Die westliche Umrundung Cubas
Cienfuegos, 27.03.2011
Langer Tag, kurze Nacht
Nur kurz dauerte unsere Verwirrung über den hektischen Aufbruch von Regina und Bernd, denn auch wir sollten auf Anweisung des Hafenpersonals den Steg schnellst möglich verlassen. Wir beschlossen aber, zunächst den dort befindlichen Wasseranschluss zu nutzen und so schrubbten wir im Wettlauf mit der uns verbleibenden Zeit das Deck, wuschen Bettwäsche, ließen die Tanks voll und verlegten uns wieder auf den Ankerplatz. Obwohl uns die Augen vor Müdigkeit zufielen, widmeten wir uns weiter dem Waschen, Putzen, Reparieren, Umräumen. Ohne nochmal an Land zu gehen, fielen wir spätabends totmüde in die Kojen, um kurz darauf von ohrenbetäubender Musik verschiedenster Stilrichtungen aus den verschiedensten Lärmquellen am Ufer aus dem Schlaf gerissen zu werden, die erst in den frühen Morgenstunden verstummte. Doch nur kurz währte der Schlaf, denn noch vor Sonnenaufgang weckten uns lautes Brüllen, Trillerpfeifen, klatschende Schläge mit kräftigen Kommandos neben unserem Boot – wir ankerten auf der Trainingsstrecke der cubanischen Olympiakader. Vierer, Achter mit und ohne Steuermann, Zweier, Einer, Ruderer, Kanuten und alle wurden von ihren Trainern von Land aus angetrieben. Blieb uns nur, schlaftrunken bei einem Kaffee dem Spektakel zu zuschauen.
Cubanisches Paris
„La Ciudad que más me gusta a mi“ – Die Stadt die mir am besten gefällt, hatte einst der hier geborene Musiker Benny Moré gesagt und ganz groß steht der Spruch auf einem Schild an der Uferpromenade Malecón. Diese verbindet den Villenvorort Punta Gorda mit der Innenstadt. Staunend liefen wir vorbei an dem weißen Palast des ehemaligen Yachtclubs, an der mit Kuppelturm überragten blauen Villa Azul, an prächtigen Häusern mit üppigen Gärten, dann die lange vierspurige Malocón-Promenade ohne Schatten und fanden uns im dicht bebauten Zentrum, deren riesige Kolonadenhäuser einen maroden Charme ausstrahlen – französischen Charme. Im Jahre 1819 ließ sich an der großen geschützten Bucht der Franzose D´Cloue nieder, gründete die Kolonie San Fernandina de Jagua. Von einem Hurrican 1821 ließen sich die Franzosen nicht vertreiben, im Gegenteil, sie legten die Stadt neu an und nannten sie Cienfuegos, die durch den florierenden Zuckeranbau nun zu Reichtum gelangte. Die prächtigen Bauten im französischen Stil des Neoklassizismus legen noch heute Zeugnis davon ab. Dass ihnen nicht der totale Verfall droht, dafür sorgt die Unterschutzstellung als Unesco-Weltkulturerbe. Doch nicht nur außen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, auch das Innenleben der Häuser ist museal. Die großen, bodentiefen und mit filigranen Gittern geschützten Fensteröffnungen lassen den Blick zu in die hohen, weiträumigen Empfangshallen der einst prächtigen Palacios, dekoriert mit schweren dunklen Möbeln, Gemälden, Kristallkronleuchtern und Nippes, zwischen denen ihre Bewohner mit Blick auf die Straße in korbbeflochtenen Stühlen der Mittagshitze entschaukelten, freundlich-träge die Vorübergehenden grüßten oder ein Schwätzchen mit den Nachbarn durch das Fenstergitter hielten. Doch stadteinwärts belebten sich die kolonadenbeschatteten Bürgersteige, wir erreichten die Fußgängerpassage und fanden uns auf der Hauptgeschäftstraße. Divisen-Läden, deren Schaufenster Mikrowellen, Kühlschränke, Kosmetika ausstellten, lösten sich mit Peso-Läden ab, deren Glasvitrinen meist nur mit ein oder zwei Produkten weiträumig belegt waren. Wenn sich auch nur wenige Käufer in all den Geschäften aufhielten, so war das lebhafte Gewimmel auf der Straße umso quirliger. Die Leute strahlten Gelassenheit, Freundlichkeit aus. Am Parque José Martin trafen wir Vivien, eine Mitarbeiterin des Tourismusbüros wieder, die uns in Punta Gorda schon die wichtigsten Stadtinformationen gegeben hatte, sie empfing uns wie alte Freunde gleich mit je zwei Küsschen auf die Wange. Wie uns die Stadt gefiele und ob wir schon im Internet waren, fragte sie uns sofort. Ersteres bejahten wir freudestrahlend, zweites mussten wir verneinen.
Abgeschnitten vom „Rest“ der Welt
In keinem der internationalen Hotels noch im staatlichen Telefonladen war es uns gelungen, eine Internetverbindung oder eine Telefonverbindung nach Deutschland zu bekommen. Seit drei Wochen seien alle Leitungen in Cienfuegos gestört, informierte uns eine männliche Hostess im Hotel Union. Inzwischen hatten wir zwei Wochen keinen Kontakt zu Familie und Freunden daheim und keine Aussicht, dass wir ein Lebenszeichen geben oder empfangen konnten – weder per Mail, Skype, Telefon oder Internetseite. Uns war klar, dass sich nicht nur Mama Elli, sondern auch viele andere Sorgen machten, wenn wir uns nicht melden oder wenigstens einen kurzen Eintrag auf unserer Internetseite machen. Aber es gab keine Möglichkeit für uns. Bedrückt stiegen wir in ein Bici-Taxi, eine Art Ritschka und ließen uns vom Fahrer den langen schattenlosen Malecón entlang zur Marina strampeln. Von nun an würden wir jeden Tag versuchen, eine Verbindung nach Europa zu bekommen. Einstweilen saßen wir im Cockpit und schrieben Lebenszeichen wie zu Zeiten der Stadtgründer von Cienfuegos … auf Ansichtskarten!
Schlaraffenland
Ein Juchzen entfuhr Claudia, als sie am nächsten Tag den Agromercado von Cienfuegos betrat. Die große Halle war angefüllt mit Gemüse und Obst, wir es in Cuba noch nie gesehen hatten. Hier boten die kleinen Gemüsebauern an, was gerade frisch geerntet war: Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebeln, Möhren, Kürbis, Süßkartoffeln, Yams, Papaya, Ananas und Bananen. In einer Ecke zerlegten Schlächter ihre Beute, ein Schweinskopf grinste uns von einem hundertjahrealtem Verkaufstisch an. Wir füllten unsere Rucksäcke zur Freude der Händler – die Einheimischen sind in der Lage, nur winzige Mengen mangels Barschaft zu erwerben – und gingen dann zum „Intershop“ in Punta Gorda. Vor der übersichtlichen gläsernen Verkaufskühlvitrine konnte Claudia den nächsten Freudenschrei nicht unterdrücken: „Joghurt, Käse, Wurst… Schlaraffenland!“ Je eine Sorte - endlich Aufrüstung der Bordküche. Als wir das Gelände der Marina betraten, hatte sogar der Shipchandler geöffnet. Normalerweise verbirgt sich hinter „Shipchandlery“ ein Laden mit all den Dingen und Ersatzteilen, die für ein Boot benötigt werden – in Cuba Schnapsläden mit Keksregal. Doch wir trafen an diesem Tage sogar Kartoffeln und Eier an. So viel kulinarisches Glück musste gefeiert werden – wir schlenderten zum Sonnenuntergang zum Palacio de Valle, einem Märchenschloss wie aus tausendundeiner Nacht, gebaut 1917 von einem überschwenglichen Spanier aus noch überschwenglicher Liebe für seine Angebetete. Hoch oben auf der mit Türmchen verzierten Dachterrasse lauschten wir beim Mojito den romantischen Klängen der Musiker von „Perla del Sur“. Schlaraffenland pur!
An der Strippe
Wieder waren wir am Putzen, Basteln, Klarschiffmachen als wir den Blick zu unserem Ankernachbarn schickten. Komisch, warum war eine Yacht direkt vor die Schwimmer des Katamarans von Franz, Svetlana und Tochter Katharina gefahren? Es dauerte einige Sekunden, bis wir realisierten, dass die kanadische Segelyacht vorher weit vor dem Kat geankert hatte und nun bei dem recht starken Wind auf Drift gegangen sein musste, vom Kat aufgehalten wurde und nun quer vor diesem lag. Wir sprangen ins Dinghi, flitzen hinüber und sprangen an Deck des Kats. Gemeinsam kämpften wir, den unbemannten Kanadier vom Bug des Kats wegzudrücken, um ihn an eine Seite zu bekommen, dass er sich wieder an seinen Anker hängen konnte. Doch blöderweise hatte sich sein Ruder in zwei Leinen, die von den Schwimmern zur Ankerkette des Kats führen, verhakt. Franz schob mit der Maschine den Kanadier vor, wir anderen kämpfen mit Fendern und aller Kraft, damit die Schwimmer des Kats nicht beschädigt wurden, dann ließ sich Franz zurückfallen und endlich, beim zweiten Versuch driftete die kanadische Yacht aus den Leinen und nach Schieben und Zerren langsam an der Seite des Kats entlang und richtete sich wieder im Wind aus. Während Franz und Svetlana auf ihrem Kat waren, gingen wir mit dem Segelboot weiter auf Drift. Friedrich ließ mehr Ankerleine nach, dann entdeckten wir einen Zweitanker, den wir schnell ausbrachten. Endlich hing das Boot wieder an der Strippe. Franz holte uns mit seinem Dinghi zurück auf den Kat, wo nun auch Klein-Katharina wieder auf´s Deck durfte und Friedrich mit einem pinkfarbenen Fischmenü aus der Puppenküche verwöhnte. Inzwischen verwöhnte ihr Papa Claudia mit der Benutzung des Bordsatelitentelefons, was zwar absolut illegal (weil man in Cuba nicht mal ein Satelitentelefon an Bord haben, geschweige benutzen darf) aber dennoch von Erfolg gekrönt war. An der Strippe hatten wir endlich mal, wenn auch nur ganz kurz Mama Elli. Alles war ok, zuhause und am Ankerplatz, für uns und die Drei vom Kat. Nur der Kanadier würde sein Boot an einer ganz anderen Stelle suchen müssen.
Trinidad, 29.03.2011
Landgang
Wir brachten unseren Zweitanker aus, packten Zahnbürste und Landkarte ein, schnappten uns einen Fresskorb aus Bordvorräten (man weiß ja in Cuba nie…), gaben unser Dinghi in Franz´s Obhut und bestiegen unser kleines silbernes Mietauto. Wenn wir schon nicht per Boot Trinidad entern konnten, so wollten wir es nun auf dem Landweg versuchen. Zwischen Bici-Taxis, Pferdekutschen, Fahrradfahrern, Chevi- und Lada-Oltimern, Trucks mit zusammengepfercht stehenden Menschen, schlängelten wir uns durch die Vororte von Cienfuegos. Am Stadtrand endete schlagartig das Verkehrschaos, für Überlandtouren fehlt den Cubanern einfach das geeignete Gefährt oder das „Westgeld“ für den Kraftstoff. Wir fuhren auf der autolosen Straße, deren Randstreifen ab und an von Fußgängern (mein Gott, wo liefen sie denn – Kilometer vor und hinter uns keine menschliche Behausung) oder von Reitern (aufrecht auf kleinen, oft klapprig wirkenden Pferden, cowboymäßig den hohen, breitkrempigen Strohhut tief im Gesicht) genutzt wurden. Die Straße führt direkt auf die Bergkette der Sierra del Escambrey zu, biegt dann aber zum Meer ab und verläuft an diesem entlang bis Trinidad. Schon rumpelten wir auf Holperpflaster zwischen altehrwürdigen Häusern, als uns ein Gitter die Weiterfahrt versperrte. Wir standen genau vor der Weltkulturerbe-Innenstadt von Trinidad. Weiter ging´s nur noch zu Fuß. Wir bummelten durch die ersten stillen Gassen, als uns der Tourismus wie ein Schlag traf. Gruppenweise schleusten die Führer hunderte von behüteten Weißhäuten von Kirche zu Kirche. Mit ihnen liefen aufdringliche Kettenverkäuferinnen und Schlepper, die Restaurants, Unterkünfte und wer weiß was aufschwatzten. Da wir entgegen der Massen liefen, waren wir für die Rückwege der „jineteros“ die geeigneten Opfer, wobei wir nach dem dreißigsten Ansprechen nur noch entnervt, ab dem fünfzigsten ungehalten reagierten. Endlich fanden wir unser erstes Ziel, ein Internetcafé.
Nachrichtensperre
Und tatsächlich standen neben einer Bar zehn Flachbildschirme samt Computern, zu benutzen gar ohne Passvorlage. Ganz verdattert ließen wir uns als einzige Gäste nieder und über eine ganz, ganz langsame Leitung flatterte unsere E-Post auf den Bildschirm, doch als wir in unser Redaktionssystem zur Aktualisierung unserer Internetseite wollten, klappte es wiedermal nicht. Also schrieben wir unserem Systembetreuer Alex eine Mail mit der Bitte, auf unserer Seite die kurze Info einzufügen: Nachrichtensperre in Cuba – nächste Aktualisierung erst auf den Bahamas möglich, sind guter Laune und freuen uns jeden Tag über die deutsche Wiedervereinigung. Doch als Claudia auf „Senden“ drückte, erschien eine komische Sicherheitsmeldung auf Spanisch und auf einmal brach alles zusammen. Wer war da mit im System? Wurde unsere Mail nun abgesandt oder nicht? War unsere Nachrichtensperre-Mail gesperrt?
Stadt der stehen gebliebenen Uhren
Stirnrunzelnd traten wir hinaus auf die mittagssonnenbeschienene Gasse – und waren allein! Die Touristenbusse waren offensichtlich weitergeeilt, die „jineteros“ nach Hause gegangen, nur die Souvenirhändler räumten gerade noch ihre Waren zusammen. Genießerisch liefen wir durch die holprigen Gassen mit Häusern, vor denen malerisch ein Ami-Schlitten, ein Pferdekarren oder ein Esel abgestellt war. Eine offene Tür ließ uns neugierig in einen der Palacios eintreten, dem Museo Muncipal, wo in Empfangshalle, Schlafzimmern und Küche die Zeit stehen geblieben zu sein schien - außer in den Souvenirecken, dort strotze es nur von käuflichen Che- und Fidel-Utensilien. Wir stiegen einen Wohnturm hinauf und betraten die Dachterrasse: Trinidad lag uns zu Füßen! Einst ein Ort, an denen Piraten und Sklavenhändler Zuflucht fanden, ließen sich hier später aus Haiti vor einem Sklavenaufstand geflüchtete Franzosen nieder, bauten Zuckerrohr an und begründeten damit den Reichtum der Stadt. Jedoch wurden die Plantagen während der Unabhängigkeitskriege verwüstet, die Stadt verfiel in Bedeutungslosigkeit, die Uhren blieben stehen - im Jahr 1850. Als wir „fensterlnd“ durch die Stadt liefen, kam uns es vor, als ob in jedem Haus ein Museum untergebracht war. Nur in einem der großen, hochräumigen Villen fanden wir hinter den zierlichen Fenstergittern Räume, in denen auf niedrigen Klappliegen kleine Kinder und junge Pioniere ihren Mittagsschlaf hielten. Wir blieben stehen und schauten auf die traumblinzelnden Schläfer und die uns zulächenden Betreuerinnen und uns fiel ein, dass wir vielleicht auch nach einem Bettchen Umschau halten sollten. Im Haus von Yolanda fanden wir nicht nur ein riesiges Bett, nein gleich zwei in einem Gemach von Klassenzimmergröße mit ebenso großer Terrasse und Blick über die Dachlandschaft von Trinidad. Das beeindruckendste aber war die Empfangshalle, der Patio und das Esszimmer. Zwar hatten wir das Haus zufällig ausgewählt, fanden es aber später in unserem Reiseführer: „Keine casa, sondern ein Palast! Das umwerfende Innere des Hauses aus dem 18. Jahrhundert lässt das Museo Romántico wie einen Trödelmarkt aussehen: italienische Fliesen, französische Fresken, eine seltene mexicanische Wendeltreppe…“ und genau die führte in unser museales Reich für eine Nacht. Genaugenommen eine halbe Nacht, denn wer kann schon widerstehen, wenn auf der nahen Kirchentreppe Klänge von Son, Trova, Chachachá, Mambo, Rumba, Salsa locken?
Cienfuegos, 30.03.2011
Über Berg und Tal
Erstaunlicherweise stellte Claudia morgens fest, dass ihr das Schaukeln und Wellenplätschern nicht gefehlt hatte, schließlich lag unsere letzte Nacht in einem feststehenden Bett ein dreiviertel Jahr zurück (im argentinischen Salta, zu Füßen der Anden), nur der Käpt´n hatte unruhig geschlafen und immer mal nach den Lichtern in der Umgebung schauen müssen… Statt am Steuerrad durfte er dann am Lenkrad drehen und nach Anweisung der Co-Pilotin zum Valle de los Ingenios steuern. Von einem Berg aus überschauten wir das morgendlich-neblige Tal, in dem einst 50 Zuckermühlen für den Reichtum von Trinidad gesorgt haben. Endlos lang zieht sich dieses fruchtbare Tal, durch einen Bergwall vom Meer geschützt. Dann ging´s für uns bergauf. Topes de Collantes, ein Nationalpark in Cubas zweitgrößtem Gebirge stand auf unserem Tagesplan. Wir kurvten die Straße hinauf, machten an einem Mirador halt und waren ein bisschen enttäuscht. Noch immer war es dunstig, das Meer kaum zu erkennen, die Berge um uns standen laublos und verdörrt, Trockenzeit. Wir stiegen wieder in unseren Silberling, der uns über den nächsten Pass brachte. Und da war auf einmal alles grün! An einem Kaffee-Museum stiegen wir aus, ließen uns einen „cafecito“ schmecken und machten uns auf den Wander-Weg. Bergauf, bergab und nach einer Stunde standen wir vor einer Tropfsteinhöhle mit unterindischem Fluss und einigen natürlichen Pools, die uns zum Baden einluden. Doch nur kurz währte unser Aufenthalt im Wasser – es war eiskalt! Bis zum Auto zurück waren wir wieder heiß gelaufen, doch dank Klimaanlage konnten wir es auf der staubigen Piste gut aushalten, die uns nun im Schritttempo durch die Berge zurück nach Cienfuegos bringen sollte. Oberhalb eines riesigen Bergsees, durch unberührte Landschaft, entlang weiter Täler mit kleinen Ansiedlungen, die mit frisch bepflanzten Gemüsegärten umgeben waren. Jedes Dorf, jedes Bushaltestellenhäuschen auf freier Strecke war mit Schildern verziert, die Che Guevara´s Antlitz zeigten und/oder zum Kampfe riefen: „Hasta la Victoria siempre“, „socialismo o muerte“ (Bis zum Sieg…, Sozialismus oder Tod). Quer durch das Gebirge führte uns unser Weg, bis wir schließlich vor den Toren Cienfuegos den Botanischen Garten noch geöffnet fanden und in der sich schon senkenden Sonne bei einem einsamen Spaziergang durch Palmen- und Bambushaine unsere Beine streckten. Pünktlich zum Sundowner saßen wir wieder an der Marina-Bar mit Blick auf unser unversehrt ankerndes Schiffchen.
Cayo Largo, 03.04.2011
Kanadas „Ballermann“
Wieder konnten wir unser nächstes Ziel nur per Nachttörn erreichen, diesmal lag es am Wind. Am Tage frischte er grundsätzlich so stark aus Südwest auf, dass wir nicht gegenan kreuzen konnten, nachts dagegen nahm er ab. Also zogen wir am späten Nachmittag den Anker, querten die große Bucht von Cienfuegos und schlängelten uns durch die schmale Enge, unterhalb einer ehemaligen Festung gut bewacht durch einen Militärposten. Hinderte die Festung einst das Eindringen von Fremden in die Bucht, werden nun die Einheimischen in der Bucht zurückgehalten. Kein Fischerboot, keine Fähre passiert diesen Kontrollpunkt in Richtung Meer. Wir aber fuhren ungehindert an der Militärmauer mit den großen Lettern „Buenvenido CUBA socialista“ vorbei, wo uns schon eine ordentliche Dünung in Empfang nahm. Wider Erwarten kamen wir gut unter Segeln voran und mittags lag die weiße Sandinsel Cayo Largo vor uns, hotelwuchtig und sonnenanbeterbelagert. Eine Insel der Kanadier, für Einheimische nur als Personal betretbar. Wir ankerten erst einmal weit vor der Marina vor einem weißen Sandstreifen, schauten den Touristenbooten aller erdenklichen Bauarten nach und gingen zeitig in die Koje, um am nächsten Tag ausgeruht die Behördenprozedur über uns ergehen zu lassen und eine Visumverlängerung zu beantragen. Der Inselbus brachte uns dann über die mit kargem Gestrüpp bewachsene platte Insel zu den Kanadier-Ressorts mitten im ausgedörrten Nichts mit weißem Strand. Wie kann man denn hier Urlaub machen, fragten wir uns, aber letztlich gibt es ja auch Deutsche, die zum Sangria-aus-Eimer-Trinken extra auf eine Insel fliegen. Segler dagegen suchen statt Getränk in einer solchen Umgebung nach einem Internet – und siehe da, wir wurden fündig. Der Preis haute uns um, die Langsamkeit der Technik ebenfalls, drei angekommenen Mails davon zweimal Werbung, zwei kurze abgesandte Mails, ein Blick auf die Wettervorhersage und schon war eine Stunde vorbei, zehn CUCs waren weg, dazu noch je fünf für die kurze Busfahrt – kurzum, ein teures und zeitaufwendiges Vergnügen
ohne nur eine Nachricht von unserer Familie zu haben. Also machten wir es einfach wie normale Urlauber und wandten uns der Strandbar in der Marina zu.
Reingefallen
„Das gibt´s doch nicht“, tönte der Käpt´n morgens aus der Bugkoje, „“hier ist ja alles nass“. Bordfrau stellte sofort die Kaffeedose beiseite und stürzte nach vorn… „April, April“ grinste der Käpt´n. Hatte er vor einem Jahr nicht den gleichen Witz gemacht? Doch nach dem Frühstück trieb er es noch ärger, wenn auch nicht absichtlich, nach seinen späteren Worten jedenfalls. Am Niedergang nahm er die Treppe weg, um nach dem dahinter liegenden Motor zu schauen und sich dann anderen Arbeiten an Deck zu widmen, während Putzfrau sich draußen in der gleißenden Sonne mit der Entsalzung der Reeling befasste. Ein neuer Putzlappen musste her und so stieg sie sonnengeblendet unter Deck – doch da war nichts… mit den Füßen in der Luft landete sie autsch! geradewegs auf dem Hintern vor dem Kühlschrank. Ganz sicher hätte sie ihren Käpt´n erwürgt, wenn er es nicht nur gedacht, sondern tatsächlich gesagt hätte: „Liebling, die Treppe ist dran… April, April!“
Sterne über und unter Wasser
Nach einem arbeitsreichen Tag belohnten wir uns mit einem Strandspaziergang. Alle Kanadier waren schon an ihrer all-inclusiv-Bar, als wir das Dinghi am menschenleeren Strand hochzogen. Weicher weißer Sand tat unseren Füßen gut und so liefen wir, bis die Sonne dunkelrot unterging, sich die ersten Sterne und eine schmale Mondsichel zeigten. Doch was war das? Neben unserem Schlauchboot erstrahlte ein roter Stern im kristallklaren Wasser. Ein großer Seestern lag auf dem Grund, gleich daneben krabbelten noch andere in Richtung Ufer. Zeit, den Strand den Bewohnern zu überlassen, am nächsten Morgen würde es schon wieder vor Kanadiern wimmeln.
Zwischen Mangroven und Korallen
Cayo Largo ist eingebettet in eine Inselwelt kleiner Sandanhäufungen, die nur mit Mangroven bewachsen und von Korallenriffen umgeben sind. Keine der umliegenden Inseln ist bewohnt, Cubaner dürfen eh´ nicht hierhin und somit kann sich die Fauna ungestört entwickeln. Pelikane, Reiher, Kraniche, Strand- und Greifvögel konnten wir entdecken, Flamingos, Hummelkolibris, Leguane und Schildkröten soll es zuhauf geben. Doch uns lockte natürlich auch das kristallklare Wasser zu einem Riffausflug. Wir ankerten in sicherer Entfernung und fuhren dann per Dinghi ganz nah heran. Große Baracudas, Papageien-, Drückerfische, Fische in allen Größen, Formen und Farben huschten, schwebten, standen über und zwischen den vielfältigsten Korallen, die in Grün-, Blau-, Gelb- oder Orangetönen schillerten. Die Sicht war unglaublich, immer wieder gab es etwas Neues zu entdecken. Erst als wir schon Schrumpelfinger hatten, konnten wir uns von dieser unglaublichen Unterwasserwelt trennen. Und schon hieß es Anker auf, der Wind war günstig!
Cayo Buena Vista, 05.04.2011
Westlichster Punkt der Reise
Nur eine Nacht und einen Tag sollte der Wind laut Vorhersage für uns günstig pusten, der Käpt´n gab die Parole raus: Soweit wie möglich! Also segelten wir bei immer kräftiger werdenden Wind entlang den Inseln des Archipielago de los Canarreos, vorbei an Isla de la Juventud. Und er Wind pustete und pustete… Wir erreichten das Südkap Cabo Corrientes und in der zweiten Nacht umrundeten wir Cabo Antonio bei 21° 47,96` N 84° 57,34´ W – dem westlichsten Punkt unserer Reise. Ganz unspektakulär verließen wir damit gleichzeitig das karibische Meer und wechselten in den Golf von Mexico.
Buena Vista
Auch die nördliche Küste Cubas ist durch vorgelagerte Riffe geschützt. Während zum Meer die Tiefe sofort von weniger als einem Meter auf über 2000 Meter abfällt, ist es hinter den Riffen nur bis zu drei, maximal elf Metern tief. Dennoch wechselten wir durch eine Riffdurchfahrt in das geschützte Wasser und hangelten uns immer mit Blick auf Tiefenmesser und Seekarte durch die Untiefen, in der Hoffnung, eine wunderschöne Insel zum Ankern und Erkunden zu finden. Cayo Buena Vista hörte sich gut an - doch als wir es erreichten, fanden wir nur wieder eine unzugängliche Mangroveninsel vor. Da wir aber in einem Mangrovenbusch ein Fischerboot erblickten, ließen wir das Dinghi zu Wasser, steckten eine Flasche Rum in den Rucksack und hofften auf einen Tausch gegen Fisch oder Langusten. Als wir längsseits gingen und unseren Wunsch kund taten, schüttelte nur einer der Männer den Kopf, die anderen schauten weg – komisch. Wir erblickten hinter den Mangroven eine große Lagune, fuhren sie einmal ab und auf dem Weg zurück wollten wir den Fischern wenigsten noch eine Schachtel Zigaretten an Deck legen. Doch der Wortführer wehrte ab und bedeutete uns, die Schachtel sofort von Bord zu nehmen – noch komischer, hatten doch sogar alle Offiziellen bisher Zigaretten angenommen. Als das Fischerboot später an uns vorbei fuhr, konnten wir allerdings weder Fischernetz noch Langustenkörbe darauf sehen. Alles klar, wir blickten durch – buena vista.
Rettungsaktion
Noch grübelnd, warum sich hier in dieser gottverlassenen Gegend die Gucker und Lauscher rumtrieben, erblickten wir unser Dinghi ganz, ganz weit hinten gen Horizont. Einsam hing die Festmacherleine an der Reeling. „Du“, „Nein du hast den Knoten gemacht“ – egal, zur Wahrheitsfindung blieb keine Zeit, der Anker musste hoch (wegen des schlechten Ankerbodens hatten wir einen Zweitanker in die Kette verkattet), Käpt´n gab Anweisungen, mit einer Hand am Steuer pellte sich Bordfrau in Neopren, angelte sich die Taucherbrille. Als es schon ganz flach wurde, sprang sie ins Wasser und schwamm dem Dinghi hinterher, das sich Gott sei Dank mit dem Propeller im Seegras verheddert hatte. Sie wollte gerade das Dinghi ins Tiefe schleppen, als binnen einer Sekunde ein gewaltiger Wind anhub, nun musste sie kämpfen, auf der Stelle zu bleiben und von
außerbords den Motor anzureißen – der Motor wollte nicht so wie sie, das Dinghi erst recht nicht, der Wind nahm noch zu. Nach quälend langen Minuten endlich sprang der Motor an, sie wälzte sich samt Schwimmflossen über die Gummiwulst ins Boot und legte den Gang ein – stolz erreichte sie die
EDEN, wo der der Käpt´n zur Eile rief. Wir mussten weg, der Wind hatte nicht nur auf 32 Knoten zugenommen, sondern auch komplett gedreht und drückte uns nun ins Flach der Insel. Als wir an der anderen Inselseite geschützt vor Anker lagen, stellten wir uns die Frage: Warum muss alles in Cuba passieren? Dabei beobachten wir die große näher kommende Gewittterwolke, der Wind dreht schon wieder und wir beschlossen, am Besten sofort die Flachzone zu verlassen. Als wir nach einer halben Stunde Segeln noch immer nicht die etwas schwierige Riffdurchfahrt erreicht hatten, dafür aber die Wolke ihr Gewitter über Land ausgeschüttet hatte, die Sonne sich wunderbar rotleuchtend einem immer spiegelglatteren Meer näherte, der Wind schlafen ging… ja, da kehrten wir einfach um. Und verbrachten eine äußerst ruhige Nacht vor Buena Vista.
Bahia Honda, 10.04.2011
Herausforderung Cuba
Just als wir am nächsten Morgen die knifflige Riffpassage gemeistert hatten, frischte der Wind auf – und wie kann es anders sein, genau aus der Richtung in die wir wollten. Mit jedem Kreuzschlag legte der Wind noch eins drauf. Weit vor der Küste kamen Frachtschiffe in Sicht – bisher vor cubanischer Küste eine Seltenheit – eines passierte uns ganz nah und Friedrich nutzte die Gelegenheit um per Funk nach der aktuellen Wettervorhersage zu fragen. Alles im grünen Bereich, meinte sein Gesprächspartner und nach gegenseitigem woher-wohin war das Containerschiff schon fast am Horizont entschwunden. Doch was für einen Riesenfrachter grün ist, kann für uns kleines Segelbötchen schon ins tieforange gehen, wir refften, was das Zeug hält. In der Nacht ändert ein uns entgegenkommender Frachter urplötzlich den Kurs und kam direkt auf uns zu. Manöver des letzten Augenblicks nennt man die Aktion, die wir als vorfahrtsberechtigten nun veranstalten: Wende, Motor an und nichts wie weg. Allerdings blieb bei dem hastigen Manöver die Genua am zusätzlichen Kutterstag hängen, das dabei am oberen Ende brach. Klasse – warum gerade in Cuba? Eigentlich war jetzt eine Segelpause angesagt. Und siehe da, auf unserem Weg lag eine Bucht, erreichbar in wenigen Stunden. Bahia Honda, von der aus man sich in ein kleines geschütztes Mangrovenareal, der Ensenada Teresa verkrümeln kann. Auch hier winkten die Fischer - Fischer?- verhalten aber uns war´s egal, wir wollten nur noch schlafen. Dann war Klarschiffmachen dran. Dabei stellten wir fest, dass wiedermal die Genua aus den Nähten platzte, die Reffleine in Auflösung begriffen war – warum nur alles in Cuba? In einem Land, das keine Segelmacher, keine Rigger kennt, wo es in der Shipchandlery statt Leinen Havanna Club gibt. Wir leckten unsere „Wunden“, ließen uns von Hähnen eines in Mangroven versteckten Dorfes wecken, gingen mit dessen Hühnern zu Bett. Nach drei Nächten waren wir ausgeruht, waren hauptstadtreif, ja fast glücklich, wenn da nicht das ganze Deck über Nacht mit dickem schwarzen Ruß von abgefackelten Zuckerrohrfeldern beflockt gewesen wäre.
Havanna, 10.04.2011
Der alte Mann und das Meer
Kreuzschlag um Kreuzschlag näherten wir uns Havanna, schon waren im Dunst Hochhäuser zu erkennen, als es mächtig an der Angel rappelte. Noch bevor Friedrich an dieselbe springen konnte, war sämtliche Schnur abgerollt. Er griff die Angel, sie bog sich – peng, verdutzt sah Friedrich auf seine leere Rolle – Schnur samt Köder hinweg gerissen! Was muss das für ein Monsterfisch gewesen sein?
Vielleicht so einer wie bei Hemingway, dessen Geschichte sich ja genau hier vor Havanna abgespielt hatte? Der Käpt´n verbot indess, die Reiz-Worte Mann, Meer, Fisch und Hemingway auszusprechen, die ihn an seinen Verlust erinnerten. Aber wie sollte frau denn fragen, ob sie vor Erreichen der Marina Hm..mw… vielleicht in Ermangelung von F… ihrem alten … ein Tomatensüppchen kochen sollten und ob er schon gesehen hat, wie blau das Me..Wasser sei?