Gen Norden



San Fernando, 12. 07.2010

Wetterfrosch und Schatzsucher
Höher und höher kletterte der Käpt´n – zunächst auf das Gestänge des Windgenerators, dann ganz hinauf auf den Mast. Das konnte nur eins bedeuten: gutes Wetter und großer Check. Nur noch Behörden und ein zünftiger Abschied und am Sonntag sind wir weg – so dachten wir, nicht wissend, dass Freitag der 9. Juli und damit Feiertag in Argentinien war – nächster Behördentag war erst Montag. Unsere gewonnenen Tage nutzten wir aber gut und schön. Wir machten das Boot segelklar, bunkerten Diesel und Wein und empfingen Gäste. Mit Ute und Blix, die am sonnig-warmen Samstag aus Buenos Aires zu uns kamen, fanden wir tatsächlich eine Flaschenpost samt Piratenbrief, der uns nach spannender Suche zu einem Schatz führte und danach steuerte Blix uns auf die „hohe See“ des Paraná-Deltas hinaus – der Käpt´n war ganz begeistert von seinem kleinen Steuermann! Am Sonntag kamen alle internationalen Segler der Marina zu uns an Bord zu einem Abschiedsessen. Da gab es dann österreichischen Salat, deutsche Kartoffelpuffer mit holländischem Apfelmus, französischen Käse und Schokoladentorte dazu schweizer Wein aus Argentinien!

Adiós, Argentina
Fix klapperten wir alle Behörden ab. Als wir den letzten Stempel auf unseren Papieren hatten, sagte Friedrich zu den sieben Beamten der Prefektur, die alle samt mit unserer Ausreise beschäftigt waren, ein fröhliches „Adiós, Argentina“ und Claudia setzte noch hinzu: „Argentina es un pais hermoso“, was heißen sollte, dass Argentinien ein wunderschönes Land sei. Daraufhin antwortete einer der Beamten: „Argentina – el mejor del mundo“, Argentinien sei das Größte der Welt. Nur sagte ja unser Reiseführer, dass die Argentinier von den anderen Südamerikanern als etwas arrogant empfunden werden (wir hatten das Gefühl nicht) und so rutsche Claudia heraus: „Pero no en futbol“, aber nicht beim Fußball!  Zwar sind die Deutschen nicht Weltmeister geworden, aber 4:0 gegen Argentinien… Stille im Raum. Dann legte sich auf alle Lippen ein Finger und es ertönten sieben „Pssssts“, die dann in schallendes Gelächter übergingen. Über diese Begebenheit lachten wir am Abend mit unserer deutschen Familie in Buenos Aires. Ute hatte uns zu unserem Abschiedsabend eingeladen, verwöhnte uns mit leckeren Nudeln, Axel mit gutem Wein und Blix versprach, das nächste Mal seinen Kescher mit an Bord zu bringen, um für uns alle Fische zu fangen…

Rio Grande, 16.07.2010

Gen Norden
„Wenn wir jetzt die Leinen los werfen, dann sind wir auf dem Rückweg…“ Auch wenn es keiner von uns laut  aussprechen mochte, aber bei uns beiden spukte es doch in den Köpfen – bewusst wurde es uns, weil wir auf einmal deutlich mehr vom Garten Eden erzählten… Ja, wir hatten Halbzeit. Die Wehmut darüber verflog binnen Sekunden nach dem Ablegen – Erikas echt österreichischer Gebirgsjodler und das fröhliche Winken unserer internationalen Seglertruppe ließ die Sehnsucht nach neuen Abenteuern sofort wieder aufleben.
 
Flussfahrt
Zunächst hieß es aber, aus dem verzweigten Delta des Paraná den Weg hinaus auf den Rio del la Plata zu finden und diesen hinunter bis auf den Südatlantik zu schippern. Bei strahlendem Sonnenschein motorten wir an den Wassergrundstücken mit den Stelzenhäusern vorbei, winkten Ruderern zu, die mit ihren kleinen Holzbooten in geheimnisvollen Wasserarmen verschwanden – auf dem Weg zum Nachbarn oder nach Hause? Die absolut straßenlose Inselwelt ist halb so groß wie die Niederlande und ist das schnellst verlandende Delta der Welt. Durch den großen schiffbaren Kanal des Paraná gelangen wir hinaus auf den Rio del la Plata, der ebenso mit einem Superlativ ausgestattet ist: der Welt breitester Fluss. Wir sahen zwar steuerbord die Silhouette von Buenos Aires, vom uruguayischen Ufer an backbord keine Spur – nur Horizont. Just an der Flussmündung kam uns ein Frachter entgegen, der an seinem Heck die norwegische Flagge fuhr. Aus Bergen kam er daher – für Friedrich bemerkenswert, dass wir genau an unserem südlichsten Punkt ein Schiff vom nördlichsten Punkt unserer Reise trafen!  Und das auf dem breitesten Fluss der Welt, aber nicht dem tiefsten und so mussten wir schön im betonnten Fahrwasser segeln. Der Wind blies kräftig und kalt und mit jeder Stunde wurde unsere Klamottenhülle um eine Schicht dicker. Begrenzender Faktor war nur die Breite des Niedergangs! Was im Cockpit kuschlig warm hielt, erwies sich allerdings beim Antreten der Freiwache als Schwerstarbeit – ehe man sich aus allen Schalen gepellt hatte, war diese ja schon fast vorbei…und dann das Gedöns in umgekehrter Reihenfolge! Dazu stelle man sich noch das Schaukeln bei unserem achterlichen Eierkurs vor. Durch ein Wolkenloch verabschiedete sich am Abend die Sonne und ließ exakt die City von Buenos Aires für uns noch einmal im Goldschimmer erstrahlen. Wir schlängelten uns wieder zwischen den unzähligen in der Seekarte verzeichneten Wracks durch und genau zum Sonnenaufgang strahlte die Sonne durch ein Wolkenloch genau die Silhouette von Montevideo an. Nur ein kurzer Gruß, dann verschwand alles in einem dicken Regenschauer. Plötzlich kreisten die ersten Seevögel über uns, die Wellen wurden höher und langgestreckter, das Wasser verlor seine milchkaffebraune Färbung, wurde klarer und klarer – der Atlantik hatte uns wieder!
 
Gruß aus der Antarktis
Heißer Tee, immer ein Topf mit Suppe auf dem Herd, wärmende Körperertüchtigung, beispielsweise beim „Laurencia, liebe Laurencia“-Tanzen (da sind tatsächlich 88 Kniebeugen drin, wenn man alle Wochentage durchsingt) – es ist unglaublich, was wir so gegen die Kälte taten! Wir verkürzten die Wachen auf drei Stunden und jeder durfte sich drei Stunden unter drei Bettdecken wärmen! Denjenigen im Cockpit hielt die Segelarbeit mehr und mehr auf Trapp, aber damit auch warm. Der Wind böte nicht nur kräftig in Stärke, sondern wechselte auch die Richtungen. Segel dichtholen, fieren, reffen, schiften, ausreffen - schließlich mochte auch Edenius, unser Autopilot diesen Hickhack mit den sich überlagernden Wellen nicht mehr und so musste der Wachende noch per Hand steuern. Dennoch hatten wir beide schnell wieder zu unserem Bordrhythmus gefunden und waren in echter Segellaune. Die kam ja schon allein beim Blick auf die Logge: Wir düsten, verstärkt durch eine kräftige Meeresströmung, oft mit 10 Knoten über Grund (für Landratten: ca. 18 km/h – nix mehr zum Blümchenpflücken!) Und da war uns klar, dass wir mit dem uns offen stehenden Wetterfenster gleich bis nach Rio Grande in Brasilien segeln konnten. Der Südwind pustete und pustete und mit einer dunklen Wolke brachte er uns einen echten antarktischen Gruß: Dicke Eiskörner purzelten in unser Cockpit!
 
Brasilien, da sind wir wieder!
Pünktlich in den Grenzgewässern wechselte der Käpt´n die uruguayische Gastflagge mit der brasilianischen und prompt begrüßte uns ein ganz kompletter und unheimlich intensiver Regenbogen. Nur noch den 200 km-Strand, den längsten der Welt, absegeln - dann tauchten um uns die wuchtigen Seelöwen und vor uns die große Hafenmole von Rio Grande auf. Nach drei durchsegelten Tagen und drei Nächten hatten wir die Strecke aus dem Paraná bis nach Südbrasilien geschafft – immerhin 450 Seemeilen am Stück. „Wir sind wieder da…“ riefen wir laut Annemarie und Werner zu, als wir an ihrem Steg vorbei kamen. Wir wussten nicht, ob wir sie hier wieder antreffen würden. Freudenschreie und eine Verabredung für den nächsten Tag wechselten von Bord zu Bord und wir liefen weiter in die Lagune hinein zum Yachtclub der Stadt.
 
Rio Grande, 19.07.2010  
 
Und alles ist so vertraut…
Der erste Weg führte Claudia ins Stadtzentrum in ein Restaurant mit schnellem, zuverlässigem Internet, um Mama Elli die Nachricht unserer Ankunft zu mailen. Vorbei an bekannten Häusern, Geschäften, Parkanlagen. Auch mal schön, sich an einem Ort auszukennen – und offensichtlich erkannt zu werden. Die Bedienung im Restaurant grüßte fröhlich und fragte gleich, ob es ein mittlerer Milchkaffee sein solle – dabei waren wir doch fast drei Monate weg! 
 
Klapperkälte und Dauerregen
Noch während des Besuches von Annemarie und Werner bei uns an Bord fing es an zu regnen. Es regnete und regnete und immer heftiger prasselten die Tropfen auf unser Kajütdach. An Landgang war überhaupt nicht zu denken. Claudia hatte aber bei ihrem Stadtbesuch vorgesorgt: Mehre farbige Knäule Wolle hatte sie gekauft. Seit Buenos Aires dank Ute ausgestattet mit einer Strickanleitung, knüttete sie den ersten Socken ihres Lebens, der allerdings ein bisschen zu groß für sie wurde. Sehr zur Freude des Käpt´ns, der selbstgestrickte Socken liebt und schon mal mit dem einen rum lief, bis der andere auch fertig war! Bei der Kälte brauchten wir aber nicht nur dicke Socken, sondern auch den Heizlüfter rund um die Uhr – und das in Brasilien. Brasilien - denkt da nicht jeder normale Mitteleuropäer an Sonne, Strand und Caipi… da wollten wir auch hin!
 
Rio Grande, 21.07.20010
 
Endlich wieder Segelwind
Letzter Wettercheck: Ja, der Wind sollte in der Nacht auf südliche Richtung drehen, aber nur für zweieinhalb Tage. Genau die würden wir bis zum nächsten geschützten Ankerplatz brauchen. Gleich am frühen Morgen wollten wir weiter. Auf, der Sonne entgegen! Doch nach einer Stunde Schlaf rappelte der Käpt´n gegen 23 Uhr in seiner Kiste: „Horch, der Wind dreht, kein Regen mehr, es ist Hochwasser – es wäre töricht, nicht sofort zu starten…“. Da ja bekanntlich Meuterei an Bord nicht ist, lüpfte auch die Maid die warmen Decken und kroch in ihre unzähligen Klamottenschichten und leuchtete dem Steuermann den Weg durch das mit Kanistern begrenzte Fahrwasser des Yachtclubs, vorbei an der schlafenden Stadt und der am Steg schlummernden „Out of Rosenheim“.
 
Pinheira, 24.07.2010
 
Tierischer Törn
Fischer schlafen nie – und so kamen sie dem wachenden Friedrich immer mal wieder in die Quere. Dabei war  immer die Frage, in welche Richtung er ausweichen sollte. Zwar waren die Boote hell erleuchtet, Positionslichter eher nicht erkennbar und schon gar nicht die Taktik der Schleppfischerei. Da halfen nur großräumige Ausweichmanöver. Übrigens waren die Fischer jetzt auf Kaltfischfang. Mit der südlichen Meeresströmung kommen nicht nur Speisefische, sondern auch Wale in diese Regionen. Die Wale schwimmen jetzt im Juli bis Ilha Santa Catarina, gar bis zu den Abrolhos, um ihre Jungen zur Welt zubringen. Schon beim ersten Morgengrauen, suchten Claudias Augen immer die Wasseroberfläche ab, um vielleicht einen dieser riesigen Meeressäugetiere zu sehen – wenigstens einen kleinen Flossenschlag! Doch auf einmal schaute ein schwarzweißes Köpfchen mit Schnabel aus dem Wasser und drehte neugierig mit, als das Boot vorbei segelte. Komische Ente… und dann machte es Click. Hatte der Magellan-Pinguin in Lauros Meeresstation nicht die gleiche Zeichnung? Ja, den zweiten Vogel konnte sie ganz genau betrachten: Wir segelten mit Pinguinen! Ganze Schwärme hielten ihre Schnäbel aus dem Wasser, tauchten auf und ab und stritten mit den kleinen weißen durch die Luft flirrenden Möwen um die Mahlzeit – doch der Tisch war offensichtlich für alle reich gedeckt. Erhaben und von dem Gewirr völlig unbeeindruckt schwebten Sturmvögel über die Wasseroberfläche, umkreisten unser Boot, glitten Zentimeter über den aufsteigenden Wellen und nutzten die Aerodynamik für ihre Flugkünste. Plötzlich glitt noch ein riesiger Panzer einer Meeresschildkröte vorbei. Und wir segelten Schmetterling.
 
Sauberes Manöver
Als Schmetterling trullerten wir auch mitten in der Nacht unserem Ziel entgegen, als urplötzlich der Wind von 15 Knoten auf 23 sprang. Zuviel für volle Besegelung. Zum Einholen des Spi-Baumes musste Claudia den Käpt´n wecken. Sofort kehrte sie zurück ans Steuer. Inzwischen blies es schon mit 26 Knoten, das Boot jagte in die Wellen. Sie hielt das Steuer, um ja nicht aus dem Kurs zu kommen.  28, 29, 30 Knoten – doch wo blieb der Käpt´n? Woooo? 32 Knoten. Einziges Licht unter Deck - im Bad. 26, 24, 22 Knoten, dann stand er zum Manöver bereit – mit frisch geputzten Zähnen!
 
Porto Belo, 27.07.2010
 
Inselparadies im Winterschlaf
Wir erreichten vor der Winddrehung unsere Ankerbucht südlich der Ilha Santa Catarina, gleich hinter der kleinen üppigen Ilha Papagaio pequeno und zur Feier lud der Käpt´n zum Sektfrühstück. Umgeben von Kullerstein-Inseln, mit dichtem Urwald bewachsen, mit kleinen gemütlichen Ferienhäusern am Strand – ein Paradies, allerdings im Winterschlaf. Damit für uns Zugvögel nur ein kühler Warteplatz auf besseren Wind. Nach zwei Tagen war uns der Wind wieder hold, wir segelten zwischen den Inseln von Santa Catarina an vereinsamten Stränden, verschlossenen Feriensiedlungen und Hotels, an schroffen Felsküsten, lieblichen Eilanden und weißen Dünenlandschaften vorbei.
Schließlich erreichten wir die Bucht von Porto Belo – ein winterschläfriges Urlaubsparadies. Selbst der Wind ging schlafen. Auch wir verfielen in Winterruhe… Warten auf Wind, der uns weiter der Sonne entgegen bringt.

Porto Belo, 31.07.2010
 
Und auf einmal ist Sommer!
Sonnenstrahlen kitzelten uns wach. Über uns strahlend blauer Himmel! Und Wärme! Erstes Morgenbad im Meer, Frühstück an Deck, lauter Samba vom weißen Strand der kleinen Insel Ilha de Porto Belo. Wir holten unser Dinghi aus den hintersten Tiefen der Hundekoje, pusteten es auf und rauschten hinüber. Da feierten die Brasilianer tatsächlich eine Strandparty – im Bikini!!! Mit nackten Füßen und kurzen Hosen zu kreideweißen Beinen liefen wir durch den feinen Sand am Traumstrand entlang und erkundeten dann die dicht bewachsene Insel auf einem angelegten Wanderpfad, der zu prähistorischen Felszeichnungen führte. Bei soviel Sommer mussten wir den Tag einfach im Yachtclub mit einem Caipirinha beenden!
Wer ist schon Udo Walz…
Noch weit vor dem Caipi - es war gleich nach dem Sonnen-Sommer-Frühstück - meinte der Käpt´n, dass er nun einen Sommer-Sonnen-Haarschnitt gebrauchen könnte. Flugs holte Bordfrau die Haarschneidemaschine heraus, setzte hinter dem rechten Ohr im Nacken an und zog die Maschine flink zum Oberkopf…. Zurück blieb eine Schneise aus Nichts! Nur pure Haut! Entsetzter Blick auf die Maschine – oh Gott, der Aufsatz für die 12mm-Länge fehlte! Schreck ging in tränendes Lachen über, dann in wehklagendes Heulen – nicht beim Skipper! Der meinte, dass ihn eine kreative Frisur nur noch schöner und interessanter machen könne! Also stylte die Meisterfrisörin die linke Kopfhälfte ebenso. Claudia: „Es war vor dem Caipi – ich schwöre!“
 
Dirndlkleid und Lederhose
Wir waren in Blumenau. Im Jahre 1850 war fand der Apotheker Dr. Hermann Bruno Blumenau aus Hasselfelde im Harz ein Stück Erde nach seinen Wunschvorstellungen: Ein Flusstal, eingebettet in liebliche grüne Hügel, fruchtbaren Boden und eine vielfältige exotische Pflanzenwelt. Hier gründete er seine Stadt, die 1880 schon 15.000 Einwohner hatte, vor allem Deutsche aus seiner Heimat, Pommern, Holstein, Niedersachsen. Kein Wunder also, dass sie in die heimatlich anmutende Landschaft Fachwerkhäuser bauten, Bier nach deutschem Reinheitsgebot brauten, in Schützenverein und Gesellschaftskreis „Frohsinn“ die Traditionen aufrecht erhielten  - und sich dabei der brasilianischen Lebensart erfreuten! Diese ganze Mischung ergibt heute eine besondere Atmosphäre, die uns fröhlich durch die Stadt bummeln ließ. In der ehemaligen Wurststraße, weil schmal und gekringelt (heute Rua XV de Novembre), quirlt südamerikanisches Einkaufsleben, aber alle Fassaden sind  irgendwie auf Fachwerk gestylt, mit Hängegeranien, gar Gartenzwergen geschmückt. Auf den Infosäulen konnten wir Stadtgeschichte in Deutsch lesen und über die Laden-Namen  staunen: Optiker Schwabe neben Elektro-Koerich oder Porzellan-Schmitt. Auf dem Handwerkermarkt fanden wir neben wunderschön bestickten Trachtenröcken, Fachwerk-Wetterhäuschen und Brockenhexen auch diverse Oktoberfest-Bierbempel. Bei deren Anblick wurde der Käpt´n auf einmal ganz pflastermüde, ließ sich nur noch zu einem kurzen Besuch des Mausoleums des Stadtgründers überzeugen, denn nun wollte er unbedingt ein „Eisenbahn“ probieren. Schnurstracks lief er auf ein als Restaurant anmutendes Gebäude zu – und stand vor einem Museum, dem Bier-Museum Blumenaus. Dort erschien ihm ein kleiner blonder Engel mit blauen Augen, der sofort nach einer offenen Restauration mit „Eisenbahn“ telefonierte. Bruna, so der Name dieses Rettungsengels – und Studentin der Architektur - war gerade mit ihrem Rathaus-Kollegen Bruno dabei, ein Aufmass des Museums zu erstellen aber sofort breit, dem durstigen Friedrich zu einem Bier zu verhelfen. Mit dem stadteigenen Auto fuhren sie uns ins Vila Germanica, einem kleinen Disney-Deutschland mit dahinter liegenden gigantischen Oktoberfest-Hallen. Dort war man gerade dabei, für das am nächsten Tage stattfindende Oktober-Vor-Fest zu rüsten. In der süßen Fachwerkstraße mit bayrisch angehauchten Souvenirs und echter Schuhplattler-Musik  bekam Friedrich dann endlich sein „Eisenbahn“ zu trinken – für ein Eisbein blieb leider keine Zeit mehr, wir mussten pünktlich-deutsch zum Bus.

Parati, 07.08.2010
 
Schietwetter-Törn
Diesmal lagen die Wetterfrösche echt daneben. Aber die Wetterlage machte eine exakte Vorhersage schwierig. Mehrere kleine Tiefdruckgebiete bewegten sich vor der Küste und beeinflussten sich gegenseitig, weit draußen tobten Stürme. Aus den vorhergesagten 25 Knoten wurden 35, in Spitzen 40 Knoten Wind. Dazu Dauerregen. Die Wellen kamen nicht nur von achtern und von vorn, auch von der Seite – Windwellen wurden durch die alte Dünung und Schwell vom Atlantiktief durchkreuzt. Wenn sich drei dieser Wellen überliefen, türmte sich eine steile See auf. Doch unser Schiffchen hob sich wie ein Tischtennisball über jedes Wasser – nur einmal schäumte ein Wellenmonster ins Cockpit, verpasste dem armen Käpt´n eine kräftige Dusche und lief dann gurgelnd übers Heck ab. Naja, dann waren wenigstens mal alle Krümel weggespült und das Cockpit wieder sauber! Allerdings trugen wir mit unserem regentriefenden Ölzeug unheimlich viel Wasser ins Bootsinnere und mit der Zeit wurde alles klamm. Und kein Wolkenloch in Sicht. Es regnete wirklich zwei volle Tage und Nächte bis wir nach 260 Meilen den Sund von Sao Sebastiao erreichten. Gleichnamige Insel erkannten wir durch den Regen erst, als sie zwei Meilen vor uns lag, obwohl sie offensichtlich aus ziemlich hohen Bergen besteht. In einer Bucht fiel der Anker ins Wasser, wir in unsere Kojen.
 
Inselwelt von Sao Paulo
Auch am nächsten Morgen sahen wir wieder nichts von der Insel, die Wolken hingen bis kurz über dem Meeresspiegel. Aber wenigstens regnete es nicht mehr. Schon mal darüber zufrieden schauten wir vom Himmel auf unsere Ankernachbarn. Komisch, gestern Abend und in der Nacht waren es doch ganz andere… entsetzt stellten wir fest, dass wir bestimmt fünfzig Meter geslipt waren, glücklicherweise an leeren Mooringtonnen vorbei und in sicherem Abstand von einem anderen Boot. Das erste Mal, dass unser Anker nicht gehalten hatte. Wir suchten unseren alten Ankerplatz wieder auf, frühstückten. Die nieselverhüllte Insel lud nun wirklich nicht zum Landgang ein, also Anker auf und weiter. Wir schauten hinüber zum Festland – dort hinter den wolkenverhangenen Bergen musste die Metropole Sao Paulo liegen. Wir segelten jetzt im Inselparadies des gleichnamigen Bundesstaates, dem dritten auf unserer Rücktour nach Rio Grande do Sul, Paraná und Santa Catharina. Wir steckten unseren Kurs zwischen den mit grünem, undurchdringlichem Urwald bewachsenen und spärlich bewohnten Inseln und Inselchen ab zur Ilha da Anchieta.
 
Schwarz-Rot-Goldenes Inselprojekt
Einsam und verlassen lag vor uns in einer breiten Bucht der einzige Gebäudekomplex der Insel Ilha da Anchieta. Einst Gefängnis, dann verlassen, wurde die Insel zum geschützten Gebiet erklärt.
Als einzige Inselgäste begrüßte uns ein Führer und zeigt uns stolz auf den Schautafeln, welch prachtvolle Natur die Insel zu bieten hat, nicht nur oberirdisch, sondern auch unter Wasser. Tausende Korallenarten, Meeresschildkröten, Delfine, Hammerkopfhaie. Auf einem Foto wedelte ein Wal mit seiner großen Schwanzflosse – genau in unserer Ankerbucht. Der Führer bestätigte, dass jetzt die Zeit der Wale sei. Doch wo? Schulterzucken. Dafür drückte er uns ein Prospektchen mit den Wanderwegen der Insel in die Hand und wir suchten uns einen kürzeren Weg zu einem Aussichtspunkt aus. Da stand auf einmal ein Hinweisschild vor uns und von diesem leuchtete die deutsche Flagge. Der Schutz der Insel und die Erschließung durch wenige Wanderwege werden durch ein deutsch-brasilianisches Gemeinschaftsprojekt realisiert. Wieder einmal über die ungeheuer üppige Natur mit einer unheimlichen Artenvielfalt staunend, liefen wir den in den Busch geschlagenen Pfad entlang und konnten uns kaum satt sehen an den kunstvoll verdrehten Luftwurzeln und Lianen, an exotischen Pflanzen und an den so üppig gedeihenden Gewächsen, die zuhause in Töpfen daher mickern. Dazu zwitscherten hunderte Vögel, sie kreischten und flatterten durch das Dickicht, Schmetterlinge kreuzten den Weg und ein kleines Bächlein suchte sich den Weg über glattgeschliffene Felssteine durch die grüne Wildnis hinunter zum Meer. Vom Aussichtspunkt hoch oben schauten wir auf die Bucht mit unserer ganz klein dahin ankernden EDEN.
Inselversteck 
Weiter an Inseln vorbei und entlang der grünen, bergigen Küste wechselten wir in den nächsten Bundesstaat Rio de Janeiro und bogen gleich mal in die große Bucht Baia Illha Grande und dort in eine kleine Bucht mit der kleinen Insel Ilha da Cotla. Wir glitten hinter die Insel und wähnten uns in einem Bergsee. Stille, keine Wellen, kein Schwell – das ideale Versteck vor starken Winden. Dazu kam sogar noch die Sonne heraus – endlich Bikiniwetter! Baden im klaren Wasser, Inselbesuch. Aber die Sonne hieß auch Arbeit: Wie die Armeisen schleppten wir den halben Bootsinhalt aufs Deck. Endlich konnten wir alles durch Regen und Wellen klamm und nass Gewordenes trocknen. Wir hätten es noch mindesten drei Wochen dort aushalten können… aber am dritten Tag befahl der Käpt´n „Anker auf“ zur Fahrt in die Zivilisation und damit zum Internet. Er brauchte die neusten Wetterdaten und ein bisschen hoffte er auch auf die neusten Nachrichten von seinen drei Blaubär-Enkeln. Und so fuhren wir nach Paraty, dem kleinen Kolonialstädtchen.
 
Angra dos Reis, 12.08.2010
 
Von Bucht zu Bucht
Der Wind hatte sich ausgepustet und so motorten wir von Paraty zur Ilha Grande, um in einer kleinen Bucht zu ankern. Es war Sonntagnachmittag und schon bald fuhren die zwei Motorboote ab und wir hatten die Bucht und den Strand für uns allein. Das Wasser schimmerte türkis-blau, schon fast karibisch. Nachts funkelten die Sterne und die milden Temperaturen luden zum Schlafen an Deck ein. Der nächtliche Urwald erhob seine Stimmen, Grillen veranstalteten ein lautes Konzert, Nachtvögel stimmten ein, Wellen liefen leise plätschernd an den Strand. In der aufgehenden Sonne kreisten Fregattvögel hoch in der Luft und unser Frühstück wurde vom Zwitschern der Waldvögel begleitet. Ganz plötzlich wurde die Idylle gestört, der Windgenerator fing an zu heulen. Wellen bekamen Schaumkronen, die Ankerkette rasselte und wurde ganz stramm, dass Boot in Richtung Strand gedrückt. Mit der Kaffeetasse in der Hand startete Friedrich den Motor, während Claudia schon dabei war, Butter, Marmelade, Müsli schnellstens nach unten zu transportieren um sofort das Ruder zu übernehmen, weil Friedrich schon den Anker zog. Minutensache und wir waren von der Küste frei. Nur rum um die Landzunge, ab in die nächste windgeschützte Bucht und schon konnten wir weiter frühstücken. Diesmal waren wir in einer Bambus-Bucht gelandet. Über 20 Meter ragten die Stängel in den Himmel. Am Nachmittag ging unsere Reise in die nächste Bucht, den Saco do Ceu, den wir schon bei unserem ersten Besuch von Ilha Grande kennen gelernt hatten. In ganz ruhigem Wasser konnten wir eine ganz ruhige Nacht verbringen. Und wir ankerten seit langer, langer Zeit neben einem deutschen Segelboot.
 
Holt mich hier raus
Während ja manche Promies samt riesigem Fernsehteam in den Urwald ziehen, taten wir es nur zu viert. Hanne und Werner vom Nachbarboot kamen mit uns zu einer Inselwanderung. Doch da hatten sich zwei echte Pfadfinder gefunden: Werner und Friedrich mussten unbedingt nach einer Abkürzung des Rückweges schauen, doch auf einmal verlief sich der unscheinbare Trampelpfad im Unterholz. Wir steckten mitten im Urwald, Lianen hielten unsere Füße fest, wir krochen unter pieckrigen Ästen durch, schwangen uns über umgestürzte Bäume, kletterten Felssteine hinauf , trampelten durch den Farn, scheuchten kunterbunte Schmetterlinge auf. Irgendwann standen wir mitten in dieser grünen Hölle – ob es hier wohl Schlangen gibt, grüne Giftfrösche, Vogelspinnen, Urwaldmonster, graue Panter? Werner schwang ein Bambusrohr statt Machete und in dieser Schneise krochen wir durch den von riesigen Bäumen überdachten Busch, immer bergauf, schließlich waren wir ja vorher bergab gelaufen…Richtung musste eigentlich stimmen. Dann sein Ruf: „Boah, eine Autobahn, packt die aufblasbaren Mountainbikes aus…““! Er hatte tatsächlich einen kaum zu erahnenden Pfad entdeckt. Dieser wurde breiter und weiter, ging wieder hinab  und endete schließlich vor einem Sumpf. Na toll, dann wieder rein ins Grüne… Aber Pfadfinder sind ja zum Pfade finden da und schließlich standen wir wieder an unserer Ankerbucht, begeistert von der gesehenen Flora und der (Gott sei Dank) nicht gesichteten Fauna!
 
Zu Gast bei Klaus
„Wie, ihr wart nicht bei Klaus?“ schon mehrfach hatten wir von deutschen Seglern die Frage gestellt bekommen. Nein, waren wir nicht. Klaus, den TO-Stützpunktleiter von Angra dos Reis hatten wir zwar schon im März zufällig in Rio kennen gelernt, aber auf dem Weg nach Süden waren wir an Angra vorbeigesegelt und auch jetzt hatten wir es linkerhand liegen gelassen. Doch Hanne und Werner meinten, dass wir doch einen Stopp bei ihm einlegen sollten. Also fuhren wir von der Ilha Grande ein Stück zurück und ließen den Anker in der Festland-Bucht genau vor dem Steg mit der schwarz-rot-gold angemalten Dusche fallen und kamen in einem kleinen Segler-Paradies an. Nicht nur dass der Garten seiner Pousada mit Palmen, blühenden Pflanzen und Kräutern so wirkte, es gab auch alles, was ein Seglerherz erfreut: einen herzlichen Empfang, ein Internet, Waschmaschinen. Am Abend saßen wir mit Klaus sowie Anne und Günter, Crew einer weiteren ankernden Segelyacht, auf der großen Terrasse und genossen den Blick auf die vielen kleinen Lichter, die die Bucht bis hoch in die Berge erleuchteten. Wir lauschten den Erzählungen, die Klaus auf seine feine norddeutsche Art machte, die er sich trotz seiner langen Zeit in Brasilien erhalten hatte. Voller Geschichten, mit sauber gewaschener Kleidung und frischem Wasser im Tank nahmen wir Abschied, fuhren aber noch fix in eine der Marinas der Stadt, um unsere Gemüse-Kiste aufzufüllen. Auch dort fanden wir ein kleines Segler-Pardies, wenn auch ganz anderer Art: Wir konnten vom Supermarkt direkt mit dem Einkaufswagen bis ans Boot fahren!
 
Ilha Grande, 14.08.2010
 
Geburtstag im Winter
Einsame Bucht, weißer feiner Sand, dahinter dichter Regenurwald. Wir entzündeten ein Feuer, grillten unser mitgebrachtes Fleisch, gingen bei untergehender Sonne baden, saßen kurzärmlig am Lagerfeuer, während der nächtliche Wald hinter uns langsam erwachte. Es war einfach nur schön! Und es war Claudias Geburtstagsvorabend. Selig kuschelten wir uns später in unsere Koje. Doch lange währte das Wohlgefühl nicht, der Wind heulte plötzlich auf. Wieder einmal kam er ganz auflandig, also schnell dicke Sachen an und Anker auf. Wir entschieden uns, gleich in die uns schon bekannte rundum geschützte Bucht zu fahren. Auch dort zotteltelte das Boot an der Ankerkette, aber wir konnten halbwegs schlafen. Später erfuhren wir, dass in dieser Nacht in einer Bucht weiter das große Anker-Rutschen begonnen hatte, mehrere Boote gingen auf Drift und brachten daher auch alle anderen Ankerlieger um den Schlaf. Am nächsten Morgen sah der Himmel so grau und trüb aus, dass wir uns lieber gleich zum Sektfrühstück mit frischen Erdbeeren unter Deck einigelten. Den ganzen Tag goß es in Strömen und der Wind peitschte kalt, so dass das Geburtstagskind nicht mal ihre neuen „havaianas“ (echte brasilianische Flipflops) ausführen konnte. Tja, sonst als Augustkind mit Sommer und Sonnenschein verwöhnt, erlebte es nun mal Geburtstag im Winter!
 
Rio de Janeiro, 17.08.2010
 
Rio in grau
Im Regen nahmen wir am nächsten Morgen Kurs auf Rio. Eine unheimliche Dünung von sicher fünf bis sechs Meter hob unsere EDEN so, dass wir vom Kamm aus von oben auf das Ufer schauen konnten. Waren wir  im Wellental, verschwanden die nicht gerade niedrigen Küstenfelsen hinter den Wasserbergen, später selbst die Hochhäuser von Copacabana. Riesige Brandungswellen gingen dort am sonntäglichen Strand hoch, der menschenleer war. Der Wind brachte immer noch eiskalte Luft von Süd, so dass wir in Skianzug und Ölzeug gewandet am Zuckerhut vorbeisegelten. Ein klitzekleines Wolkenloch in dem sonst so grauen Himmel ließ die Christus-Figur erstrahlen – jetzt wieder ohne Rüstung, die er im März noch trug. Wir verkrümelten uns gleich in die uns schon bekannte Bucht von Niteroi und ankerten vor dem Yachtclub von Charitas. Doch auch hier herrschte winterliche Ruhe. Kaum verwunderlich, denn seit vielen Jahren erlebten die Caricocas nicht so kühle Temperaturen. Und der blauste Himmel der Welt war einfach nur dunkelgrau.
 
Office-Seeing
Eigentlich wollten wir uns nur fix bei der Hafenbehörde von Rio de Janeiro melden und dann zum Sightseeing aufbrechen. Doch stattdessen besichtigten wir Amtsstuben – welcher Rio-Tourist hat dazu schon sonst die Gelegenheit - nicht nur dass wir während unserer stundenlangen Wartezeit die schmucken Uniformen bewundern konnten, nein, wir durften auf unserem ausgiebigen Fussweg von Bürogebäude zu Bürogebäude sehr nette Beamte kennenlernen, die uns aber gleich weiter auf Office-Seeing schickten, da sie wirklich nicht mit dem gewünschten Stempel dienen konnten. Als wir am späten Nachmittag endlich mit allen Papieren versorgt waren, sanken wir im Touristenrestaurant „Amarelinho“ halb verhungert und verdurstet auf einen Stuhl und ließen uns von der Kellnerschar umwuseln. Komisch, wo waren denn die anderen Touristen? Etwa zum Sightseeing?
 
Niteroi, 20.08.2010
 
Der schönste Blick der Welt
Nach einem arbeitsreichen Tag an Bord schnappten wir uns die Kamera um von einem hoch über dem Yachtclub aufragenden Berg die untergehende Sonne zu betrachten. Als wir gerade dabei waren, die schmale steile Straße hoch zu schnaufen, bremste ein kleines Auto und der Fahrer lud uns zur Mitfahrt ein. Hinter der nächsten Serpentine war auf einem Mal die Straße halb weg, an der nächsten war ein Haus halb abgestürzt, der Pool hing in einem Felseneinschnitt, das Familienauto noch etwas tiefer. „Alles Schäden vom Unwetter im April“, erklärte uns Paulo und sagte, dass der Parque Cuidade, der Stadtpark dort oben deswegen auch gesperrt sei. Wir zogen natürlich enttäuschte Gesichter, Paulo lenkte aber seinen Wagen auf ein Grundstück vor dem verschlossenen Tor. Luciano, Chef des Paragliding-Clubs kroch mit uns kurzerhand durch den Zaun und begleitete uns. Als wir die Absprungrampen betraten, bleiben wir wie angewurzelt stehen: Der Blick auf die Bucht von Rio de Janeiro mit den kleinen Inselchen, auf die Berglandschaft der Stadt mit Zuckerhut und Corcovado war einfach umwerfend! „Gott hat die Landschaft gemacht“, lacht Luciano und wir mussten bestätigen, dass Rio durchaus die Stadt mit der schönsten Lage auf der Welt sein müsste!