An neuen Ufern



 
An neuen Ufern
 
Fortaleza, 29.09.2010
 
Stadt der Märkte
Von Buenos Aires bis Natal waren wir an der uns schon vertrauten Küste Südamerikas entlang gesegelt und hatten viele uns schon bekannte Orte aufgesucht, aber auch einige uns noch unbekannte. Nun aber lag für uns Neuland vor dem Kiel. Als erstes die Zweieinhalb-Millionen-Stadt Fortaleza. Das Fort Schoonenborch, wurde 1649 von Holländern errichtet, später bauten die Portugiesen an gleicher Stelle das Fortaleza, wonach die ganze Stadt benannt ist. Auch heute ist es noch militärisch genutzt, wir konnten nur ein Foto von außen schießen. Historische Gebäude sucht man vergeblich in dem mit kleinen belebten Straßen durchzogenen Stadtzentrum. Wir lenkten unsere Schritte zum Centro do Tourismo in der Erwartung, Informationen oder historische Ausstellungen zu finden und standen mitten in einem mehrere Gänge umfassenden Gebäude – voll mit kleinen Verkaufsständen mit handgefertigten Textilen! Dann also zur Kathedrale, die eine Mischung aus Kölner Dom und Notre Dame sein soll und waren vom Äußeren ein wenig enttäuscht. Innen bestach das Gotteshaus mit seiner Schlichtheit, durch die die wundervollen bunten Fenster schön zur Geltung kamen. Während wir in der Kathedrale fast allein waren, tummelten sich Tausende Touristen im daneben befindlichen Mercado Central, einem halbrunden Konsumtempel mit vier Etagen Textil- und Lederwaren! Ob soviel Marktleben war selbst der Käpt´n platt und ließ sich zum Kauf von fröhlich bunt gefädelten Ohrringen für seine Bordfrau hinreißen…
 
XXL
Neben Uli und uns hatte noch ein drittes Boot geankert, die fränzösische Flagge flatterte am Heck des riesigen Katamarans. Die Einladung eines der Crew-Mitglieder ließen wir uns nicht entgehen. Als wir uns näherten, rief Friedrich dem Kapitän zu: „We have a bottle of wine!“ – darauf hin kam die Antwort: „And we have glases!“ und unsere Leine wurde fröhlich entgegengenommen. Wir beschritten die breite Treppe, die auf die Terrasse des Cat führte und betraten den Salon, der eher an eine Hotellobby erinnerte. An einer Wand war ein gigantischer Flachbildschirm befestigt, und zu unserem Stauen schnappte sich der Cat-Kapitän eine Fernbedienung, holte nach hinten aus, schnellte mit der Hand nach vorn und auf dem Bildschirm rollte eine Bowlingkugel seinem Ziel entgegen – Strike! „Wir sind sehr sportlich…“, lachte er, und zeigt uns weitere verfügbare Sportarten. Sportlich waren die drei Männer allemal mit dem Cat unterwegs: Überführungstörn von Martinique zu den Seychellen. Hier in Fortaleza hatten sie nur einen Stopp einlegen müssen, weil eine ihrer Maschinen streikte. Munter führten sie uns durch die Räumlichkeiten: 14 Kabinen, wie Zimmer eingerichtet, riesige Sonnenterrasse, Flybridge, zwei Maschinenräume, Werkstatt, 5000-Liter-Diesel-Tanks, 7000 Liter Trinkwasservorrat, zwei Stromaggregate, zwei Wassermacher, Großsegel über 200 m², Satelitentelefon und so weiter und so weiter… naja, immerhin war der Cat mit seinen 80 Fuß doppelt so lang wie unsere EDEN, von der Breite ganz zu schweigen! Zum Abschied hob der Kapitän den Deckel einer der zahlreichen Tiefkühltruhen und holte einen Fisch für uns heraus – natürlich in XXL.
 
Am Haken
Ein Hotel-Manager hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass das Ankern in der Bucht nicht gestattet sei, da sie Rangierplatz für die in der Nachbarschaft befindliche Werft sei. So zogen wir, wie schon einige Minuten vor uns Uli, den Anker. Doch die TOFUA geigte vor der Hafenmole und kam keinen Zentimeter vorwärts. Uli´s tagelange Reparatur am Getriebe war nicht von Erfolg gekrönt. Dann schob sich die TOFUA doch ein Stück vorwärts in Richtung Bucht, in der wir schon am Anfang geankert hatten. Wir kreisten um die TOFUA, um sicherheitshalber in ihrer Nähe zu bleiben, denn unmittelbar vor uns lag das rostige Wrack eines riesigen Ozeantankers auf einer Untiefe. Kurzerhand warfen wir eine stabile lange Leine zu Uli hinüber und nahmen ihn an den Haken und schleppten ihn hinter uns durch die Untiefe und durch die Hochhausbucht bis zum geschützten Ankerplatz. Hier konnte Uli seine Reparaturarbeiten wieder aufnehmen und auch Friedrich beschäftigte sich mal wieder mit dem Autopiloten – die Vorstellung, permanent Ruder zu gehen, war all zu grausig. Als er in den Heckraum kroch, entdeckte er endlich die Ursache: Edy´s Steuerarm hatte sich vom Ruderschaft gelockert. In der brütend heißen Kaminate zog Friedrich die Schrauben nach, während Claudia ihm mit ihrem zarten spanischen Fächer mit frischer Luft versorgte. Probefahrt durch die Bucht – hurra, Edy steuerte wieder!
 
Iate Clube Fortaleza
Ein Taxi brachte Claudia und Uli mit einem Kofferraum voller Lebensmittel vom Großeinkauf zurück zum Yachtclub – doch die bewaffneten Sicherheitskräfte, die uns noch beim Verlassen fröhlich zugewinkt hatten, ließen uns nicht ein. Wir erklärten, dass wir doch zumindest zum Schlauchboot wollten, das am Clubsteg vertäut lag. Es müsse erst der Vorstand befragt werden - inzwischen verflüssigte sich die Butter im Einkaufskorb. Endlich durften wir passieren und unter Begleitung über das Clubgelände zum Dinghi gehen. Völlig geschafft fuhren wir erstmal zur EDEN und wurden von Friedrich mit einem kalten Bier getröstet. Allerdings wollte er nicht wahr haben, dass wir nicht in den Club dürften. Mit Laptop im Gepäck fuhren wir beide nochmals rüber. Da wir über das Club-Netz nicht ins Internet kamen, fragten wir höflich an, ob man vielleicht eine Idee hätte, wie wir an den aktuellen Wetterbericht kommen könnten. Eine Managerin teilte uns mit, dass sie uns nicht behilflich sein könne, wir aber den Club auch nicht verlassen dürften, um anderweitig auf Suche zu gehen. Damit ließ sie uns einfach stehen.
 
Marina Park
Um nun irgendwie an die Wettervorhersage zu kommen, beschlossen wir, es noch mal mit dem Marina Park zu versuchen. Wenigstens für eine Stunde Internet, dann wollten wir Fortaleza noch am Abend verlassen. Wir verabschiedeten uns von Uli, der ölverschmiert von tief unten aus seinem Boot herauswinkte – übrigens zuversichtlich, was sein Getriebe betraf. Wir tuckerten durch die Bucht und hatten noch nicht den Anker vor dem City-Hotel unten, als schon der Manager per Schlauchboot angerast kam. Wir erklärten ihm, dass sein Tipp mit dem Iate Clube völlig daneben war und baten ihn, nur kurz sein Internet benutzen zu dürfen. Sofort schwenkte er den Arm in Richtung Hotelanlage - es stände für uns alles offen und wir bräuchten auch nicht sofort Fortaleza verlassen, wir könnten getrost die Nacht noch hier ankern. Fröhlich schnappten wir uns den Laptop und ließen uns an der Poolbar zu einem Caipirinha nieder.
 
Sao Luis, 04.10.1020
 
Flussaufwärts
Knapp vier Tage segelten wir die Strecke bis zur riesigen Mündung des Rio Mearim. Dabei passierten wir eine der wundersamen Landschaften Brasiliens – die Dünen- und Lagunenlandschaft Lencois Maranhenses. Bis zu 40 Meter hoch sind die wandernden Sandberge, kristallklar das Wasser der 300.000 Lagunen. Wir sahen allerdings nur Horizont, der Küstenbereich ist weit ins Meer hinaus flach, so dass wir uns dem Ufer nicht nähern konnten. Auch die Flussmündung ist teilweise recht flach doch wir konnten gut einlaufen. Während wir flussaufwärts segelten, brach die Nacht herein und wir beschlossen, hinter einer der kleinen Inseln zu ankern. Doch vergebens waren all unsere Mühen, der Anker wollte und wollte nicht greifen, zudem war immer noch der kräftige Schwell des Meeres spürbar. Todmüde mussten wir also weiter. An großen Hafenanlagen vorbei, an kleinen Inseln, einer Ölplattform, in eine Bucht des Flusses. In der Dunkelheit machten wir unbeleuchtete Boote aus und ließen den Anker zwischen ihnen fallen. Beim zweiten Versuch hakte er ein und wir konnten endlich schlafen.
 
Immer wieder sonntags…
Wie jeden Sonntag begann unser Tag mit einem Frühstücksei – und dann war mal richtig faulenzen angesagt. Nein nicht ganz, natürlich mussten alle Spuren des 4-Tage-Törns beseitigt werden, aber dann: Lesen, kochen, kleine Geschenke basteln und vor allem „Hafenkino“. Wir beobachteten das Kommen und Gehen unserer Nachbarboote. Es waren Lotsenboote und Hafenschlepper. Kleine Barkassen brachten das Personal hin und zurück zum riesigen Industriehafen. Wir kamen auf die Idee, am nächsten Morgen eine von ihnen heranzuwinken und um eine Passage zu bitten, denn wo sollten wir zwischen Ozeanriesen unser klitzekleines Schlauchboot parken?
 
Im Hafen von Itaqui
Noch bevor wir zum Winken ansetzten konnten, kam schon eine Barkasse und der Bootsführer hieß uns, hinüber zu springen. Sichtlich erfreut, mal solche „exotischen“ Passagiere zu haben, fragten sie uns nach dem Woher-Wohin aus und zeigten dann auf zwei Segelboote, die recht verlassen vor Anker lagen. Beide Boote lagen an der „Kette“, waren also beschlagnahmt – sie hatten keine Dokumente, dafür wohl aber Drogen an Bord gehabt. Wir machten das „Tudo-Bem-Zeichen“ – bei uns sei alles in Ordnung und lachten gemeinsam mit der Barkassenbesatzung. Dass uns das Lachen bald im Halse stecken bleiben würde, ahnten wir nicht. Am Terminal stiegen wir aus und standen mitten zwischen Stapeln von Eisenbahnschienen. Zwei Gabelstapler hoben gerade zwei Schienen auf einen bereitstehenden Truck, fuhren dann synchron zurück um exakt spiegelverkehrt zu wenden und die nächsten Schienen vom Stapel zu holen. Wir schauten eine Weile zu – die Szenerie wirkte wie ein Gabelstaplerballett. Auf dem Weg zur Hafenausfahrt hielt ein riesiger Truck neben uns, der Fahrer winkte und schon kletterten wir mehrere Stufen hoch auf den Beifahrersitz. Wir fuhren vorbei an gerade neu gelieferten Baufahrzeugen, einem nagelneuen Liebherr-Kran und an unzähligen Barren von Aluminium, dem „Gold“ von Sao Luis. Am Kontrollpunkt zum Hafen sprangen wir ab und wurden vom Wachposten sofort ins Büro der Policia Federal, der Emigrationsbehörde geführt. Ja, wir müssten schon die komplette Anmeldeprozedur durchführen, auch wenn wir nur für den einen Tag zur Stadtbesichtigung bleiben wollten, meinte der etwas finster daherblickende Beamte. Also den weiten Weg unter der schon hoch stehenden Sonne zurück zur ankernden EDEN, um die kompletten Bootspapiere zu holen.
 
„Brasilianische Gardinen“
Der Beamte legte seine beiden Zeige- und Mittelfinger kreuzweise übereinander und zeigte auf Claudia. Der rutschte das Herz in die Hose, ihre Knie wurden weich, als sie sah, warum der Herr hinter dem Schreibtisch mit Gefängnis drohte. In ihrem Pass waren bei der Einreise 30 Tage Aufenthalt in Brasilien eingetragen worden, nicht die üblichen 90 Tage. Inzwischen waren wir aber schon fast 80 Tage im Land! Ein Blick in Friedrichs Pass zeigte, dass ihm die 90 Tage gestattete wurden. Uns war der Unterschied nie aufgefallen, den Behörden unterwegs auch nicht. Während der Beamte die kompletten Daten Claudias in seinen PC tippte, fiel ihr Blick auf die Gittertür im Nachbarraum. Sollte hier ihr Segeltraum enden? Endlich wandte sich der Beamte uns wieder zu und machte uns klar, dass Friedrich als „Capitan“ ein Tourist mit 90 Tagen sei, Claudia als „Tripulante“ geführt werde, also als Crew mit nur 30 Tagen. Sie beteuerte, auch Tourist zu sein, dass sie kein Geld vom Capitan bekomme, er ihr Liebster sei (zur Bekräftigung schlang sie Friedrich die Arme um den Hals) und überhaupt an Bord nicht arbeiten würde – außer kochen. Blitzte da ein bisschen Schalk in den Augen des Beamten als er nochmals das Gitterzeichen mit den Fingern machte? Jedenfalls griff er auf einmal zum Tippex-Fläschchen… seinen gerade eintreffenden Chef überschüttete er wortreich und kopfschüttelnd – wir konnten entnehmen, dass er offensichtlich seine Kollegen im tiefsten Südbrasilien für etwas inkompetent erklärte. Lächelnd brachte der Chef sofort Stühle, damit wir nicht wie Bittsteller weiter stehen mussten, hieß uns in bestem Englisch in Sao Luiz willkommen und freute sich, dass wir den Weg in seine Stadt flussaufwärts genommen hatten. Wir freuten uns auch – Claudia war schließlich dem Gefängnis entkommen, unsere Papiere waren wieder blütenweiß und der Stadtbesichtigung stand nichts mehr im Wege.
 
Erbe der Weltkultur
Das Zentrum der am Rio Mearim liegenden Stadt ist im Gegensatz zu anderen brasilianischen Kolonialstädten erhalten geblieben. Einige Gebäude standen da in „neuem“ alten Glanz, andere waren gerade im Wiederaufbau, viele aber strahlten morbiden Charme aus. Wunderbar, dass dieses städtische Ensemble aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit seinen 1100 Häusern unter dem Schutz der UNESCO steht und somit auch erhalten bleiben wird. Die von Franzosen 1612 gegründete und nach Luis XIII. benannte Stadt wurde schon drei Jahre später von den Portugiesen übernommen. Vor allem die Häuser mit ihren Azulejos, den blauen portugiesichen Kacheln an den Fassaden beeindruckten uns – kein Muster gleicht dem anderen. Treppauf, treppab erkundeten wir die kleinen Gassen mit noch kleineren Geschäften, Restaurants und Bars. In einem der alten Gemäuer fanden wir ein Antiquariat mit Internet und bei dezent klingendem Hintergund-Jazz konnten wir die neusten Mails all unserer Freunde abrufen. Durch kunstvoll geschmiedete Tore erhaschten wir Blicke in grün beschattete Innenhöfe, doch der Eintritt blieb uns verwehrt – montags waren alle Museen geschlossen. Als die Sonne sich endlich ein wenig senkte und Schatten in den Gassen machte, ließen wir uns in einer der Treppenbars nieder, genossen den durch die Gassen streifenden Wind und beobachteten die gelassen hinauf und hinab „hinkenden“ Leute auf den die breiten Stufen der nicht schrittgerechten Treppe aus großen Steinquadern.
 
Belém, 10.10.2010
 
Der Weg ins Amazonas-Delta
Amazonas – wie viel Abenteuer und Exotik liegt in diesem Wort! Amazonas, der Fluss der Flüsse:
Er quert fast einen ganzen Kontinent, er ist der wasserreichste der Erde – es läuft in einer Minute mehr Wasser ins Meer als alle europäischen Flüsse gemeinsam in dieser Zeit liefern. Mit seinen Nebenflüssen bildet er das größte Flusssystem und einen einzigartigen Naturraum. Die Regenwälder sind nicht nur Heimat eines unglaublichen Artenreichtums von Flora und Fauna, sie sind auch bedeutsam für das Weltklima. Dazu kommt die Exotik der Einwohner und ihrer Mythen. Beeindruckt zeigten sich die ersten Entdecker von der matriarchalischen Gemeinschaft unter Führung der Amazonen. Auch wenn es Reisenden schwer fällt, in diese Welt vorzudringen – ein klitzekleines Stückchen wollten wir unbedingt kennen lernen. Und so fuhren wir den Rio Pará, einen Fluss des Amazonas-Deltas 150 km aufwärts nach Belém, dem Tor Amazoniens. Fischreich muss dieser Fluss sein, dessen anderes Ufer wir nicht erkennen konnten. Unglaublich vielen Fischerbooten begegneten wir, von denen uns die Leute stürmisch winkten. Als die Nacht hereinbrach, suchten wir uns einen Ankerplatz in Ufernähe, am nächsten Tag steuerten wir die 1,4 Millionen Einwohner zählende Metropole an.
 
Belém
Zunächst an Hafenanlagen, ärmlichen Holzhäusern auf Stelzen vorbei, passierten wir die unzählig aneinander gereihten Lagerschuppen, die Docas do Pará, vor denen uralte Entladekräne aufgereiht auf Arbeit warteten. An den Fahrhäusern die Aufschrift des Herstellers: „Kranbau Eberswalde“ – uns verschlug es die Sprache, Eberswalde ist keine 50 km von unserem Heimatort entfernt! Doch lange konnten wir nicht staunen, schon schob uns der einlaufende Strom an der Altstadt mit seinem Markt „Ver-o-Peso“ (zu deutsch: Achte auf´s Gewicht), der Kathedrale und dem Fort vorbei. Dieses Fort legten die Portugiesen 1616 an einer strategisch wichtigen Stelle an – von hier aus konnten sie den Zugang nach Amazonien kontrollieren. Ungehindert passierten wir diesen Zugang und bogen am südlichsten Zipfel von Belém in den Rio Guamá. Und da lagen sie entlang des Ufers: die typischen Amazonas-Dampfer! Mit Hängematten auf den offenen Decks, mit gerundeten, geschlossenem Heck, mit Sonnenschutzdächern, Satelitenschüsseln und bunt angemaltem Schiffsnamen. Endlich entdeckten wir dann auch ein paar Motoryachten, von Segelbooten keine Spur. Doch wir waren richtig beim Iate Clube Belém.
 
Aufregung um Mitternacht
Gerade wurde ein Motorboot nach dem anderen per Trailer ins Wasser gelassen und eins ans andere an eine Mooring gehängt, wieder umgeparkt, woanders geankert, auch noch, als wir schon längst ins Bett gefallen waren. Mitten in der Nacht polterte es kräftig an unseren Bug. Der Blick aus der Luke ließ uns sofort an Deck springen: Wir waren mit einem anderen Boot verhakt. Schlaftrunken rissen wir Fender aus den Kisten und schoben sie zwischen die Bootsrümpfe. Dann erst begriffen wir, dass die Marineros vier Boote hintereinander gebunden hatten und beim Kippen der Tide alle schön herumgeschwenkt waren, wobei sich das letzte um uns gewickelt hatte und damit auch alle anderen quer zur Strömung an unserer Ankerkette hingen. Wir kämpften mit dem verhakten Boot, bis wir es um unseren Bug schieben konnten, sich die ganze „Boots-Kette“ in Strömungsrichtung drehte und wir endlich wieder in die Koje steigen konnten.
 
Círio de Nazaré
Bunt geschmückte Amazonas-Dampfer, Fischkutter, Jetski´s passierten uns schon bei Sonnenaufgang und auch im Yachtclub herrschte Aufregung. Ganze Familien stiegen in die Boote und alles fuhr in Richtung Altstadt. Seit 1793 findet an jedem zweiten Oktobersonntag das größte religiöse Fest Brasiliens in Belém statt, eine Prozession zu Ehren der Lieben Frau von Nazaré. Doch es war ja erst Samstag. Wir setzten uns in ein Taxi und landeten mitten im Ausnahmezustand. Ganz Belém war auf den Beinen, Straßen waren mit unzähligen Motorrädern zugeparkt, ab und an ließ einer seine Maschine an, die ohne Schalldämpfer ohrenbetäubend knatterte. Zwischen den Lagerhallen der Docas standen bunt befederte Wachmannschaften und Militärkapellen. Alles schaute erwartungsvoll auf den Fluss, auf dem sich von ganz weit eine Armada näherte. Hunderte Schiffe folgten einem weißen Kriegskreuzer, der auf seinem mit Blumen geschmückten Vorschiff die kleine Statue der Jungfrau von Nazareth transportierte. Von einem Bischof wurde sie dann an Land getragen und in einen gläsernen Kasten auf einem ebenfalls mit Blumen geschmückten Auto gestellt. Unter lautem Feuerwerksgeknatter setzte sich dann der Zug in Bewegung: Vorneweg die Jungfrau, dahinter die schier endlose Motorradkolonne. Die Fußgänger formierten sich zu einem weiteren Zug, gespickt mit bunten Bumba-meu-boi-Truppen, die unter Trommelklängen um Ochsenfiguren herum tanzten. Schließlich endete alles bei einer Mega-Party auf einem Kirchplatz. Doch die samstägliche Zeremonie ist nur die Vorbereitung für den nächsten Tag. Am Sonntag wird die kleine Statue wieder in ihre Basilika getragen, an einem angebundenen Strick folgen ihr tausende Gläubige, die unter der glühenden Sonne kämpfen, um am Strick zu bleiben. Andere folgen der Prozession mit Modellen ihrer Wünsche: Häuser, Boote, Autos. Andere Zuschauer wiederum versorgen die Walfahrer mit Wasser oder schleppen die Ohnmächtigen in den Schatten.
 
Eine große Ehre
Als wir uns bei untergehender Samstags-Sonne in einem Laden nach dem richtigen Bus für unsere Heimkehr erkundigten, wurden wir von der Inhaberin spontan zum Círio-Festessen am Sonntag eingeladen. Das Haus von Ana und ihrer Familie steht direkt neben der Kathedrale. Von außen unscheinbar wie die anderen Häuser, empfing uns innen ein altgediegenes Ambiente. Hohe Räume mit Holztäfelung und Kronleuchtern, Böden aus unterschiedlichen farbigen Amazonashölzern, dunkle ehrwürdige Möbel. Dagegen strahlte der offene Patio mit einem überdachten Gang in die Funktionsräume luftige Leichtigkeit aus. Ana stellte uns ihrer Familie vor – vom 92jährigen Vater bis zu den kleinsten Mitgliedern. Und sofort hatte Friedrich nicht nur ein Bier vor sich, sondern auch eine kleine Prinzessin auf dem Schoß – Klein-Maria-Eduarda hatte beschlossen, ihn nicht mehr los zu lassen. Inzwischen wurden große Platten und Terrinen aufgetragen und alle stellten sich in einem Kreis um den Tisch auf, fassten sich an die Hände und dann sprach Ana ein Gebet. Als sie geendet hatte, klatschten alle fröhlich in die Hände und griffen kräftig zu. Pato no tupuci – Ente mit einem indianischen Blattgemüse, das auf der Zunge einen kribbeligen Geschmack erzeugt. Kurze Zeit später stand der ganze Tisch voller schönster Nachspeisen. Schließlich ist der Círio in Belém bedeutsamer als Weihnachten!
 
Belém, 15.10.2010
 
Amazonienwetter
Die Sonne geht hier schon um halb sechs auf und steigt dann steil im Osten auf. Schon um sieben kann man es kaum noch aushalten, so brennt sie herab. Um die Mittagszeit stand sie dann genau über uns und erzeugte nirgends Schatten. Nur unter den großen Mangobäumen war es einigermaßen kühl, wenn dazu ein Lüftchen wehte. Am frühen Nachmittag bildeten sich oft Quellwolken, aus denen es kräftig regnete, meist mit Gewitter verbunden. Gut, dass wir am Montagnachmittag an Bord waren. Eine Wolkenwalze kam auf uns zu und plötzlich war da nicht nur Regen wie aus einem C-Schlauch, sondern an die 40 Knoten Wind. Noch während wir über den Wetterwandel staunten, begriffen wir, dass wir auf Drift waren. Unser Anker war losgekommen. Schleunigst stellten wir den Motor an und mit sonst normaler Fahrt voraus konnten wir uns gerade mal auf der Stelle halten. Und gerade in diesem Moment musste die elektrische Ankerwinsch aussteigen… nix ging mehr und so musste Friedrich die Ankerkette per Hand ziehen. Mit voller Fahrt voraus kämpften wir uns gegen Strom, Wind und Regen zurück auf unseren Ankerplatz und kaum hatten wir den Anker eingegraben, hörte der Spuk auf und wir konnten einen wunderbaren Sonnenuntergang erleben. Mit Einbruch der Dunkelheit waren die Temperaturen erträglich, doch die Wärme in der Kajüte bescherte uns beiden stets einen unruhigen Schlaf. Übrigens nahmen wir uns für die nächsten Tage vor, immer zum Nachmittagsgewitter an Bord zu sein.
 
Mui goworim po russki
Segelboot in Sicht – und tatsächlich bekamen wir internationalen Zuwachs im Yachtclub! Die Ukrainer Alex und Juri kamen direkt aus Trinidad und hatten einen Gegenan-Törn mit kräftigem Wind hinter sich. Ihr Bootsmotor hatte sich verabschiedet und beim Ankern neben uns verloren sie beide Anker, dennoch schien nichts ihre Laune zu trüben. Schon gar nicht, dass sie sich nur auf russisch verständigen konnten. Als wir mit wenigen russischen Brocken aus unserer Schulzeit rausrückten, waren sie total happy und schleppten uns sofort in die nächste Bordsteinbar. Es war erstaunlich, mit jedem Schluck Bier kamen ein paar mehr Wörter aus dem längst vergessenen Vokabular. Den Rest der Konversation erledigten wir mit Schauspiel, bei dem wir uns alle vier kaputt lachten. In den nächsten Tagen holte Alex Claudia gar zum Dolmetschen ran. Rätselhaft, dass es ihr gelang, zwischen den portugiesisch sprechenden Marineros und Mechanikern und den Ukrainer zu vermitteln.
 
Amazonische Gärten
Beléms Blütezeit lag Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Kautschukboom der Stadt einen ungeheuren Reichtum bescherte. Belém besaß schon damals Elektrizität, Telefon und Straßenbahn, eines der führenden Theater und zwei botanische Gärten. Einer davon, das Museo Emilio Goeldi befindet sich im Stadtzentrum und als wir das grüne Areal besuchten, war es von hunderten Kindern bevölkert. Aufgeregt und nur durch ihre Lehrerinnen im Zaum gehalten, huschten sie von Attraktion zu Attraktion: Jaguare, Spinnen-Affen, Aras, Schildkröten, Kaimanen, roten Ibisse bis plötzlich alle Finger nach oben zeigten: Ein uns unbekanntes großes Tier hangelte sich unendlich langsam an einem Ast entlang, hängte sich dann auf und kratzte sich mit seinem langen Zehnagel am Bauch. Die Kinder erklärten uns, dass dies ein „Preguica“ sei – ein deutscher Name fiel uns dazu nicht ein. Während die Kinder die Süßigkeiten-Stände stürmten, hatten wir noch einen Blick auf die wunderbare Pflanzenwelt mit ihren Baumriesen, großblättrigen Dschungelpflanzen und vor allem auf die exotischen Seerosen mit ihren fast Zwei-Meter-Blättern. 
Das alles machte uns Lust auf den Botanischen Garten Amazonia. Außerhalb gelegen, ist er wie ein Lustgarten angelegt. Verschiedene Gebäude, wie ein chinesisches Teehaus oder Ruinen, überwuchert mit grünem Bewuchs, dunkle Tropfsteinhöhlen laden zum Erkunden ein. Brücken führen über Lagunen, gepflegte Wege durch üppigen Regenwald, der hier mit 2500 Pflanzenarten angelegt wurde. Pavillons beherbergen Amazonas-Tiere, schattige Bänke laden zum Verweilen. Als wir amüsiert den Schildkröten zuschauten, die sich gegenseitig in Zeitlupe von einem Baumstamm ins Wasser schubsten, um einen besseren Sonnenplatz zu erhaschen, erzählte uns ein kleines Mädchen über die Tiere und ließ sich auch nicht beirren, als wir ihr erklärten, dass wir sie nicht verstehen könnten. Fröhlich quasselnd begleitete sie uns sogar noch zum Ausgang.
Den dritten Garten besuchten wir am nächsten Tag. Mangral das Gracas unterscheidet sich in jeder Hinsicht von den anderen Gärten. Er liegt direkt am Fluss und hat die Feuchtgebiete des Amazonas zum Thema und er ist erst vor kurzem angelegt. Mit vielen Freiflächen liegt er im Trend der modernen Gartengestaltung, ist aber unter der glühenden Sonne für die Besucher nahezu unerträglich. Dennoch ließen wir es uns nicht nehmen, alle Attraktionen des Parks zu besichtigen: wir fuhren hinauf auf den neuen Leuchtturm, schauten uns im Schmetterlingspavillon um, besuchten das kleine Schiffsmuseum und suchten unter einem großen Netzzelt nach allerlei frei fliegenden Vögeln. Auf einer Seebrücke liefen wir durch die typische Ufervegetation und hatten einen Blick über die Flusslandschaft: das Tor Amazoniens!
 
Achte auf das Gewicht
Nein, nicht das Körpergewicht ist mit dem Namen des Marktes direkt in der Altstadt gemeint, obwohl man bei den vielen Garküchen mit leckeren regionalen Gerichten schon in Versuchung gerät, mehr als nötig zu essen. Das „ver-o-peso“ stammt aus einer Zeit, als nach den verkauften Gewichten gleich die Steuern auf dem Markt erhoben wurden. Der Name ist geblieben, ebenso die Geschäftigkeit. Um die große Fischhalle herum gibt es an die 2000 Stände. Und durch diese drängelten wir uns wie alle Besucher und bestaunten kunstvoll aufgetürmtes Obst und Gemüse, die Vielzahl an Wurzeln, Kräutern und Tinkturen für alle Wehwehchen, die handwerklichen Flecht- und Holzarbeiten, die lebenden Tiere von weißer Maus bis zur grauen Gans, Saftstände mit den exotischsten Sorten und die Hacker an den Nussbuden. Mit Macheten klopften sie die harte Schale der Pará-Nüsse, die gleich dem Fluss und dem Bundesstaat heißen. Nach ausgiebigem Bummel ließen wir uns dann an den Garküchen nieder – ohne auf´s Gewicht zu achten!
 
Die abgelaufene Zeit
Nur drei Tage fehlten noch an unseren 90 Tagen, als wir unseren Behördentag einlegten und ausklarierten. Offizieller Abschied von einem Land, in dem wir insgesamt sechs Monate verbrachten, eine breit gefächerte Natur erleben konnten, interessante Städte besuchten und vor allem so viele liebe Menschen getroffen hatten. Blieb uns nur noch, von Ana in ihrem Laden zu verabschieden, noch einmal auszuschlafen und dann den Anker zu hieven. Es blieb uns nur noch der Weg hinaus aus dem Amazonas Delta.
 
Ilha do Marajó, 18.10.2010
 
Der Pfropfen in der Amazonasmündung
Unseren Start in Belém hatten wir so getimt, dass wir mit dem Strom flussabwärts liefen und nur noch ein kleines Stück bei kippender Tide gegenan bis in eine Flussmündung auf der Insel Marajó segeln mussten. Der Wind meinte es gut und so erreichten wir mit einigen Kreuzschlägen am Nachmittag unser Ziel auf der Hälfte zum offenen Meer. Und als kleine Brasilien-Zugabe machten wir hier auf der Insel, die zweimal so groß wie Belgien ist und mitten in der Amazonasmündung liegt, einen Stopp.
Als erstes fielen uns die rieseigen Wasserbüffel auf, die am Ufer grasten und die wir am nächsten Tag bei unserem Landgang überall erblickten.
Noch sind wir dabei, die Inselhauptstadt Soure zu erkunden, bevor wir dann wirklich Brasilien verlassen und wieder auf die nördliche Erdhalbkugel segeln!