Große Wiedersehensfreude



Maceio, 6.09.2010
 
Trauriges Weitersegeln
In Maceió hatten wir auf Susi und Tom mit ihrem Katamaran AORAI gewartet, die uns auf ihrer Fahrt nach Süden entgegenkommen wollten. Am Dienstag wollten sie eintreffen. Als sie am Donnerstag noch immer nicht da waren, wir auch keine Nachricht von ihnen hatten, hievten wir unseren Anker. Wir waren ganz traurig, dass wir die beiden nicht getroffen hatten.
 
Achtbeiniger Besuch
Wir segelten fast zwei Stunden, als Claudia ihren Blick über den Horizont schickte und aufschrie: „Da, die roten Segel!“ Der Käp´tn gab sofort das Kommando zur Wende. Wir segelten zurück nach Maceió und kurz nach uns ließen Susi und Tom neben uns den Anker fallen. Sie setzten ihre Füße bei uns an Bord und vier kleine Pfötchen folgten – ihr kleiner Kater Ron! Während wir Zweibeiner im Cockpit saßen, uns die Segelerlebnisse der letzten Zeit erzählten und in Erinnerungen an unsere Treffen in Spanien, Marokko und Gambia schwelgten, erkundete Ron unser Schiffchen und suchte sich dann einen gemütlichen Platz auf unserem Bimini und lag damit im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen!
 
Jacaré, 12.09.2010
 
Wal-gantisch!
Viel zu schnell verging der Tag mit Susi, Tom und Ron, schon im Morgengrauen fuhren unsere beiden Schiffchen aus der Hafenbucht - die AORAI Richtung Süden, die EDEN nach Norden. Anders als am Tag zuvor wehte kräftiger Wind. Zu unserer Freude schwamm ein dicker Wal dicht an uns vorbei. Am nächsten Morgen konnte Claudia während ihrer Wache einen Buckelwal beobachten, der sich in knapp hundert Meter Entfernung tummelte und plötzlich seinen gesamten Körper aus dem Wasser hob und mit ungeheurem Getöse auf die Wasseroberfläche krachte. Gigantisch! Flunkernd zog er von dannen.
 
Langersehntes Treffen
Die Wellen wurden kleiner, als wir hinter dem Riff von Jao Pessao in die Flussmündung des Rio Paraíba einliefen. Ein bisschen aufgeregt waren wir schon, als wir den Ankerplatz vor dem Ort Jacaré ansteuerten: Die Erinnerung an ein verpatztes Anlegemanöver in Neuhof bei Stralsund im Frühjahr vor zwei Jahren stand uns vor Augen, in dessen Folge wir unseren Retter in der Not namens René und später seine Frau Marion kennen lernten. Die beiden Stralsunder rüsteten ihre MIRA gerade zum Aufbruch in die große weite Welt und wir kündigten die Verfolgung an… doch schließlich wurden wir zu den Verfolgten – in Gambia verfehlte sie uns um wenige Tage! Jetzt waren sie in Brasilien und sollten in Jacaré liegen. Und tatsächlich! Voller Freude konnten wir Marion und René in die Arme schließen!
 
Bolero beim Sonnenuntergang
Gleich am ersten Abend besichtigten wir das Highlight von Jacaré – den Sonnenuntergang. Wer nun meint, dass die Sonne überall gleich am Horizont verschwindet, irrt. In Jacaré ist er anders, er wird tagtäglich zelebriert! Auf einem kleinen Holzboot wird ein stehender Saxophonspieler vor die untergehende Sonne gerudert, derweil er den Bolero intoniert. Hunderte begeisterte brasilianische Touristen knipsten alles ganz aufgeregt, während Marion und René schon die Augen verdrehten – nervend, jeden Abend Bolero!
 
Sonntagsausflug der Segler
Rundruf über den Anker-Funk und schon waren wir Mitglieder der Sonntagsreisegruppe der brasilianisch-armenisch-norwegisch-österreichisch-französisch-deutschen Seglergemeinde. Zu zwölft stiefelten wir in ein (Fr)Iss-soviel-du-kannst-Grillrestaurant, wo wir dasselbige taten und kullerrund herausrollten – gleich in Richtung Strand, einige gar in die Wellen, auf deren weißer Gischt Wellenreiter mit Sprüngen und Saltos Fans und Jury beeindruckten. Das Spektakel genoss unsere Reisegruppe bei einem „Verdauungs-Bier“, bevor wir uns gemeinsam wieder in Richtung Fluss machten, wo unsere internationale Flotte ankerte.
 
Jacaré, 17.09.2010
 
Noch ein Wiedersehen
In Jacaré gab es aber neben der MIRA noch zwei Boote, die wir kannten: am Steg gut vertäut lag einsam die BOGOMIL, vor Anker die TOFUA, auch ein bisschen einsam. Erstere Yacht haben wir in Olao in Portugal und später auf den Kanaren gesehen – ihre Eigner Ellen und Frank kennen wir aber schon von den TO-Treffen in Berlin und dort waren die beiden gerade hingereist.  Die Besatzung der TOFUA haben wir in Bayona, Spanien kennen gelernt, nochmals in Portugal getroffen, dann liefen uns Hilde und Ulli noch mal im Frühjahr in Salvador über den Weg, wo Hilde gerade ihre Rückkehr zum deutschen Arbeitsplatz organisierte. Irgendwie ist die Seglerwelt klein, stellten wir fest, als nicht nur Ulli sondern auch die MIRA´s bei uns zum Abendessen weilten. Dem stimmten auch Anna und Franz von der SCORPIO zu, unsere noch unbekannten Ankernachbarn  und am Ende des fröhlichen Abends gehörten auch sie zu unserer Segelfamilie!
 
Mal Regen und mal Sonnenschein
Luken auf, Luken zu – waren sie zu, wurde es bald sehr stickig in der Kajüte, waren sie offen, fing es garantiert gerade zu regnen an. Letztlich setzte sich aber der Regen durch und wir verfügten uns in die Faultierhaltung, genossen einfach einen Regentag! Am nächsten Morgen weckte uns ganz früh die Sonne am strahlend blauen Himmel und nichts konnte die Bordfrau vom Wäschewaschen abhalten. Fröhlich flatterten Bettlaken neben Shirts und Höschen im Wind und waren pünktlich zum Bolero trocken. Schließlich beginnt die Sonnenuntergangszeremonie von Jacaré bereits um 16.45 Uhr und um 17.30 Uhr ist es stockdunkel. Jacaré hat die gleiche Uhrzeit wie ganz Brasilien, Uruguay und Argentinien, liegt aber wesentlich östlicher am oberen Zipfel von Südamerika. Doch da sich die Sonne nicht an die von Menschen festgelegten Zeitzonen hält, geht sie eben hier schon am Nachmittag unter und zu nachtschlafender Zeit wieder auf. Und wenn sie sich mal wieder durch die Regenwolken kämpft, steht sie bei unserem Frühstück schon fast im Zenit, zum Kaffee glatt in Bolero-Position!
 
Stadtführer
Beim Dinner auf der MIRA verabredeten wir uns für den nächsten Tag zu einem Stadtbummel in Jao Pessao. Bordfrau war begeistert, Käpt´n ließ sich durch die Aussicht auf gaaanz viele Werkzeugläden von Marion und René überzeugen. Schon auf der Fahrt mit dem Vorortzug durch die palmenbestandene Landschaft war er versöhnt. Auch die Straßen mit den alten, buntbemalten Fassaden und der ruhig wirkenden Stadtatmosphäre ließen ihn geduldig werden und die „Schau-mal-hier-schau-mal-da“-Anwandlungen von Claudia über sich ergehen. Das Versprechen der Kapitanas, in jedem Ersatzteilladen vollen Einsatz zeigen, verlieh Flügel – bis zum nächsten Bierkiosk! Beim anschließenden Bummel über den Obst- und Gemüsemarkt staunten wir mal wieder, viele der angebotenen Früchte, Kräuter und Rinden waren uns unbekannt. Am Lieblingstopfstand von Marion und René erstand Friedrich schließlich noch eine Machete bevor wir dann am Lieblingskiosk der beiden, „Nelsons Barraca“ einkehrten. Nelson spendierte uns einen Cachaca mit Caju (Salz darauf, ähnlich einem Tequila zu genießen). Und dann kam noch die Lieblingsbahnhofsbar, an der die Damen in dicken Tortenstücken schwelgten. Ein rundum wunderbarer Bummel mit kompetenten Stadtführern!
 
Regenschirmparty
Während unseres Stadtbesuches war uns die Sonne hold, doch am Abend, als wir zum Absacker an Bord saßen, fing es wieder heftig an zu regnen. Die Kajüte war viel zu aufgeheizt, um darin zu sitzen und so verteilte Claudia die Regenschirme. Alle kicherten – Segelboot und Regenschirme, eigentlich geht das überhaupt nicht! Dennoch kuschelten bald René und Uli unter dem einen, Marion und Friedrich unter dem anderen, Claudia hockte einsam im Niedergang.
 
Verabredung zum Ostseeurlaub
Schon früh am Morgen rödelte Käpt´n Friedrich an Bord – er verspürte den Ruf der See… Als unser Bötchen segelklar war, hoffte er, dass auch andere Leute aufgewacht seien und traute sich, bei der MIRA per Funk anzuklopfen. Marion und René waren schon wach und kamen sofort zur Verabschiedungszeremonie, nicht ohne leere Hände. Friedrich bekam von René ein Messgerät und Claudia von Marion einen Rock geschenkt, der sofort in Verdacht geriet, zu einem der Lieblingsstücken der Kapitana zu werden! Uns fiel der Abschied von den beiden ganz schön schwer, aber wir verabredeten uns einfach für den nächsten Ostseeurlaub in Stralsund. Marion und René meinten ohnehin, dass dieses Urlaubsziel gerade im Trend läge… Mit Ulli verabredeten wir uns schon mal für Fortaleza, winke, winke zur Anna und Franz und schon trieben wir die Flussmündung hinab aufs Meer hinaus und dem nächsten Wiedersehen entgegen.
 
Natal, 19.09.2010
 
Eierkurs
Nachdem wir die, der Paraíba-Mündung vor gelagerten Riffe passiert hatten, empfing uns eine „wunnerbare“ seitliche Dünung, während der Wind von hinten kam… eiriger kann ein Kurs gar nicht sein. Alle nicht absolut festgeklemmten Gegenstände rutschen hin und her, Geschirr klapperte in Schränken, wir selbst hätten acht Arme zum Festhalten gebrauchen können. Als wir gerade halbwegs eingekrallt im Cockpit saßen, tauchte ein U-Boot wenige Meter entfernt an backbord auf. Oh Schreck! – dann sahen wir statt Rohr eine Flosse und waren beruhigt – ein dicker Buckelwal schnaufte neben uns und gleich darauf noch ein zweiter. Die beiden genossen offensichtlich den Wellengang, während wir weiter unserem Ziel entgegen eierten. Kurz nach Mitternacht erblickten wir die hell angeleuchtete Brücke von Natal und waren froh, als wir unter ihr hindurch fuhren und im ruhigen Flusswasser des Potengi landeten.
 
Verkorkster Tag
Nein, nicht immer sind alle Tage voller Energie und Abenteuer. Aufregend begann unser erster Tag in Natal aber zunächst allemal. Aus dem Schlaf gerissen wurden wir durch immer lauter werdende Unterwassergeräusche – der schlafgetrübte Blick aus der Seitenluke ließ nur eine blaue Wand erkennen. Hilfe, wir hatten doch außerhalb der Fahrrinne geankert – oder? Hechtsprung an Deck – die grüne Tonne lag tatsächlich noch an unserem Heck, doch gleich dahinter befand sich ein riesiges blaues Containerschiff auf dem Weg zum naheliegenden Kai. Bei einem Becher Kaffee versuchten wir die Eierei des letzen Tages und der letzen Nacht aus unseren Knochen zu bekommen – sinnlos. Und irgendwie ging an diesem Tag gar nichts. Irgendwann beschlossen wir, ihn einfach abzuhaken und uns lieber auf den nächsten zu freuen. Das war dann ja auch ein Sonntag, der immer mit einem Frühstücksei beginnt…
 
Wunderbares Wiedersehen
Nach dem Frühstücksei fuhren wir mit dem Dingi in den Yachtclub und fanden dort Isolda vor. Die alte Dame saß dort und drückte die Tasten ihres Handys, konnte aber offensichtlich keinen erreichen. Wir fragten sie, ob sie so lieb wäre und unsere Nataler Freude anrufen könnte – begeistert, endlich einen Telefonpartner zu finden, gab sie die Nummer ein und schwatze kurze Zeit später mit Hercules wie mit einem alten Freund. Dann lud sie uns zum Kaffee ein und verkürzte unsere Wartezeit mit temperamentvollen Ausführungen über Natal, die bevorstehende Gouverneur-Wahl und ihre Krankheiten – übrigens in portugiesisch, was aber so wunderbar artikuliert und gestikuliert war, dass wir wirklich danach voll im Bilde waren! Als wir gerade in die komplizierte Familienhistorie eintauchten, trat Hercules an unseren Tisch, gefolgt von Adriana und Cécar. Wiedersehen nach sieben Monaten. Einfach nur schön!
 
Dünen von Genipabu
Nach der großartigen Begrüßung entführten uns die drei an den von Einheimischen beliebten Strand Redinha, der für seine frischen Meeresfrüchte bekannt ist. Am Strand lagen dicht die Jangandas, die typischen Segelflöße der Fischer, umringt von Ständen, die Camarao (Krabben) und frittierte Fischspieße mit Tapioca (Maniok-Fladen) anboten. Dazwischen wuselten Menschenmassen, saßen in Großfamilien um sonnenbeschirmte Tische, tanzten nach heißen Rhythmen vor Strandbars. Mitten in dem Gewimmel trafen wir auf Marly und Omaia, Verwandte von Adriana. Nach einer zünftigen Stärkung zogen wir alle gemeinsam an den Strand, um den Drachen auszuprobieren, den wir Cecar geschenkt hatten. Vor allem Papa Hercules war begeistert, nicht nur, weil der Drachen die Farben seiner Lieblingsfußballmannschaft hatte! Nachdem der Drachen für flugtauglich befunden wurde, bestiegen wir die Autos und brausten in die Dünenlandschaft im Norden von Natal. Aus der Ferne hatten wir sie schon bei unserem Aufenthalt im Februar bestaunt, aber als wir dann am Strand entlang liefen und die hoch aufragenden Sandberge sahen, waren wir echt beeindruckt. Durch den feinen Sand stapften wir hoch hinauf, Friedrich vorneweg und Klein-Cesar immer neben ihm: Eine Spur mit großen Abdrücken schnurgerade, daneben kleine kringelig gelaufene Tapsen. Von ganz oben gab es einen wundervollen Blick auf die Meeresbucht mit ihren Brandungswellen und auf den nächsten Hügel, auf dem Dromedare gemütlich rasteten. Dahin zog es Cecar und wir folgten ihm. Die hier etwas fehl am Platze wirkenden Wüstenschiffe für Touristen ließen wir links liegen, als wir die dahinter liegenden Pisten entdeckten, dazu Schlitten und Boards, die wie auf Schnee funktionieren. Eigentlich fehlten nur Lift und Jagertee.
 
Natal, 21.09.2010
 
Montagsmarkt
Im Fischerviertel, gleich nahe dem Yachtclub wird montags Markt gehalten. Wir liefen durch die Reihen mit aufgekrempelten Säcken mit verschiedensten Bohnen- und Mehlsorten. Vorbei an tönernen Töpfen, aufgetürmten Eierpaletten. Wir hörten einer jungen Marktschreierin zu, die mit ihrer rauen Stimme den gesamten Markt beschallte. Wir zwängten uns durch Berge von Tomaten, Kartoffeln, Maniok, Möhren, Kohlköpfen, frischen Kräutern, grünen Bohnen, roter Beete. Etwas schneller passierten wir die Stände mit gedörrtem Fleisch, Pansen und anderen merkwürdig aussehenden Teilen toter Tiere. Dann landeten wir auf dem Obstmarkt mit seinen verschiedensten Früchten: Melonen, Orangen, Birnen, Weintrauben, Bananen, Caju (Frucht, an deren Spitze die Cashewnuss sitzt), Mango, Papaya, Maracuja, Jaca… Ein Händler schwang zweimal kurz seine Machete und legte das Innere einer Annanas für uns mundgerecht frei. Der süße Saft lief uns beim Essen die Finger und Arme hinunter. Was ist es doch wunderbar, in all diesen reifen Früchten hier zu schwelgen. Ihr Geschmack ist so anders als uns aus Deutschland bekannt und nur das Wissen, dass sich die Früchte nur kurz halten, bremst unsere Einkaufslust. An Bord schmatzen wir dann vor uns hin – mit nackten Bäuchen, damit der herunter laufende Saft von Mango & Co keine Flecken auf den Shirts macht!
 
Nudelsalat morgens, mittags, abends
Montags sind die brasilianischen Yachtclubs grundsätzlich geschlossen, Mitglieder nutzen diesen Tag als Bring-your-own-Dinner-Abend. So planten auch wir, als wir Hercules baten, alle unsere Nataler Freunde anzurufen und in den Club einzuladen. Da im Februar auf unsere Einladung so viele Leute kamen und Kartoffelsalat und Würstchen ratzbatz vertilgt waren, stellten wir diesmal ein bisschen mehr her. Unserer Einladung folgten Hercules, Adriana, Cecar, Larissa, Igor und Juliana. Fröhlich feierten wir das Wiedersehen und tafelten am Buffet. Was wir aber vorher nicht wussten: Mama Gilda und Papa Vicente sowie deren Tochter Lara mit Familie waren gerade in Urlaub. Die riesigen Schüsseln Nudel- und Kartoffelsalat wollten daher nicht alle werden. Also gab es für uns am nächsten Morgen Nudelsalat, mittags aufgebratene Nudeln, abends zur Abwechslung Kartoffelsalat, tags darauf Nudeln zum Frühstück, Nudeln zum Mittag – dann waren sie endlich aufgegessen. Und für den Abend hatten wir eh eine Einladung!
 
 
Natal, 23. 09.2010
 
Guinness-Baum
Nein, kein Bier-Baum war es, den wir zu besichtigen gedachten, sondern ein Baum mit einem Rekordeintrag ins Guiness-Buch: Der größte Caju-Baum der Welt. Dazu wollten wir gleich in Yachtclub-Nähe einen Bus besteigen, doch ein paar nette Schaffner machten uns verständlich, dass wir erst noch umsteigen müssten. Etwas ratlos lauschten wir ihren wortreichen Beschreibungen; kurzerhand hielten sie einen Bus an und erklärten ihrem Kollegen, wo er uns raussetzen sollte. Alles klappte und bequem landeten wir am 28 km entfernten Strand Pinangi, an dem das Riesengewächs zu besichtigen ist: seine Krone beschattet 7300 m²!
 
Sonnenuntergangs-Zeremonie und ein bewegender Abschied
Die Sonne ging gerade am anderen Flussufer des Potengi unter, als ein Saxophonist in einem Boot hinausgerudert wurde. Allerdings spielte er nicht den Bolero, doch die zur After-Work-Party gekommenen Nataler knipsten nicht minder als die Touristen in Jacaré. Offensichtlich ist die Abendzeremonie in Nordostbrasilien der Renner. Als es Dunkel war, holte uns Hercules ab und gemeinsam fuhren wir zu Tante Marly. Dort warteten schon mit ihr Adriana, Omaia und Klein-Cecar mit einem wundervollen Dinner auf uns. Wir ließen uns Salate, Bacalhau com Batatas und ein Sorbet aus exotischen Amazonasfrüchten schmecken. Der Abschied war einfach herzzerreißend. Immer wieder drückten uns Marly, Omaia und Adriana, gaben uns Küsschen und begleiteten uns händehaltend bis zum Auto, mit dem uns Hercules wieder zum Yachtclub bringen sollte. Kaum waren wir um drei Hausecken, als das Handy klingelte – Hercules wendete, wir hatten die Schüssel mit dem Bacalhau vergessen! Noch mal drücken, noch mal: „Wir sehen uns in Deutschland, in Eden wieder!“
 
Fortaleza, 26.09.2010
 
An der rechten oberen Ecke von Südamerika
Als wir aus der Potengi-Mündung auf das Meer hinausfuhren, empfingen uns kräftige Wellen, der Wind schob uns aber gut an der Küste entlang, vorbei an der beeindruckenden Dünenlandschaft von Genipabu. Um den, der Küste vorgelagerten Riffen auszuweichen, mussten wir weit aufs Meer hinaus und selbst dort trafen wir auf die kleinen Bötchen der Fischer. In den hohen Wellen waren sie ganz schwer auszumachen, da die Bote komplett in den Wellentälern verschwanden. Konzentriert beobachteten wir
die Wasserfronten vor uns, als in unserem Kurs ein weiß-grau-schwarzes Etwas immer mal auf der Welle zu sehen war, dann wieder im Wellental verschwand. Die Ausleger eines Fischerbootes, unsere erste Annahme. „Nein, es ist ein halbabgesoffenes Fischerboot“, meinte Friedrich, Claudia schrie auf: „Oh Gott, ein abgeschmiertes Kleinflugzeug…“ Im Kopf ging jeder von uns schon die nötigen Rettungsschritte durch, inzwischen war das Objekt schon auf 20 Meter ran, Claudia riß das Glas an die Augen… „Das ist ´ne Flunke…“, Friedrich erkannte einen riesigen Körper unterhalb der Wasseroberfläche: „Ein toter Wal…“ sagte er traurig, als die Flunke 10 Meter an uns vorbei trieb. Claudia stürzte nach unten und fingerte aufgeregt die Fotokamera aus der wasserdichten Verpackung – als sie das Objektiv scharf stellen wollte, erschien gerade noch eine Wasserfontäne und der Spuk war vorbei! Aufgeregt analysierten wir, was wir da eigentlich erlebt haben. Wir hatten die Unterseite der Flunke gesehen, die bei Buckelwalen weiß gemustert ist – übrigens hat jedes Tier seine eigene Zeichnung, die individuell wie ein Fingerabdruck ist. Offensichtlich hat sich der Wal in den Wellen treiben lassen und ist mit der erhobenen Flunke „gesegelt“. Wir haben ihn wohl aus seinen Segelträumen geweckt. Am Abend umrundeten wir dann das nordöstlichste Kap Südamerikas und nahmen Kurs West.
 
Starkwind-Törn
Am nächsten Tag schrieb der Käp´tn um 9 Uhr in sein Logbuch: „Hohe Wellen, wir rollen entsetzlich, bergen Groß, fahren nur mit Fock. Autoplilot hat Schwierigkeiten, steigt laufend aus“. Das bedeutete, einer muss immer neben dem Steuerrad stehen, um sofort eingreifen zu können. Der Windmesser zeigte permanent Stärken von 35 bis 40 Knoten, ja über ganze Zeiträume gar 45 Knoten an. Wir waren schnell unterwegs, mussten aber immer auf die von hinten anrollenden Wellen achten, die unseren „Steuermann“ Edenius aus dem Konzept brachten. Logbucheintrag eine halbe Stunde später: „setzen Groß halb, chaotische Wellen, wir rollen, rollen, rollen. Etmal 1. Tag: 166 sm“ (Etmal ist die in 24 Stunden zurückgelegte Strecke in Seemeilen). Auf diese Strecke konnten wir echt stolz sein. Betrübter waren wir über den Schlingerkurs, den der Autopilot steuerte. Doch im Laufe des Vormittags nahm der Wind ab, sofort wurden die Wellen kleiner und wir nutzen die Gelegenheit zum Mittagkochen. Und dann sah Friedrich eine dreieckige Flosse, einen Schatten, dann zeichnete sich genau neben dem Boot, direkt unter der klaren Wasseroberfläche der Körper eines vier Meter langen Hais ab. Claudia krallte sich noch fester im Cockpit fest, er schwamm immer neben uns, dann umrundete unseren Bug… und tauchte ab. Uff! Dann nahmen Wind und Wellen zu, immer mehr und mehr. Logbuch, 14 Uhr: „Edy will nicht mehr… Wir nehmen Frl. Adamski in Betrieb – und sie tut es!“ Unsere Windfahnensteuerung funktioniert nur unter bestimmten Windvoraussetzungen, doch diesmal ließ sie uns nicht im Stich. Nur bei besonders großen von hinten heranrollenden Brechern musste einer von uns eingreifen und sie unterstützen, immer wollte sich das Boot quer zu den Wellen stellen. Endlich hinter der Hafenmole von Fortaleza beruhigten sich die Wellen und im Windschatten eines großen Tankers konnten wir die Segel herunterholen, morgens um 2 Uhr fiel unser Anker.
 
Wieder ein Wiedersehen
Als wir ausgeschlafen hatten, schauten wir uns in der großen Bucht von Fortaleza um: Vor den fast erschlagenden Hochhäuserfronten schaukelte die TOFUA. Nicht lange und wir ankerten neben ihr. Uli freute sich, als wir zu ihm an Bord kamen und aus dem sonst recht ruhigen Hamburger sprudelte es nur so heraus. Er war zwei Tage vor uns angekommen und ihn hat es wesentlich mehr gebeutelt als uns. Jetzt war er gerade dabei, die Schäden an seinem Schiff zu reparieren, dann wollte er in die Altstadt-Marina umlegen. Auch wir begannen erst einmal mit dem Aufklaren, dem Check der Bilgen, mit Entsalzen von Cockpit und Deck, WD40-und Vaselinepflege von Edelstahlteilen und Fensterdichtungen waren sowieso mal wieder fällig. Mit einem schönen sauberen Schiffchen schipperten wir zum Marina Park, einem 5-Sterne-Hotel mit Anlegesteg. Quer gespannte Festmacher ließen uns aber lieber in der Bucht davor ankern. Ulli schaffte es mit seinem defekten Getriebe gerade noch neben uns. An der Hotel-Pool-Bar bei einem Sonntagnachmittags-Bier konnten die beiden Käpt´n erst mal richtig entspannen!