich starke Gewitter mit Böen bis Windstärke 10 an. Da war es doch sicherer, unsere Anker- Idee zu vergessen und im heiligen Hafen zu bleiben.
 
Sommersonnensonntag
Die Gewitterfront war erst für den Abend angesagt und so bummelten wir bei herrlichstem Sonnenschein durch das uns so vertraute Heiligenhafen. Katzenkopf gepflasterte Straßen, rote Backsteinfassaden, Kletterrosen und Hängegeranien, die ersten sich öffnenden Läden, stille Geschäftigkeit auf einem Trödelmarkt – geruhsam gab sich das morgendliche Städtchen, freundlich und gesprächig seine Bewohner. Zurück am Fischereihafen beobachteten wir die Kutter, an denen die Fischer ihren nächtlichen Fang verkauften, die Großsegler, die gerade von Touristen für einen Tagestörn bestiegen wurden und die Fischkutter, die mit hoffnungsvollen Anglern ausliefen. Wir schlenderten die neue Hafenpromenade lang, beguckten die Baustelle für eine Seebrücke und erblickten dann die dunkel aufziehenden Wolken. Nichts wie zurück zum Boot und noch ein paar zusätzliche Leinen ausgebracht. Bald darauf blitze es in der Ferne und dann regnete es auch mal heftig, aber alles in allem blieb uns das angekündigte Unwetter erspart.
 
Boltenhagen, 24.08.2011
 
Bellend kam ein kleiner weißer Hund auf der von hohen Bäumen beschatteten Promenade auf uns zu, „Fridolin“, rief ihn eine schlanke Gestalt zurück. Genau die gleiche Situation hatten wir vor fast zwei Jahren erlebt, allerdings unter großen Palmen – im spanisch-afrikanischen Ceuta. Damals sagte Claudia so vor sich hin: „Einen Friedolin habe ich auch“, worauf wir mit Gila, der Hundebesitzerin, eine halbe Nacht verquatschten, uns einige Wochen später im marokkanischen Essaouira nochmals trafen. Nun war die Malerin wieder nach Deutschland zurückgekehrt und hatte in Boltenhagen eine Galerie eröffnet. Und genau vor dieser standen wir, als Fridolin auf uns zu stürmte, Gila aufblickte, uns erkannte und uns ungestüm in die Arme schloss. Das „welcome home“-Poster sei noch nicht fertig, meinte sie, griff nach Pinsel und Palette und setzte in das Boot auf hoher Welle mit ein paar Strichen zwei lustige Gestalten – uns! Fröhlich saßen wir im Strandkorb vor ihrer Galerie, erzählten uns Erlebnisse der letzten zwei Jahre und als Daniel, der Nachbar aus ihrem bayrischen Heimatort auftauchte – ebenfalls ein begeisterter Reisender - war die Weltenbummlerrunde perfekt. Und weil in solcher Runde der Gesprächsstoff von Erlebten und Träumen nicht ausgeht, hockten wir noch bis in den späten Abend zusammen, um uns am nächsten Morgen wieder zutreffen. Am Nachmittag allerdings drängte der Käpt´n zum Aufbruch. Die Winde waren so unbeständig, halbtäglich  kamen völlig gegensätzliche Wettervorhersagen  und wir wollten unbedingt pünktlich zu unserer nächsten Verabredung kommen. Also sagten wir Gila und Daniel tschüs und warfen die Leinen los.
 
Warnemünde, 26.08.2011
 
Vor´m „Seehund“
Vor Boltenhagen blies uns allerdings der Wind aus Ost entgegen und so ankerten wir im Windschatten der Insel Poel. Doch in der Nacht drehte der Wind, briste auf und wir lagen auflandig. Der Käpt´n opferte seine Nachtruhe und ging Ankerwache. Als der Wind  am Morgen nicht zurückdrehte, zogen wir den Anker und segelten  Richtung Warnemünde. Als das markante Hotel Neptun, der Leuchtturm und das von den Einheimischen  Teepott genannte Restaurant auftauchten und wir nun noch ein paar Meter von der Hafenmole entfernt waren, kam der Wind plötzlich wieder aus Ost. Hatten wir ein Glück, denn gerade gab Delta-Papa anhaltenden Ostwind durch. Nun konnten wir gelassen unserer Verabredung am Freitagabend in der Marina Hohe Düne entgegen sehen, die Warnemünde gegenüber am anderen Ufer der Warnow vor ein paar Jahren als gigantischer mondäner Yachtclub errichtet wurde. Wir zogen aber für diesen Abend den Alten Strom von Warnemünde vor. Hier muss man Glück haben, einen Liegeplatz an der Uferpromenade zwischen Ausflugsdampfern, Fischkuttern, Hafenbarkassen und dem Rettungsboot zu ergattern. Der schönste Platz ist genau vor dem „Seehund“, einer Hafenkneipe an der Pier, wo wir früher schon oft festgemacht hatten. Wie für uns reserviert, war genau dieser Platz frei. Wir schmückten unser Boot mit bunten Flaggen, setzten uns mit einem Bier in das von der Abendsonne beschienene Cockpit und schauten den flanierenden Leuten zu. Und wir fühlten uns, als ob wir nie weg waren.
 
Zeit für die Heimatwerft
Nachdem wir am Morgen in den Yachtclub Hohe Düne gewechselt hatten, machte sich der Käpt´n an die Arbeit: Er versuchte, unser Ladegerät zu reparieren. Es wollte einfach den Landstrom nicht für die Ladung der Bordbatterien umwandelt. Inzwischen waren Ankerwinsch und Kompass unreparabel, im Großsegel klaffte eine aufgerissene Naht. Während wir letzteres mit Segeltape flicken konnten, gesellte sich das Ladegerät zur Reparaturliste. Letztlich war alles nicht so tragisch: Wir ankerten ja höchstens noch auf drei Metern und da lässt sich der Anker per Hand ziehen, wir hatten ja das GPS und einen Handkompass, so dass wir das trockengelaufen Hauptgerät nur mitleidig beschauten und auf das Ladegerät konnten wir verzichten – wann hatten wir schon in den letzten Jahren den Luxus von Landstrom? All diese Reparaturen mussten nun bis zum Winterlager warten. Und so machten wir lieber unser Schiffchen empfangsbereit, kochten Töpfe mit Essen, kramten die Mitbringsel hervor und warteten im herrlichsten Karibik-Wetter auf das große Wiedersehen.
 
 -lich Willkommen
Mit einem selbstgebastelten Plakat stand Johanna plötzlich vor uns und aus dem gerade angekommenen Wagen sprangen Hendrik, Uta und Ralf - dann lag uns auch Mama Elli in den Armen.
Während wir Friedrichs Tochter-Familie zu Ostern in Florida getroffen hatten, war es mit Elli das erste Wiedersehen seit fast zwei Jahren. Sie war erleichtert, uns munter und gar nicht „ausgemergelt“ wieder zu haben. Am darauffolgenden Tag kamen Friedrichs Cousin-Sohn Matthias mit Andra, Mimi und Jasper noch dazu und so wurden wir wieder fröhlich in die Familie aufgenommen. Nur an der Größe der Kinder merkten wir, dass wir doch etwas länger weg waren.
Und als alle nach diesem quirligen Wochenende wieder Richtung Eden abfuhren, war der Abschied gar nicht so schwer: in eineinhalb Wochen wollten auch wir dort sein. Und wir bekamen die geheimnisvolle Order, am Freitag Punkt 16.00 Uhr an der Lehnitzer Schleuse einzutreffen.
 
Barhöft, 30.08.2011
 
Der Kreis schließt sich
Am Montagmorgen pfiff der Wind in den Wanten. Bordfrau mochte nicht mal die Nase unter der Decke hervorstecken, doch der Käpt´n war gnadenlos: „Besseren Wind können wir gar nicht haben: 6 bis 7 Bft aus Südwest… los Mädel, raus aus der Koje!“ Dick in mehrere Schichten eingemummelt verließen wir den so sterilen und eher den Charme eines Bootsparkplatzes ausstrahlenden Yachthafen von Warnemünde. Wir segelten wie erwartet vor dem Wind, allerdings im heftigen Dauerregen und bei Windstärke 8. Die Ostsee gab noch mal alles auf unserem letzten „Offenen-Wasser-Törn“. Erst als wir in die Fahrrinne vor Hiddensee einbogen, hellte sich der Himmel auf und bescherte uns nicht nur eine reizende Aussicht auf eine unserer Lieblingsinseln, sondern auch einen wunderschönen letzten Blick auf den Horizont. Ab jetzt sollte unsere Fahrt nur noch in geschütztem Bodden-Wasser weitergehen. Als wir den kleinen Hafen Barhöft erreichten, schloss sich zudem noch unser Törnkreis: Von hier waren wir im Juni 2009 hinaus auf die Ostsee gen Norden gestartet. Damals standen unserer Freunde Sylvia und Dirk auf dem Steg und winkten uns lange hinterher. Und heute waren sie zur Begrüßung gekommen!
 
 
Stralsund, 31.08.2011
 
Wums, wums, knisch, kratsch….
Das Boot neigte sich beim unsanften Aufstoppen nach vorn, wir saßen fest. Peinlich. Wir hatten die einzige Untiefe getroffen und das in einem Revier, das wir wie unsere Westentasche kannten. Geschehen im Boddenwasser vor Stralsund, genau am 24. Mai 2009. Auch wenn das Aufsetzen recht harmlos war, schauderte es damals Bordfrau erheblich: Was sollte das für ein Zeichen am Anfang unserer Reise sein? Kamen wir über Rügen überhaupt heraus? Schließlich aber wertete sie es als gutes Omen. Nämlich, dass wir das Stranden damit hinter uns hätten. Zwar sollten noch einige Grundberührungen im Laufe der Reise folgen, aber als wir diese Stelle – jetzt in gebührendem Abstand – passierten, konnten wir nun darüber herzhaft lachen!
 
Internetwüste
„Es nervt, ich will nicht mehr!“, mit diesen Worten drückte Claudia ihrem Käpt´n den Computerrucksack in die Hand und ging zum Hafen zurück. Friedrich gelang es dann nach langer Suche ein Café mit Internetzugang in Stralsunds wundervoller Altstadt zu finden. Seit wir auf deutschem Festland waren, hatten wir nämlich in allen Orten, außer im Hamburger Cityhafen, Probleme ein stabiles Internet zu finden. Die Häfen bieten diesen Service nur über einen Anbieter, der offensichtlich im letzten Jahrhundert lebt. So verkauften die Hafenmeister in Cux- und  Heiligenhafen die teureren Passwörter mit dem Hinweis, dass es meist nicht funktioniert! Restaurants oder Cafés mit dem WiFi-Zeichen im Fenster sind Mangelware, zugängliche Netze sowieso. Nur im mondänen Yachtclub Warnemünde gab es ein offenes Hafen-Netz, aber selbst das funktionierte nur zeitweise. Krönung war Barhöft, wo noch nicht mal unser Mobiltelefon ein Signal bekam. Und dabei wollten wir doch unbedingt Kontakt zu Marion und René aufnehmen!
 
Ein Hauch der großen Welt
Stralsunds Weltkulturerbe stützt sich auf seine Vergangenheit als bedeutende Hansestadt im 14. Jahrhundert. Nach aufwendiger Sanierung atmet das historische Stadtzentrum wieder die Atmosphäre früherer Geschäftigkeit. Speicher und prächtige Bürgerhäuser, ein einzigartiges Rathaus, majestätische Kirchen und eine der ältesten Hafenkneipen Europas. Hier trafen sich einst Handelsleute genauso wie Seeleute aus aller Welt. Und schließlich gelang es auch Marion, uns im Hafen zu finden. Wenig später hockten wir beim Griechen, prosteten Marion, René und ihren Stralsunder Freunden mit einem kräftigen Ouzo zu: Auf die weite Welt und auf das wir uns immer mal wiedertreffen! René und Marion hatten wir mit ihrer MIRA vor drei Jahren in Neuhof kennen gelernt und uns schon mal locker für die Kanaren verabredet. Doch dort verpassten wir uns dort ein Jahr später, genauso wie in Gambia. Erst im brasilianischen Jacare gelang uns ein Treffen – und jetzt waren die Beiden tatsächlich aus Argentinien, wo ihr Schiffchen gerade schwimmt, zu unserer Rückkehr eingeflogen… nicht ganz, sie waren einfach mal auf Heimaturlaub!  Ein Ouzo auf den Zufall und auf das nächste Wiedersehen und auf die weite Welt!
 
Greifswald-Wieck, 03.09.2011
 
Im Strelasund
An dem kleinen knuffigen Hafen von Neuhof im Strelasund konnten wir einfach nicht vorbei fahren, dort hatte unser Boot die letzte deutsche Saison verbracht  und so wollten wir wenigstens den Hafenleuten mal Hallo sagen. Doch wir trafen keinen von damals mehr an, erfuhren aber, dass der Hafenmeister nun in Stahlbrode sei. Und wirklich, wir trafen Herrn Radel an und spürten sofort die liebevolle Atmosphäre, auch wenn sein Hafenprojekt erst am Anfang steht. Wir blieben einfach eine Nacht bei ihm, kauften beim Fischer einen kapitalen Zander, brutzelten ihn, saßen bei halbwegs milden Temperaturen bis zur Einbruch der Nacht an Deck und fielen dann rundrum zufrieden in die Koje.
 
Gute Kameraden
„Good Fellow, Good Fellow – hier ist Eden“, rief Käpt´n mal probeweise in den Äther. Siehe da, er bekam eine Antwort von Brigitte. Sie und ihr Jürgen wollten gerade von ihrem Baltikum-Sommer-Törn wieder Richtung Kiel und motorten nun von Saßnitz aus, um uns in Wieck zu treffen. Kaum hatten wir unser Bötchen bunt mit Flaggen geschmückt, sahen wir sie am Hafeneingang, rissen die Lautsprecher mit dem Marinemarsch „Gruß an Kiel“ auf und stellten uns kichernd und salutierend an Deck. Diese Ehre hatten die Kieler verdient, waren die beiden erfahrenen Segler seit mehr als 10 Jahren immer mit Rat zu unserer Seite und haben immer den Kontakt gehalten. Aber nicht nur die „good fellows“ sollten wir hier in Wieck treffen, auch unsere Berliner Segelfreunde von der TARAS. Kathrin, Torsten und Julius waren im gleichen Jahr wie wir zu einer Karibik-Runde gestartet, wir hatten zusammen ein paar Tage in Marokko und auf Teneriffa verbringen können und freuten uns nun, sie hier in ihrem Heimathafen wieder zu sehen. Und wenn dann so eine große Seglerrunde zusammenfindet, wird natürlich über Gott und die Welt, über Wetter und Technik, über Land und Leute geredet. Aber auch über das Ankommen nach einem Langzeittörn. Und so berichtete Kathrin, dass es eine Zeit braucht, ins Alltagsleben zu finden, dass sie selbst aber nicht wieder eine „echte“ Landratte werden konnte – dazu sitzen die Erlebnisse zu tief! Sie macht uns nicht nur Mut, sondern drückt uns auch gleich mal eine Anleitung von Dieter Moor („Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“) zum Einleben in Brandenburg in die Hand. Einfach schön, so gute Kameraden zu haben!
 
Familien-Treff im Sonnenschein
Endlich mal hochsommerlichen Temperaturen, unsere EDEN strahlend in der Sonne, über Top und Takel geflaggt, so erwarteten wir unsere Demminer Familie: Claudias Cousin Frank mit seiner Jutta und unsere Tante Eva, die unser Bötchen noch nie gesehen hatte. Behände kletterte die fast 90jährige Eva an Bord und unter Deck und begutachtete staunend unser schwimmendes Zuhause.
Vielleicht hätte sie sich nicht so viele Sorgen um uns gemacht, hätte sie vorher gesehen, wie komfortabel und sicher es ist. Und bei Apfelkuchen mit Schlagsahne im Cockpit fühlte sich nicht nur sie pudelwohl.
 
Ückermünde, 05.09.2011

Freest
Egal, wie unsere Zeitplanung werden würde, ein Abstecher in den kleinen Fischereihafen von Freest sollte unbedingt drin sein. Über all die Monate unserer Reise haben wir uns das vorgenommen. Wir wollten unbedingt den alten gemütlichen Hafenmeister treffen. „ Jo, hier sind schon mal welche längs gekommen, die waren ´n paar Jahre unterwegs. Ausgemergelt und grau standen sie hier … aber is ja man toll, wat ihr da so vorhabt und ihr müsst hier unbedingt anlegen, wenn ihr wieder da seid“, verabschiedete uns damals der Seebär, der noch immer auf dem Rettungskreuzer fuhr.  „Und wenn ich mir die Haare rot färben und fünf Kilo anfuttern müsste“, zog Bordfrau den Schluss „in Freest werden wir stattlich erscheinen!“ Und als wir dann am Sonntagvormittag vom Greifswalder Bodden in den Peenestrom einbogen, leuchtete uns das Dörfchen schon entgegen. Still lag der Hafen, doch die Türen der Gebäude waren geöffnet. Und da stand der Hafenmeister, schaute uns ungläubig an und dann erinnerte er sich und freute sich wie nur ein stiller Mecklenburger  sich freuen konnte: „Nee, nee, so wat, da habt ihr an mich gedacht, und so weit weg… und denn kommt ihr wirklich bei mir vorbei…“ Immer wieder schüttelte es seinen Kopf, grinste über das ganze Gesicht. Die Überraschung war uns gelungen!
 
Wie wir aus der EDEN ein Motorboot machen
Auf dem Peenestrom gibt es zwei Klapp-Brücken, auf deren Öffnung wir warten mussten. Dicke Wolken kündigten Regen an, der Wind kam sowieso von vorn und so beschlossen wir, während der Wartezeit die Genua und das Großsegel runter zu holen und schon mal trocken unter Deck zu verstauen. In einem Segelclub in der Mündung der Uecker machten wir uns dann in einer Regenpause daran, alles für das Mastlegen vorzubereiten. Als wir fertig waren, öffnete der Himmel wieder seine Schleusen und es goß in tropischer Heftigkeit. Wir verschoben das Mastkranen auf den nächsten Tag. Blauer Himmel und Sonnenschein belohnte uns für die Warterei und professionell legte der Kranführer unseren Mast auf dem Kai ab. Ach, wie traurig sah unser Schiffchen nun aus! Nicht mal bunte Flaggen konnten wir mehr aufhängen! Aber nach aller getanener Arbeit zur Winter-Einlagerung des Mastes bastelte Käpt´n aus einem dicken Bambusrohr (mitgeschleppt aus Amazonien) einen Mast, stakte ihn nach allen Seiten ab und zog gleich mal Flaggenleinen an back- und steuerbord. Nun waren wir bereit für unsere Motorfahrt über´s Stettiner Haff.
 

Oranienburg 09.09.2011

Grandioser Empfang
Als sich das Schleusentor zum Lehnitzsee öffnete, trauten wir unseren Augen und Ohren nicht:
Böllerschüsse, Sirenengeheul,Tröten, Autohupen, Kribik-Klänge, bunt geschmückte Boote gar mit tanzender Cosima, ein Dingi mit den Familienkindern, eine Schaluppe mit den Mitgliedern des Königlichen Schützenvereins und sogar die kurfürstliche Yacht mit der Gründerin Oranienburgs Louise Henriette und ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm Kurfürst von Brandenburg! Von der Brücke hing ein großes Willkommensplakat, von der Brücke, den Booten winkten Menschen und riefen uns Willkommensgrüße zu. Wir waren total überwältigt. Wir wussten überhaupt nicht, was uns geschah....

Aber über eines sind wir uns gewiss:
Solcher Empfang konnte nicht einmal Kolumbus bereitet worden sein!


Welch wundervolle Familie und Freunde wir haben! 
Ein riesiges Dankeschön an Euch alle, die uns geholfen haben, unseren Segeltraum zu erfüllen, an alle, die mitgefiebert haben. Und Danke für den rührenden Empfang in der Heimat.