Unterwegs im Südosten Cubas



Santiago de Cuba, 09.03.2011
Vamos a Cuba!
Als wir in Road Town, der Hauptstadt der British Virgin Islands starteten, lagen 780 Seemeilen vor uns, geschätzte fünf bis sechs Reisetage. Wir ließen die Amerikanischen Jungferninseln „rechts“ liegen, zogen unseren Spi hoch und segelten bei leichtem Wind auf plattem Wasser – wie schön kann  doch Segeln sein! Doch wir waren nicht nur Genießer, nein, viele Dinge konnten während dieser ruhigen Fahrt erledigt werden: Kochen und computern, Haare schneiden und Strähnchen färben, nähen und basteln, putzen und kramen. Letzteres zu dem Zwecke der Vorbereitung auf die Kontrollen der cubanischen Behörden. Doch während dessen ging der Wind schlafen, wir mussten den Motor anschmeißen und tuckern. Bei jedem zarten Windhauch holten wir wieder den Spi raus. Doch dann in der dritten Nacht frischte der Wind plötzlich auf, wir waren ein bisschen langsam beim Bergen des Spi´s – krach… und im Schein der Decksleuchte flatterte unser großes Tuch im Wind, ein schmaler Streifen Segeltuch wehte daneben aus - wir hatten unseren Spi geschafft. Ziemlich entmutigt kämpften wir, um die Reste zu bergen. Am nächsten Morgen erblickten wir Haiti und just als wir eine kleine vorgelagerte Insel Ile A´Vache passierten, rasselte die Angelschnur. Stolz wie ein Spanier zog Friedrich einen prächtigen Baracuda raus, 95 cm lang! Was für ein Sonntagsglück! Dem Sonntag folgte der Rosenmontag – wir starteten einen Bordkarneval. Claudia holte einen Seesack mit den Utensilien vom vergangenen Jahr heraus, darunter auch eine CD mit Karnevalmusik aus Olinda und schon wackelten wir mit den Hüften, drehten das ultimative Faschingsschirmchen und erinnerten uns an die grandiose Woche des Karnevals in Brasilien. In der Nacht schauten wir auf die glitzernden Sterne, betrachteten dem Großen Wagen an steuerbord, das Kreuz des Südens an backbord und wünschten uns Wünsche bei Sternschnuppen. Am Aschermittwoch umrundeten wir den Westzipfel Haitis. Wunderbarer Atlantikwind ließ unsere EDEN an Jamaika vorbei gen Cuba stürmen. Nur der Käpt´n wackelte bedenklich mit dem Kopf: dieses Tempo bedeutete, dass wir um 23 Uhr in Santiago einlaufen würden, mitten in der Nacht – wie sonst??? Da uns aber in Cuba eine aufwendige Behördenprozedur erwarten würde, wollten wir diese des Beamtenschlafes zuliebe doch lieber am Morgen bestehen. Also übten wir uns in der Kunst des Langsamsegelns, die übrigens nicht minder herausforderungsvoll ist als eine Regatta! Punktgenau zum Sonnenaufgang befanden wir uns fünf Meilen vor Santiago de Cuba.
 
Cubanische Begrüßungszeremonie
Eine Rauchfahne stieg hinauf in den blauen Morgenhimmel – gab man uns wie in alten Segelzeiten Zeichen? Dann ein weißer Leuchtturm hoch auf den Klippen, daneben die Mauern eines Forts, die stufenförmig bis zum Meer hinabfielen. Dort entdeckten wir die schmale Einfahrt in die Bucht von Santiago. Unser Anruf per Funk blieb unbeantwortet, doch als wir den ersten Blick in die Bucht werfen konnten – und offensichtlich auch wir entdeckt wurden - tönte eine Stimme aus dem Funkgerät, die uns höflich begrüßte und in die Marina einlud. Vorbei am Fort, an einer kleinen Insel mit Pfahlhäusern liefen wir direkt auf ein paar wenige Segelmasten zu. Ein Hafenmeister dirigierte uns an einen Betonsteg, nahm uns die Leinen entgegen und begrüßte uns in perfektem Englisch. Wir müssten an Bord bleiben und auf die Behörden warten, meinte er und setze zwinkern dazu: „Viel Papier…“, aber dann seien wir frei. Was auch immer das bedeuten sollte, wir warteten an Bord, bereiteten schon mal einen Kaffee vor. Schon kurze Zeit später erschien ein Doktor füllte einen Stapel Formulare aus, nebenher leuchtete sein Mitarbeiter die Kojen nach Moskitos und Kakalaken aus. Dann inspizierte ein Drogenhund unser Schiffchen – auch hier konnten die Beamten in ihre Formulare „negativo“ eintragen. Eine temperamentvolle „agricultura“-Dame ließ sich den Kühlschrank zeigen, ihr Kollege sämtliche Trockenvorräte und das Gemüsefach. Außer einer etwas ältlichen Zwiebel beanstandeten die beiden nichts – die in den Zollbestimmungen verankerte Beschlagnahmung von frischen Milch- und landwirtschaftlichen Produkten fand nicht statt. Alle Beamten waren korrekt, fröhlich und gratulierten Claudia nachträglich zum Internationalen Frauentag! Dann hatten wir nur noch vier Zollbeamte zu einer Kontrolle unserer Schränke, Kisten und Kasten an Bord. Nun durften wir von Bord, theoretisch auch an Land. Doch unsere Pässe waren irgendwo bei Emigrationsbehörden und ohne die konnten wir weder Geld tauschen noch ein Internet nutzen. Blieb Zeit zum Putzen, Ausschlafen, für einen Spaziergang um die Marina, Schwatz mit unseren dänischen Nachbarn Jonas und Nils,  zwei segelnde Studenten, die gerade begeistert von einer Mietwagen-Rundreise durch Cuba zurück waren.
 
Santiago de Cuba, 11.03.2011
 
Sozialistischer Realismus, Buena Vista und Chevrolet
„I´m so hungry...“, Claudia versuchte den Hafenmeister zu einem nochmaligen Telefonat mit der Emigration zu bewegen  „… wir brauchen die Pässe, um Geld zu tauschen – we have no bread, no tomatos…“. Mitleidig schaute der freundliche Mann, zuckte aber mit den Schultern. Die Sonne stand schon hoch und wir saßen in der Marina fest. Etliche Zeit später überreichte er uns dann aber die Pässe und rief uns ein Taxi. Jonas und Nils wollten mit uns fahren, wurden aber urplötzlich zu einer Rucksackkontrolle am Marina-Ausgang vom Zoll aufgefordert. Schließlich mussten sie ihr Handy an Bord zurück bringen und durften dann doch mit uns fahren. Unser erstes Ziel war die Bank in Santiago. Wir betraten das hohe milchig verglaste Gebäude und fanden uns in einem Schalterraum, der rundum mit einem Gemälde gestaltet war: Blühende Landschaften, gesunde Rinder, fette Schweine, rauchende Fabrikschornsteine, glückliche Bauern bei der Zuckerrohrernte. Und dann die lange Schlange vor dem Schalter. Ganz, ganz langsam kamen Erinnerungen hoch – mehr als zwanzig Jahre war´s her. Um einen Anruf ins Ausland zu tätigen oder das Internet zu nutzen, mussten wir uns an dem einzigen Telefonbüro der Stadt anstellen, unsere Personalien wurden penibel in eine Liste eingetragen, dazu die Nummer der Nutzerkarte, die uns für drei CUC eine halbe Stunde Internetkontakt versprach, aber nur an einem der langsamen uralten staatseigenen PC´s, Laptops sind nicht gestattet. Wir konnten nur unsere Mails abrufen, an unseren kurzen Mails nach Hause verschluckte sich der Rechner, an einen aktuellen Eintrag auf unsere Internetseite war gar nicht zu denken. An den drei anderen Uraltcomputern saßen auch Touristen – Cubanern bleibt das Internet weitgehend vorenthalten. Man kennt´s aus der Erinnerung, nichts soll den Bürger vom großen Ziel oder auf cubanisch „revolucion siempre“ ablenken. Als uns dann aber Frauen nach Kugelschreibern und Shampoo selbst in der Nähe von Polizisten ansprachen, waren wir doch erstaunt. Das passte doch so gar nicht ins Menschenbild eines Fidels? Fröhlich einladende Gesten verdrängten unsere Grübelei und wir betraten das „Casa de la Trova“, wo uns schnell ein paar Stühle organisiert wurden, während ein paar Techniker Mikrofone testeten. Die Musiker betraten die kleine Bühne und schon öffnete  sich für uns die Welt des Buena Vista Sozial Clubs. Die gefühlvolle Musik war nichts für Stillsitzer, man klatschte, wippte und tanzte mit. Kaum zu glauben, wie nicht nur jüngere, sondern schon recht betagte Paare die komplizierten Schrittfolgen mit einer eleganten, ja erotischen Ausstrahlung meisterten. Ältere cubanische Senoras himmelten den humorvollen Sänger und Gitarristen genauso an, wie eine ganze Mädchenschulklasse, die den hinteren Raum in ihren Schuluniformen füllten. Später erfuhren wir, dass wir tatsächlich einen der „Buena Vistas“ erlebt hatten! Keinesfalls standen die fünf älteren Herren hintenan, deren Musik wir kurze Zeit später an einer Straßenecke lauschen konnten. Claudia war nicht weg zu bekommen, doch wir wollten ja noch irgendwie Brot kaufen. Dazu aber mussten wir erst unsere „convertibles“, die Touristen-CUC´s (ähnlich Forumschecks im Osten Deutschlands) in „moneda nacional“, also Cuba-Pesos tauschen. Als wir aber auf dem Weg zu einer Wechselstube über die von großen Bäumen beschatteten Plaza de Dolores gingen, riefen hinter uns Stimmen Claudias Namen… hups, wer sollte uns denn hier kennen? Vor einer Bar saßen lachend unsere Dänen Jonas und Nils, die uns sogleich auf ein Bier einluden und  uns die erste Lektion cubanisch erteilten: Brot bekommt man nur früh zu kaufen, Gemüse nur auf „agromercados“, dann allerdings günstig in Cuba-Pesos; Taxi  und Internet gibt’s nur für „convertibles“ und, und… Inzwischen hatte allerdings die Wechselstube aus unerfindlichen Gründen geschlossen, also machten wir uns auf den Weg, um ein Taxi zur Marina zu finden. Und da stand es: Ein himmelblauer Chevrolet Cabrio von 1956! Wir stiegen in den riesigen Fond des Wagens und schon ging es durch die schmalen Straßen von Santiago, durch Vororte, hinaus nach Punta Gorda zur Marina. Beim gemeinsamen Abendessen nickten Jonas und Nils anerkennend: Ein Tag in Cuba, und wir hatten schon die typischsten Touristen-Dinge erlebt.
 
Braune „puntitos“ und rote Rosen
Offensichtlich auch typisch in Santiago ist der Schmutz, der aus den Schornsteinen von Kraftwerk und Raffinerie auf die Umgebung hernieder rieselt. Braune Punkte und Flecken verzierten unser gesamtes Deck, denen mit nichts beizukommen war. Ein angeblich helfendes Mittel  gegen die Erdöl-Puntitos war allerdings gerade im Handel nicht beschaffbar, der Marinemanager versprach uns aber die Lösung des Problems und lud Claudia zur abendlichen Frauentagsfeier für die Marina-Mitarbeiterinnen ein. Lange war´s her, als es zum 8. März Nelken, Wein und eine Gehaltserhöhung gab… Hier überreichte der Manager Claudia charmant eine rote Rose und einen Cuba Libre. Beim ersten Tanz klingelte das Telefon an der Bar, der Wachdienst meldete Besuch für uns!
 
Oranienburgs Botschafter
Vor der abendlich-stockdunklen Marina hievten Regina und Bernd gerade ihre Koffer aus einem Chevi, nach 27 Reisestunden und fünf Stunden Zeitunterschied etwas geschafft und in winterlich anmutenden Klamotten.  Doch bevor sie all die Botschaften, Grüße, Neuigkeiten aus Oranienburg berichten konnten, schleppten wir die beiden an den Frauentags-Tresen mit cubanischen Rhythmen und richteten sie mittels Cubra libre wieder einigermaßen auf. Später an Bord kamen aus dem schweren Gepäck so wundervolle Dinge wie Gummibärchen und eine „Frauentags-CD“ (vom Oranienburger Bürgermeister, der die Feierlichkeiten hier in Cuba voraussah!?) für Claudia, Mischbrot und Kugellager für Friedrich bzw. dessen Windgenerator. Nach ausgiebiger Verkostung von „bucanero“, dem cubanischen Starkbier und „tu kola“, der cubanische Version von Coca,  verdünnt mit Rum fiel unsere neue Crew wohlverdient in die Koje. Nur die Kompressionsstrümpfe baumelten noch einsam im Nachtwind an der Reeling.
 
Santiago, 13.03.2011
 
Welt der zwei Währungen
Das Frühstück für unsere Gäste fiel etwas spärlich aus, bis zu deren Ankunft hatten wir außer Bier und Cola nichts einkaufen können. So hatte Claudia Brötchen gebacken, die Reste an Butter und Käse herausgestellt, die vor den Behörden versteckten Eier gebraten, Marmeladen aus verschiedensten Ländern aus der Bilge gekramt. Schon wurde am Frühstückstisch über die Anzahl purzelnder Pfunde in den nächsten zwei Wochen geulkt, als wir uns  fest entschlossen, der Stadtbesichtigung das Besorgen von Lebensmitteln voranzustellen. Nachdem Regina und Bernd auch von offizieller Seite als Gäste an Bord der EDEN registriert waren, ließen wir uns von einem Schwarztaxi (7 CUC) zur Cadeca, der Wechselstube bringen. Diesmal hatten wir Glück, wir wurden eingelassen und nach Vorlage eines Passes erhielten wir einen Stapel „moneda nacional“, genau fünfundzwanzig mal mehr Scheine, als wir in „CUC-convertibles“ hingegeben hatten. Wir stopften sie in die Taschen, wohlbedacht, die ähnlich aussehenden Scheine nicht zu verwechseln und Bernd taufte die Währungen in unseren noch geläufigen Sprachgebrauch in „Ostgeld“ und Westgeld“, was die Sache unter uns schon etwas vereinfachte. Blieb dann bei jeder Geldausgabe vorher die Art der Bezahlung zu erfragen. Verunsichert erforschten wir gar in einer Bäckerei, die gerade mal eine Sorte Weißbrot anbot, ob wir in „Ost“ bezahlen dürften. Ja, wir durften und staunten über den geringen Betrag, den wir der gelangweilten Verkäuferin über den Tresen schoben. Fröhlicher ging es an einem klapprigen Pferdekarren zu, von dem aus Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Süßkartoffeln für „Ost“ verkauft wurden, wir verstauten so viel Gemüse in den Rucksäcken, wie wir tragen konnten – schnell hatten wir begriffen, dass zu horten war, was immer man gerade zu kriegen bekam, wobei uns als Ossis ja schon fast ein viertel Jahrhundert die Übung fehlte! Käse und Butter waren nicht habhaft, aber aus Wohnzimmerfenstern boten die Anwohner Pizza (5 Pesos) und Softeis (1 Pesete) an. Alles, was in „Ost“ angeboten wurde, war für uns umgerechnet für wenige Cents zu haben, die Preise in „West“ für Kleidung  etwa oder Diesel, die auch die Cubaner in CUC bezahlen müssen, waren den europäischen gleich, meist gar höher. Immer wieder machten wir uns bei unserem Bummel durch die belebten, morbiden Charme ausstrahlenden Straßen und Plätzen klar: Das Einkommen hier beträgt 300 bis 400 Pesos, also 12 bis 15 CUC (1 CUC ca. 1 Euro) – monatlich! Dabei war in den letzten Monaten die Arbeitslosigkeit dramatisch angestiegen – allein anderthalb Millionen (!) Beamte hatte der Staat entlassen. Kein Wunder also, dass die Menschen hier auf die verschiedensten Arten, zu denen auch aufdringliches Betteln gehörte, versuchen, an „Westgeld“ zu kommen  - und hier in Santiago recht massiv. Zeit, dem Trubel kurzzeitig zu entfliehen.
 
Hoch über der Stadt
Der Behörden-Doktor hatte uns den Tipp gegeben, der in keinem unserer Reiseführer aufgelistet war: Ein Restaurant, hoch über der Stadt. Nach vielem Fragen standen wir vor einem ziemlich baufälligen Plattenwohnhochhaus am Rande der historischen Weltkulturerbe-Innenstadt. Da sollte ein Restaurant sein? Doch schließlich standen wir vor einem Fahrstuhl, in den uns eine Aufzugswärterin reinquetschte – wir beteten zu Fidels Technik, dass sie uns heil bis in den zwanzigsten Stock bringen würde und stiegen erleichtert ganz oben aus. Belohnung bot der Blick zur Meeresbucht bis hin zu den Bergen der  Sierra Maestra auf der westlichen Seite und der Cordillera de la Gran Piedra nach Osten hin. Tief erschütterte uns aber der Anblick der Dachlandschaft von Santiago. Es sah wie nach einem Hurrican aus, kaum ein Dach war heil, überall bröckelten Mauern herab, dazwischen marode Dachterrassen auf denen spärliche Wäsche im Wind flatterte. Die Menschen gingen zu Fuß, Waren transportierten Pferdekarren, nur die Innenstadt war von Motorradfahrern durchzogen, von riesigen Lastkraftwagen, die zu Menschentransportern als Busersatz umgebaut waren. Aus den Schornsteinen des nahen Industriegebietes drängte schwarzer und gelber Rauch in den blauen Himmel, die Sonne brannte gnadenlos herab, die wenigen Pflanzen auf einsturzgefährdeten Balkonen tief unter uns, schienen verdörrt. Wir richteten unseren Blick dem Gastraum zu, wo uns ein weißbehemdeter Kellner formvollendet die Eiskarte vorlegte: Neun CUCs für einen Eisbecher? – das erschien uns doch zu viel, aber Cuba-Pesos (0,36 €) konnten es denn doch nicht sein? „Si, moneda national“ klärte uns der höfliche Kellner auf und so standen als bald vier mit Keksen verzierte Becher mit wahrhaft leckerem Schokoladen- und Mangoeis vor uns, für die wir dann umgerechnet einsfünfzig bezahlten, dem Kellner noch ein kleines „Westtrinkgeld“ draufpackend. Und während Regina, Bernd und Friedrich als Leute vom Bau nochmals einen fachmännischen Blick auf die maroden Wohnhäuser und den mit einem übergroßen Fidel verzierten Politpalast warfen, suchte Claudia das stille Örtchen. Klopapier war Mangelware, das wusste sie, aber das auch Anschlussstücken für Spülkästen und Abflusstrapps dazu gehörten, wurde ihr erst später klar. Leicht deprimiert quetschten wir uns wieder in den Aufzug, der uns wohlbehalten unter den lebensmutigen Menschen am Boden absetzte.
 
Schwein im Hinterhof
Zielgerichtet steuerte Bernd auf einen Bretterverschlag neben einem maroden Häuschen gleich in der Nebenstraße des Plattenhochhauses. Kochbananen, Süßkartoffeln, Yams. „No papas“, keine Kartoffeln, verneinte der hutzlige Verkäufer. Also nichts für uns dabei - schon lugte Bernd  in die nächste Zaunöffnung: Auf einem rustikalen Holztisch lag frisches Fleisch neben einer museumsreifen Waage. Im Hintergrund ein Schuppen, in dem ein fröhlicher Schlächter an einem halben Schwein schnippelte. Die umherstehenden jungen Männer fragten gutgelaunt nach unserer Herkunft, wie uns Cuba gefiele und ermutigten Regina, Fotos vom Schwein zu machen. Wir widerstanden dem Fleischkauf, obwohl wir nicht wussten, ob wir je wieder welches zu Gesicht bekommen würden, liefen an üppigen Blumenständen und leeren Gemüseläden, an nett grüßenden Bewohnern über asphaltlöchrige Straßen zurück ins historische Stadtzentrum. Wieder trafen wir auf die musizierenden älteren Herren, die Friedrich sofort wiedererkannten und gleich einen Takt schneller trommelten, rasselten, zupften und sangen. Trotz schnellerem Rhythmus und einem Schuss Humor bleibt die cubanische Musik immer gefühlvoll und mit einer gewissen Melancholie durchzogen – Ausdruck einer Lebensweise, die wir vielleicht ansatzweise an diesem Tage erleben konnten. Wir rissen uns von den Musikern los, noch von einem Lied begleite, das offensichtlich von einem Hahn erzählte – der alte Sänger mit einem noch älteren Strohhut schickte uns sein Krähen mit lustig leuchtenden Augen hinterher. Wir bogen ein in die Heridia, die kleine Geschäftsstraße, in der das Casa de la Trova seine Tore geöffnet hält. Zu unserem Staunen waren weniger Gäste da als zwei Tage zuvor – wir hatten also wirklich ein Buena Vista-Highlight erleben dürfen. Dennoch ließen uns die Rhythmen der Musiker wippen und es dauerte nicht lange, dass Claudia und Regina von rastalockigen Jungs trotz aller Vetos zum Tanze geführt wurden - ihre Männer hatten mit Worten „Hab Dich nicht so. Ist doch lustig“ alle Gegenwehr zunichte gemacht. Und so versuchten sie, festgehalten und eingeklemmt wie in einen Schraubstock, den Beckenschwüngen der Tanzpartner zu entgehen. Eine ältere Senora hatte Erbarmen, riss Claudia aus den klammernden Schenkeln ihres Tänzers und gab ihr unter großem Gelächter Tanzunterricht. Wir hätten einen „arbol“, einen Baum gefressen und würden es nie lernen, meinte Claudia und entzog sich dem Unterricht zugunsten eines Mojitos, während Regina immerhin schon armverwickelnd die nächste Stufe des cubanischen Tanzes erklimmt hatte. Erst als die Musiker ihre Instrumente bei Seite legten, entließ ihr Tänzer sie wieder, während dessen Bernd einem Verkäufer im Hinterhof nicht widerstanden und einen unheimlich schön geschnitzten Spazierstock erworben hatte. Ob er meinte, ihn hier in Cuba zwecks Entkräftung bezüglich fehlender fester oder im Überfluss zu habender flüssiger Nahrung brauchen zu können? Wir drei anderen erfuhren es nicht, standen aber alsbald  völlig geschafft wieder auf der Straße. Zwar hatten wir schon ganz viel Stadtbesichtigung hinter uns, aber immer noch nicht ausreichend Lebensmittel. So führte uns der Weg zum Agromercado, auf dem es außer frischen Schweineohren allerlei Wurzeln gab und den wir nur mit ein paar Bananen verließen. Trotz Hungers zog es uns weiter durch das Wohnviertel Tivoli, bestehend aus einst stattlichen Häusern, die große Padre-Pico-Treppe hinauf. Ein junger Cubaner öffnete eine uralte Holztür und lud uns auf einen Blick in das Haus seiner Familie. Einzig der dröhnende Fernseher schien aus der Neuzeit zu sein, der große Raum mit den unverkleideten Dachziegeln, die dunklen massiven Möbel mit gestärkten Spitzen darauf und den mit Hängepflanzen verschönten offenen Innenhof ließ uns scheinen, in einem Museum angekommen zu sein. Höflich fragte uns der Vater, ob er uns nicht ein Essen kochen sollte, ebenso höflich lehnten wir ab. Wir verstanden zwar, dass die Familie so ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften wollte, wir aber wollten ja eigentlich nach Hause, um Reginas und Bernds Schlafdefizit auszugleichen. Doch schon ließ sich Friedrich von einem anderen Chico den Weg zum Casa de las Tradiciones zeigen, wir stiegen die schmale Treppe hinauf, vom eifrigen Kellner am schönsten Tisch plaziert und mit Mojito versorgt. Tanzten zunächst die meist ganz jungen Gäste im Hinterraum nach Cuba-Techno, begann kurz darauf eine Gruppe mit traditioneller Musik, Hüften kreisten und Regina und Claudia drängten sicherheitshalber zum Aufbruch.
 
In der Touristenfalle
Endlich in der Marina angekommen, war der Durst dann doch größer als die Müdigkeit, die Unternehmungslust gar größer als der Durst. Und schon zwängten wir uns in ein Schwarztaxi der Marke Moskwitsch anno 1970. Unweit des Casa de las Tradiciones stiegen wir aus, liefen vorbei an den spärlich beleuchteten Häusern vor denen die Bewohner klönten, Kinder spielten und Hunde am Straßenrand dösten. Wieder stiegen wir die schmale Treppe hinauf. Der noch immer Dienst tuende Kellner plazierte uns am besten Tisch, versorgte uns mit Mojito und stellte Stühle für andere Gäste heran: Eine Dickbusige und einen Rastalockigen. Heh, die kannten wir doch schon vom Tage im Casa del la Trova und klar, sie hatten uns dieses Etablissement für den Abend empfohlen und klar, dass sie ein Getränk spendiert haben wollten. Nicht lange und schon fanden sich Regina und Claudia trotz Protest auf der Tanzfläche in den Armen diverser Tänzer, die ihnen schon wieder den cubanischen Beckenschwung beibringen wollten, Friedrich dagegen wurde in das großzügige Dekolleté der Dickbusigen gesaugt. Bernd hatte inzwischen den Tisch soweit an sich herangezogen, dass er eingeklemmt an der Wand saß und garantiert von keiner der Schönheiten auf die Tanzfläche gezerrt werden konnte. Dafür musste er mit freundlichen Gästen kommunizieren, die nach dem woher, wohin, wielange, wieschön fragten und ganz nebenher heimlich unheimlich unsere Getränke leerten. Also noch ein Bucanero, noch ein Mojito. Dabei beobachteten wir die älteren kalkweißen Herren im Touristenhemd, die mit leckeren jungen Mädchen erschienen, Drinks bezahlten und zusahen, wie sich ihre Angebeteten erotisch auf der Tanzfläche bewegten, gar zu zweit mit einem Chico tanzten, und uns an die Beschreibung des cubanischen Tanzes als „vertikaler Ausdruck eines horizontalen Verlangens“ denken ließ und dann plötzlich wieder im Schlepp der Schönen verschwanden. Als wir vier dann offensichtlich auch „aufgeteilt“ wurden, Friedrich von einer schlanken Großäugigen schon recht intim belagert war, Regina den Armen ihres Tänzers nicht mehr entfliehen konnte, Claudia von ihrem Rasta „solo cinco minutos“ für einen Gang auf den Hinterhof ins Ohr geflüstert bekam und selbst Bernd von der Dickbusigen auf der Tanzfläche umzingelt wurde, spätestens da hatte jeder von uns nur noch einen Wunsch: Ab in die Koje – und zwar in die eigene!
 
 
Sonntagsausflug
Erst gegen Mittag des nächsten Tages setzte unser Tatendrang ganz langsam wieder ein, wir wollten mal eben ganz gemächlich mit dem Marina-Dampfer zur nahen Insel Cayo Granma fahren, um ein Stück spazieren zu gehen und unseren „Kater“ auszuführen. Rund um die Insel führt ein gepflasterter Weg vorbei an kleinen Häusern der Fischerfamilien, die hier leben. Wir erklommen den Hügel der Inselmitte und umrundeten die verschlossene Kirche. Ein Junge ließ auf der verdörrten Wiese einen selbstgebastelten Papierdrachen steigen. Wieder auf dem Rundweg baten drei kleine Mädchen kichernd, fotografiert zu werden, ein anderes Mädchen verschenkte eine kleine weiße Rose. Schade, wir hatten nicht mal ein paar Süßigkeiten dabei. An einem Stand trafen sich offensichtlich die Insulaner zu einem sonntäglichen Schwatz – doch weit gefehlt, bei genauerem Hinsehen erkannten wir einen Laden, der Kartoffeln verkaufte und die Leute hockten ringsrum im Schatten, um geduldig zu warten, bis sie dran waren. Kartoffeln! Zu gern hätten auch wir ein paar Kilo gehabt, waren uns aber nicht sicher, ob wir welche bekommen könnten, vielleicht gab es sie ja nur auf Bezugsschein? Und stundenlang anstehen? Wir entschlossen uns, lieber auf die klapprige Fähre zu warten, die uns hinüber zum Fort El Morro am schmalen Eingang der Bucht bringen sollte. Die Fahrt mit einem Schwarztaxi von der Fährstation ersparte uns den Aufstieg in sengender Hitze und oben angekommen verließ gerade eine Armada Touristen das Fortgelände. Wir wandelten allein durch die schattigen Räumlichkeiten der gut erhaltenen Festung, ließen uns es aber auch nicht nehmen, die mehrere hundert Stufen in der glühenden Sonne bis fast zum Meer hinab und wieder hinaufzusteigen. Eigentlich hatten die Spanier diese Burg als Schutz vor den Piraten errichtet, doch bis sie endlich fertig gestellt war, endete das Piratenzeitalter. Jetzt wirkt sie in ihrer Trutzigkeit eher wie eine Filmkulisse und bietet einen wunderschönen Ausblick auf Berge, Meer und die Bucht von Santiago. Gerade als wir den Rückweg antraten, kam uns der nächste riesige Touristenschwarm entgegen, nur ein Taxi war weit und breit nicht zu sehen. Also liefen wir einsam die völlig zerlöcherte Asphaltstraße hinab, passierten eine Badebucht, in der sich die Einheimischen sonntäglich amüsierten und reihten uns dann in den Strom der Fußgänger ein, die genauso wie wir die Fährstation erreichen wollten. Doch während wir so dahin schlichen, sangen und tänzelten die Einheimischen, lachten und flirteten. Erschöpft ließen wir uns im maroden Wartehäuschen nieder. Nach einer Stunde Warterei kam endlich die Fähre in die Richtung Punta Gorda und wir beschlossen, unseren Ausflug noch um einen Restaurantbesuch in einem Stelzenhaus neben der Marina zu erweitern. Bei Sonnenuntergang schwelgten wir bei Red Snapper mit Gambasoße und frittierten Bananen und Salat und Reis und Bier und einheimischen Rotwein. Viva Cuba!
 
Santiago, 15.03.2011
 
Der Weg durch die Mangelwirtschaft
Für „convertibles“ gibt es in Cuba alles – mit diesem Satz aus dem Reiseführer im Sinn machten sich Regina und Claudia mit  Rucksäcken auf den Schultern auf zum einzigen großen Supermarkt der Stadt. Neben der Eingangstür befand sich ein kleines Fensterchen, davor eine Schlange, an deren Ende wir gewiesen wurden. Als wir begriffen, dass hier zunächst die Taschen abzugeben seien, schauten wir auf die Dimension des Fensters und dann die des großen Rucksackes. Das ging nun gar nicht und schließlich durften wir den Wachhabenden passieren und den Rucksack innen abgeben. Mit einem großen Einkaufswagen betraten wir die Regalfronten – schließlich lagen ja zwei Segelwochen vor uns! Doch eigentlich war nur das Havanna-Club-Regal gut gefüllt, alle anderen Produkte waren auf der Fläche verteilt. Die Preise in CUC ließen uns zusammenzucken: Alles war wesentlich teurer als in einem deutschen Supermarkt. Die meisten Kunden standen nur vor den Regalen herum, kauften höchstens ein oder zwei Dinge. Wir steuerten aus Neugier die Nachbarabteilung an, in der es Kleidung und Schuhe zu kaufen gab. Früher hatten wir zu solchem Angebot „Echt Konsum“ gesagt, traurig hingen verschmähte Shirts, Röcke, Hemden auf der Stange. Doch dann leuchtete etwas mit orangenem Muster und Claudia hielt eine kurze flippige Hose in der Hand – gerade richtig für den Käpt´n, der einen unheimlichen Verschleiß an solchen hatte. Für vier sechzig auch ein angemessener Preis, stellten wir uns an der Kasse an. Um mit einem 50-CUC-Schein bezahlen zu können, mussten wir einen Pass vorlegen, die persönlichen Daten trug die Kassiererin in ein Formular, genauso wie die Nummer des Geldscheines und nach gegenseitigen Unterschriften erst konnte der Hosenkauf vollzogen werden. Wieder in der Lebensmittelabteilung zurück, packten wir Nudeln, Reis, Kekse, Mayonnaise und ein tiefgekühltes Huhn in den Korb, bezahlten und mussten wie alle Kunden an einen Extratisch, an dem eine Kontrolleurin Waren und Kassenzettel verglich. Erst dann konnten wir einpacken und mit unserer mageren Ausbeute den Supermarkt verlassen. Wieder hatten wir keine Butter, Käse, Kartoffeln, Brot ergattern können.  Wir liefen quer durch die heiße Stadt und schauten in jeden Laden, ob er etwas für uns hatte, wobei uns die Trostlosigkeit des Angebotes tief erschütterte. Aber immerhin:  In der Bäckerei gab´s neben Weißbrot heut sogar Brötchen, an einem Hinterhofstand ein bisschen Obst, Süßkartoffeln und Kürbis. Die Agro-Markthalle hatte montags geschlossen. Blieb nur noch der Bankbesuch, damit Regina Geld tauschen konnte. Ewig standen wir in der Schlange, das Huhn im Rucksack an Claudias Rücken taute schon kräftig, als wir endlich den Schalter erreicht hatten. Völlig fertig ließen wir uns auf die weichen Sitze eines Uralt-Chevies fallen und zur Marina zurückkutschieren. Der männliche Teil der Crew war nach getaner Arbeit am Boot bereits zum Bucanero übergegangen und auch der weibliche Teil durfte nun endlich die trockenen Kehlen löschen.
 
Don´t worry, be happy
Diesen Spruch hatten wir nun schon mehrere Tage von den Marina-Angestellten gehört, doch keiner des Personals machte irgendwelche Anstalten, eine Lösung für unser verdrecktes Deck zu finden. Alles werde gerichtet sein, wenn wir die Marina verlassen… Ja, und nun wollten wir abreisen. Schon hatten wir die Zustimmung der Behörden, aber eine Einigung mit der Marina war nicht in Sicht. Wir waren einfach nicht bereit, für null Service (kein Strom, kein Wasser am Steg) und die dauerhafte Verschandelung unseres Decks pro Nacht knapp 20 Euro zu bezahlen, nicht mal zehn Euro. Dass die staatliche Marina nichts für die Lecks in der staatlichen Raffinerie konnte, war klar, aber warum sie dann nicht Folien, Pappen oder dergleichen bereithielten, um die Gastschiffe zu schützen oder zu mindestens das Reinigungsmittel für alle Fälle parat hatten, leuchtete uns nicht ein, zumal diese Umweltverschmutzungen offensichtlich an der Tagesordnung sind. Nach Stunden der Verhandlung einigten sich Käpt´n und Manager auf einen niedrigeren Preis und so verließen wir Santiago zu unserem Bedauern mit einem leicht bitteren Nachgeschmack. Gegen das braun gefärbte Deck war  jetzt eh´ nichts zu machen, so prosteten wir vier uns mit einem ordentlichen Ableger zu: Neuer Ankerplatz, neues Glück! Be happy!
 
Chivirico, 16.03.2011
 
Warum? Und keine Antwort.
Bei sich schon neigender Sonne erreichten wir unsere nächste Ankerbucht, die hinter einer hohen Halbinsel gelegen schon zwei europäische Segelyachten beherbergte. Wir schlichen über eine Untiefe in die palmenumstandene Bucht, begleitet von interessierten Blicken der Fischer, deren kleine bunten  Kähne an Land vertäut waren. Wir ließen den Anker fallen und freuten uns schon auf den Landgang am nächsten Morgen. Da noch die Kugellager des Windgenerators von der männlichen Crew zu wechseln waren, paddelten Regina und Claudia allein an Land, um in dem auf der Halbinsel angesiedelten Hotel ein Internet zu finden. An einem kleinen Steg standen schon ein paar Leute, wie zur Begrüßung, eine Frau mit einer Santería-Bibel unterm Arm. Mit unseren paar spanischen Brocken tauschten wir Freundlichkeiten aus und erkundigten uns nach dem Weg auf den Hotelberg. Als wir aber um eine Hausecke steuerten, vertrat ein Bewohner unseren Weg und fuchtelte mit verschiedensten amtlich ausschauenden Ausweisen vor unseren Augen. Was wir zunächst als gutmütigen Dorftrottel abtaten, entwickelte sich zum scharfen Blockwart. Wir dürften ankern und an Bord schlafen, aber nicht das Land betreten. Claudias Frage nach dem Warum erkannte sie im Augenblick des Aussprechens als dumm. Dass es auf solche Fragen keine Antworten gibt, musste ihr aus Ost-Erfahrung doch klar gewesen sein.  Da war ein freundlicher Rückzug  angebracht, eine kurze Verabschiedung bei den netten Leuten auf dem Steg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen und dann paddelten wir traurig und deprimiert zurück. Mittlerweile war es zu spät, um im Tageslicht die nächste Ankerbucht zu erreichen, also mussten wir den Tag an Bord mit sehnsüchtigen Blicken zum Land verbringen. Aus den Geschehnissen der letzten Tage kamen die Erinnerungen und so erzählten wir uns bei „Cuba Libre“ unglaubliche Begebenheiten aus Ostzeiten, erzählten uns manch fröhliche Story aus der Studentenzeit und aus den Anfängen unseres Berufslebens, von Mangel und Erfindertum, von Westbesuch und Besuchen im Westen, von Demos und Stasi. Immer wieder stellten wir dazwischen fest, was für ein historisches Ereignis der Mauerfall war, der uns von der Situation, wie wir sie hier in Cuba erlebten, befreit hatte. Wobei wir überzeugt waren, nur die Spitze des Eisberges als Touristen erahnen zu können und natürlich auch nicht vergaßen, dass auch in einer westlichen Demokratie nicht alles Gold ist. Viele Gedanken an einem so idyllischen Ort. Aber sicher werden wir irgendwann nicht nur „Cuba libre“ trinken, sondern hoffentlich auf  ein Cuba libre anstoßen.
 
Pilón, 18.03.2011
 
Endlich mal Cuba
Nach einer durchsegelten Nacht mit kräftigen Winden steuerten wir im Morgengrauen das kleine Städtchen Pilón an. Der riesige Schornstein einer Zuckerfabrik wies uns die Richtung durch vorgelagerte Mangroveninseln. Kaum hatten wir den Anker hinter einer ehemaligen und nun zerfallenen Hafenmauer fallen lassen, kam ein maroder schon halb mit Wasser vollgelaufener Holzkahn auf uns zu gepaddelt, darin neben einem Fischer als Ruderer ein Offizieller. Nach der Einklarierungsprozedur bedeutete er, dass nur immer zwei Personen das Boot verlassen dürften, zwei an Bord bleiben müssten. Die Frage „Warum?“ verkniffen wir uns diesmal. Regina und Claudia schulterten mal wieder die Rucksäcke, um auf Nahrungssuche zu gehen, der Käpt´n brachte sie an Land. Niemand hielt uns auf, wir gingen den staubigen Weg am abgerissenen Zuckerwerk vorbei in Richtung Häuser. An einem baufälligen Restaurant fragten wir nach Bäckerei und Agromarkt und schon begleitete uns ein junger Cubaner durch seinen Heimatort, zunächst zu einer ausverkauften Bäckerei, dann zu einer, die gerade Brötchen aus dem Ofen gezogen hatte. An einem Haus erfragte er Bananen für uns, irgendwann holte uns sein Freund ein, am Fahrrad ein Eimer mit drei Mangos. In einem convertible-Geschäft, von uns mittlerweile als „Intershop“ tituliert, erstanden wir Cola, Havanna Club, Frühstücksfleisch in Dosen. Doch wo gab es Käse?  Unser junger Freund stellte uns vor einer Pizzeria ab, ließ sich Ost-Geld geben und verschwand durch eine Hintertür, um kurz darauf mit mindestens einem Kilo Schmelzkäse, lose auf Pergament in der Hand jonglierend wieder zu erscheinen. „Nur für Einheimische, nicht für Touristen“ grinste er. Wir liefen an verhältnismäßig gut erhaltenen Häusern vorbei, die von Gärten mit Bananen, Mangos, Gemüsebeeten und blühenden Büschen umgeben waren. Auf einem schattigen Platz setzten uns die Jungs auf eine Bank und einer von ihnen verschwand wiederum. Nach geraumer Zeit kehrte er mit einem halben Gemüseladen wieder. Treu schleppten die beiden Bananenstauden, Salatköpfe, Zwiebeln, Tomaten neben besagten Käse in Richtung Anlegestelle, unterbrochen von unserer Einladung auf ein Bier. Schnell ein Abschiedskuss auf die Wange und schon verschwanden sie aus der Sichtweite der Guardia frontera, dem Militärposten. Sogleich kam unser Offizier an den Zaun, begrüßte uns überaus freundlich, bot an, den Käpt´n mit dem Dinghi per Funk zu rufen und als Claudia fragte, ob wir nicht mit unseren Männern zusammen an Land ein Bier trinken könnten, antwortete er, dass es möglich sei, wenn wir die EDEN in den Sichtbereich des Wachturmes vor Anker legten. Doch zunächst tauschten wir – Bernd und Friedrich gingen an Land, um von den Jungs sofort berichtet zu bekommen, was ihre Frauen erstanden hatten und um für den Abend ein „casa particular“ zu suchen, in dem uns ein Essen gekocht werden konnte. Diese kleinen zugelassenen Familienrestaurants dürfen maximal 12 Plätze haben und nur Familienangehörige beschäftigen. Sie müssen kräftig CUC´s an den Staat abliefern, um ihre Zulassung nicht zu verlieren. Als wir bei untergehender Sonne bei Adela eintrafen, war das Essen noch nicht ganz fertig, ein Stromausfall hatte es verhindert. Wir beruhigten sie, wir würden nicht gehen, wir hätten ja genug Zeit. Inzwischen waren auch unsere Jungs wieder aufgetaucht, versuchten alles, damit wir uns wohl fühlten und begleiteten uns durch den nächtlichen Ort bis zur Anlegestelle. Der Abschied war schon ein bisschen traurig, wo sonst Mailadressen und gute Wünsche getauscht wurden, konnten wir die Jungs nur umarmen. Kein „Auf-Wiedersehen“, nur „adios“, die Jungs schauten uns resigniert hinterher und schon stiegen Erinnerungen an den Berliner Tränenpalast herauf…
 
Cayo Cuervo, 20.03.2011
 
Alles Banane
Als wir am frühen Morgen den Anker lichteten, lag bis zum nächsten Ziel eine Zwei-Tages-Tour vor uns. Bernd holte gleich mal die Angel heraus, bestückte sie mit einem seiner phantasiereichen Köder und blickt ganz stolz, als es nach kurzer Zeit an der Angel kräftig zog.Wir reduzierten die Fahrt und Bernd kämpfte wie Hemingways Mann. Alle starrten wir gebannt auf die Wasseroberfläche, als sich etwas großes Schwarzes zeigte. Wild spekulierten wir über die Art des Fanges, als der Käpt´n ernüchternd feststellte, dass es sich um einen großen Müllsack handelte. Doch was ein echter Angler ist, lässt sich nicht entmutigen und so warf Bernd die Angel sofort mit einem schwanzwackelnden Plastikköderfisch aus. Nicht lange und wieder riss es an der Schnur, allerdings nur kurz und beim Einholen fehlte dem Plastikfisch der Schwanz und der Rest zeigte kräftige Zahnabdrücke. Uff, gut, dass uns dieses Monster erspart geblieben war. Inzwischen legte der Wind mal wieder kräftig zu, blies wie schon an allen anderen Tagen mit bis zu 38 Knoten. Nebenher kämpften wir mit der allerersten Bananenschwemme an Bord der EDEN. Die Pilóner Bananen waren schmackhaft, aber wurden zusehens überreifer. Es gab Bananenküchlein, Bananenmilch, Banane pur, Bananeneierkuchen, Bananenfrühstück, Bananenabendbrot… Als wir die letzte Banane vertilgt hatten, ließen wir den Anker in der Lagune der einsamen unbewohnten Insel Cayo Cuervo fallen.
 
Die Gärten der Königin
Unheimlich viele kleine unbewohnte Inseln sind im Süden von Cuba ins Meer gekleckert, sie alle tragen den romantischen Namen Jadines de la Reina – Gärten der Königin, geprägt durch weiße Strände und Mangrovenbewuchs. Wir also lagen nun geschützt inmitten der Lagune von Cayo Cuervo. Im Abendrot ließen wir das Dinghi zu Wasser und setzten an den kleinen Strand über, von dem aus wir mit zehn Schritten die Insel an ihre rauere Seite überqueren konnten. Wir suchten trocknes Holz, machten ein Feuer und fühlten uns ganz wie Robinson. Nur Bernd war noch vom Angelfieber erfasst, aber konnte in knietiefem Wasser nur Seesterne, Seegurken und etwas eklig ausschauende Conch-Schnecken finden. Unter dem aufgehenden Vollmond genossen wir die Abgeschiedenheit dieser Inselwelt. Doch ganz langsam begann in Regina das Heimweh zu nagen.
 
Casilda, 22.03.2011
 
Abenteuer pur
Der Käpt´n meinte es gut mit seiner Crew, hatte den Törn nach Trinidad so ausgetüftelt, dass uns durch einen Zwischenstopp auf dem Inselchen Cayo Bretón ein weiterer Nachttörn erspart bliebe, um dann genügend Zeit für die gemeinsame Stadterkundung von Trinidad und die Abreise von Regina und Bernd zu haben. Am Vormittag verließen wir die wunderbare Lagunen-Idylle und segelten in den Gärten der Königin, bis wir Cayo Bretón vor uns hatten. Wir glichen die elektronische mit der papiernen Karte ab und steuerten dann den schmalen Kanal an, der uns in geschütztes Ankerwasser bringen sollte. Da war Teamwork gefragt: Käpt´n am Ruder, Bernd und Regina im Ausguck, Claudia am Navitisch. 2,50…2,00..1,80…1,70… wir hatten den Kanal verpasst, der starke auflandige Wind drückte uns gegen die Insel… Mist, wir saßen fest! Glücklicherweise brach bei keinem von uns Panik aus, sondern besonnen ließ der Käpt´n den Anker fallen. Dann versuchten wir unsere Position in den offensichtlich nicht korrekten Karten sowie die exakten Zeiten für Hoch- und Niedrigwasser zu bestimmen, inzwischen war die Sonne untergegangen, der Wind nahm stetig zu, in Spitzen bis zu 41 Knoten. Langsam legte sich unser Bötchen, die Wellen kamen mit Gischt über, der Tiefenmesser zeigte nur noch 1,50… 1,40… 1,30 Meter. Laut Segelführer sollte es einen Fischerstützpunkt auf der anderen Seite der Insel geben, doch über Funk meldete sich keiner auf unseren Ruf. Bernds Handy zeigte null Empfang. Wir waren vom Rest der Welt abgeschnitten! Da der Wind erfahrungsgemäß erst am Morgen gen Windstille neigte und wir im Dunklen sowieso keine Tiefenunterschiede durch Wasserfärbung erkennen konnten, ließen wir einen Zweitanker fallen, tranken einen Absacker, bei dem wir Regina und Bernd schon auf eine Wartezeit von einigen Wochen vorbereiteten und sie schon rechneten, wann die Kontenpfändung erfolgen würde. Wir quittierten diese Sorgen damit, dass sie ja hier in der absoluten Verlassenheit sowieso kein Geld ausgeben konnten und es ja egal sei, was in Deutschland passierte, wenn uns hier eh keiner finden würde, und Robinson hatte sich ja auch schließlich eingerichtet und die Schnapsvorräte an Bord würden überhaupt noch ein paar Wochen reichen… Galgenhumor! Ok, im Gegensatz zu Robinson hatten wir ja noch eine EPIRP (satellitenunterstützte Notrufbake) und eben ein schwimmfähiges Boot. Also machten wir uns im Morgengrauen an die Arbeit. Friedrich lief neben dem Boot im Wasser und testete, wo es tiefer wurde. Dann zogen wir die Segel heraus, damit das Boot weiter kränkte, sich also auf die Seite legte, damit sich durch die Schräglage unser Tiefgang verringerte. Mit voller Motorkraft und Daumendrücken ging es Millimeter für Millimeter Richtung Tiefwasser, endlich hatten wir 1,80 m unter uns und kurz danach waren wir frei, ließen die Insel in unserem Rücken und nahmen wie geplant Kurs auf Trinidad. Dem pünktlichen Erreichen des Fliegers stand Regina und Bernd nun nichts mehr im Wege und nebenher überzeugten wir sie, dass wir grundsätzlich solche Abendteuer- Aktionen für unsere Gäste an Bord veranstalten würden, sonst kämen sie auf die Idee,  das Bordleben sei so wie im Havanna-Club-Werbespot: Cuba Libre bei Sonnenuntergang unter weißen Segeln…
 
Stell dir vor: Endlich Land und du darfst es nicht betreten
Bei Cubra Libre und unter weißen Segeln steuerten wir im Sonnenuntergang die Bucht von Casilda, dem Vorort der Stadt Trinidad an. Glücklich ließen wir den Anker fallen, ein Sektkorken ploppte - die  Welt hatte uns wieder! Hungrig verputzen wir einen frisch gebratenen Baracuda – Bernd war unterwegs doch noch das Anglerglück hold gewesen. Satt und zufrieden kuschelten wir uns in unsere sanft schaukelnden Kojen und schliefen eine ruhige Nacht unserem Landgang entgegen. Regina und Bernd ließen sich am Morgen vom Käpt´n per Dinghi zur nahen Marina bringen, um einen Mietwagen für ihre Fahrt zum Flughafen zu buchen. Mit allem hatten sie gerechnet, doch nicht, dass ein Offizieller ihnen das Anlanden untersagte. Die Marina-Angestellten schauten peinlich berührt, konnten aber gegen die Präsenz des Herrn in Zivil nichts unternehmen. Eine seit 24 Stunden neu geltende Vorschrift führte dieser ins Feld, nur wer in einer Marina anlegt, bekäme auch die Genehmigung, den Fuß auf die Erde zu setzten. Bei Zuwiderhandlung würde ihm, dem Offiziellen, Gefängnis drohen, über unser Strafmaß ließ er sich gar nicht erst aus. Die Crux an der Geschichte: Vor der Marina-Einfahrt lag eine Untiefe von 1,60 m! Keine Chance für uns, die Marina zu erreichen – damit keine Behördenprozedur – damit kein Landgang – damit kein Flughafen… Sprachlos kehrten die drei an Bord zurück. Nur drei Worte entfleuchten Regina: „Nie - wieder - Cuba“. Einzige Alternative: Wir mussten schnellstmöglich Cienfuegos erreichen, wo sich eine  für uns zugängliche internationale Marina befindet.
 
Cienfuegos, 24.03.2011
 
Hals über Kopf
Wieder lag eine Nachtfahrt vor uns, um Cienfuegos zu erreichen. Eigentlich wollte der Käpt´n die Ansteuerung bei Tageslicht vornehmen, doch seine Crew wurde zunehmend unruhiger, so früh wie möglich wollte man an Land, die Transportmöglichkeiten zum Flughafen erkunden – inzwischen schien ja alles möglich – oder alles unmöglich? Friedrich und Claudia steuerten in den ersten Tagesstunden durch die gekrümmte Passage zwischen Bergen, die wie ein Fluss wirkte und durch die wir die riesige Bucht von Cienfuegos erreichten. Diesmal stimmten die Seekarten exakt, die blinkenden Leuchttonnen wiesen uns den Weg. Kurz vor vier Uhr morgens ließen wir den Anker vor der Marina fallen und gönnten uns beide noch zwei Stunden Schlaf. Im Morgengrauen weckten wir Regina und Bernd mit Kaffeeduft und verlegten die EDEN an einen Marinasteg. Noch während unseres Frühstücks kam ein Offizieller, drückte uns den erforderlichen Stempel auf unsere Bootspapiere und diktierte Friedrich in spanisch einen Antrag auf das Ausbooten unserer Gäste. Dann zeigte er nickend auf die Koffer, Regina und Bernd stürzten den Kaffee hinunter, machten sich auf Autosuche, wurden in der nahen Vermietung nicht fündig, griffen sich den ersten ansichtigen Taxifahrer, verhandelten den Preis für die 500 km lange Fahrt, schleppten rasend schnell die Koffer über den Steg, eine Umarmung, ein Kuss, die beiden sprangen ins Taxi, kurzes Winken und schon verschwanden sie in einer staubigen Wolke. Wir standen verwaist.